Achmed wirbelte herum und starrte sie wütend an. »Dann sollten wir also den Prophezeiungen folgen, nur weil irgendein verrückter cymrischer Seher sie von sich gegeben hat? Möchtest du vergnügt losziehen und die Welt von dem Bösen befreien, obwohl diese Leute selbst dafür gesorgt haben, dass es wieder an Macht gewinnt? Was gibt es für eine Garantie? Woher willst du wissen, dass du nicht das nächste Opfer sein wirst?«
»Was gibt es für eine Garantie, dass es nicht sowieso passiert? Meinst du nicht, dass das Böse inzwischen von uns weiß? Es ist auf einem cymrischen Schiff hierher gekommen. Vielleicht waren sein ursprünglicher Wirt und auch viele der nachfolgenden cymrischer Herkunft. Der F’dor hat an den Ratssitzungen teilgenommen, er kennt die Prophezeiungen. Und neben der rein zufälligen Gelegenheit, dass wir ihm sowieso begegnen, besteht eine ziemlich große Wahrscheinlichkeit, dass er versuchen wird, uns zu zerstören, nur weil irgendein verrückter cymrischer Seher etwas prophezeit hat. Vergiss Ashe, vergiss Llauron. Wir müssen das verdammte Ding ohnehin töten, uns selbst zuliebe.«
»Sie hat Recht, Herr«, sagte Grunthor aus der Ecke, in die er sich vor der Hitze des Gefechts zurückgezogen hatte. Die anderen beiden zuckten überrascht zusammen. »Wenn das Ding da draußen ist und wir die Einzigen sind, die es töten können, dann sag ich, sehn wir zu, dass wir’s hinter uns bringen, und Schluss damit. Ich jedenfalls will mich nich den Rest meines Lebens wieder dauernd besorgt umgucken müssen.«
Achmed betrachtete seinen Sergeanten schweigend und nickte dann. »Na gut«, meinte er etwas ruhiger, aber immer noch mit einem zornigen Blick auf Rhapsody. »Vermutlich wäre es klug, die Sache wenigstens anzugehen. Was hast du vor?«
»Ich werde Ashe nach Elysian rufen, allein, und ihm den Ring geben. Wenn er geheilt ist, können wir den Rakshas suchen und töten.«
»Warum rufen wir ihn nicht einfach hierher?«
Rhapsody dachte daran, wie distanziert Ashe stets blieb. »Weil Ashe sich darauf niemals einlassen würde. Er kommt nur an einen Ort, an dem er sich in Sicherheit weiß. Elysians Wasserfälle sind bestens dazu geeignet, um seine Schwingungen vor seinen Verfolgern zu verbergen.«
»Nein. Das wäre nämlich gefährlich für dich«, brummte Achmed. »Nach Elysian gibt es kein Sprechrohr. Du könntest im Notfall nicht mal um Hilfe rufen.«
»Nein, aber der Pavillon ist dort. Er ist ein natürlicher Verstärker. Glaub mir, Achmed, wenn ich dir ein Signal schicke, wirst du es hören.«
»Zweifellos«, meinte er säuerlich, und seine Augen bohrten sich in ihre. »Bevor oder nachdem er dir all unsere Geheimnisse abgeluchst hat?«
»Ich würde Ashe nie etwas verraten, was für dich eine Bedrohung sein könnte, Achmed«, sagte sie und erwiderte sein Starren mit einem milden Gesichtsausdruck. »Meine Loyalität gilt zuerst und vor allem meiner Familie.« Sie lächelte Grunthor zu und atmete ein wenig leichter, als sie ihn ein Lächeln unterdrücken sah. »Das ist Teil des Grundes, warum ich geholfen habe, das Bolg-Land zu unterwerfen. Nicht, dass du es nicht allein hättest tun können, aber mit ein bisschen Glück werden die Bolg irgendwann mehr deiner Wunschvorstellung von einer Nation entsprechen. Die vereinigten Cymrer werden keine Bedrohung für sie darstellen, vor allem, wenn ich mit Ashe Recht behalte. Wir werden Verbündete sein. Er wird das Gefühl haben, dass er uns etwas schuldet. Und wenn ich mich geirrt habe, dann werde ich ihn persönlich umbringen. Versprochen.«
»Wir werden sehen.«
»Aber unsere Hilfe muss freiwillig sein, sonst ist sie nicht so viel wert.«
»Weißt du, Rhapsody, manchmal wünschte ich mir, du würdest eine Unterredung nicht ständig mit einer Feilscherei auf dem Markt verwechseln. Es ist durchaus annehmbar, wenn man auch einmal nicht das meiste aus einer Sache herausholt.«
Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. »Dann wirst du zulassen, dass ich ihm helfe?«
»Du bist eine erwachsene Frau, Rhapsody. Ich brauche dir gar nichts zu erlauben.«
»Aber du hilfst mir.«
Ein seltsames Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Ja. Aber nicht seinetwegen. Allein dir zuliebe. Aber jetzt würde ich es sehr schätzen, wenn du mir hilfst, mich zuerst um etwas anderes zu kümmern, ehe du diesen nutzlosen Narren in mein Land einlädst. Mach irgendeinen netten Jahrgang auf, den du mitgebracht hast. Dann erzählen Grunthor und ich dir alles über das Loritorium.«
30
Stunden später war die Flasche mit canderischem Branntwein, die Rhapsody mitgebracht hatte, leer.
