Verwirrt und erschöpft verließ Timm nach geschlagenen zwei Stunden diesen Alptraum eines Marktes, dieses Prahlen, Schreien und Drängen, das den Baron so entzückte, diesen Riesenbauch einer Stadt mit ungeheurem Appetit.
Auf ein Zeichen des Barons kam das Auto vorgefahren. Diesmal hatte es nur vier Türen und schwarze Polster. Lefuet befahl dem Fahrer, zum byzantinischen Museum zu fahren. Zu Timm sagte er: „Es wird Ihnen dort gefallen, Herr Thaler. Aber ich verrate Ihnen nicht, warum.“
Timm war nicht im geringsten neugierig auf dieses Warum. Er war ganz einfach erschöpft und hungrig. Aber er sagte kein Wort darüber. Er wollte sich so selten wie möglich schwach zeigen gegenüber diesem seltsamen Händler, der sein Lachen gekauft hatte. Deshalb ließ er sich auch brav in das byzantinische Museum schleppen.
Die Bilder, vor die der Baron den Jungen führte, waren sogenannte Ikonen. Sie wurden, so erklärte Lefuet ihm, hauptsächlich von Mönchen gemalt, die viele hundert Jahre lang nach immer den gleichen strengen Regeln malten.
Timm merkte bald, warum der Baron ihn hierhergeführt hatte.
Die Gesichter der Ikonen mit den großen starren Augen und den langen Nasen, die das Oval der Gesichter in zwei gleiche Hälften teilten, waren Gesichter ohne Lächeln. Sie glichen darin den blassen holländischen Gesichtem des Palazzo Candido in Neapel. Timm fand sie schrecklich. Als Lefuet ihn längere Zeit vor einem Bild des Heiligen Georg festhielt, einer düsteren Felsszenerie in Olivgrün, in der der Heilige von einem blutroten Mantel umwallt wird, murmelte er den Spruch Jonnys vor sich hin: „Lehre mich lachen, rette meine Seele!“
Und es war merkwürdig: Durch die Erinnerung an Jonny sah Timm plötzlich die Bilder mit anderen Augen an. Plötzlich sah er, daß die malenden Mönche all das, was sie den Menschen auf ihren Bildern vorenthielten, dem Tier und der Pflanze gestatteten, nämlich zu blühen, zu lächeln und zu leben. Während Lefuet von der heiligen Disziplin der Ikonenmaler schwärmte, entdeckte Timm im rankenden Beiwerk der Tafeln grinsende Hündchen, zwinkernde Greife, lustige Vögel und lachende Lilien. Und wieder fiel ihm ein Spruch ein, diesmal aus dem Hamburger Marionettentheater: „Das Lachen unterscheidet Mensch und Tier.“ Nur war es hier umgekehrt wie in dem Marionettentheater: Hier lachte das Tier, und der Mensch starrte streng und erbarmungslos in eine Welt ohne Paradies.
Im ersten Stock des Museums unterhielt Lefuet sich eine Weile mit dem Direktor, den man vom Besuch des reichen Barons benachrichtigt hatte. Timm trat währenddessen durch eine offene Flügeltür auf einen kleinen Balkon hinaus. Von dort aus sah er unter sich ein kleines Mädchen, das mit einem Zweig Linien in den harten Boden des Vorplatzes zog und sie dann mit bunten Steinchen auslegte. Anscheinend war sie vorher im Mosaiksaal gewesen und fertigte nun auf ihre Weise ein Mosaik an. Es schien eine Art Ikonengesicht zu werden, aber der Mund war ein nach oben gebogener Halbkreis: Er lachte.
Doch gerade als das Mädchen bedächtig ein grünes Auge einsetzte, kam ein Junge, blickte mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf das fast fertige Bild und fuhr mit der Schuhspitze hinein. Das Gesicht war zerstört, das Mädchen sah erschrocken den barbarischen Jungen an, und plötzlich sprangen dicke Tränen aus ihren Augen. Dann las sie schluchzend und demütig die Steinchen wieder zusammen. Der Junge stand mit den Händen in den Hosentaschen daneben, männliche Verachtung im Blick.
Timm war wütend über den Knaben. Er wollte hinunterlaufen und dem Mädchen beistehen. Aber als er sich heftig umwandte, stellte sich der Baron vor ihn, der die Szene offenbar ebenfalls beobachtet hatte.
