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Er vermutete, daß sie das sehr impulsiv, fast unbewußt tat, daß sie ihm damit um Schutz bat. Er legte ihr einen Arm um die Schultern, und so gingen sie weiter. Sie entzog sich diesem Arm nicht. Man mag daran zweifeln, daß sie diesen Arm bewußt wahrnahm, so sehr war sie von dem Geheimnis dieser seltsamen Stadt gefangen.

Vor dem Tor blieben sie stehen. Es war sehr hoch und breit. Aus der Konstruktion und der Bauart konnte Carthoris schließen, daß es von undenkbarem Alter war.

Es war rund und hatte eine runde Öffnung. Carthoris wußte aus seinen Studien, daß es wie ein riesiges Rad in eine Maueröffnung hineinrollte. Solche Tore gab es jedoch nicht einmal in so uralten Städten wie Aaanthor, denn schon die damals lebenden Rassen hatten ihren Mechanismus nicht mehr gekannt.

Als er so dastand und über das vermutliche Alter dieser Stadt nachdachte, sprach ihn von oben her eine Stimme an. Beide schauten hinauf. Über den Rand der hohen Mauer lehnte ein Mann.

Sein Haar war von der Farbe des Honigs, und seine Haut war sehr hell, viel heller sogar als die John Carters, des Mannes aus Virginia. Er hatte eine hohe Stirn und große, kluge Augen.

Die Sprache, in der sich dieser Mann an die beiden unter der Mauer wandte, war verständlich, wenn sie auch etwas fremdartig oder antiquiert klang und sich von der gegenwärtig allgemeinen gesprochenen Sprache etwas unterschied.

»Wer seid ihr?« rief der Mann. »Und was sucht ihr hier vor dem Tor von Lothar?«

»Wir sind Freunde!« rief Carthoris hinauf. »Das hier ist die Prinzessin Thuvia von Ptarth, die von einer Horde der Torquasianer entführt und gefangen wurde. Ich bin Carthoris Prinz von Helium aus dem Hause von Tardos Mors. Jeddak von Helium und Sohn von John Carter. Kriegsherr vom Mars und seiner Gattin Dejah Thoris.«

»Ptarth?« wiederholte der Mann. »Helium?« Er schüttelte den Kopf. »Von solchen Plätzen habe ich nie gehört, und ich wußte auch nicht, daß es auf Barsoom eine Rasse eurer seltsamen Farbe gibt. Wo liegen diese Städte, von denen du sprichst? Von unserem höchsten Turm aus konnten wir niemals eine andere Stadt sehen als Lothar.«

Carthoris deutete nach Nordosten.

»In dieser Richtung liegen Helium und Ptarth«, antwortete er.

»Helium ist mehr als achttausend Haads von Lothar entfernt, während Ptarth neuntausendfünfhundert Haads nordöstlich von Helium liegt.«

Aber der Mann schüttelte nur den Kopf.

»Ich weiß nichts von jenseits der Hügel von Lothar«, sagte er. »Außer den schrecklichen Horden von Torquas lebt draußen nichts. Und diese grünen Horden haben ganz Barsoom erobert bis auf dieses einzige Tal und die Stadt Lothar. Hier haben wir sie seit undenklichen Zeiten abgewehrt, obwohl sie von Zeit zu Zeit ihren Versuch, uns zu vernichten, erneuern. Ich kann mir nicht vorstellen, woher ihr kommt, außer ihr seid Nachkommen von Sklaven, die von den Torquasianern vor sehr langer Zeit gemacht wurden, als sie die gesamte Außenwelt zu ihren Vasallen erklärten. Aber wir haben gehört, daß sie alle Rassen vernichtet haben, daß nur noch sie übrig sind.«

Carthoris versuchte dem Mann zu erklären, daß die grünen Horden von Torquas nur über ein verhältnismäßig sehr wertloses und kleines Gebiet von Barsoom herrschten und das auch nur deshalb, weil die Rote Rasse an diesem Land nicht interessiert war. Der Lotharianer schien das alles nicht glauben zu wollen oder zu können, und er war wohl der Meinung, daß es außerhalb von Lothar nur weglose Wüste gab, die ausschließlich von den grausamen grünen Horden bewohnt war.

Nach einigen Überredungsversuchen erklärte er sich schließlich bereit, die beiden in die Stadt einzulassen, und einen Moment später rollte das radförmige Tor in die Mauernische zurück, so daß Thuvia und Carthoris die Stadt Lothar betreten konnten.

Die Stadt war ungewöhnlich reich. Die Fassaden der Häuser an der breiten Avenue waren mit Schnitzereien und Reliefs geschmückt, und um Türen und Fenster lagen oft breite Rahmen aus edlen Steinen, großartige Mosaiken oder sogar goldene gehämmerte oder ziselierte Platten, die anscheinend Teile der Geschichte dieses vergessenen Volkes wiedergaben.

