»Dann ist es vielleicht einer der orlandischen Adligen, mit dem die Seligpreiser ihre Macht teilen«, meinte Achmed, das Kinn in die Hände gestützt. »Wenn es ein Tauziehen zwischen Kirche und Staat gegeben hätte, wer hätte dann dem Patriarchen gegenübergestanden?«
»Unser alter Freund, der Herrscher von Roland, Tristan Steward.«
»Aha«, meinte Achmed mit einem Lächeln. »Nun, dann können wir hoffen, dass er es ist.«
»Warum?«
»Ich brauche dich doch wohl kaum daran zu erinnern, wie dumm er sich benommen hat.«
»Das stimmt.«
»Aber das könnte auch nur eine Finte sein. Die F’dor sind Meister der Täuschung. Sie können so überzeugend sein wie ein Benenner, der die Wahrheit spricht, aber ihr Medium ist eine Mischung aus Lügen, Halbwahrheiten und dem seltenen, gezielt eingesetzten Gebrauch der Wahrheit.«
Rhapsody schauderte. »Kein Wunder, dass der Dämon sich unter den Cymrern so heimisch gefühlt hat.«
»Was macht euch so sicher, dass es eine mächtige Persönlichkeit sein muss?«, fragte Grunthor jetzt. »Warum bleibt er nicht lieber irgendwo in Deckung?«
»Es könnte auch jemand sein, der nicht im Licht der Öffentlichkeit steht, aber dennoch über viel Macht verfügt«, stimmte Rhapsody zu. »Der Dämon bindet sich ja immer an. jemanden, der entweder ebenso mächtig oder weniger mächtig ist; er kann keine Seele in Besitz nehmen, die stärker ist als er. Er nutzt diese Lebensspanne, um zu wachsen, und übernimmt dann ein neueres, jüngeres Leben, das ihm mehr entspricht. Wenn wir uns vor Augen führen, dass er Ashe fast zerstört hat, ohne sich dafür sonderlich anzustrengen, würde ich sagen, man kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass er sich fast auf dem Höhepunkt seiner Macht befindet. Was immer sonst du von Ashe halten magst, Achmed, du musst zugeben, dass er jemand ist, mit dem man rechnen muss.«
»Ja, das ist schon richtig.« Achmed lehnte sich an die Wand. »Ich denke aber immer noch, dass es Llauron ist.«
»Llauron ist Ashes Vater.«
»Na und? Wenn er der Dämon ist, würde er sich kaum darum kümmern, wer ihm im Wege steht, selbst wenn es sein eigener Sohn wäre.«
»Das ist nicht der springende Punkt. Weil Llauron einen Sohn hat, kann er es nicht sein, erinnerst du dich? ›Niemals hat, wer ihn aufnimmt, ihm Kinder geboren, und niemals wird dies geschehen, wie sehr er sich auch zu vermehren trachtet/«
Achmed seufzte. »Du gehst also davon aus, dass das, was du zu wissen glaubst, tatsächlich wahr ist. Vielleicht ist Ashe ein Bastard; darauf würde ich glatt eine Wette abschließen. Glaub mir, Rhapsody, die Möglichkeiten der Täuschung des F’dor übersteigen unser Vorstellungsvermögen. Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir nicht mal versuchen, sie zu verstehen.«
Rhapsody erhob sich und sammelte ihre Sachen zusammen. »Vermutlich hast du Recht«, sagte sie und küsste Achmed auf die Wange. »Ich denke, es ist besser für mich, wenn ich einfach beschließe, wie die Sache gelöst werden kann, und dann kommt es auch so. In ein, zwei Tagen begleite ich euch zum Loritorium und zur Kolonie; wir werden sehen, ob ich etwas tun kann, um dem Schlafenden Kind zu helfen. Dann lasse ich euch wissen, was mit Ashe passiert. Wenn wir jetzt fertig sind, möchte ich gern noch kurz das Hospiz besuchen. Hat irgendjemand dort Schmerzen, soll ich für jemanden singen?«
Achmed verdrehte die Augen. »Was mich angeht, wäre das sowieso nie notwendig«, brummte er.
Grunthor blickte ihn mit ernster Miene an. »Da würde ich aber gern widersprechen, Herr«, entgegnete er. Schließlich hatte ihn Rhapsody mit ihrem Gesang von der Schwelle des Todes zurückgeholt.
»Das ist etwas anderes«, beharrte der König finster. »Im Augenblick liegt niemand im Sterben. Sie redet davon, dass sie die Schmerzen der Bolg lindern will, die nur leichte Verletzungen haben. Das ist Zeitverschwendung, außerdem ist es ihnen peinlich.«
Rhapsody kicherte leise, während sie aufräumten. »Weißt du, Grunthor, du könntest mir beim Heilen helfen. Du singst doch gern.«
Das Gesicht des Sergeanten nahm einen belustigten und zugleich zweifelnden Ausdruck an.
