Dann schloß sie die Augen und wartete auf den Tod. Doch kein schlanker Pfeil bohrte sich in ihre zarte Brust. Sie schlug die Augen auf um zu sehen, welche Macht die Hände ihrer Henker aufgehalten hatte.
Der Raum war leer. Außer ihr und der bewegungslos am Boden liegenden Gestalt des Jeddaks von Lothar war niemand da.
Eine kleine Blutpfütze hatte sich auf dem weißen Marmorboden gebildet. Tario war bewußtlos.
Bestürzt fragte sich Thuvia, wo die Bogenschützen wohl sein mochten. Warum hatten sie ihre Pfeile nicht abgeschossen? Was hatte das alles zu bedeuten?
Noch vor einem Augenblick war der Saal auf geheimnisvolle Weise mit bewaffneten Männern angefüllt gewesen, die offensichtlich zum Schutz ihres Jeddaks gerufen worden waren.
Und jetzt, da doch ihre Tat offenkundig war, hatten sich alle ebenso plötzlich verflüchtigt, wie sie gekommen waren. Und sie war nun allein mit der Leiche des Herrschers dieser Leute, dem sie ihren langen, scharfen Dolch in die Seite gestoßen hatte.
Das Mädchen sah sich mit zwiespältigen Gefühlen um.
Waren etwa die Bogenschützen zurückgekehrt? Oder gab es hier irgendeine Fluchtmöglichkeit?
Die Wand hinter der Throncouch wies zwei kleine Durchgänge auf, die mit schweren Wandbehängen bedeckt waren. Auf einen dieser Ausgänge lief Thuvia eiligst zu, als sie am anderen Ende des Saales das Klirren von Metall hörte.
Wenn sie nur einen Augenblick länger Zeit gehabt hätte! Dann wäre es ihr leicht möglich gewesen, die schützenden Behänge zu erreichen und vielleicht einen Fluchtweg dahinter zu finden. Jetzt war es zu spät. Man hatte sie entdeckt.
Mit einem Gefühl, das einer Apathie verdächtig nahe kam, wandte sie sich um, damit sie sich ihrem Schicksal stellte. Aber es war Carthoris, der mit blankem Langschwert durch den langen Saal zu ihrer Hilfe herbeieilte.
Tagelang hatte sie an den ehrenhaften Absichten des Prinzen von Helium gezweifelt. Sie hatte geglaubt, er sei an ihrer Entführung beteiligt gewesen. Seit das Schicksal sie zusammen-geworfen hatte, war sie kalt und abweisend zu ihm gewesen und hatte seine Fragen ziemlich einsilbig und kalt beantwortet. Nur ein paarmal war es anders gewesen – als die merkwürdigen und spuk-haften Begebnisse in Lothar sie aus ihrer Reserve herauslockten.
Sie wußte, daß Carthoris von Helium für sie kämpfen würde: ob er das tun würde, um sie für sich selbst oder für einen anderen Mann zu retten, wußte sie allerdings nicht.
Sie hatte ihm ja erklärt, daß sie Kulan Tith, Jeddak von Kaol, versprochen war, aber falls er an ihrer Entführung teilgenommen hatte, konnten seine Gefühle und Motive nicht von Rücksichtnahme oder Treue seinem Freund gegenüber bestimmt sein, und ihre Ehre bedeutete ihm dann wohl wenig.
Und doch… Sie sah ihn über den Marmorboden des Thronsaales von Lothar eilen, und in seinen ehrlichen Augen las sie die Sorge um ihre Sicherheit. Seine herrliche Gestalt personifizierte alles Gute und Edle in den kämpferischen Männern des kriegerischen Mars, und sie konnte es einfach nicht glauben, daß sich in einem so großartigen, herrlichen Körper ein perfider Geist verstecken könnte.
Offen mußte sie vor sich selbst zugeben, daß ihr noch nie im Leben der Anblick eines Mannes so angenehm gewesen war wie der seine. Es kostete sie alle Mühe, ihm nicht entgegenzulaufen und sich an seine Brust zu werfen.
Sie wußte, daß er sie liebte. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, daß sie ja Kulan Tith versprochen war. Sie durfte dem jungen Prinzen ganz gewiß keine zu große Dankbarkeit zeigen, denn er hätte sie mißverstehen können.
Carthoris stand dann an ihrer Seite. Mit einem raschen Blick hatte er die Szene in sich aufgenommen – die auf dem Boden liegende bewegungslose Gestalt des Jeddaks, das Mädchen, das einen verdeckten Ausgang zu erreichen versuchte.
»Hat er dir etwas zuleide getan, Thuvia?« fragte Carthoris.
Sie hielt den vom Blut roten Dolch in die Höhe, damit er ihn sehen konnte.
