»Fast bin ich schon überzeugt, daß du wirklich bist«, sagte Jav.
Carthoris lachte schallend.
»Natürlich bin ich wirklich«, versicherte ihm der junge Heliumite. »Warum zweifelst du daran? Kannst du mich nicht sehen? Nicht fühlen?«
»So kann ich auch die Bogenschützen sehen und fühlen«, erwiderte Jav. »Und trotzdem wissen wir alle, daß sie nicht echt sind.«
Carthoris’ Miene ließ deutlich erkennen, wie sehr ihn diese Antwort verwirrte. Diese ständig auftauchenden und wieder verschwindenden Bogenschützen von Lothar waren ja auch wirklich ein erstaunliches und verblüffendes Rätsel.
»Was könnten sie dann sein? «fragte er.
»Das weißt du wirklich nicht?« staunte Jav.
Carthoris schüttelte den Kopf.
»Fast möchte ich glauben, daß du uns die Wahrheit gesagt hast, daß du wirklich aus einem anderen Teil Barsooms stammst, vielleicht auch von einer anderen Welt. Aber sag mir doch, habt ihr denn in eurem Land keine Bogenschützen, um die Herzen der grünen Horden in Angst und Schrecken zu versetzen? Und habt ihr keine Kampfbanths, die den Bogenschützen bei der Vernichtung der Feinde helfen?«
»Wir haben Soldaten«, erklärte ihm Carthoris. »Wir von der Roten Rasse sind alle Soldaten, aber wir haben keine solchen Bogenschützen wie ihr, die uns verteidigen könnten. Wir verteidigen uns selbst.«
»Dann müßt ihr ja aus eurer Stadt heraus und euch von den Feinden totschlagen lassen!« rief Jav ungläubig.
»Sicher«, bestätigte Carthoris. »Wie machen es denn die Lotharianer?«
»Das hast du doch gesehen«, antwortete Jav. »Wir schicken unsere todeslosen Bogenschützen aus, und sie sind todlos, weil sie auch ohne Leben sind. Sie bestehen nur in der Einbildung unserer Feinde. Unsere unglaublich starken Geister beschützen uns in Wirklichkeit, denn sie schicken Legionen von Phantomsoldaten aus, die sich vor den Augen der Feinde materialisieren.
Sie sehen diese Soldaten. Sie sehen, wie sie ihre Bogen spannen, und sie sehen auch, wie die schlanken Pfeile davonschwirren und mit unglaublicher Präzision und unfehlbarer Sicherheit das Herz des Feindes treffen. Und unsere Feinde sterben – von der Kraft unserer Suggestion.«
»Aber es gibt doch auch getötete Bogenschützen!« rief Carthoris. »Du nennst sie todlos, und doch sah ich ihre Leichen in Stapeln und Haufen auf dem Schlachtfeld liegen. Wie soll das möglich sein?«
»Oh, das geschieht nur deshalb, um die Szene mit einem Schein Wirklichkeit zu umgeben«, erwiderte Jav. »Wir suggerieren unseren Feinden, daß sie eine Anzahl unserer Verteidiger getötet haben, damit die Torquasianer nicht auf die Idee kommen, die Bogenschützen seien nicht aus Fleisch und Blut.
Würden sie erst einmal daran zweifeln, dann wäre der nächste Schritt der, daß sie auch nicht mehr an die tödlichen Pfeile glauben würden. Viele von uns sind dieser Meinung, und fast alle sind davon überzeugt, daß wir unglaubliche Kräfte aufwenden müßten, um überhaupt noch eine Suggestion aufrechterhalten zu könne. Das ist bei uns eine Art Gesetz.«
»Und was ist mit den Banths?« wollte Carthoris wissen. »Sind sie auch nur Kreaturen eurer Suggestionskraft?«
»Einige von ihnen sind echt«, sagte Jav. »Die aber, die zusammen mit unseren Bogenschützen die Torquasianer in die Flucht schlugen, waren unwirklich. Wie die Bogenschützen kamen sie niemals zurück. Sie hatten ihren Zweck erfüllt und konnten zusammen mit diesen verschwinden, sobald die Flucht des Feindes bewirkt war.
Die Banths, die auf dem Schlachtfeld blieben, waren jedoch wirklich. Man ließ sie los, um die toten Torquas aufzufressen, und sie dienen uns dazu, diesen Unrat zu beseitigen. Die Realisten unter uns fordern das. Ich bin Realist. Tario ist Ätheralist.
Die Ätheralisten bestehen darauf, daß es so etwas wie Materie überhaupt nicht gibt, daß alles nur Geist ist. Sie sagen, keiner von uns existiere oder nur in der Fantasie seiner Gefährten.
In Wirklichkeit sei jeder nur eine ungreifbare, unsichtbare Mentalität.
