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Dann lief er davon, leichtfüßig, wie es seine Art war seit dem Tag, an dem Meggie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. »Du musst kommen!«, rief er ihr noch einmal zu, bevor er in dem dunklen Durchgang verschwand, der auf die Gasse führte. »Vielleicht bleibst du sogar besser eine Weile bei uns, bei Staubfinger und mir! Dieser alte Mann ist verrückt. Man spielt nicht mit den Toten!«

Dann war er fort, und Meggie lehnte sich gegen die Mauer von Minervas Haus, genau dorthin, wo Farid eben noch gestanden hatte. Sie fuhr sich mit den Fingern über den Mund, als müsste sie sich vergewissern, dass Farids Kuss ihn nicht verändert hatte.

»Meggie?« Fenoglio stand oben an der Treppe, eine Laterne in der Hand. »Was machst du denn da unten? Ist der Junge weg? Was wollte er hier? Steht mit dir da unten herum in der Dunkelheit!«

Meggie antwortete nicht. Sie wollte mit niemandem reden. Sie wollte dem lauschen, was ihr verwirrtes Herz erzählte.

Elinor

Then read from a treasured volume The poem of thy choice And lend to the rhyme of the poet The beauty of thy voice.

And the night shall be filled with music And the cares that infest the day Shall fold their tents, like the Arabs,

And as silently steal away.

Henry Wadsworth Longfellow, The Day is done

Elinor verbrachte ein paar schlimme Tage und Nächte in ihrem Keller. Morgens und abends brachte der Schrankmann ihnen zu essen - zumindest nahmen sie an, dass es morgens und abends war, immer vorausgesetzt, dass Darius’ Armbanduhr noch richtig ging. Als der klobige Kerl zum ersten Mal mit Brot und einer Flasche Wasser erschienen war, hatte sie ihm die Plastikflasche an den Kopf geworfen. Das heißt, sie hatte es versucht, aber der Koloss war rechtzeitig ausgewichen und die Flasche war an der Wand zerplatzt. »Nie wieder, Darius!«, flüsterte Elinor, nachdem der Schrankmann sie mit einem spöttischen Grunzen wieder eingeschlossen hatte. »Nie wieder lass ich mich einsperren, geschworen hab ich es mir, damals in dem stinkenden Käfig, als diese Brandstifter mit ihren Flinten an den Gittern entlangstrichen und mir brennende Zigarettenstummel ins Gesicht schnippten. Und nun? Nun sitz ich eingesperrt in meinem eigenen Keller!«

In der ersten Nacht erhob sie sich von der Luftmatratze, auf der ihr jeder Knochen schmerzte, und warf Konservendosen gegen die Wand. Darius hockte nur da, auf der Decke, die er über das Polster für die Gartenbank gebreitet hatte, und blickte sie mit großen Augen an. Am Nachmittag des zweiten Tages (oder war es der dritte?) zerschlug Elinor schon Gläser - und schluchzte los, als sie sich die Finger an den Scherben aufschnitt. Darius fegte gerade das zersprungene Glas zusammen, als der Schrankmann kam, um sie zu holen.

Darius wollte ihr folgen, doch der Schrankmann gab ihm einen so unsanften Stoß vor die schmale Brust, dass er stolperte und hinfiel, zwischen Oliven, gekochte Tomaten und das, was sonst noch aus den Gläsern gequollen war, die Elinor zerschlagen hatte.

»Mistkerl!«, fuhr sie den Koloss an, aber der grinste nur, zufrieden wie ein Kind, das einen Turm aus Bauklötzen umgestoßen hatte, und summte vor sich hin, während er Elinor zu ihrer Bibliothek führte. Na, wer sagt denn, dass schlechte Menschen keine glücklichen Menschen sein können?, dachte sie, als er die Tür öffnete und sie mit einem Kopfnicken anwies, voranzugehen.

Ihre Bibliothek bot einen furchtbaren Anblick. Die schmutzigen Becher und Teller, die überall herumstanden - auf der Fensterbank, auf dem Teppich, selbst auf den Vitrinen, in denen ihre größten Schätze lagen -, waren nicht das Schlimmste. Nein. Es waren ihre Bücher! Kaum eines stand noch an seinem Platz. Sie stapelten sich auf dem Boden, zwischen den schmutzigen Kaffeebechern und vor den Fenstern. Manche lagen sogar aufgeschlagen da, mit dem Rücken nach oben, Elinor konnte gar nicht hinsehen! Wusste dieser Unhold nicht, dass man Büchern auf die Art das Genick brach?

