Выбрать главу

Und so kam es. Der Retter bestieg den Thron und das Mal der Hässlichen verblasste auf ihrem Gesicht. Cosimo der Schöne aber ließ den Hofdichter seines Vaters zu sich rufen, um seinen Rat zu hören, denn man hatte ihm von seiner Klugheit berichtet, und eine große Zeit brach an.«

Meggie ließ das Pergament sinken. Eine große Zeit...

Fenoglio hastete ans Fenster. Auch Meggie hatte es gehört -Hufschläge -, aber sie stand nicht auf.

»Das muss er sein!«, flüsterte Fenoglio. »Er kommt, oh, Meggie, er kommt! Hör doch!«

Aber Meggie saß immer noch da und blickte auf die geschriebenen Worte in ihrem Schoß. Es schien ihr, als atmeten sie. Fleisch aus Papier, Blut aus Tinte. Sie war plötzlich müde, so müde, dass der Weg zum Fenster viel zu weit schien. Wie ein Kind fühlte sie sich, das allein hinunter in den Keller gestiegen war und nun Angst hatte. Wenn Mo doch nur da gewesen wäre.

»Gleich! Gleich muss er vorbeireiten!« Fenoglio beugte sich so weit aus dem Fenster, als wollte er sich kopfüber auf die Gasse stürzen. Wenigstens war er noch da - und nicht verschwunden so wie damals, als sie den Schatten gerufen

hatte. Aber wohin hätte er auch verschwinden sollen?, dachte Meggie. Es schien nur noch eine Geschichte zu geben, diese Geschichte, Fenoglios Geschichte. Sie schien keinen Anfang und kein Ende zu haben.

»Meggie! Nun komm doch!« Aufgeregt winkte er sie zu sich. »Du hast wundervoll gelesen, ganz wundervoll! Aber das weißt du vermutlich. Einige Sätze gehörten nicht zu meinen besten, ab und zu holperte es etwas, und ein bisschen mehr Farbe hätte nicht geschadet, doch was soll’s! Es hat funktioniert! Bestimmt hat es funktioniert!«

Es klopfte.

Es klopfte an der Tür. Rosenquarz lugte mit besorgtem Gesicht aus seinem Nest und Fenoglio wandte sich um, erschrocken und ärgerlich zugleich.

»Meggie?«, flüsterte eine Stimme. »Meggie, bist du da?«

Es war Farids Stimme.

»Was will der denn hier?« Fenoglio stieß einen wenig feinen Fluch aus. »Schick ihn weg! Den können wir jetzt nun wirklich nicht gebrauchen. Oh, da! Da kommt er! Meggie, du bist eine Zauberin!«

Der Hufschlag wurde lauter. Aber Meggie ging nicht zum Fenster. Sie lief zur Tür. Farid stand davor, mit bedrücktem Gesicht. Es schien fast, als hätte er geweint. »Gwin, Meggie. Gwin ist wieder da«, stammelte er. »Ich versteh nicht, wie er mich gefunden hat! Ich hab sogar Steine nach ihm geworfen.«

»Meggie!« Fenoglios Stimme klang mehr als ärgerlich. »Wo bleibst du?«

Wortlos griff sie nach Farids Hand und zog ihn mit sich zum Fenster.

Ein weißes Pferd kam die Gasse herauf. Sein Reiter hatte schwarzes Haar, und sein Gesicht war ebenso jung und schön wie das der Standbilder auf der Burg. Nur die Augen waren nicht steinweiß, sondern dunkel wie sein Haar und lebendig. Er sah sich um, als wäre er gerade erst aus einem Traum erwacht, einem Traum, der nicht ganz zu dem passen wollte, was er nun sah.

»Cosimo!«, flüsterte Farid fassungslos. »Der tote Cosimo.«

»Nun, nicht ganz«, raunte Fenoglio. »Erstens ist er nicht tot, wie du wohl unschwer erkennen kannst, und zweitens ist es nicht der Cosimo. Es ist ein neuer, ein nagelneuer, den Meggie und ich zusammen erschaffen haben. Natürlich wird das niemand merken, niemand außer uns.«

»Auch seine Frau nicht?«

»Nun, mag sein, dass sie es merkt! Aber wen kümmert’s? Sie geht ja kaum einen Schritt aus der Burg.«

Cosimo zügelte sein Pferd, kaum einen Meter vor Minervas Haus. Meggie trat unwillkürlich vom Fenster zurück. »Und er selbst?«, flüsterte sie. »Für wen hält er selbst sich?«

»Was für eine Frage. Natürlich für Cosimo!«, antwortete Fenoglio ungeduldig. »Nun bring mich nicht durcheinander, um Himmels willen. Wir haben nur dafür gesorgt, dass die Geschichte so weitergeht, wie ich es einmal geplant hatte. Nichts mehr und nichts weniger!«

Cosimo wandte sich im Sattel um und starrte die Gasse hinunter, die er gekommen war - als hätte er etwas verloren, aber vergessen, was es war. Dann schnalzte er leise mit der Zunge und trieb sein Pferd weiter, vorbei an der Werkstatt von Minervas Mann und dem schmalen Haus, in dem der Bader lebte, über dessen Zahnziehkünste Fenoglio so oft schimpfte.

