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„Und du bist heute nacht an einem Strick aus dem Fenster geklettert“, zirpte Tatjanka unschuldig, ohne den Kopf zu wenden. „Du hast eine Laterne in deinem Bett versteckt“, fuhr sie fort. „Und ein Junge hat gestern von der Straße her Steine ins Fenster geworfen und nach dir gepfiffen.“

Kolja blieb vor Schrecken das Herz stillstehen. Während Tatjanka ihre freche Rede hielt, begann er am ganzen Leibe zu zittern. Nur gut, daß der in seine Arbeit vertiefte Großvater diese gefährlichen Anschuldigungen gar nicht zu hören schien. Zum Glück kam in diesem Augenblick auch die Milchfrau in den Garten und begann, während sie die Milch ausmaß, bewegt zu klagen:

„Ach, Väterchen Fjodor Grigorjewitsch, denkt Euch nur, gestern nacht haben Diebe meinen Eichentrog im Hofe von der Stelle gerückt. Die Nachbarn erzählen sich, heute morgen hätten sie zwei Leute auf meinem Schornstein sitzen sehen. Sitzen ganz gemütlich da, die Schufte, und lassen die Beine herunterbaumeln.“

„Wie denn, erlauben Sie, Mütterchen, auf Ihrem Schornstein?“ fragte Doktor Kolokoltschikow erstaunt, „weshalb denn und zu welchem Zweck?“

Doch da klang vom Hühnerstall her Lärm. Irgend etwas dröhnte. Der würdige alte Herr erschrak so sehr, daß der Schraubenzieher in seiner Hand ausrutschte und die störrische Feder heraussprang; sie sauste mit einem pfeifenden Ton auf das Blechdach des nahen Schuppens. Alle Anwesenden, sogar Tatjanka und der schläfrige Hund waren erschrocken zusammengefahren. Sie begriffen weder, was das Dröhnen bedeutete, noch was überhaupt geschehen war. Sie sahen nur gerade noch, wie Kolja stumm die Zange auf den Boden warf und flink wie ein Hase über die Mohrrübenbeete hinweg und über den Zaun setzte. Im Nu war er verschwunden.

Verdutzt sah der grauhaarige Doktor ihm nach. Atemlos war Kolja beim Kuhstall angelangt und dort stehengeblieben; von dort her, aber auch aus dem Hühnerstall kam das dröhnende Geräusch, das so klang, als schlage jemand mit etwas Schwerem gegen Metall. Nun tauchte auch Sima Simakow neben ihm auf; erregt begann Kolja ihn auszufragen.

„Hörst du … Was ist das? Ich begreife das nicht … Soll das Großalarm sein?“

„Nein, das glaube ich nicht“, antwortete Sima, „höchstens Stufe eins – das allgemeine Sammeln!“

Die beiden Jungen setzten über eine Hecke und schlüpften dann durch das Loch im Parkzaun. Hier stießen sie auf ihren Kameraden Geika, einen kräftigen breitschultrigen Jungen. Wassili Ladygin folgte ihm auf dem Fuße. Lautlos und flink liefen die Jungen auf geheimnisvollen, nur ihnen bekannten Pfaden weiter, einem bestimmten Ziel entgegen. Dabei riefen sie einander im Laufen zu: „Großalarm?“

„Aber nein, das ist Stufe eins – allgemeines Sammeln.“

„Wie denn, das war doch nicht dreimal. Halt! Halt! Irgendein Idiot dreht da zehnmal an dem Rad.“

„Werden ja sehen, was es ist.“

„Ja, werden gleich sehen.“

„Also los, vorwärts!“

Und die geheimnisvolle wilde Jagd ging weiter.

Etwa um dieselbe Zeit stand in dem Zimmer, in das Shenja eingedrungen war und in dem sie wider Willen übernachtet hatte, ein großer dunkelhaariger Junge.

Er mochte etwa dreizehn, vierzehn Jahre alt sein. Seine Kleidung bestand aus einer leichten schwarzen Hose und einem blauen Sporthemd, auf das ein roter Stern genäht war.

Ein Greis mit wirrem grauem Haar stand in drohender Haltung vor ihm. Zu dem ärmlichen Leinenhemd des Alten paßten seine ungewöhnlich weiten, stark geflickten Hosen. An seinem linken Knie war mit einem Riemen ein plumpes Holzbein befestigt. Der alte Mann hielt einen Zettel in der einen Hand, in der anderen hielt er die altmodische Pistole.

