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Carthoris setzte zu einer Antwort an, als der schwache Hilfeschrei einer Frau an seine Ohren drang.

Mit einer kraftvollen Handbewegung schob der Prinz von Helium den Lotharianer zur Seite, und mit gezogenem Schwert rannte er in den Korridor hinaus.

8

Die Halle des Verhängnisses

Als Thuvia von Ptarth sah, daß Carthoris sie mit dem Mann Tario allein ließ, bekam sie plötzlich schreckliche Angst.

Der prächtige Saal war in sich schon ein Geheimnis. Die Möbel und die ganze Ausstattung sprachen von Reichtum und Kultur, und man konnte annehmen, daß dieser Saal oft genug der Schauplatz prächtigster königlicher Funktionen war, für die er auch geschaffen schien.

Und doch war nirgends, weder hier noch im Vorzimmer, auch nur das geringste Zeichen dafür zu finden, daß noch ein anderes Lebewesen in der Nähe weilte. Der Jeddak von Lothar lehnte mit halbgeschlossenen Augen auf seiner mit kostbaren Seiden und Fellen geschmückten Couch und musterte sie.

Das dauerte ziemlich lange, aber schließlich sprach er doch.

»Komm näher«, befahl er, und sie gehorchte. »Wessen Kreatur bist du? Wer hat es gewagt, seine Vorstellung einer Frau zu materialisieren? Das widerspricht den Sitten und dem königlichen Edikt von Lothar. Sag mir, Frau, aus welchem Gehirn bist du entsprungen? Aus dem Javs? Nein, leugne es nicht. Er kann es nicht lassen, mich versuchen zu wollen. So etwas kann nur einem neidigen Realisten einfallen. Er hätte es nur allzu gern, wenn ich deinen Reizen zum Opfer fiele, denn dann würde nämlich er, dein Meister, mein Geschick bestimmen – und mein Ende. Ich sehe alles ganz genau!«

Über Thuvias Gesicht war eine rote Welle des Zorns über soviel Würdelosigkeit gegangen. Sie hab ihr Kinn, und um ihren schönen Mund lag ein hochmütiger Zug.

»Ich weiß nichts!« rief sie. »Gar nichts weiß ich von dem, was du da andeutest! Ich bin Thuvia, Prinzessin von Ptarth. Ich bin keines Mannes Kreatur. Von dem heutigen Tag habe ich den Mann, den du Jav nennst, nicht einmal gesehen, auch nicht deine lächerliche Stadt, von der keine Nation auf Barsoom etwas weiß oder auch nur ahnt.

Und meine Reize sind nicht für dich bestimmt, merk dir das.

Auch nicht für Deinesgleichen. Sie sind nicht zu kaufen oder zu verschachern, auch dann nicht, wenn der Preis ein richtiger Thron wäre. Und daß ich sie benützen könnte, um deine mehr als dürftige, unnütze Macht an mich zu reißen…« Sie vollendete den Satz nicht, zuckte aber vielsagend ihre schönen Achseln und lachte verächtlich dazu.

Tario saß nun am Rand seiner Couch, hatte die Füße auf dem Boden und starrte sie an. Er beugte sich vorwärts, und seine Augen wirkten jetzt gar nicht mehr verschlafen, sondern verblüfft und höchst verwundert.

Die Hoheit ihrer Worte und ihrer Haltung schien er nicht zu bemerken. Sie schien etwas viel Zwingenderes und Erstaunlicheres an sich zu haben.

Dann stand er langsam auf.

»Bei den Fängen Komals!« murmelte er.» Aber du bist ja echt!

Du bist eine echte, lebendige Frau aus Fleisch und Blut! Kein Traum! Keine närrische und eitle Ausgeburt eines Geistes!«

Mit ausgestreckten Händen ging er auf sie zu.

»Komm«, flüsterte er. »Komm, Frau! Seit unzähligen Jahren habe ich davon geträumt, daß du eines Tages doch noch kommen würdest. Und jetzt bist du hier, und kaum wage ich dem Zeugnis meiner Augen zu trauen. Selbst jetzt fürchte ich noch, daß du doch nur ein Traum, ein Fantasiegebilde bist, und ich weiß doch, daß ich dich sehe.«

Thuvia wich zurück. Sie hielt den Mann für total verrückt.

Ihre Hand stahl sich vorsichtig zum juwelenbesetzten Griff ihres Dolches. Der Mann sah die Bewegung und schwieg. Ein schlauer Ausdruck kam in seine Augen. Dann wurden sie wieder träumerisch, dann durchdringend, und nun bohrten sie sich in das Gehirn des Mädchens.

Thuvia spürte plötzlich, wie in ihr eine Veränderung vorging.

Sie wußte nicht, was der Grund dafür war. Doch der Mann vor ihr schien eine neue Beziehung zu ihr herzustellen.