Falls er es wusste, so kümmerte es ihn nicht. Orpheus saß in ihrem Lieblingssessel, den grässlichen Hund neben sich, der etwas zwischen den Pfoten hielt, das verdächtig nach einem ihrer Gartenschuhe aussah. Sein Herr hatte die plumpen Beine über eine Armlehne gehängt und hielt in der Hand ein wunderschön illustriertes Buch über Feen, das Elinor erst vor zwei Monaten auf einer Auktion ersteigert hatte, für so viel Geld,

dass Darius das Gesicht in den Händen vergraben hatte.

»Das - «, sagte sie mit leicht bebender Stimme, »ist ein sehr, sehr wertvolles Buch.«

Orpheus wandte ihr den Kopf zu und lächelte. Es war das Lächeln eines unartigen Kindes. »Ich weiß!«, sagte er mit seiner Samtstimme. »Sie besitzen sehr, sehr viele wertvolle Bücher, Frau Loredan.«

»Allerdings«, antwortete Elinor eisig. »Und deshalb staple ich sie auch nicht wie Eierkartons oder Käsescheiben. Jedes hat seinen Platz.«

Orpheus ließ diese Feststellung nur noch breiter lächeln. Er schlug das Buch zu, nachdem er ein Eselsohr in eine der Seiten gemacht hatte. Elinor zog scharf den Atem ein.

»Bücher sind keine Glasvasen, meine Liebe«, sagte Orpheus, während er sich aufsetzte. »Sie sind weder so zerbrechlich noch so dekorativ. Es sind Bücher! Ihr Inhalt ist es, auf den es ankommt, und der rutscht nicht heraus, wenn man sie stapelt.« Mit der flachen Hand strich er sich über das glatte Haar, als hätte er Sorge, der Scheitel sei ihm verrutscht. »Zucker sagt, Sie wollten mich sprechen?«

Elinor warf dem Schrankmann einen ungläubigen Blick zu. »Zucker?«

Der Riese lächelte und entblößte eine solch einzigartige Sammlung schlechter Zähne, dass Elinor nicht weiter nach dem Grund für seinen Namen fragte.

»Ja, allerdings. Seit Tagen will ich Sie sprechen. Ich verlange, dass Sie mich und meinen Bibliothekar aus dem Keller lassen! Ich bin es leid, in meinem eigenen Haus in einen Eimer zu pinkeln und nicht zu wissen, ob es Tag oder Nacht ist. Ich verlange, dass Sie meine Nichte und ihren Mann zurückholen, die durch Ihre Schuld in größter Gefahr sind, und ich verlange, dass Sie Ihre dicken Finger von meinen Büchern lassen, verdammt noch mal!«

Elinor klappte den Mund zu - und verfluchte sich selbst, mit jedem Fluch, der ihr auf die Schnelle einfiel. O nein! Was hatte Darius ihr immer wieder gesagt? Was hatte sie selbst sich hundertmal gesagt, während sie da unten auf der grässlichen Luftmatratze lag? Beherrsch dich, Elinor, sei klug, Elinor, zügle deine Zunge. alles umsonst. Sie war geplatzt wie ein zu straff aufgeblasener Ballon.

Orpheus aber saß immer noch da, die Beine übereinander geschlagen, und hatte dieses unverschämte Lächeln auf den Lippen. »Vermutlich könnte ich sie zurückholen. Ja, vermutlich!«, sagte er, während er seinem Hund den hässlichen Schädel tätschelte. »Aber warum sollte ich?« Mit seinem plumpen Zeigefinger fuhr er über den Umschlag des Buches, dem er noch eben auf so grausame Weise die Seite verknickt hatte. »Das ist ein schöner Umschlag, nicht wahr? Etwas kitschig vielleicht, außerdem stelle ich mir Feen anders vor, aber dennoch.«

»Ja, er ist schön, ich weiß, aber der Umschlag interessiert mich jetzt nicht!« Elinor versuchte, nicht laut zu werden, aber es gelang ihr einfach nicht. »Wenn Sie die beiden zurückholen können, dann tun Sie es endlich, verflucht noch mal! Bevor es zu spät ist. Die Alte will ihn umbringen, haben Sie das nicht gehört? Sie will Mortimer umbringen!«

Mit gleichgültiger Miene rückte Orpheus sich die zerknitterte Krawatte zurecht. »Nun, er hat Mortolas Sohn umgebracht, soweit ich das verstanden habe. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie es so schön in einem anderen nicht ganz unbekannten Buch heißt.«