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„Nichts auf der Welt ist so einfach, daß man es mit einem Satz erklären könnte“, antwortete Lefuet. „Und was das Lachen für den Menschen bedeutet, das, mein lieber Herr Thaler, weiß überhaupt niemand genau.“

Timm erinnerte sich plötzlich an eine Bemerkung Jonnys und wiederholte sie halb für sich, aber laut genug, daß der Baron sie verstehen konnte: „Lachen ist Freiheit nach innen.“

Die Wirkung dieses Satzes auf Lefuet war merkwürdig: Er stampfte mit dem Fuß auf und rief: „Das hat dir der Steuermann gesagt!“

Timm sah ihn verwundert an, und plötzlich wußte dieser Junge von vierzehn Jahren, dieses halbe Kind, warum der Baron ihm sein Lachen abgekauft hatte und warum sich der düstere karierte Herr vom Rennplatz so sehr von dem jetzigen Baron Lefuet unterschied. Er war ein freierer Mann geworden; und es machte ihn wütend, daß Timm das entdeckt hatte.

Übrigens hatte der Baron sich wie üblich sofort wieder in der Gewalt, und mit glatter Liebenswürdigkeit wechselte er das Thema. Er sagte: „Die Lage auf dem Buttermarkt, Herr Thaler, ist für uns gefährlich geworden. Ich muß mit den leitenden Herren unserer Firma schon morgen Maßnahmen beraten. Solche Beratungen pflegen auf meinem Schloß in Mesopotamien stattzufinden, und ich erwarte, daß Sie mich dorthin begleiten. Was Sie in Athen noch kennenlemen müssen, zeige ich Ihnen später einmal.“

„Wie Sie wünschen“, sagte Timm scheinbar gleichgültig. In Wirklichkeit wünschte er nichts sehnlicher, als diesen geheimnisvollen Ort kennenzulemen, an dem der Baron in seinem Schlupfwinkel saß wie die Spinne im Beobachtungsposten ihres Netzes.

Lefuet aber verließ Athen ungern. Als das Essen aufgetragen wurde, seufzte er: „Für diesmal die letzte Mahlzeit in diesem gesegneten Lande. Guten Appetit! “

DRITTES BUCH. IRRWEGE

Lachen ist keine Handelsware wie Margarine Wer damit handelt, handelt irrig.

Selek Bei

Einundzwanzigster Bogen. Das Schloß in Mesopotamien

Timm saß zum zweitenmal in dem kleinen zweimotorigen Privatflugzeug der Baron-Lefuet-Gesellschaft. Sie waren im Morgengrauen gestartet, und der Junge konnte von seinem Fenster aus Meer und Himmel kaum unterscheiden. Aber plötzlich sah er schräg unter sich hinter einem kleinen dunklen Inselbuckel den Sonnenball. Es war, als sei die Sonne aus dem Meer gehüpft, so schnell war sie mit einem Male da.

„Wir fliegen ostwärts, der Sonne entgegen“, erklärte Lefuet. „In Athen wird man noch eine Weile warten müssen, ehe sie aufgeht. Meine Schloßbedienten beten die Sonne an. Esch Scherns wird sie genannt.“

„Ich dachte, Ihre Bedienten beten den Teufel an“, sagte Timm.

„Gewiß, sie verehren Scheitan als den Herrn der Welt, nicht aber als den Herrn des Himmels.“

Der Junge wollte wieder „aha“ sagen, erinnerte sich aber daran, daß er mit diesem gleichmütigen Wort schon einmal den Unwillen des Barons erregt hatte. Deshalb sagte er gar nichts, sondern sah schweigend hinunter auf das Meer, dessen bleiernes Grau sich ungewöhnlich rasch aufhellte, bis es zu einem gläsernen Grün geworden war.

Timm fürchtete sich nicht in der Luft, aber er freute sich auch nicht über den Flug. Er staunte nicht einmal. Wer nicht lachen kann, der kann auch nicht staunen.

Der Baron erklärte ihm jetzt „die Lage auf dem Buttermarkt“, die Timm herzlich gleichgültig war. Immerhin begriff er, daß die Firma mit mehreren großen Molkerei-Genossenschaften verzankt war und daß eine andere Firma in Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland und Holland bessere und billigere Butter verkaufte als Lefuet. Aus diesem Grunde flogen sie jetzt zu dem Schloß in Mesopotamien. Dort wollte der Baron „die Sachlage klären“ und „Maßnahmen ergreifen“. Zwei andere Herren waren jetzt ebenfalls im Flugzeug unterwegs zu dem Schloß. Der eine Herr, ein Mister Penny, kam aus London, der andere, Senhor van der Tholen, aus Lissabon.

