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Was waren das für Menschen, die ganze Armeen aus der Luft zaubern konnten? Carthoris sah Thuvia an. Auch sie schien diese Veränderung bemerkt zu haben. Sie drückte sich ein wenig fester an ihn, als suche sie bei ihm eine Wirklichkeit, die sie in ihrer Umgebung nicht mehr finden konnte.

»Was hältst du davon?« flüsterte sie ihm zu. »Das ist außerordentlich ungewöhnlich.«

»Ich weiß gar nichts damit anzufangen«, erwiderte Carthoris.

»Vielleicht sind wir wahnsinnig geworden.«

Carthoris wandte sich schnell an den Lotharianer. Der Mann lachte breit.

»Ich dachte, du sagtest doch eben, es gebe in Lothar keine Soldaten. Und was ist das hier?« Er deutete auf die vielen Bogenschützen und Offiziere.

»Frag doch Tario«, erwiderte der Mann. »Wir werden sehr bald vor ihm stehen.«

Wenig später betraten sie einen hohen Saal. Am anderen Ende, der Tür gegenüber, stand auf einer Estrade eine sehr üppige Couch, auf der ein Mann saß und sich behaglich zurücklehnte.

Als sich das Trio näherte, wandte ihnen der Mann schläfrige, verträumte Augen zu. Zwanzig Fuß vor der Estrade blieb ihr Führer stehen und flüsterte Thuvia und Carthoris zu, sie sollten seinem Beispiel folgen. Er warf sich in voller Länge auf den Boden, erhob sich dann auf Hände und Knie und kroch so dem Thron entgegen. Dazu schwang er seinen Kopf hin und her und wand seinen Körper so wie ein Hund, der seinem Herrn entgegenkriecht.

Thuvia warf Carthoris einen raschen Blick zu. Er blieb auf recht stehen, hatte den Kopf stolz zurückgeworfen und die Arme vor der breiten Brust gekreuzt. Um seinen Mund lag ein hochmütiges Lächeln. Der Mann auf der Couch musterte ihn scharf, aber Carthoris von Helium blickte ihn unverwandt an.

»Wer ist dieser da, Jav?« fragte der Mann auf der Couch jenen, der über den Boden kroch.

»O Tario, glorreichster aller Jeddaks«, erwiderte Jav, »diese sind Fremde, die mit den Horden der grünen Männer von Torquas kamen. Sie näherten sich unserem Tor und behaupteten, sie seien Gefangene der grünen Männer. Und sie erzählen seltsame Geschichten von Städten, die weit von Lothar entfernt sein sollen.«

»Erhebe dich, Jav«, befahl Tario. »Frag diese beiden, weshalb sie Tario nicht den ihm zukommenden Respekt erweisen wollen.«

Jav erhob sich und sah die Fremden an. Er wurde totenblaß, als er entdeckte, daß sie sich nicht auf den Boden gelegt hatten, und mit einem Satz sprang er sie an.

»Elende!« schrie er. »Hinunter mit euch! Werft euch auf eure elenden Bäuche vor dem letzten der Jeddaks von Barsoom!«

7

Phantom-Bogenschützen

Als Jav ihn ansprang, legte Carthoris seine Hand auf den Knauf seines Langschwertes. Der Lotharianer blieb unvermittelt stehen.

Der Saal war leer bis auf die vier Personen auf der Estrade, doch als Jav vor der Drohung des Schwertes aus Helium zurückwich, fand sich der junge Prinz plötzlich von einer ganzen Horde Bogenschützen umringt.

Woher waren die so plötzlich gekommen? Carthoris und Thuvia sahen einander verblüfft an.

Der junge Prinz zog sein Schwert, und die Bogenschützen spannten ihre Bogen.

Tario hatte sich, auf einen Ellbogen gestützt, halb erhoben.

Jetzt zum erstenmal sah er das Mädchen Thuvia in ihrer ganzen Gestalt, denn vorher war sie von Carthoris fast völlig verdeckt gewesen.

»Genug!« schrie der Jeddak und hob eine protestierende Hand, doch im selben Moment zischte das Schwert des Prinzen aus Helium durch die Luft.

Als die scharfe Klinge den Gegner eigentlich um einen Kopf kürzer machen sollte, ließ Carthoris verwirrt die Schwertspitze sinken, und mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen trat er zurück. Bestürzt legte er die linke Hand über die Stirn. Sein Schwert hatte nichts als nur leere Luft durchschnitten, denn sein Gegner war verschwunden gewesen, einfach verschwunden! Es gab im ganzen Saal nicht einen einzigen Bogenschützen.