»Hast du, während du weg warst, zufällig irgendwelche Erkenntnisse hinsichtlich der Frage gewonnen, wer der Wirt des F’dor sein könnte?« Der Firbolg-König warf den leeren Behälter ins Feuer.
»Nun, ich glaube, ich habe anhand dessen, was Oelendra mir erzählte, herausbekommen, was damals mit Gwylliam geschah. Erinnert ihr euch an die andere Leiche, die wir neben seiner in der Bibliothek fanden und von der wir glaubten, es wäre eine Wache?« Die beiden Bolg nickten. »Das war wahrscheinlich der Wirt des F’dor, sicher eine wesentlich weniger beeindruckende Persönlichkeit als Gwylliam; deshalb konnte der König die Wache töten, ehe er selbst umgebracht wurde. Erinnert ihr euch an eure Vermutung, es habe wahrscheinlich noch eine zweite Wache gegeben?« Wieder nickten Achmed und Grunthor. »Nun, das war gewiss auch so. Er oder sie war vermutlich ein unschuldiger Augenzeuge. Und als der Wirt des F’dor durch Gwylliams Hand starb, ergriff der Dämon Besitz von der zweiten Wache und verließ die Schatzkammer.«
»Klingt einleuchtend«, meinte Achmed.
»Ich wollte, ich hätte herausfinden können, wer es jetzt ist«, sagte Rhapsody bedauernd.
»Oelendra hatte den F’dor früher einmal in einem menschlichen Wirt gesehen, hatte aber bei der Suche nach diesem die letzten tausend Jahre keinen Erfolg. Aber ich habe ein paar Hinweise gefunden.«
»Die da wären?«
»Nun, ich bin ziemlich sicher, dass der zweite Attentäter in der Basilika in jener Nacht der F’dor war. Ich habe von ihm das gleiche Schwingungsmuster aufgefangen wie vom Rakshas. Vermutlich, weil die beiden das gleiche Blut haben.«
»Könnte gut sein«, bestätigte Achmed. »Hast du irgendwelche besonderen Kennzeichen bemerkt?«
»Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, er hatte einen Helm auf. Aber diesen Helm habe ich schon einmal gesehen. Er hatte Hörner. Wisst ihr noch, wie ich zum Herrscher von Roland ritt, um den Friedensvertrag zu unterzeichnen?«
»Ja.«
»Dort war ein Seligpreiser, der Segner von Canderre-Yarim. Er trug einen gehörnten Helm und ein Sonnensymbol, wie es die F’dor in der alten Welt hatten; allerdings konnte ich den Stein in dem Amulett leider nicht aus der Nähe sehen.«
»Das ist die Uniform der Offiziere und Adligen in Yarim. Der Botschafter hat das Gleiche angehabt, als die Delegation bei mir war.«
»Hmmm. Ich war noch nicht in Yarim, aber es hat einen ziemlich üblen Ruf. Dort lebt Manwyn, das Orakel, die Seherin der Zukunft.«
»Erzähl mir von dem Seligpreiser«, bat Achmed.
»Er ist Tristan Stewards jüngerer Bruder, der neueste der fünf orlandischen Seiligpreiser und auch der schwächste. Ich bezweifle sehr, dass er für das Amt des Patriarchen in Frage kommt, angesichts seiner Verbindungen mit Bethania und seinem Mangel an Erfahrung.«
»Vielleicht wollte er sich den Titel sichern, indem er den alten Ziegenbock umbrachte. Wenn der Ring das Amt in sich bewahrt, wollte Ian Steward ihn dem Patriarchen vielleicht abnehmen, solange er mitten in seinem religiösen Ritual steckte und somit abgelenkt und ungeschützt war.«
»Vielleicht«, erwiderte Rhapsody unsicher. »Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen, dass ein Kirchenmann dieser Stellung der Wirt des Dämons ist. Diese Leute verbringen so viel Zeit in den Basiliken, auf heiligem Boden, dass es mir unmöglich erscheint, wie sie gleichzeitig Dämonen und Selig preiser sein können. Die Macht der heiligen Orte schreckt den Dämon doch gewiss ab, selbst einen aus der alten Welt. Der F’dor, wenn er es denn war, konnte die Basilika in Sepulvarta nicht betreten, er musste vor dem Hauptschiff stehen bleiben. Er konnte lediglich ein Feuerschild auswerfen, um dem Rakshas die Flucht zu ermöglichen.«