„Mischen Sie sich nicht ein, Herr Thaler“, sagte er lächelnd. „Es ist gewiß bedauerlich, was dieser Knabe getan hat. Aber so geht es in der Welt. Mit derselben Barbarei wie dieser Junge zertrampeln rohe Soldatenstiefel die wohlausgewogenen Werke eines feinen Kunst Verstandes; aber wenn der Krieg vorbei ist, genehmigen dieselben Barbaren mit heruntergezogenen Mundwinkeln Zuschüsse für die Wiederherstellung des Zerstörten. Und daran verdienen wir. Unsere Firma hat nach dem Krieg in Mazedonien mehr als dreißig Kirchen restauriert. Unser Verdienst belief sich auf etwas über eine Million Drachmen.“
Timm murmelte, als ob er einen eingelernten Satz plappere: „Ich will mir’s merken, Baron. Aber jetzt“, fügte er hinzu, „möchte ich essen gehen.“
„Ein ausgezeichneter Gedanke“, lachte Lefuet. „Ich kenne ein vorzügliches Gartenrestaurant.“
Ohne die Bilder an den Wänden oder die Kinder auf dem Vorplatz noch eines Blickes zu würdigen, schritt der Baron zu seinem Auto vor dem Tor des Museums. Timm ging stumm neben ihm her.
Im Gartenrestaurant, das zu Timms Erstaunen gar nicht so fein war, wie Lefuet es sonst liebte, wurden sie vom Besitzer, vom Direktor und vom Oberkellner begrüßt. Der Baron sprach Griechisch, aber mit Timm redete er Deutsch. Man geleitete sie an einen Ecktisch, legte ein blütenweißes Tischtuch für sie auf, stellte Blumen darauf und holte aus dem Hause ein kleineres Tischchen zum Anrichten. Alle Gäste im Restaurant verfolgten diese Vorbereitungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Manche tuschelten miteinander und zeigten dabei verstohlen auf Timm.
„Steht mein Bild hier etwa auch in den Zeitungen?“ fragte Timm flüsternd.
„Selbstverständlich“, erwiderte der Baron unbekümmert laut. „In Griechenland, Herr Thaler, bewundert man nichts so sehr wie Reichtum; denn es ist ein armes Land. Für unsereins ist Griechenland ein Paradies. Selbst dieses mittelgute Lokal wird uns ein Mittagessen servieren, das man bedenkenlos einem König vorsetzen könnte. Man erweist dem Reichtum majestätische Ehren. Deshalb liebe ich Griechenland so sehr.“
Lefuet hätte zu Timms Unbehagen sicher noch länger in diesem Tone gesprochen, wenn nicht ein Kellner gekommen wäre, der ihm etwas ins Ohr flüsterte.
„Ich werde am Telefon verlangt. Man kennt mein Lieblingsrestaurant bereits“, sagte er zu Timm. „Entschuldigen Sie mich.“ Er stand auf und folgte dem Kellner ins Haus.
Timm beobachtete jetzt einen Tisch schräg vor sich, den einzigen Tisch, von dem aus man nicht ständig auf ihn starrte. Er sah dort zwei Familien zu. Die eine bestand aus einer sehr fülligen schwarzhaarigen Mama mit einem Schönheitsfleck auf der Wange und zwei Töchtern, von denen die eine etwa fünf, die andere zwei Jahre alt sein mochte. Die andere Familie, die neben dem Tisch unter einem Oleanderbusch tobte, bestand aus einer großen grauen Katzenmama mit drei Kätzchen, zwei schwarzen und einer grauen.
Die griechische Mama war sehr nervös, und die Katzenmama war es auch. Als das kleinere griechische Töchterchen in ein Blumenbeet fiel, sich beschmutzte und Blätter aß, bekam es böse Prügel von der Mama mit dem Schönheitsfleck. Sie schlug das Kind mit der flachen Hand immer wieder heftig auf Wangen, Mund und Nase. Die Kleine heulte herzzerbrechend, und alsbald klatschte die volle flache Hand abermals in das tränennasse Kindergesichtchen.
Die Katzenmama benahm sich nicht anders. Immer, wenn ein Kleines sich ihr näherte oder auf ihren Schwanz sprang, fauchte sie ärgerlich. Eines der schwarzen Kätzchen verfolgte sie mit besonderem Grimm. Als es greinend miaute, gab sie ihm einen heftigen Pfotenschlag, wenn auch mit eingezogenen Krallen, sozusagen mit der flachen Hand. Als das Kleine ihr trotzdem näherzukommen versuchte, schlug die Pfote erneut zu. Katzengreinen und Kinderweinen vermengten sich.
Timm wandte schließlich den Blick ab. Er konnte es nicht mehr mit ansehen. Gerade in diesem Augenblick kam der Baron zurück. Und wieder einmal schien er dasselbe wie Timm beobachtet und die Gedanken des Jungen erraten zu haben. Während er sich setzte, sagte er: „Sie sehen, Herr Thaler, daß der Unterschied zwischen Menschen und Tieren nicht groß ist; er ist sozusagen kaum wahrnehmbar.“
„Ich habe über diesen Unterschied jetzt schon drei Meinungen kennengelemt“, sagte Timm leicht verwirrt. „In einem Hamburger Theater hieß es, das Lachen unterscheidet Mensch und Tier, und es war damit gemeint, daß nur der Mensch lachen kann; auf den Bildern im Museum war es aber umgekehrt, da lachten die Tiere und niemals ein Mensch; und Sie, Baron, erzählen mir jetzt, daß es überhaupt keinen Unterschied gibt zwischen Mensch und Tier.“