»Das ist nicht gut.« Farid wich vom Fenster zurück, als wäre der Teufel selbst vorbeigeritten. »Es bringt Unglück, die Toten zu rufen.«

»Er war nie tot, verdammt noch mal!«, fuhr Fenoglio ihn an. »Wie oft muss ich das noch erklären? Er wurde heute geboren, aus meinen Worten und Meggies Stimme, also rede nicht so dumm daher. Was willst du überhaupt hier? Seit wann besucht man anständige Mädchen mitten in der Nacht?«

Farid lief dunkel an. Dann drehte er sich wortlos um und ging zur Tür.

»Lass ihn in Ruhe! Er kann mich besuchen, wann er will!«, fuhr Meggie Fenoglio an. Die Treppe war glitschig vom Regen und sie holte Farid erst auf den letzten Stufen ein. Er sah so traurig aus.

»Was hast du Staubfinger erzählt? Dass Gwin uns nachgelaufen ist?«

»Nein, ich hab mich nicht getraut.« Farid lehnte sich gegen die Hauswand und schloss die Augen. »Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er den Marder sah. Meinst du, dass er jetzt sterben muss, Meggie?«

Sie streckte die Hand aus und strich ihm übers Gesicht. Er hatte wirklich geweint. Sie spürte die getrockneten Tränen auf seiner Haut.

»Der Käsekopf hat es gesagt!« Sie konnte die Worte kaum verstehen, die er flüsterte. »Ich werd ihm Unglück bringen.«

»Was redest du denn da? Staubfinger kann froh sein, dass er dich hat!«

Farid blickte hinauf zum Himmel, von dem immer noch der Regen fiel. »Ich muss zurück«, sagte er. »Deshalb bin ich gekommen. Um dir zu sagen, dass ich erst mal bei ihm bleiben muss. Ich muss jetzt auf ihn aufpassen, verstehst du? Ich werd einfach keinen Schritt mehr von seiner Seite weichen, dann wird schon nichts passieren. Du kannst mich ja besuchen, auf Roxanes Hof! Wir sind die meiste Zeit dort. Staubfinger ist ganz verrückt nach ihr, er weicht kaum von ihrer Seite. Roxane hier, Roxane da.« Die Eifersucht in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Meggie wusste, was er empfand. Sie erinnerte sich noch gut an die ersten Wochen in Elinors Haus, an die Verwirrung in ihrem Herzen, wenn Mo stundenlang mit Resa spazieren gegangen war, ohne sie auch nur zu fragen, ob sie mitkommen wollte, an das Gefühl, vor einer verschlossenen Tür zu stehen und dahinter das Lachen ihres Vaters zu hören, das nicht ihr, sondern ihrer Mutter galt. »Was guckst du so?«, hatte Elinor gefragt, als sie Meggie einmal dabei ertappt hatte, wie sie die beiden im Garten beobachtete. »Die eine Hälfte seines Herzens gehört doch immer noch dir. Ist das nicht genug?« Sie hatte sich so geschämt. Farid war wenigstens nur eifersüchtig auf eine Fremde, bei ihr war es die eigene Mutter.

»Bitte, Meggie! Ich muss bei ihm bleiben. Wer soll denn sonst auf ihn aufpassen? Roxane? Die weiß nichts von dem Marder, und sowieso.«

Meggie wandte den Kopf ab, damit er ihre Enttäuschung nicht sah. Verfluchter Gwin. Sie malte mit dem Zeh kleine Kreise auf die regenfeuchte Erde.

»Du kommst, ja?« Farid griff nach ihren Händen. »Auf Roxanes Feldern wachsen die wunderlichsten Pflanzen, sie hat eine Gans, die glaubt, sie ist ein Hund, und ein altes Pferd. Jehan, das ist ihr Sohn, behauptet, im Stall haust ein Linchetto, keine Ahnung, was das sein soll, Jehan sagt, man muss auf ihn furzen, dann läuft er fort. Na ja, Jehan ist noch ein ziemliches Baby, aber ich glaub, du würdest ihn mögen.«

»Ist er Staubfingers Sohn?« Meggie strich sich das Haar hinters Ohr und versuchte ein Lächeln.

»Nein, aber weißt du was? Roxane hält mich dafür. Stell dir das vor! Bitte, Meggie! Komm zu Roxane, ja?« Er legte ihr die Hände auf die Schultern und küsste sie, mitten auf den Mund. Seine Haut war feucht vom Regen. Als sie nicht zurückwich, nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie noch mal, auf die Stirn, auf die Nase und wieder auf den Mund. »Du kommst, ja? Versprochen!«, flüsterte er.