Versuch es!, flüsterte es in ihr. Du weißt nicht, wie mächtig seine Worte in dieser Welt sind. Schließlich ist sie aus ihnen gemacht!
Sie hörte Schritte hinter sich. Farid und Staubfinger waren zurück. Staubfinger hielt ein Kind auf dem Arm, ein kleines Mädchen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte es Meggie an - als hätte es einen schlimmen Traum, aus dem es einfach nicht erwachen konnte.
»Mit mir wollte sie nicht sprechen, aber Farid sieht zum Glück etwas vertrauenerweckender aus«, sagte Staubfinger, während er das Kind behutsam auf die eigenen Füße stellte. »Sie hat erzählt, dass sie Lianna heißt und fünf Jahre alt ist. Und dass es viele Männer waren, Silbermänner mit Schwertern und Schlangen auf der Brust. Keine große Überraschung, würde ich sagen. Offenbar haben sie die Wachen erschlagen und ein paar, die sich wehrten, und dann den Rest mitgenommen, selbst die Frauen und Kinder. Die Verwundeten«, er warf Meggie einen kurzen Blick zu, »haben sie offenbar auf einen Karren geladen. Pferde hatten sie keine dabei. Das Mädchen ist nur noch hier, weil seine Mutter gesagt hat, es soll sich zwischen den Bäumen verstecken.«
Gwin kam in die Höhle gehuscht, gefolgt von Schleicher.
Das Mädchen zuckte zusammen, als die Marder an Staubfinger emporsprangen. Gebannt beobachtete es, wie Farid Gwin von Staubfingers Schulter hob und ihn sich selbst auf den Schoß setzte.
»Frag sie, ob noch mehr Kinder da waren«, sagte Staubfinger leise.
Farid hielt fünf Finger hoch und hielt sie der Kleinen hin. »Wie viele Kinder, Lianna?«
Das Mädchen sah ihn an, tippte erst gegen den ersten, dann gegen Farids zweiten und dritten Finger. »Meise. Fabio. Tin-ka«, flüsterte es.
»Drei also«, sagte Staubfinger. »Vermutlich nicht größer als sie.«
Lianna streckte zaghaft die Hand nach Gwins buschigem Schwanz aus, aber Staubfinger hielt ihre Finger fest. »Das lässt du besser!«, sagte er sanft. »Der beißt. Versuch es mit dem anderen.«
»Meggie?« Farid trat an ihre Seite. Aber Meggie antwortete ihm nicht. Sie schlang die Arme ganz fest um ihre Knie und presste das Gesicht in ihr Kleid. Sie wollte die Höhle nicht mehr sehen. Sie wollte gar nichts mehr sehen von Fenoglios Welt, nicht einmal Farid und Staubfinger oder das Mädchen, das ebenso wenig wusste, wo seine Eltern waren, wie sie. In Elinors Bibliothek wollte sie sitzen, in dem großen Sessel, in dem Elinor so gern las, und sehen, wie Mo seinen Kopf durch die Tür steckte und sie fragte, was das für ein Buch auf ihrem Schoß war. Aber Mo war nicht da, vielleicht war er fort für immer und Fenoglios Geschichte hielt sie alle mit schwarzen Tintenarmen fest und flüsterte ihr furchtbare Dinge zu - von bewaffneten Männern, die Kinder fortschleppten, Alte und Kranke. Mütter und Väter.
»Die Nessel wird bald mit Wolkentänzer hier sein«, hörte sie Staubfinger sagen. »Sie wird sich um das Kind kümmern.«
»Und wir?«, fragte Farid.
»Ich werde ihnen folgen«, sagte Staubfinger, »um herauszufinden, wie viele noch am Leben sind und wohin sie alle gebracht werden. Obwohl ich mir das denken kann.«
Meggie hob den Kopf. »Auf die Nachtburg.«
»Gut geraten!«
Das Mädchen streckte die Hand nach Schleicher aus. Es war noch klein genug, um seinen Kummer zu vergessen, wenn es den Pelz eines Tieres streichelte. Meggie beneidete es darum.
»Was heißt das, du folgst ihnen?« Farid scheuchte Gwin von seinem Schoß und stand auf.
»Genau das.« Staubfingers Gesicht wurde abweisend wie eine geschlossene Tür. »Ich folge ihnen, während ihr hier auf Wolkentänzer und die Nessel wartet. Erzählt ihnen, dass ich versuche, den Spuren zu folgen, und dass Wolkentänzer euch nach Ombra zurückbringen soll. Er ist mit seinem steifen Bein ohnehin nicht schnell genug, um mir nachzukommen. Dann erzählt ihr Roxane, was passiert ist, damit sie nicht denkt, ich hätte mich schon wieder davongemacht, und Meggie wird bei Fenoglio bleiben.« Sein Gesicht war beherrscht wie immer, als er sie ansah, doch in seinen Augen sah Meggie all das, was auch sie empfand: Angst, Sorge, Wut. hilflose Wut.