Als das Flugzeug bereits die kahlen Hochflächen Anatoliens überflog, sprach der Baron immer noch von Buttersorten und Butterpreisen. Dabei redete er von „Verkaufsfront“, „Konsumenten-Etappe“ und „angriffiger Werbekampagne“, als sei er ein General, der eine Schlacht gewinnen müsse.

Um auch irgend etwas dazu zu sagen, bemerkte Timm, als der Baron eine Pause machte: „Bei uns zu Hause gab es immer nur Margarine.“

„Margarine ist kein Geschäft und als Brotaufstrich eine Zumutung“, brummte Lefuet.

„Sie wurde aber nicht nur aufs Brot geschmiert“, berichtigte Timm. „Bei uns wurde damit auch gebacken, gebraten und gesotten.“

Jetzt wurde der Baron aufmerksam. „Für Sie war die Margarine also Schmalz, öl, Backfett und Butter in einem, wie?“

Timm nickte. „Ich glaube, allein in unserer Gasse wurde jeden Tag mindestens ein Zentner Margarine verbraucht.“

„Das ist interessant“, murmelte Lefuet. „Das ist hochinteressant, Herr Thaler! Ausweichmanöver mit Margarine und Geländegewinn auf dem Buttermarkt. Das ist beinah genial. Aber wie?“

Der Baron versank in Nachdenken, er schien auf seinem Sitz förmlich in sich zusammenzusinken. Und das war Timm lieb; denn unter sich sah er in den Falten des Gebirges aus verschiedenen Richtungen Eselkarawanen ziehen, die alle einem Punkt zustrebten, anscheinend einem Ort, an dem Markttag war. Der Pilot flog des Jungen wegen sehr niedrig, und so konnte Timm auch die Eseltreiber und -treiberinnen ziemlich deutlich erkennen. Da er die Gesichter nur als helle Scheiben mit oder ohne Schnauzbart sah, beurteilte er die Leute da unten nach ihrer Kleidung, und die war für seine Augen so absonderlich, daß diese Menschen ihm vorkamen wie seltsame fremde Tiere, die man in zoologischen Gärten sieht. Natürlich war das großer Unsinn; denn wenn die Leute da unten frisiert und gekleidet gewesen wären wie zum Beispiel die Leute in Timms Geburtsstadt, hätte der Junge nichts Absonderliches an ihnen gefunden außer vielleicht ihre etwas dunklere Hautfärbung. Aber bei einem vierzehnjährigen Jungen, der unvorbereitet in ferne Länder entführt wird, ist eine unrichtige Meinung über nie zuvor gesehene Völkerstämme begreiflich und erklärlich. Im übrigen sollte Timm sehr bald am Beispiel Selek Beis lernen, neue Bekannte und andere Völker nicht vorschnell zu beurteilen.

Dieser Selek Bei kam aus einem Olivenwäldchen herausgeritten, als das Flugzeug in einem hochgelegenen flachen Tal gelandet und Timm als erster ausgestiegen war. Lefuet begrüßte ihn ungewöhnlich höflich auf arabisch. Unter dem Verbeugen flüsterte er dem Jungen zu: „Er ist ein großer Kaufherr und das Oberhaupt der Yeziden. Er hat in Ihrer Heimatstadt studiert. Gleich wird er anfangen, deutsch mit uns zu reden. Behandeln Sie ihn ehrerbietig, und verneigen Sie sich tief.“

Selek Bei wandte sich jetzt an Timm, der nicht wenig verwirrt war. Der bärtige Greis trug eine Kleidung, deren einzelne Teile der Junge erst nach und nach erkannte. Da war ein Hemd, ein Wams, ein Rock und ein Überrock, dazu ein farbiges Tuch, das um den Bauch geschlungen war, und schließlich ein Rock, wie ihn Frauen tragen, unter dem geschlungene Beinkleider sichtbar waren. Das alles war von prächtigster Farbigkeit, in der das Rostrot vorherrschte. Das dunkle Gesicht Selek Beis war eckig, aber fast ohne Falten. Unter schwarzen Brauen saßen blaue Augen.

„Ich nehme an, junger Herr, Sie sind der berühmte Erbe, von dem die Zeitungen berichten“, sagte er in erstaunlich gutem Hochdeutsch. „Ich begrüße Sie und wünsche Ihnen Gottes Segen.“