»Du weißt doch, worum sich meine Lieder drehen, Gnädigste«, sagte er und kratzte sich am Kopf. »Im Allgemeinen jagen sie den Leuten eher einen Schrecken ein. Und ich glaub nich, dass man mich je mit einem Sänger verwechseln könnte. Ich hab ja überhaupt keine Übung.«
»Der Text spielt überhaupt keine Rolle«, entgegnete Rhapsody ernst. »Es kann jede Art von Lied sein. Wichtig ist nur, dass sie an dich glauben. Die Bolg haben dir Treue geschworen. Du bist ihre Version von Dero untertänigst zu gehorchender Autorität. In gewisser Weise haben sie dich benannt. Es ist ganz gleich, was du singst, du musst nur von ihnen erwarten, dass sie gesund werden. Und das werden sie. Ich habe immer behauptet, dass Achmed eines Tages das Gleiche für mich tun wird.« Der Firbolg-König verdrehte erneut die Augen. Doch der Riese erhob sich. »Na gut, Euer Hoheit, dann geh ich eben mit dir«, verkündete er.
»Ich werd die Truppen mit ein paar Strophen von Haut drauf, bis kein Gras mehr wächst verwöhnen.«
Der Botschafter blinzelte nervös. Die Stimme seines Gegenübers war leicht und angenehm, ein deutlicher Kontrast zu dem Ausdruck der rot geränderten Augen.
»Nun, das war eine unangenehme Überraschung, und ich hasse Überraschungen. Aber ich bin sicher, dass es eine vernünftige Erklärung gibt. Vielleicht möchtet Ihr mich aufklären, Gittelson. Wenn ich mich recht entsinne, hieß es in Eurem Bericht über den Besuch am Hof von Ylorc, dass alle, die zu den Dreien gehören, anwesend waren, nicht wahr?«
»Ja, Euer Gnaden.«
»Und als ich Euch befragte, wer sie denn nun im Einzelnen seien, da habt Ihr mir erklärt, dass es sich um den Firbolg-König, seinen riesenhaften Wächter und eine junge blonde Frau handele, habe ich Recht? Das ist es doch, was Ihr in Canrif gesehen habt, nicht wahr?«
»Ja, Euer Gnaden«, wiederholte Gittelson unruhig. »So lautete mein Bericht.«
»Nun, das ist die korrekte Antwort. Allem Anschein nach seid Ihr den Dreien tatsächlich begegnet. Doch als wir nach Sepulvarta kamen, wartete eine von ihnen in der Basilika auf uns. Nun, Gittelson, wie konnte das geschehen?«
»Das weiß ich nicht, Euer Gnaden.«
»Denkt Ihr, sie ist hingeflogen? Hmmm?« Die Ränder an seinen Augen waren inzwischen dunkelrot wie Blut.
»Das kann ich Euch auch nicht erklären, Euer Gnaden. Tut mir sehr Leid.«
»Und Ihr habt Eure Eskorte so platziert, dass sie den Bergpass und die Straße aus Ylorc im Auge hatte, wie ich es Euch gesagt habe?«
»Ja, Euer Gnaden. Sie hat das Firbolg-Reich weder allein noch mit der Postkarawane verlassen. Ich verstehe nicht, wie sie vor Euch nach Sepulvarta kommen konnte. Es erscheint mir vollkommen unmöglich.« Unter dem vernichtenden Blick der eisblauen Augen erstarben dem Botschafter die Worte auf den Lippen.
»Und trotzdem war sie da, nicht wahr, Gittelson, mein Sohn?«
Eine dritte Stimme mischte sich ein, ein angenehmer Bariton, warm wie Honig. »Das kann man wohl sagen.«
»Euer Gnaden, ich ...« Eine Hand hob sich, und Gittelson schwieg; sein Protest war mitten im Wort erstickt.
»Habt Ihr überhaupt eine Ahnung, was uns dieser Misserfolg gekostet hat?« Nun hatte die Stimme all ihre Kultiviertheit verloren und war nur mehr ein eisiges, drohendes Flüstern.
»Sie, sie sah aus, als könnte sie für keinen eine Gefahr darstellen, Euer Gnaden«, stammelte der Botschafter. Zwei cymrische Augenpaare starrten erst ihn und dann einander an. Nach einem schier endlosen Schweigen sprach der heilige Mann von neuem. »Ihr seid ein noch schlimmerer Trottel, als ich mir habe träumen lassen, Gittelson«, sagte er, und der aristokratische Ton schwang wieder in seiner Stimme mit. »Nicht mal ein Blinder könnte die immense Kraft dieser Frau übersehen. Wie ist es nur möglich, dass Ihr sie dermaßen falsch eingeschätzt habt?«