»Aber wir müssen ihnen helfen!« Farids Stimme bebte.
»Wie? Vielleicht hätte der Prinz sie retten können, doch den haben sie nun ja offenbar gefangen, und ich wüsste niemanden sonst, der seinen Kopf für ein paar Spielleute riskiert.«
»Was ist mit dem Räuber, von dem alle reden, dem Eichelhäher?«
»Den gibt es nicht.« Meggies Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Fenoglio hat ihn erfunden.«
»Tatsächlich?« Staubfinger sah sie nachdenklich an. »Da hört man anderes, aber na gut. Sobald ihr in Ombra seid, soll Wolkentänzer zu den Spielleuten gehen und ihnen sagen, was geschehen ist. Ich weiß, dass der Schwarze Prinz seine Männer hat, Männer, die ihm treu ergeben sind und wohl auch gut bewaffnet, aber ich habe keine Ahnung, wo sie stecken. Vielleicht weiß einer der Spielleute es. Oder Wolkentänzer selbst.
Er soll ihnen irgendwie Bescheid geben lassen. Auf der anderen Seite des Waldes gibt es eine Mühle, die Mäuse-Mühle nennt man sie, keiner weiß, warum, aber sie war schon immer einer der wenigen Orte südlich des Waldes, an dem man sich treffen oder Nachrichten austauschen konnte, ohne dass der Natternkopf gleich davon erfuhr. Der Müller ist so reich, dass er nicht einmal die Gepanzerten fürchtet. Wer mich also treffen will oder irgendeine Idee hat, wie wir den Gefangenen helfen können, soll Nachricht dorthin schicken. Ich werd ab und zu nachfragen. Verstanden?«
Meggie nickte. »Die Mäuse-Mühle!«, wiederholte sie leise - und konnte nur das blutige Stroh anstarren.
»Gut, Meggie kann das alles erledigen, aber ich geh mit dir.« Farids Stimme klang so trotzig, dass das Mädchen, das immer noch stumm neben Meggie kniete, beunruhigt nach ihrer Hand griff.
»Ich warne dich: Fang jetzt nicht wieder damit an, dass du auf mich aufpassen musst!« Staubfingers Stimme klang so scharf, dass Farid den Blick senkte. »Ich geh allein, und dabei bleibt es. Du passt auf Meggie und das Kind auf, bis die Nessel kommt. Und dann lasst ihr euch von Wolkentänzer nach Ombra bringen.«
»Nein!«
Meggie sah die Tränen in Farids Augen, aber Staubfinger ging nur wortlos auf den Höhleneingang zu. Gwin huschte ihm voran.
»Wenn es dunkel wird, bevor sie kommen«, sagte er noch über die Schulter zu Farid, »dann mach Feuer. Nicht wegen der Soldaten. Aber Wölfe und Nachtalben sind immer hungrig, die einen auf euer Fleisch, die anderen auf eure Angst.«
Dann war er fort, und Farid stand da mit tränenverschleiertem Blick. »Verdammter Mistkerl!«, flüsterte er. »Dreimal verfluchter Hurensohn, aber er wird schon sehen. Ich schleich ihm nach. Ich pass auf ihn auf! Ich hab’s geschworen.« Abrupt kniete er sich vor Meggie hin und griff nach ihrer Hand. »Du gehst nach Ombra, ja? Bitte. Ich muss ihm nach, das verstehst du doch!«
Meggie sagte nichts. Was sollte sie auch sagen? Dass sie ebenso wenig zurückgehen würde wie er? Er hätte nur versucht, es ihr auszureden. Schleicher strich um Farids Beine, dann huschte er nach draußen. Das Mädchen lief dem Marder nach, aber im Höhleneingang blieb es stehen, eine kleine verlorene Gestalt, ganz allein. Wie ich, dachte Meggie.
Ohne Farid anzusehen, zog sie Fenoglios Pergament aus dem Gürtel. Die Buchstaben waren kaum zu erkennen in dem Dämmerlicht, das in der Höhle herrschte.
»Was ist das?« Farid richtete sich auf.
»Worte. Nichts als Worte, aber besser als nichts.«
»Warte! Ich mach dir Licht.« Farid rieb seine Fingerspitzen aneinander und flüsterte etwas, bis eine winzige Flamme auf seinem Daumennagel erschien. Sacht blies er in das Flämm-chen, bis es sich streckte wie eine Kerzenflamme, und hielt seinen Daumen über das Pergament. Das flackernde Licht ließ die Buchstaben leuchten, als hätte Rosenquarz sie mit frischer Tinte nachgezogen.