»Nein«, sagte sie. »Er hat mir nichts zuleide getan.«
Carthoris lächelte grimmig. »Gepriesen sei unser erster Ahnherr«, murmelte er. »Und jetzt laß uns sehen, ob wir nicht aus dieser verfluchten Stadt Lothar fliehen können, ehe die Leute hier entdecken, daß ihr Jeddak tot ist.«
Mit jener sicheren Bestimmtheit, die ihm so gut anstand, weil in seinen Adern das Blut John Carters aus Virginia und das der Dejah Thoris aus Helium floß, griff er nach ihrer Hand und zog Thuvia mit sich zur großen Tür, durch die Jav sie beide vor kurzem vor den Jeddak geführt hatte.
Fast hatten sie diese Tür schon erreicht, als durch einen anderen Eingang eine Gestalt sprang. Es war Jav. Auch er überschaute die Szene mit einem einzigen Blick.
Carthoris drehte sich zu ihm um. Sein Schwert lag stoßbereit in seiner Hand, und mit seinem großen Leib schirmte er die schlanke Mädchengestalt ab.
»Komm her, Jav von Lothar!« rief er ihm zu. »Wir wollen es gleich hinter uns bringen, denn nur einer von uns beiden verläßt diesen Saal lebend mit Thuvia von Ptarth.« Er sah aber, daß der Mann kein Schwert hatte. »Nun, so bring doch deine Bogenschützen an! Oder komm als mein Gefangener mit mir, bis wir die Tore eurer geisterhaften Stadt passiert haben!«
»Du hast Tario getötet!« rief Jav, ohne auf die Herausforderung des Prinzen zu hören. »Du hast Tario getötet! Ich sehe sein Blut auf dem Boden. Wirkliches Blut. Und es ist ein echter Tod. Dann war also Tario ebenso echt wie ich es bin. Und doch war er ein Ätheralist… Er wollte seine Nahrung nicht materialisieren…
Ist es möglich, daß solche Leute echt sind? Nun, wir sind es jedenfalls, wir Realisten. Und die ganze Zeit hindurch haben wir gestritten, weil wir uns nicht darüber einig werden konnten, wer recht hat! Jeder von uns sagte, der andere habe unrecht…
Nun ja, jedenfalls ist er jetzt tot. Eigentlich bin ich recht froh darüber. Jetzt kommt endlich Jav an die Reihe. Nun wird Jav der Jeddak von Lothar!«
Aber Jav hatte noch nicht recht zu reden aufgehört, als Tario die Augen öffnete und sich aufsetzte.
»Verräter! Mörder!« schrie er. »Kadar! Kadar!« Ein Kadar ist ein Leibwächter auf Barsoom.
Jav wurde kreidebleich. Er ließ sich auf den Boden fallen und kroch auf dem Bauch zu seinem Jeddak.
»Oh, mein Jeddak, mein Jeddak!« winselte er. »Jav hat keine Hand in diesem Spiel! Jav ist dein treuester Diener, der in diesem Augenblick deinen Thronsaal betrat, dich auf dem Boden liegend vorfand und die beiden Fremden dabei erwischte, als sie zu flüchten versuchten. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, mein Jeddak. Glaub mir, glorreicher Tario, größter und letzter aller Jeddaks!«
»Halt den Mund, du elender Verräter«, fuhr ihn Tario an. »Ich hörte doch deine Worte, du Lügner. Du hast gesagt: ›Nun ja, jedenfalls ist er jetzt tot. Eigentlich bin ich recht froh darüber.
Jetzt kommt endlich Jav an die Reihe. Nun wird Jav der Jeddak von Lothar‹
Endlich habe ich dich entlarvt, du Lügner und Verräter. Deine eigenen Worte haben dich verdammt. Und nicht nur dich, sondern auch diese beiden rothäutigen Kreaturen, wenn nicht…« Er machte eine Pause und leckte sich die Lippen. »Wenn nicht die Frau…«
Weiter kam er nicht. Carthoris wußte genau, was er gesagt hätte, und ehe er diese Worte noch aussprechen konnte, hatte er schon dem Jeddak von Lothar eine ganz gewaltige Ohrfeige versetzt.
Tario schäumte vor Wut.
»Und solltest du die Prinzessin von Ptarth noch einmal beleidigen«, warnte der Prinz von Helium, »dann werde ich vergessen, daß du kein Schwert trägst. Mich juckt nämlich jetzt schon meine Schwerthand, und ich weiß nicht recht, wie lange ich sie noch beruhigen kann.«
Tario zog sich langsam zu den kleinen Ausgängen hinter der Estrade zurück. Er versuchte etwas zu sagen, aber seine Gesichtsmuskeln zuckten derart schrecklich, daß er einige Minuten lang kein Wort herausbrachte. Dann stotterte er erst noch eine ganze Weile.
»Stirb!« schrie er endlich. »Stirb!« Und dann drehte er sich zu den Ausgängen um.