Die halbe Nacht hindurch setzte er seine Suche fort, bis er in der Ferne das schrille Quieken von Thoats hörte. Lauschend blieb er stehen.
Diese Tiere waren eigentlich fast immer zornig und mißgelaunt, aber nun wurde er von ihren Stimmen geleitet.
Lautlos huschte er zwischen den Bäumen weiter, bis er sich schließlich am Rand einer baumlosen Ebene befand, in deren Mitte sich eine mächtige Stadt mit glänzenden Kuppeln und farbenprächtigen Türmen erhob.
Die Stadt war mit einer hohen Mauer umgeben; vor ihr hatte ein großer Trupp grüner Krieger von den toten Seegründen Lager bezogen. Er musterte die Stadt und ihre Umgebung so genau, wie es aus dieser Entfernung möglich war und stellte fest, daß sie nicht eine jener verlassenen Metropolen aus längstvergangener Zeit sein konnte. Aber welche Stadt war das? Seine Studien hatten ihn gelehrt, daß in diesem wenig erforschten Teil von Barsoom die wilden Stämme der Torquasianer überlegen herrschten, und das waren grüne Krieger. Kein Roter Mann hatte bisher einen Fuß auf den Boden ihres Herrschaftsgebietes gesetzt, um dann wieder in die Welt der Zivilisation zurückzukehren.
Die Männer von Torquas hatten eine ungewöhnliche Geschicklichkeit bewiesen, als sie die bisher gebräuchlichen Schußwaffen soweit entwickelten, bis sie zu großen Kanonen geworden waren, die als von fast unfehlbarer Treffsicherheit galten. Damit war es ihnen immer gelungen, die wenigen Angriffe einer kleinen Anzahl Roter Stämme und Nationen, die ihre unmittelbaren Nachbarn waren, abzuwehren, denn früher einmal hatten diese immer wieder versucht, mit ihren Kampfschifflotten das Gebiet zu erkunden.
Carthoris war überzeugt, daß er sich im Torquas-Land befand, aber er hätte nie davon zu träumen gewagt, in diesem Land eine so wundervolle Stadt vorzufinden. Kein Chronist hatte je eine solche Möglichkeit angedeutet, denn die Torquasianer waren wie alle anderen grünen Horden dafür bekannt, daß sie niemals ein festes Gebäude errichteten, sondern nur die zahlreichen verlassenen Städte, die über den ganzen Planeten verstreut zu finden waren, als Standquartiere benützten, wenn sie auf Raub-oder Kriegszüge gingen oder längere Rasten einlegen mußten. Sie waren Nomaden, und zu mehr als den niederen, kunstlosen und mit kleinen Mäuerchen eingefaßten Inkubatoren hatten sie es als Baumeister nicht gebracht. Die bauten sie auch nur deshalb, weil sie ihren Eiern Schutz vor der heißen Sonne gewähren mußten.
Das Lager der Grünen dehnte sich weit nach links und rechts aus und schien die ganze Stadt zu umschließen. Es lag etwa fünfhundert Yards von der Stadtmauer entfernt. Zwischen dem Lager und der Mauer gab es nichts, was irgendwie an Barrikaden, Wälle oder dergleichen erinnerte und vor Gewehr- oder Kanonenkugeln hätte schützen können. Im Licht der aufgehenden Sonne erkannte Carthoris viele Gestalten, die sich auf der hohen Mauerkrone und auf den dahinterliegenden Hausdächern bewegten.
Er war überzeugt, daß es Menschen waren wie er, nur konnte er wegen der großen Entfernung nicht feststellen, ob es Rote Menschen waren.
Fast unmittelbar nach Sonnenaufgang begannen die grünen Horden auf die kleinen Gestalten zu schießen, die sich auf der Mauerkrone und den Hausdächern befanden. Zu Carthoris’
Staunen wurde das Feuer nicht erwidert, aber bald hatte der letzte Stadtbewohner Deckung vor der Treffsicherheit der grünen Männer gesucht, und innerhalb der Stadtmauern war kein Lebenszeichen mehr zu erkennen.
Carthoris hielt sich noch immer im Schutz der Bäume, welche die Ebene begrenzten und bewegte sich hinter dem Rücken der Belagerer weiter, denn er hoffte entgegen aller Hoffnung, Thuvia von Ptarth zu finden, da er nicht annehmen konnte und wollte, sie könne tot sein.
Es war ein Wunder, daß man ihn nicht entdeckte, denn die grünen Krieger ritten ununterbrochen auf ihren Thoats hin und her, vom Lager zum Wald und wieder zurück. Aber der Tag ging weiter, und nichts Entscheidendes geschah, bis er gegen Sonnenuntergang einem mächtigen Tor in der westlichen Stadtmauer gegenüberstand.