Mit spöttischem Gesichtsausdruck las er gerade von dem Zettel ab: „Mädchen, wenn du fortgehst, schlage die Tür fest hinter dir zu.“

„Willst du mir vielleicht gütigerweise verraten“, fuhr er, zu dem Jungen gewandt, fort, „wer heute nacht bei uns auf dem Sofa geschlafen hat?“ Merkwürdigerweise klang die Stimme des Alten mit dem Stelzfuß ganz jung.

„Ein kleines Mädchen, das ich kenne“, antwortete der Junge widerwillig. „Es ist hereingekommen, während ich weg war, und dann hat es der Hund nicht wieder hinausgelassen.“

„Ach, du lügst ja“, schrie der vermeintliche Alte wütend, „wenn dir das Mädchen bekannt wäre, hättest du es auf dem Zettel mit seinem Namen angeredet.“

„Als ich den Zettel schrieb, wußte ich den Namen noch nicht. Aber jetzt kenne ich das Mädchen.“

„Du wußtest seinen Namen nicht und hast das fremde Mädchen bis zum Morgen hier allein gelassen, hier in der Wohnung? Weißt du, mein Junge, du bist nicht normal, man sollte dich in ein Irrenhaus sperren. Ist dir denn klar, was geschehen ist? Dieses Ungetüm von einem Mädchen hat den Spiegel zerschlagen und den Aschenbecher kaputtgemacht. Ein Segen, daß die Pistole nur mit einer Platzpatrone geladen war. Was wäre geschehen, wenn es scharfe Munition gewesen wäre?“

„Aber Onkel“, der Junge bemühte sich, gleichmütig zu bleiben, „Sie haben doch gar keine scharfe Munition, und Ihre Feinde haben nur Flinten und Säbel – aus Holz!“

Der Onkel unterdrückte ein Lächeln. Doch er schüttelte streng seinen grauen Kopf und erwiderte:

„Paß auf, Timur! Ich merke alles! Ich weiß, daß du dich mit geheimnisvollen Dingen beschäftigst. Sieh dich nur vor, daß ich dich nicht kurzerhand heim zu deiner Mutter expediere.“

Nach dieser Drohung drehte er sich um und kletterte mühselig die Stiege hinauf, wobei sein Holzbein bei jedem Schritt hart aufschlug. Als er nicht mehr zu sehen war, packte der Junge den Hund, der hereingelaufen war, bei den Vorderpfoten und gab ihm einen Kuß mitten auf die Schnauze.

„Ach, Rita, der Onkel hat uns erwischt. Macht aber nichts, er ist heute ganz guter Laune. Paß auf, gleich fängt er an zu singen.“

Und tatsächlich war jetzt aus dem darüberliegenden Raum erst ein starkes Räuspern zu hören und dann ein paar Töne: Tra-la-la! Und schließlich begann eine jugendliche Bariton-Stimme zu singen:

„Ich kann nicht schlafen, schon die dritte Nacht, Denn stets erscheint mir in der tiefen Stille, in finsterer Nacht das gleiche Bild…“

Timur lauschte, dabei spielte er gedankenlos mit dem Hund, der sich mit einemmal recht seltsam benahm.

„Was willst du denn, närrisches Vieh?“ fragte der Junge. „Was zerrst du mich an den Hosenbeinen?“ Dann, durch das Benehmen des Hundes aufmerksam geworden, schlug Timur die Tür zu der nach oben führenden Treppe zu, durch die sein Onkel sich entfernt hatte, und lief über den Korridor, dem Hunde nach, auf die Veranda hinaus.

Dort stand in einer Ecke ein Telefonapparat. Daneben hing ein Glöckchen aus Bronze; es hüpfte jetzt auf und nieder und schlug dabei klirrend gegen die Wand.

Der Junge griff nach dem Glöckchen und wickelte die Schnur, an der es hing, um einen Nagel. Das Zittern der Schnur wurde schwächer. Vielleicht war die Verbindung irgendwo durchgerissen. Verwundert und etwas ärgerlich nahm Timur den Hörer ab. – Eine halbe Stunde bevor dies alles sich ereignete, hatte Olga in ihrem Zimmer am Tisch gesessen. Vor ihr lag aufgeschlagen ein Lehrbuch der Physik.

Da war Shenja harmlos hereingeschlendert und hatte um das Fläschchen mit Jod gebeten.

Olga hatte ärgerlich aufgeblickt. Sie stutzte und fragte: „Was hast du denn da für einen Kratzer an der Schulter?“

„Ach“, hatte Shenja mit gleichgültiger Stimme geantwortet, ich bin nur so gegangen … und da war ein stachliger Zweig im Weg, weißt du … und so ist es gekommen.“

„Warum kommen mir eigentlich keine stachligen Zweige in den Weg?“ hatte Olga spöttisch gefragt und dabei Shenjas Tonfall nachgemacht.