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»Vielleicht hat er sie gar nicht falsch eingeschätzt«, warf der Rakshas nachdenklich ein. »Ich glaube, nicht einmal Gittelson hätte sich dermaßen täuschen können. Eigentlich neige ich viel eher zu der Vermutung, dass er mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen dagestanden hätte, wäre er je in ihre Nähe gekommen.« Gittelson schluckte die Beleidigung, dankbar für den Ausweg, den sie ihm bot. »Außerdem, wenn du daran gedacht hättest, mich zu fragen, hätte ich dir sagen können, dass sie vor nicht allzu langer Zeit in Tyrian war.«

Die geröteten Augen wurden schmal. »Sprich weiter.«

»Wie alt war die Frau, die Ihr gesehen habt?«, fragte der Rakshas den Botschafter.

»Noch ganz jung«, antwortete Gittelson zögernd. »Eigentlich noch ein Mädchen. Vielleicht fünfzehn oder sechzehn.«

Der ältere Mann rutschte auf seinem Stuhl nach vorn. »Beschreibe sie weiter.«

»Dünn, mit hellblonden Haaren. Blasse Haut. Unscheinbar in jeder Hinsicht, außer dass sie flink war mit dem Dolch sie hat ständig damit herumgespielt.«

Die beiden Gesichter ihm gegenüber verzogen sich; das eine wurde finster, auf dem anderen zeigte sich ein Schmunzeln. Schließlich lehnte sich der heilige Mann auf seinem Schreibtischstuhl zurück.

»Und wenn ich dir jetzt sagen würde, Gittelson, dass die Frau in der Basilika so schön war, dass es wehtut, mit einer Seele aus elementarem Feuer ...«

»Dann ist das nicht die Frau, die ich in Ylorc gesehen habe, Euer Gnaden.«

»Na also, Gittelson, da seid Ihr mir ja schon einen Schritt voraus. Ihr seid zu demselben Schluss gekommen, den ich gerade äußern wollte.« Der heilige Mann goss sich ein Glas Branntwein ein.

»Die Drei haben im Haus der Erinnerungen ein Mädchen befreit, auf das Eure Beschreibung passt«, erklärte der Rakshas. »Wahrscheinlich ist es die Kleine, die Ihr gesehen habt.« Er wandte sich an seinen Meister. »Vielleicht sollte ich ihr einen Besuch abstatten. Wir haben einige Zeit zusammen verbracht, ich glaube, sie war tatsächlich ein wenig in mich verliebt.«

»Hat sie dein Gesicht gesehen?«

»Nicht ganz. Möglicherweise hat sie einen kurzen Blick auf mich erhascht. Ich möchte der Sache gern auf den Grund gehen, Vater, wenn es dir recht ist. Sie ist ohne Zweifel unsere beste Gelegenheit, wieder in den Berg zu kommen.«

»Tu das, aber sei vorsichtig. Der Firbolg-König ist gerissen und spürt deine Gegenwart womöglich viel deutlicher, als du denkst. Oh, und da wir schon einmal dabei sind ich finde, es ist Zeit, dass wir in die nächste Phase unseres Plans einsteigen. Kümmere dich auch darum, wenn du dort bist.«

31

Die Schneehauben auf den hohen Gipfeln der Zahnfelsen fingen die späte Morgensonne ein und glühten wie Feuer unter dem klaren Himmel. Prudence zog den Vorhang vor dem Kutschenfenster ein Stück zur Seite, um die Aussicht zu genießen, schloss dann einen Moment die Augen und spürte den warmen Wind im Gesicht. Dann erhob sie sich ein wenig von dem gepolsterten Sitz und beugte sich aus dem Fenster.

Zum vierten Mal an diesem Morgen zeigten der Kutscher und die Wache einer Gruppe Firbolg-Soldaten, die sie angehalten hatten, ihre Papiere mit Tristans Siegel. Prudences Blick wanderte zurück zu den Bergen. Dieses Land war so seltsam schön und bedrohlich: Dunkle, vielfarbige Gipfel ragten am Horizont gen Himmel wie die Zähne eines großen Raubtiers, das sich dort ausgestreckt hatte. Noch nie zuvor hatte Prudence die Ebenen von Bethania verlassen, und sie war fasziniert von der dunklen Magie Ylorcs, des bergigen Landes der Ungeheuer.

