Aber dann stand er schon mitten unter den verblüfften Torquasianern und schwang sein Langschwert. Noch ein Sprung, und er befand sich neben Thuvia von Ptarth, die ihn starr vor Staunen ansah, denn sie glaubte John Carter persönlich vor sich zu sehen, so ähnlich sah der Sohn seinem Vater, und so sehr glichen seine Kampfmethoden denen des Kriegsherrn von Barsoom.
Sogar das Kampflächeln des Mannes aus Virginia hatte der Marsprinz. Und den Schwertarm! Ah, dieses Tempo, diese fantastische Geschicklichkeit!
Jetzt herrschte überall verwirrte Aufregung. Grüne Krieger sprangen auf die Rücken ihrer verschlafenen, quiekenden Thoats.
Kalotts knurrten wild oder winselten, weil sie es nicht mehr erwarten konnten, den herannahenden Feinden an die Kehle zu springen.
Thar Ban und ein weiterer an der Plattform stehender Mann waren die ersten, die Carthoris kommen sahen, und mit ihnen mußte er auch um den Besitz des Roten Mädchens kämpfen, während die anderen davoneilten, um dem aus der belagerten Stadt heranmarschierenden Feind gebührend zu empfangen.
Carthoris versuchte sowohl Thuvia von Ptarth zu verteidigen als auch an die Seite des schrecklichen Hortan Gur zu gelangen, um den Schlag zu rächen, den er dem Mädchen versetzt hatte.
Über die Leichen von zwei grünen Kriegern, die sich ihm entgegengestellt hatten, um das Leben ihres Jeddak zu schützen, erreichte Carthoris das Podium. Thar Ban und einige der Krieger bemühten sich noch immer, den Roten Prinzen zurückzuschlagen, doch damit hatten sie wenig Erfolg. In dem Moment, als der junge Prinz aus Helium am Fuß der Tribüne stand, versuchte Hortan Gur, von dort aus auf sein Thoat zu springen.
Die grünen Krieger hatten ihre Aufmerksamkeit den aus der Stadt herankommenden Bogenschützen zugewandt, und beim Anblick der wilden Banths war ihnen anscheinend doch nicht ganz geheuer. Sie wußten, daß diese Tiere ungeheuer grausam und wild waren, viel furchterregender als ihre eigenen wilden Kampfhunde, die Kalotts. Mit einem Satz war Carthoris auf dem Podium, und er zog Thuvia mit hinauf. Dann wandte er sich mit einer zornigen Herausforderung und einem kraftvollen Schwertstoß dem Jeddak zu, der schon dabei war, sich auf sein Thoat zu schwingen.
Als die Schwertspitze des Heliumprinzen die grüne Haut des Riesen berührte, wandte sich dieser seinem Gegner mit einem fürchterlichen Knurren zu, aber zwei seiner Häuptlinge riefen ihn an, er solle sich beeilen, denn die hellhäutigen Stadtbewohner seien viel zahlreicher als zu erwarten gewesen sei. Der Kampf werde viel gefährlicher werden, als man geahnt habe.
Hortan Gur ließ also von dem Roten Prinzen ab und stellte ihm in Aussicht, sich ausführlich mit ihm zu beschäftigen, sobald er sich der streitsüchtigen Bürger der belagerten Stadt entledigt hatte. Damit sprang er endgültig auf sein Thoat und galoppierte davon, den rasch herankommenden Bogenschützen entgegen.
Die anderen Krieger folgten eiligst ihrem Jeddak und ließen Thuvia und Carthoris allein auf der Plattform zurück.
Um sie herum in der ganzen Stadt herrschte ein schreckliches Kampfgetümmel. Die hellhäutigen Krieger, die nur mit ihren großen Bogen und kurzen Kriegsäxten bewaffnet waren, schienen den grünen Kriegern in unmittelbarer Nähe nicht gewachsen zu sein, doch aus einer gewissen Entfernung richteten, ihre Pfeile mindestens ebensolche Verwüstungen unter den grünen Kriegern an, wie deren Radiumprojektile unter ihnen.
Wenn auch die ausfallenden Belagerten auf diese Art den Grünen unterlegen waren, so machten ihre wilden Gefährten, die schrecklichen Banths, einiges wieder wett. Die beiden Kampflinien waren noch ein ganzes Stück voneinander entfernt, als Hunderte dieser fürchterlichen, blutrünstigen Kreaturen unter die Torquasianer sprangen und viele Krieger von ihren Thoats herunterrissen und dann sogar noch die riesigen Reittiere anfielen. Auf die Art schufen sie eine so große Verwirrung unter den Feinden ihrer Herren, daß diese stellenweise nicht mehr wußten, wem sie nun ihre Aufmerksamkeit zuwenden sollten.