Hier schien sich die Hauptstreitmacht der Belagerer versammelt zu haben. Eine große Plattform war hier aufgebaut, und darauf saß breit und wuchtig ein riesiger grüner Krieger, der von zahlreichen seiner Leute umgeben war.
Das mußte also der bekannte, wenn nicht berüchtigte Hortan Gur, Jeddak von Torquas sein, der wilde alte Riese, dieses schreckliche Ungeheuer der südwestlichen Hemisphäre, denn nur für einen Jeddak wurde eine Plattform errichtet, wenn die grünen Horden von Barsoom irgendwo auf dem Marsch ein Lager bezogen.
Noch während der junge Prinz aus Helium die Plattform beobachtete, drängte sich ein grüner Krieger zu seinem Herrscher durch. Er zerrte einen Gefangenen mit sich, und als die Krieger vor der Plattform zur Seite traten, um diesen Mann durchzulassen, konnte er einen flüchtigen Blick auf ihn tun.
Sein Herz tat einen Freudensprung: Thuvia von Ptarth lebte.
Carthoris mußte sich alle Mühe geben, nicht dem ersten Impuls zu folgen und an die Seite der Prinzessin von Ptarth zu eilen. Er wußte, daß er hier nur mit vernünftiger Überlegung etwas ausrichten konnte, und eine übereilte Tat hätte sinnlos jede künftige Rettungsmöglichkeit verspielt.
Sie wurde zum Fuß des Podiums gezerrt, und dann sah er, wie Hortan Gur sie ansprach. Die Worte konnte er wegen der großen Entfernung nicht verstehen, auch nicht Thuvias Antwort; diese mußte aber das grüne Ungeheuer sehr geärgert haben, denn Carthoris sah ihn aufspringen, und dann schlug er sie brutal mit dem Arm, der mit schweren Armreifen und Ornamenten behängt war, quer über das Gesicht.
Das war zuviel. Der Sohn John Carters, Jeddak der Jeddaks, Kriegsherr von Barsoom, wurde irr vor Zorn. Der blutrote Nebel, durch den sein Herr und Vater zahlreiche Feinde gesehen hatte, schob sich vor seine Augen.
Seine halb irdischen Muskeln reagierten blitzschnell, und mit ein paar enormen Sprüngen näherte er sich dem grünen Ungeheuer, das die Frau geschlagen hatte, die er liebte.
Die Torquasianer schauten nicht in die Richtung, aus der er kam. Aller Augen hingen an den Gestalten des Mädchens und ihres Jeddaks, und ihr Lachen war widerlich laut und brutal, als sie sich über den köstlichen Witz amüsierten, den diese kleine Gefangene eben gemacht hatte. Sie hatte nämlich von dem Riesen ihre Freiheit verlangt.
Carthoris hatte etwa die Hälfte der Strecke zwischen Wald und Plattform zurückgelegt, als sich etwas ereignete, das die Aufmerksamkeit der grünen Krieger noch stärker beanspruchte, weshalb man nun erst recht nicht auf ihn aufmerksam wurde.
Auf einem hohen Turm der belagerten Stadt erschien ein Mann. Er hatte sein Gesicht nach oben gewandt und stieß mit weit offenem Mund entsetzliche schrille Schreie aus. Diese Schreie klangen so furchterregend über die Stadtmauern und die Köpfe der Belagerer bis zum Wald hinüber, daß selbst den grünen Kriegern das Mark in den Knochen gefrieren konnte.
Zwei-, dreimal hallten diese gräßlichen Schreie an die Ohren der wie versteinert dastehenden grünen Männer, und dann kam von weit, weit hinter den Wäldern ein klarer, scharfer, ebenso schriller Antwortschrei.
Das war aber nur der Anfang. Aus allen Richtungen schienen nun diese Schreie zu kommen, und aus unzählichen Kehlen schienen sie aufzusteigen, und das wurde so überwältigend schrecklich, daß davon die ganze Welt zu zittern und zu hallen schien.
Nervös sahen sich die grünen Krieger um. Sie kannten keine Furcht, wie Erdenmenschen sie kennen, aber in ihren Gesichtern stand es deutlich geschrieben, daß die sonstige Selbstsicherheit, die recht oft an Überheblichkeit grenzte, langsam verloren ging.
Und dann wurde plötzlich das große Stadttor gegenüber der Plattform von Hortan Gur weit aufgerissen. Das Schauspiel, das sich Carthoris nun bot, war recht merkwürdig, und er konnte sich nicht daran erinnern, je etwas Ähnliches gesehen oder davon gehört zu haben. Durch dieses Tor kamen sehr große Bogenschützen, die lange, ovale Schilde vor sich hielten. Diese Männer hatten rötlichbraune Haare, und die Tiere, die knurrend und brüllend neben ihnen her liefen, waren die wilden Löwen von Barsoom.