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»Du hast das jedoch niemals getan, Thuvia, und deshalb bin ich jetzt hier. Nicht meinetwegen, sondern in deinem Dienst und im Dienst jenes Mannes, dem du versprochen bist, um dich für ihn zu retten, wenn es in meiner Macht liegt«, schloß er fast bitter.

Thuvia von Ptarth musterte ihn lange schweigend. Ihre Brust wogte wie unter dem Ansturm heftiger Gefühle. Sie tat einen kleinen Schritt auf ihn zu; ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie sprechen – impulsiv und ungestüm.

Doch mitten im Schritt hielt sie inne, und dann hatte sie ihre Gefühle wieder in der Hand.

»Die künftigen Taten des Prinzen von Helium müssen den Beweis für die Lauterkeit seiner Gesinnung erbringen«, erwiderte sie kalt. Der Ton des Mädchens verletzte Carthoris und auch der Zweifel an seiner Aufrichtigkeit, den ihre Worte ausdrückten. Er hätte ein wenig darauf gehofft, daß ihre Worte andeuten möchten, seine Liebe und Verehrung seien ihr angenehm; wenigstens ein bißchen hätte er auch mit ihrer Dankbarkeit gerechnet für das, was er in letzter Zeit ihretwegen auf sich genommen hatte, aber nun war ihre ganze Reaktion nichts als kalter Zweifel.

Der Prinz von Helium zuckte die breiten Achseln. Das Mädchen bemerkte es und sah auch das andeutungsweise Lächeln um seine Lippen, und nun war sie an der Reihe, verletzt und gekränkt zu sein.

Selbstverständlich hatte sie nicht die Absicht gehabt, ihn zu kränken. Er hätte eigentlich wissen wollen, daß sie nichts tun oder sagen durfte, was ihn hätte ermutigen können, doch es wäre nicht nötig gewesen, ihr seine Gleichgültigkeit so überdeutlich zu erkennen zu geben. Die Männer von Helium waren für ihre ausgezeichneten Manieren und ihre Galanterie bekannt, nicht für kaltherzige Taktlosigkeiten. Vielleicht war das Erdenblut in seinen Adern schuld daran.

Wie sollte sie auch wissen, daß dieses Achselzucken Carthoris’ rein körperlicher Versuch war, die düstere Sorge und den drückenden Kummer von seiner Seele zu schütteln? Daß das Lächeln auf seinen Lippen das Kampflächeln seines Vaters war, mit dem der Sohn zu beweisen versuchte, daß er seine eigene große Liebe zu unterdrücken bereit war, um sie, Thuvia von Ptarth, für einen anderen Mann zu retten, den sie, wie er glauben mußte, liebte?

Er kehrte zu seiner ursprünglichen Frage zurück.

»Wo sind wir? Ich weiß es nicht.«

»Ich weiß es auch nicht«, erwiderte das Mädchen. »Die Männer, die mich entführten, sprachen untereinander von Aaanthor, so daß ich es für möglich hielt, daß die Stadt, zu der sie mich brachten, diese berühmte alte Ruine ist, aber wo wir jetzt sind, ahne ich nicht einmal.«

»Wenn die Bogenschützen zurückkehren, erfahren wir sicher alles, was wir wissen müssen«, sagte Carthoris. »Wir wollen also hoffen, daß sie uns freundlich gesinnt sind. Von welcher Rasse mögen sie wohl sein? Nur in unseren ältesten Legenden und in den Wandmalereien der verlassenen Städte der toten Seegründe gibt es hellhäutige Leute mit honigfarbenem Haar. Könnte es sein, daß wir zufällig über eine Stadt aus der Vergangenheit gestolpert sind, die sich über die vielen Jahrtausende gerettet hat und von deren Existenz niemand mehr wußte?«

Thuvia schaute zum Wald hinüber, in den die grünen Horden und die sie verfolgenden Bogenschützen verschwunden waren.

Aus großer Ferne hörten sie die schrecklichen Schreie der Banths und dann auch ein paar Schüsse.

»Seltsam, daß sie nicht zurückkehren«, sagte das Mädchen.

»Man sollte doch eigentlich erwarten, daß Verwundete zurückgehinkt kommen oder von anderen zur Stadt getragen werden«, bemerkte Carthoris und runzelte nachdenklich die Brauen. »Aber was ist mit den Verwundeten, die sich noch in Stadtnähe befanden? Haben sie diese denn mitgenommen?

Oder wurden sie schon in die Stadt gebracht?«

Beide musterten das Kampfgebiet zwischen dem Podium und der Stadtmauer, wo der Kampf am heftigsten gewesen war.

