»Ihr Sohn war ein Mörder!« Elinor ballte die Fäuste. Sie wollte auf das Mondgesicht zustürmen, ihm ihr Buch aus den Händen reißen, diesen Händen, die so weich und weiß aussahen, als hätten sie nie in ihrem Leben etwas anderes getan als Buchseiten umzublättern, aber Zucker trat ihr in den Weg.
»Ja, ja, ich weiß.« Orpheus stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich weiß alles über Capricorn. Ich habe das Buch, das seine Geschichte erzählt, unzählige Male gelesen, und ich muss sagen, er war ein sehr guter Bösewicht, einer der besten, die mir je im Reich der Buchstaben begegnet sind. So jemanden einfach umzubringen, also, wenn Sie mich fragen. ein kleines Verbrechen ist das schon. Obwohl ich für Staubfinger froh darüber bin.«
Oh, wenn sie ihn doch nur hätte schlagen können, nur ein einziges Mal, auf die breite Nase, auf den lächelnden Mund!
»Capricorn hat Mortimer verschleppen lassen! Er hat seine Tochter eingesperrt und seine Frau jahrelang gefangen gehalten!« Elinor traten Tränen in die Augen, Tränen der Wut und der Hilflosigkeit. »Bitte! Herr Orpheus oder wie Sie sonst heißen!« Sie wandte all ihre Kraft und Beherrschung auf, um halbwegs freundlich zu klingen. »Bitte! Holen Sie die beiden zurück, und wenn Sie schon dabei sind, bringen Sie auch Meggie wieder her, bevor sie dort drüben von einem Riesen zertreten oder einer Lanze aufgespießt wird.«
Orpheus lehnte sich zurück und musterte sie wie ein Bild auf einer Staffelei. Wie selbstverständlich er ihren Sessel in Besitz genommen hatte - als hätte Elinor nie darin gesessen, mit Meggie neben sich oder, so viel früher, mit Resa auf dem Schoß, als die noch ein ganz kleines Ding gewesen war. Elinor würgte ihre Wut hinunter. Beherrsch dich!, befahl sie sich, während ihr Blick an Orpheus’ blassem bebrilltem Gesicht klebte. Beherrsch dich. Für Mortimer und Resa und für Meggie!
Orpheus räusperte sich. »Also, ich weiß gar nicht, was Sie haben«, sagte er, während er seine Fingernägel betrachtete, abgekaut wie die Nägel eines Schuljungen. »Ich beneide die drei!«
Einen Moment lang begriff Elinor nicht, wovon er sprach. Erst als er fortfuhr, wurde es ihr klar.
»Wie kommen Sie darauf, dass sie zurückwollen?«, fragte er leise. »Wenn ich dort wäre, ich würde nie wieder zurückkommen! Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, nach dem ich mich je auch nur halb so sehr gesehnt hätte wie nach dem Hügel, auf dem die Burg des Speckfürsten liegt. Zahllose Male bin ich über den Markt von Ombra geschlendert, habe zu den Türmen emporgeschaut, zu den Fahnen mit dem Löwen in der Mitte. Ich habe mir ausgemalt, wie es ist, durch den Weglosen
Wald zu streifen und Staubfinger dabei zu beobachten, wie er den Feuerelfen ihren Honig stiehlt. Ich habe mir die Spielfrau vorgestellt, in die er verliebt ist, Roxane. Ich habe in Capricorns Festung gestanden und die Brühe gerochen, die Mortola aus Eisenhut und Schierling braute. Die Burg des Natternkopfes kommt noch heute oft in meinen Träumen vor, manchmal stecke ich in einem ihrer Kerker, manchmal schleiche ich mit Staubfinger durch das Tor, sehe hinauf zu den Köpfen der Spielmänner, die der Natternkopf hat aufspießen lassen, weil sie das falsche Lied gesungen haben. Bei allen Buchstaben der Welt! Als Mortola mir ihren Namen nannte, dachte ich, sie sei verrückt. Gut, sie und Basta ähnelten den Figuren, die sie zu sein behaupteten, aber konnte es tatsächlich sein, dass jemand sie aus meinem Lieblingsbuch hierher geholt hatte? Gab es tatsächlich noch andere, die so lesen konnten wie ich? Erst als Staubfinger auf mich zukam, in dieser muffigen, schlecht sortierten Bibliothek, glaubte ich es. O Gott, wie mir das Herz schlug, als ich sein Gesicht sah mit den drei blassen Narben, die Bastas Messer hinterlassen hatte! Es klopfte heftiger als an dem Tag, an dem mich zum ersten Mal ein Mädchen küsste. Er war es tatsächlich, der traurige Held meines allerliebsten Lieblingsbuches. Und ich ließ ihn wieder darin verschwinden. Aber mich selbst? Hoffnungslos.« Er lachte auf, bitter und traurig. »Ich hoffe nur, dass er nicht doch noch sterben muss, wie es dieser Narr von einem Autor für ihn vorgesehen hat. Aber nein! Es geht ihm gut, da bin ich sicher, Capricorn ist schließlich tot, und Basta ist ein Feigling. Wissen Sie, dass ich diesem Fenoglio mit zwölf Jahren geschrieben habe, dass er seine Geschichte ändern muss oder zumindest eine Fortsetzung schreiben, in der Staubfinger zurückkommt? Er hat mir nie geantwortet, ebenso wenig wie Tintenherz je eine Fortsetzung bekam. Tja.« Orpheus stieß einen tiefen Seufzer aus.