Plötzlich spürte sie Blicke auf sich ruhen, drehte sich unwillkürlich um und sah einem dieser Ungeheuer direkt ins Gesicht. Wie bei den anderen Firbolg-Soldaten, denen sie seit dem Überqueren der Grenze von Bethe Corbair begegnet waren, war auch sein Gesicht dunkel und haarig, der Körperbau drahtig, aber nicht sonderlich grotesk. Der Mann musterte sie offen, aber nicht unverschämt. Prudence wurde rot vor Verlegenheit, als ihr klar wurde, dass ihr eigener Gesichtsausdruck wahrscheinlich ein Spiegelbild des seinen war. Das sind Ungeheuer, menschenartige Tiere, die Ratten und Angehörige ihres eigenen Volks fressen, hatte Tristan ihr erklärt. Und natürlich fressen sie auch jedes menschliche Wesen, dessen sie habhaft werden können. Doch nun, da sie diese Kreaturen aus der Nähe betrachtete, schien ihr das eine Übertreibung wie aus einem Kindermärchen zu sein. Jedes Mal waren die Bolg wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatten die Kutsche leise angehalten, während sie bogenartige Schusswaffen auf die Pferde gerichtet hatten. Sobald sie sich dann von den nicht feindlichen Absichten der Mission überzeugt hatten, hatten sie die Kutsche wortlos weiter gewunken und waren wieder verschwunden. Unwillkürlich überlegte Prudence, ob die Bolg vielleicht einfach einen guten Eindruck auf sie machen wollten. Mit einem Ruck fuhr die Kutsche wieder an. Prudence lehnte sich in den gepolsterten Sitz zurück, auf dem Tristan und sie sich schon unzählige Male heimlich geliebt hatten. Einen Augenblick später wurde die kleine Schiebetür an der Wand ihr gegenüber geöffnet, und das Gesicht der Wache erschien.

»Es dauert nicht mehr lange, Fräulein. Wir sind noch ungefähr eine Stunde vom größten Außenposten entfernt, der Stelle, an der die Postkarawanen hereinkommen.«

Prudence nickte, und das Türchen glitt wieder zu. Ein letztes Mal blickte sie aus dem Fenster und sah, dass der Firbolg-Soldat sie noch immer anschaute. In seinen Augen war etwas, was sie beunruhigte.

Nach einer Weile wurde die Straße unter den Rädern der Kutsche weniger holprig, und das Schaukeln ließ nach. Prudence zog den Vorhang beiseite und klopfte an die kleine Schiebtür.

»Anhalten bitte.«

Langsam rollte die Kutsche aus, und Prudence öffnete im Aufstehen die Tür. Der Kutscher stieg von seinem Kutschbock, war aber nicht schnell genug, um ihr seine Hilfe beim Aussteigen anzubieten. Also raffte sie die Röcke, sprang auf die Straße hinunter und ging hinüber auf die große Wiese.

Vor ihr erstreckte sich ein großes Amphitheater, von der Zeit und den Naturgewalten in die Erde geschnitten, obgleich es aussah, als wäre von Menschenhand ein wenig nachgeholfen worden. Früher war der inzwischen vergessene, mit Hochgras und Gestrüpp überwachsene Ort sicher ein Versammlungsplatz für eine enorme Anzahl von Leuten gewesen. Eine Felsformation mitten im Zentrum der gegenüberliegenden schrägen Wand ähnelte eindeutig einer Rednerbühne. Das Amphitheater war riesig, umgeben von Felsvorsprüngen und innen in abgestufte Ränge unterteilt, die zu einer breiten, ebenen Fläche abfielen. Nach den Beschreibungen, die Tristan ihr einmal aus einem cymrischen Geschichtstext vorgelesen hatte, erkannte Prudence, was sie hier vor sich hatte.

»Der Große Gerichtshof«, murmelte sie vor sich hin. Dies war der Ort, an dem Tristans seltsame, nahezu unsterbliche Vorfahren einst ihre Versammlungen abgehalten hatten, um dem Cymrer-Reich Frieden zu schenken. Eine gute Absicht, auch wenn sie fehlgeschlagen war. »Wie bitte, Fräulein?«, erkundigte sich der Kutscher. Prudence drehte sich zu ihm um.

»Gwylliams Großer Gerichtshof«, wiederholte sie aufgeregt. Dieses Naturwunder war größer als die Feuerbasilika und Tristans Palast zusammengenommen.

Der Kutscher und die Wache tauschten ein Schmunzeln, dann öffnete der Kutscher den Wagenschlag.

»Ja, Fräulein, ganz wie Ihr meint. Doch nun beeilt Euch bitte und steigt wieder ein. Wir dürfen bis zum Posten nicht länger als eine Stunde brauchen, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit von dort abfahren können, sonst schaffen wir es nicht, uns in drei Tagen mit der Karawane zu treffen.«

Prudence nahm seine ausgestreckte Hand und kletterte etwas ungehalten wieder in die Kutsche zurück. Schon mehrmals war ihr seit der Abfahrt aus Bethania das Schmunzeln der beiden aufgefallen, und sie kannte seinen Ursprung. Für den Kutscher und die Wache war sie Tristans Bauernhure, und es amüsierte die beiden, sie ganz allein mit all der sonst dem Adel vorbehaltenen Pracht herumzufahren. Während der Kutscher den Wagenschlag hinter ihr schloss, hörte sie ihn schon wieder lachen. Schwerfällig setzte sich die Kutsche wieder in Bewegung, Prudence warf noch einen letzten Blick auf das uralte Wunderwerk, das hier vergessen im endlosen Grün des Vorgebirges lag. Dann holte sie ihren Spiegel hervor und begann ihr Gesicht herzurichten eine Vorbereitung dafür, dem Mann, den sie liebte, einen weiteren albernen Gefallen zu tun.