Hier gab es noch viele Banths, welche knurrend ihre schauerliche Mahlzeit hielten.

Carthoris sah Thuvia erstaunt an. Dann deutete er auf das Feld hinaus.

»Wo sind sie?« flüsterte er. »Was ist aus ihren Toten und Verwundeten geworden? «

6

Der Jeddak von Lothar

Das Mädchen sah ungläubig drein.

»Sie lagen doch in Stapeln da«, sagte Thuvia. »Es waren Tausende – noch vor wenigen Minuten.«

»Und jetzt«, stellte Carthoris fest, »sind nur einige Banths da und die Leichen der grünen Männer.«

»Sie müssen Leute aus der Stadt geschickt haben, welche die Toten wegschafften, während wir miteinander sprachen«, vermutete Thuvia.

»Das ist unmöglich!« erwiderte Carthoris. »Mehr als tausend Tote lagen noch vor wenigen Minuten auf diesem Feld. Auch ein großer Trupp Leute hätte ziemlich lange gebraucht, diese alle wegzuschaffen. Und wir hätten sie auch unter allen Umständen bemerken müssen. Eine merkwürdige Angelegenheit!«

»Und ich hatte gehofft, daß uns diese hellhäutigen Leute Asyl gewähren würden«, seufzte Thuvia. »Sehen wir davon ab, daß sie auf dem Schlachtfeld eine ganz beträchtliche Wildheit entwickelt haben; doch das war schließlich ihr gutes Recht, und sie müssen sich ja ihrer Haut wehren. Sonst erschienen sie mir jedoch nicht als sehr kriegerische und gefährliche Leute. Ich wollte dir schon vorschlagen, daß wir in die Stadt zu gelangen versuchen sollten, aber jetzt weiß ich nicht mehr recht, ob das vernünftig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sehr gerne unter Leuten weile, deren Tote sich einfach in Luft auflösen.«

»Dein Vater stellte mir einmal dieselbe Frage«, erzählte sie.

»Es war in den Galerien der Goldenen Klippen in den Bergen von Otz unter den Tempeln der Therns. Ich konnte es ihm damals nicht erklären und kann es auch dir jetzt nicht sagen, denn ich weiß nicht, woher meine Macht über sie kommt. Aber seit dem Tag, da Sator Throg mich unter sie in die Banthgruben der Heiligen Therns warf und die Tiere friedlich zu meinen Füßen lagen statt mich zu zerreißen, hatte ich diese seltsame Macht über sie. Sie kommen, wenn ich sie rufe, und sie gehorchen mir aufs Wort. Nicht einmal euer treuer Wula könnte deinem Vater, dem mächtigen Herrn, besser gehorchen.«

Mit einem Wort entließ das Mädchen das gefährliche Rudel.

Brüllend kehrten sie zu ihrem unterbrochenen Mahl zurück, während Carthoris und Thuvia völlig sicher zwischen ihnen zur Stadt gingen. Verwundert besah sich Carthoris die Leichen der grünen Krieger, die noch nicht von den Banths angefressen worden waren.

Er zeigte dem Mädchen, was ihm aufgefallen war. Aus den riesigen Körpern ragten keine Pfeile, und nirgends wiesen sie tödliche Wunden auf, ja nicht einmal Abschürfungen oder kleinere Risse.

Und dabei waren die Leichen der Torquasianer wie mit tödlichen Pfeilen gespickt gewesen, ehe die toten Bogenschützen sich in Luft aufgelöst hatten! Wohin waren die schlanken Todesbringer verschwunden? Welche unsichtbare Hand hatte sie aus den Körpern der Gefallenen entfernt?

Das alles war so unheimlich, daß Carthoris fühlte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Als er jetzt zur Stadt schaute, war kein Lebenszeichen mehr wahrzunehmen, und auf der Mauerkrone und den Dächern bewegten sich keine Gestalten mehr. Alles war ruhig. Es herrschte eine unheilträchtige, brütende Stille.

Und doch hatte Carthoris das sichere Gefühl, daß hinter der dicken Mauer Augen waren, die sie beobachteten.

Er sah Thuvia an. Ihre großen Augen hingen am Stadttor. Er schaute in die Richtung ihres Blickes, doch er bemerkte nichts.

Sie schien seinen Blick zu spüren und aus einer Art Lethargie zu erwachen. Sie wandte sich ihm zu, und ein schnelles, tapferes Lächeln huschte um ihre Lippen. Dann trat sie an seine Seite und legte ihre Hand in die seine.