Sie war keine fremdartige und geheimnisvolle Feindin mehr, sondern eine alte, vertraute Freundin. Ihre Hand glitt vom Dolchgriff ab. Tario näherte sich ihr. Er sprach sanfte, freundliche Worte, und sie antwortete ihm mit einer Stimme, welche die ihre und doch nicht die ihre war.

Nun stand er neben ihr. Seine Hand lag auf ihrer Schulter. Seine Augen versuchten sich in die ihren zu versenken. Sie schaute auf und sah in sein Gesicht. Sein Blick bohrte sich in sie hinein, als suche er eine in ihr verborgene Gefühlsquelle, um sie sprudeln zu machen. Ihre Lippen öffneten sich in verwundertem Staunen über die Enthüllung ihres innersten Selbst, das nun offen vor ihrem Bewußtsein lag. Sie hatte Tario schon seit ewigen Zeiten gekannt. Er war für sie mehr als ein Freund. Sie rückte ein wenig näher an ihn heran. Und nun schien eine Lichtflut über sie hereinzubrechen, die zugleich die Wahrheit war – sie liebte Tario.

Jeddak von Lothar! Und sie hatte ihn schon immer geliebt.

Der Mann sah den Erfolg seiner Strategie und konnte ein kleines Lächeln der Befriedigung nicht unterdrücken. Und dann zerteilte jemand oder etwas plötzlich den seltsamen Zauber, der von dem Mann ausging. Ob es irgend etwas in seiner Miene war, oder ob von Carthoris von Helium, der in einem anderen Raum des Palastes weilte, eine viel stärkere Gedankenflut anrollte, läßt sich wohl kaum mehr sagen.

Mit einem Mal sah Thuvia den Jeddak Tario so, wie sie ihn vorher gesehen hatte. Es war so, als sei ihr eine Binde von den Augen gerissen worden. Selbstverständlich war sie vertraut mit den hochentwickelten Seelenkräften und ihren Manifestationen, die auf Barsoom ja nichts Ungewöhnliches waren, und deshalb begriff sie auch sofort die volle Wahrheit: sie befand sich in großer Gefahr.

Rasch trat sie einen Schritt zurück und riß sich aus seinem Griff los. Aber der nur flüchtige Kontakt hatte in Tario alle Leidenschaften einer liebeleeren Existenz geweckt.

Mit einem gedämpften Schrei sprang er sie an, warf seine Arme um sie und versuchte seinen Mund auf den ihren zu pressen.

»Weib!« schrie er. »Wunderschönes Weib! Tario wird dich zur Königin von Lothar machen. Hör mir zu! Lausche den Liebesschwüren des letzten Jeddaks von Barsoom!«

Thuvia kämpfte erbittert, um sich aus seiner Umarmung zu befreien.

»Aufhören, du Kreatur!« rief sie. »Aufhören! Ich liebe dich nicht Laß mich los, sonst schreie ich um Hilfe!«

Tario lachte schallend dazu.

»Nun, dann schrei doch um Hilfe«, spottete er. »Und wer in ganz Lothar ist da, der dich hören wird und dir zu Hilfe eilt? Wer würde es wagen, unberufen zu Tario vorzudringen?«

»Einen gibt es«, erwiderte sie. »Einer wird kommen! Und er wird es sogar wagen, dich in deinem eigenen Thronsaal zu züchtigen, wenn er glauben muß, daß du Thuvia von Ptarth beleidigt hast!«

»Wer denn? Jav?« fragte Tario lachend.

»Nein, nicht Jav und auch kein anderer weichhäutiger Lotharianer«, erwiderte sie. »Ein richtiger Mann, ein echter Krieger – Carthoris von Helium!«

Tario lachte schallend.

»Du vergißt ganz die Bogenschützen«, erinnerte er sie. »Was kann der Rote Krieger schon gegen meine furchtlosen Legionen ausrichten?«

Damit riß er sie recht grob an sich und versuchte sie zu seiner Couch zu zerren.

»Wenn du nicht meine Königin sein willst, dann wirst du meine Sklavin werden!« drohte er ihr.

»Nichts von beiden!« schrie das Mädchen.

Dazu machte sie eine rasche kleine Bewegung mit ihrer rechten Hand: Tario gab sie frei, taumelte zurück und preßte beide Hände an seine Seite. Im gleichen Moment füllte sich der Saal mit Bogenschützen, und dann sank der Jeddak von Lothar bewußtlos auf den Marmorboden.

In dem Moment, als der Jeddak zu Boden fiel, waren die Bogenschützen gerade dabei, ihre Pfeile abzuschießen und sie in Thuvias Herz zu schicken. Unwillkürlich tat sie einen lauten Hilfeschrei, obwohl sie annehmen mußte, daß nicht einmal Carthoris von Helium sie jetzt mehr zu retten vermochte.