Wenn Tario recht hat, dann ist es nur nötig, daß sich alle bei uns vorstellen, es gebe keine toten Torquasianer jenseits unserer Mauern, und dann seien auch wirklich keine da. Deshalb brauchten wir auch keine aasfressenden Banths.«
»Du glaubst also nicht an das, was Tario glaubt?« rief Carthoris.
»Nur teilweise«, erwiderte der Lotharianer. »Ich glaube, das heißt, ich weiß es sogar, daß es wirklich ätherische Kreaturen gibt. Tario ist eine, davon bin ich überzeugt. Er existiert nicht – außer in der Einbildung seines Volkes.
Wir Realisten sind natürlich davon überzeugt, daß alle Ätheralisten nur Produkte der Einbildungskraft sind. Sie behaupten nämlich, daß keine Nahrung nötig sei, und sie essen auch nicht. Aber jeder von uns, der wenigstens mit einer ganz rudimentären Intelligenz ausgestattet ist, muß doch zugeben, daß Nahrung nötig ist für Kreaturen, die wirklich existieren.«
»Ja, natürlich«, pflichtete ihm Carthoris bei. »Ich weiß das recht genau, denn ich habe heute noch keinen Happen gegessen.«
»Oh, verzeih bitte!« rief Jav. »Bitte, nimm doch Platz und stille deinen Hunger!« Mit einer auffordernden Handbewegung wies er auf einen üppig beladenen Tisch hin, der in dem Augenblick, als er sprach, noch nicht dagestanden hatte. Das hätte Carthoris beschwören mögen, denn er hatte sich recht genau im Raum umgesehen. »Du hast Glück gehabt, daß du nicht in die Hände der Ätheralisten gefallen bist«, fuhr Jav fort. »Da hättest du nämlich hungern müssen.«
»Aber das ist doch keine echte Nahrung!« rief Carthoris. »Der Tisch stand vor einem Augenblick noch nicht da, und richtige, echte Nahrung materialisiert sich nicht aus der leeren Luft heraus.«
Jav sah sehr gekränkt drein.
»In Lothar gibt es keine echte Nahrung und kein echtes Wasser«, erklärte er. »Seit unendlichen Zeiten gibt es das nicht mehr. Von dem, was du hier siehst, existieren wir seit grauer Vorzeit. Und du kannst ebenso gut davon existieren wie wir.«
»Und ich dachte, doch, du hättest vorher behauptet, ein Realist zu sein?« rief Carthoris.
»Aber«, rief Jav. »was kann denn noch wirklicher sein, als diese üppige Mahlzeit hier? Siehst du, darin liegt der Unterschied zwischen uns Realisten und den Ätheralisten. Sie behaupten, es sei völlig unnötig, sich Nahrung vorzustellen, aber wir haben gefunden, daß es zur Erhaltung des Lebens nötig ist, dreimal am Tag eine herzhafte Mahlzeit zu sich zu nehmen.
Die Nahrung, die man zu sich nimmt, wird während des Verdauungsprozesses gewissen chemischen Veränderungen unterworfen. Sie wird in ihre Bestandteile aufgespalten, und das Ergebnis davon ist die Erhaltung und Neubildung von Gewebe.
Nun wissen wir aber, daß der Geist alles ist. Natürlich gehen die Interpretationen über seine verschiedenen Manifestationen ein wenig auseinander. Tario ist der Meinung, so etwas wie Substanz gebe es nicht. Alles sei nur eine Schöpfung des substanzlosen Gehirns.
Wir Realisten wissen das jedoch besser. Wir wissen zum Beispiel, daß der Geist die Fähigkeit hat. Substanz zu erhalten, wenn er sie auch nicht schaffen kann. Nun, letzteres ist vermutlich noch eine recht offene Frage. Wir wissen daher auch, daß wir zu Erhaltung unserer physischen Körper dafür sorgen müssen, daß alle Organe so funktionieren, wie sie sollen.
Das erreichen wir durch eine Materialisierung der Essens-Gedanken und dadurch, daß wir die damit geschaffene Nahrung auch zu uns nehmen. Wir kauen, wir schlucken, wir verdauen.
Alle unsere Organe funktionieren genauso, als hätten wir eine echte Mahlzeit zu uns genommen. Und was ist das Ergebnis?
Es kann kein anderes geben… Die chemischen Veränderungen werden vollzogen durch direkte und indirekte Suggestion, und wir leben und erhalten uns auch am Leben.«
Carthoris musterte mißtrauisch die vor ihm stehende Mahlzeit.
Sie schien sehr echt zu sein. Er hob ein Stückchen davon an seine Lippen. Es hatte tatsächlich Substanz. Und Geschmack! Jawohl, auch sein Gaumen ließ sich täuschen und davon überzeugen.