Der Mann, mit dem sie gesprochen hatten, erwartete sie auf der Avenue. Ihn umgaben hundert oder mehr Männer seiner Rasse.

Alle waren bartlos, und alle trugen lange, fließende, kostbare Gewänder. Die Haltung dieser Männer war weniger feindlich zu nennen, eher ein wenig ängstlich und mißtrauisch. Sie folgten den beiden mit den Augen, aber keiner richtete das Wort an sie.

Zu seinem Staunen stellte Carthoris fest, daß keiner der Männer Waffen trug, obwohl die Stadt noch vor wenigen Stunden von einer Horde blutrünstiger grüner Teufel umgeben gewesen war. Nirgends war ein Soldat zu sehen. Vielleicht, überlegte Carthoris, waren alle waffenfähigen Männer hinter dem Feind dreingejagt, um ihn endgültig zu vertreiben, auch wenn sie dabei die Stadt ungeschützt zurücklassen mußten. Darüber befragte er seinen Gastgeber.

Der Mann lächelte.

»Kein Wesen außer einigen unserer heiligen Banths hat heute Lothar verlassen«, erwiderte er.

»Aber die Soldaten… die Bogenschützen…« wandte Carthoris ein. »Wir sahen Tausende von ihnen durch dieses Tor kommen, die Horden von Torquas überwältigen und sie mit ihren tödlichen Pfeilen und den wilden Banths in die Flucht jagen.«

Aber der Mann lächelte noch immer.

»Schaut!« rief er und deutete die Avenue entlang.

Carthoris und Thuvia folgten mit dem Blick seinem weisenden Finger. Im vollen Sonnenlicht kam ihnen eine große Truppe schneidig marschierender Bogenschützen entgegen.

»Ah!« rief Thuvia. »Sie sind also durch ein anderes Tor zurückgekehrt! Oder sind das vielleicht die Truppen, die zur Verteidigung der Stadt zurückbehalten wurden?«

Wieder lächelte der Mann seltsam.

»In Lothar gibt es keine Soldaten«, antwortete er. »Schaut!«

Während er sprach, hatten sich ihm Thuvia und Carthoris zugewandt, doch jetzt drehten sie sich wieder zu den heranmarschierenden Regimentern um. Ihre Augen wurden groß vor Staunen, denn die breite Avenue lag still und ruhig da wie eine Gruft.

»Und die, welche den grünen Horden entgegengezogen sind?« flüsterte Carthoris. »Waren die auch nur eine Illusion?«

Der Mann nickte.

»Aber ihre Pfeile töteten doch die grünen Krieger«, beharrte Thuvia.

»Wir wollen zu Tario gehen«, erwiderte der Lotharianer. »Er wird euch das sagen, was er für gut hält und was er glaubt, das ihr wissen müßt. Ich könnte euch vielleicht zuviel sagen.«

»Wer ist Tario?« wollte Carthoris wissen.

»Das ist der Jeddak von Lothar«, erklärte ihr Führer und ging mit ihnen die breite Avenue entlang, auf der vor wenigen Minuten noch ganze Regimenter von Phantombogenschützen marschiert waren.

Eine halbe Stunde lang gingen sie durch wunderschöne Straßen, und schönere Häuser als jene, die zu beiden Seiten der herrlichen Avenuen standen, hatten sie noch nie gesehen. Nur wenig Menschen begegneten ihnen. Trotz ihrer Schönheit machte die Stadt einen recht verlassenen Eindruck.

Endlich kamen sie zum königlichen Palast. Carthoris sah ihn schon von weitem und wunderte sich, daß von einem so riesigen, herrlichen Gebäude sowenig Aktivität und Leben ausging Auch hier war es ungewöhnlich ruhig.

Nicht ein einziger Posten stand vor dem großen Tor, und auch in den Gärten war kein Wärter oder Wächter zu sehen. Sonst sprudelt das Leben in der Nähe eines königlichen Palastes doch über; wenigstens für die Rote Rasse traf das zu, und warum sollte das anderswo anders sein?

»Hier ist der Palast Tarios«, sagte ihr Führer.

Carthoris musterte den herrlichen, seltsamen Palast. Er rieb sich die Augen, schüttelte den Kopf und rieb sich wieder die Augen.

Nein, er mußte sich irren. Oder doch nicht? Vor dem massiven Tor stand nämlich ein ganzer Trupp Wachen. Die breite Straße, die vom Tor zum Hauptgebäude führte, war auf beiden Seiten mit dichten Reihen von Bogenschützen eingesäumt. In den Gärten standen Offiziere und Soldaten, und viele eilten hin und her, so als seien sie sehr beschäftigt und mit Pflichten überladen.