»Diese Leute können nichts anderes als Fremde sein«, sagte Tario zu Jav. »Laß uns erst einmal eindeutig feststellen, daß sie uns wissentlich beleidigt haben, damit wir danach unser Strafmaß bestimmen können.«

Er wandte sich an Carthoris, doch immer wieder schweifte sein Blick zu Thuvia, deren wundervolle Gestalt es ihm angetan zu haben schien. Der Harnisch einer Prinzessin von Barsoom enthüllte mehr als er verbarg.

»Wer seid ihr«, fragte er, »daß ihr nicht die Etikette kennt, die am Hof des letzten der Jeddaks von Barsoom üblich ist?«

»Ich bin Carthoris, Prinz von Helium«, erwiderte der junge Mann, »und das hier ist Thuvia, Prinzessin von Ptarth. An den Höfen unserer Väter fällt niemand vor den Königen zu Boden.

Niemand auf ganz Barsoom ist mehr vor einer anderen Person auf dem Bauch gekrochen, seit die Erstgeborenen ihre unsterbliche Göttin Glied für Glied zerrissen haben. Glaubst du wirklich, daß die Tochter eines mächtigen Jeddaks und der Sohn eines anderen sich selbst so demütigen würden?«

Tario sah Carthoris lange an. Endlich sprach er.

»Auf Barsoom gibt es keinen anderen Jeddak als Tario«, erwiderte er. »Es gibt auch keine andere Rasse als die von Lothar, außer man überschätzt die Torquas, indem man diese grünen Horden auch als Menschen bezeichnet. Die Lotharianer sind weiß. Eure Haut ist rot. Auf Barsoom gibt es keine Frauen mehr. Deine Gefährtin ist eine Frau.«

Er erhob sich halb und beugte sich weit vorwärts. Mit einem anschuldigenden Finger wies er auf Carthoris.

»Du bist eine Lüge, ein Betrug!« kreischte er. »Ihr beide seid Lügen, und ihr wagt es, vor Tario zu kommen, den letzten und mächtigsten aller Jeddaks von Barsoom und zu behaupten, daß ihr Wirklichkeit seid? Dafür, Jav, wird jemand teuer zu bezahlen haben. Und wenn ich mich nicht sehr irre, warst du es, der in seiner Oberflächlichkeit die Gutmütigkeit seines Jeddaks so mißbraucht.

Den Mann bringst du weg, doch die Frau bleibt hier. Wir werden sehen, ob sie beide Lügner sind. Und später, Jav, wirst du für deine Frechheit büßen. Nur noch wenige von uns sind übrig, und Komal muß gefüttert werden. Und jetzt geh!«

Carthoris bemerkte, wie sehr Jav zitterte, als er sich vor seinem Herrscher auf den Boden warf, sich wieder erhob und an den Prinzen von Helium wandte.

»Komm!« forderte er ihn auf.

»Und die Prinzessin von Ptarth soll ich hier allein zurücklassen?« rief er.

Jav ging ganz nahe an ihm vorbei. »Folge mir«, flüsterte er.

»Ihr geschieht nichts. Er kann ihr nichts zuleide tun, außer er will sie töten. Und das kann er tun, ob du nun bleibst oder nicht.

Vertraue mir. Wir gehen am besten jetzt sofort weg.«

Das verstand Carthoris zwar nicht, aber etwas in der drängenden Stimme des anderen gab ihm ein wenig Sicherheit, und so drehte er sich um, warf aber Thuvia noch einen Blick zu, der ihr sagen sollte, er verlasse sie nun in ihrem eigenen besten Interesse.

Sie schien ihn aber nicht zu begreifen. Entrüstet wandte sie ihm den Rücken zu, maß ihn aber vorher noch mit einem so verächtlichen Blick, daß ihm das Blut in die Wangen stieg.

Er zögerte, doch Jav packte sein Handgelenk.

»Komm!« drängte er. »Oder er wird dir seine Bogenschützen an den Hals schicken. Diesmal entkommst du ihnen aber nicht mehr. Hast du nicht gesehen, wie wenig dein Schwert gegen dünne Luft ausrichten kann? «

Widerwillig wandte sich Carthoris ab, um ihm zu folgen. Als die beiden den Saal verlassen hatten fragte er seinen Führer:

»Wenn ich dünne Luft nicht töten kann, wieso habe ich dann zu fürchten, daß dünne Luft mich tötet?«

»Hast du nicht die Torquasianer von den Bogenschützen fallen sehen?« entgegnete Jav.

Carthoris nickte.

»So würdest auch du fallen, und du hättest nicht die kleinste Möglichkeit, dich zu verteidigen oder zu rächen.«

Jav führte Carthoris zu einem kleinen Raum in einem der zahlreichen Türme des Palastes. Hier gab es Diwane und Sitzgelegenheiten, und Jav forderte ihn auf, Platz zu nehmen.

Einige Minuten lang musterte nun der Lotharianer seinen Gast, oder besser gesagt: seinen Gefangenen, denn Carthoris war sich darüber klar, daß er einer war.