Auch die riesige Anzahl der aus der Stadt quellenden Krieger verblüffte die Grünen. Kaum glaubten sie nämlich, sie hätten einen der Hellhäutigen erledigt, als sein Platz auch schon von mindestens einem anderen eingenommen worden war, so daß sich schließlich die Zahl der Verteidiger der Stadt nicht nur nicht verringerte, sondern sogar vervielfachte.
Und so geschah es dann auch, daß vor dem Ansturm der wütenden Banths und der immer mehr anwachsenden Zahl der hellhäutigen Krieger die Torquasianer zurückfielen, so daß wenig später die Plattform, auf der noch immer Carthoris und Thuvia standen, der Mittelpunkt der Kämpfe war.
Daß keiner von beiden von einer Kugel oder einem Pfeil getroffen wurde, erschien ihnen als Wunder. Schließlich war die Kampfeswoge über sie hinweggerollt, und sie waren allein zwischen den Kämpfern und der Stadtmauer. Nur Tote und Sterbende lagen herum, und eine beträchtliche Anzahl knurrender Banths, die vielleicht noch nicht so gut trainiert waren wie ihre Kameraden, fraß sich an den Toten satt.
Für Carthoris war die Tatsache am erstaunlichsten, daß die Bogenschützen mit ihren doch eigentlich wenig wirksamen Waffen einen solchen Blutzoll von den Grünen gefordert hatten.
Nirgends erblickte er nämlich einen verwundeten Grünen, aber die Leichen der Roten auf dem Schlachtfeld waren ungeheuer zahlreich.
Unmittelbarer Tod schien jedem Pfeil zu folgen, ob er nun traf oder nur streifte. Kein einziger schien sein Ziel zu missen. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben – die Pfeilspitzen mußten vergiftet sein.
Dann verklang allmählich das Kampfgetöse im Wald. Nun herrschte wieder Stille, die nur vom Knurren der fressenden und schlingenden Banths unterbrochen wurde. Carthoris wandte sich Thuvia zu. Keiner von beiden hatte bisher ein Wort gesprochen.
»Wo sind wir, Thuvia?« fragte er.
Das Mädchen sah ihn fragend an. Seine Gegenwart schien seine Mitschuld an ihrer Entführung zu bestätigen. Wie hatte er sonst das Ziel jenes Schiffes wissen können, das sie in diese Gegend gebracht hatte?
»Wer sollte das besser wissen als der Prinz von Helium?« entgegnete sie. »Kam er nicht aus eigenem freiem Willen hierher?«
»Von Aaanthor kam ich freiwillig, da ich dem Pfad des grünen Kriegers folgte, der dich entführte, Thuvia«, antwortete er.
»Doch als ich Helium verließ, glaubte ich nach Ptarth zu fliegen – bis ich über Aaanthor aufwachte.«
»Man hat nämlich angedeutet, ich hätte vielleicht von deiner Entführung gewußt oder daran mitgewirkt«, erklärte er weiter.
»Deshalb machte ich mich zum Jeddak, deinem Vater auf, um ihn zu überzeugen, daß nichts Wahres an dieser Anschuldigung ist. Ich wollte ihm meine Dienste anbieten und ihm nach besten Kräften behilflich sein, dich wieder zu finden, Thuvia. Bevor ich Helium verließ, muß sich jemand an meinem Kompaß zu schaffen gemacht haben, so daß mich mein Schiff nach Aaanthor trug statt nach Ptarth. Das ist alles. Glaubst du mir nun?«
»Aber die Krieger, die mich aus dem Garten unseres Palastes entführten!« rief sie. »Als wir in Aaanthor ankamen, trugen sie das Emblem des Prinzen von Helium, doch als sie mich entführten, hatten sie die Harnische von Dusar an ihren Leibern. Dafür schien es nur eine Erklärung zu geben. Wer immer die Rache für diese Untat zu fürchten hatte, wollte sie, sollte er entdeckt werden, auf einen anderen abwälzen. War man aber erst weit genug von Ptarth entfernt, dann konnte man sich sicher fühlen und wieder den eigenen Harnisch anlegen.«
»Du glaubst also, Thuvia, daß ich diese Untat begangen habe?« fragte Carthoris bestürzt.
»Ah, Carthoris, ich wünschte wirklich nicht, es glauben zu müssen«, antwortete sie traurig. »Doch leider deutete alles auf dich. Und selbst dann wollte ich es nicht glauben.«
»Ich habe es auch nicht getan, Thuvia«, erwiderte er. »Und ich wußte auch nichts davon. Laß mich aber ganz ehrlich sprechen. Ich liebe deinen Vater und respektiere Kulan Tith, dem du versprochen bist, und ich weiß auch, welch schreckliche Konsequenzen eine so unüberlegte Tat von mir hätte. Drei der größten und edelsten Nationen von Barsoom würden einander bekriegen, und das, Thuvia, will ich ganz gewiß nicht. Und doch – ich hätte sicher nicht gezögert, dich zu entführen, Thuvia, wenn du mir je angedeutet hättest, daß du es wünschest.«