Staubfinger, Staubfinger. Elinor presste die Lippen aufeinander. Wen interessierte, was mit dem Streichholzfresser war? Ruhig, Elinor, platz nicht schon wieder heraus, diesmal musst du es klug anstellen, klug und überlegt. Nicht die leichteste Aufgabe.
»Hören Sie zu. Wenn Sie so gern in diesem Buch stecken würden.« Sie schaffte es tatsächlich, dass ihre Stimme klang, als wäre ihr nicht sonderlich wichtig, worüber sie sprach. »Wieso holen Sie nicht einfach Meggie zurück? Meggie weiß, wie man sich selbst in eine Geschichte hineinliest. Sie hat es getan! Bestimmt kann Sie Ihnen erklären, wie es geht, oder Sie auch hinüberlesen!«
Orpheus’ rundes Gesicht verfinsterte sich so abrupt, dass Elinor auf der Stelle wusste, dass sie einen bösen Fehler gemacht hatte. Wie hatte sie nur vergessen können, was für ein eitler, aufgeblasener Kerl er war?
»Niemand - «, sagte Orpheus leise, während er sich bedrohlich langsam aus ihrem Sessel erhob, »- niemand muss mir die Kunst des Lesens erklären. Schon gar nicht ein kleines Mädchen!«
Jetzt steckt er dich gleich wieder in den Keller!, dachte Elinor. Was nun? Such, Elinor, such in deinem dummen Kopf nach der richtigen Antwort! Nun mach schon! Irgendetwas wird dir doch wohl einfallen!
»Natürlich nicht!«, stammelte sie. »Keiner außer Ihnen konnte Staubfinger zurücklesen. Keiner. Aber.«
»Kein Aber. Passen Sie auf.« Orpheus stellte sich in Positur, als schickte er sich an, auf einer Bühne eine Arie zu singen, und nahm das Buch aus dem Sessel, das er so achtlos zur Seite gelegt hatte. Er schlug es auf, genau dort, wo das Eselsohr die cremeweiße Seite verunzierte, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, als müsste er sie geschmeidig machen, damit die Worte nicht an ihnen kleben blieben - und dann füllte sie wieder Elinors Bibliothek: seine betörende, so gar nicht zu seinem Äußeren passende Stimme. Orpheus las, als ließe er sich seine Lieblingsspeise im Mund zergehen, genüsslich, begierig auf den Klang der Buchstaben, Perlen auf seiner Zunge, Wortsamen, aus denen er das Leben schlüpfen ließ.
Ja, vielleicht war er wirklich der größte Meister seiner Kunst. Weil er sie mit der allergrößten Leidenschaft betrieb.
»Es gibt da eine Geschichte über einen Schäfer, Tudur von Llangollen, der traf eines Tages eine Schar von Feen, die zu der Melodie eines winzigen Fiedlers tanzten.« Ein feiner zirpender Ton erhob sich hinter Elinor, sie sah sich um, aber nichts war zu sehen außer Zucker, der mit perplexem Gesicht Orpheus’ Stimme lauschte. »Tudur versuchte den verzauberten Saiten zu widerstehen, doch schließlich warf er die Mütze in die Luft, rief > Auf geht’s also, spiel schon, du alter Teufel < und schloss sich dem wilden Tanz an.«
Das Geigen wurde schriller und schriller, und als Elinor diesmal heramfuhr, sah sie einen Mann in ihrer Bibliothek stehen, umringt von kleinen, mit Blättern bekleideten Geschöpfen, der sich wie ein Tanzbär auf nackten Füßen drehte, während einen Schritt entfernt ein Winzling mit einer Glockenblüte auf dem Kopf auf einer Fiedel geigte, die kaum größer als eine Eichel war.
»Sofort erschien ein Paar Hörner auf dem Kopf des Fiedlers und ein Schwanz wuchs unter seinem Mantel hervor!« Orpheus ließ seine Stimme anschwellen, bis sie fast einem Singen glich. »Die tanzenden Geister verwandelten sich in Ziegenböcke, Hunde, Katzen und Füchse und sie und Tudur drehten sich im Kreis in Schwindel erregender Tollheit.«