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»Erste Frau?«

Die Hebammen und Rhapsody blickten gleichzeitig auf. Der Wächter trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er den Ausdruck auf den Gesichtern der Bolg-Frauen sah, denn diese schätzten die Unterbrechung offensichtlich ganz und gar nicht.

»Ja?«

»Hier ist ein Bote für Euch. Eine Frau. Aus Bethania.«

»Tatsächlich?« Rhapsody reichte einer der Hebammen die Heilpflanze, die sie gemeinsam untersucht hatten. »Was will sie denn?«

»Mit Euch sprechen.«

»Hmmm. Wo ist sie?«

»Am Griwen-Posten.«

»Nun gut. Danke, Jurt. Bitte richte ihr aus, dass ich gleich herunterkomme.« Rhapsody sammelte die Kräuter und Heilmittel und verteilte sie an die dreizehn Hebammen, von denen einige zu den mächtigsten Bolg in ganz Ylorc zählten. »Sind wir fertig?«, fragte sie. Die breitschultrige Frau nickte, und Rhapsody erhob sich. »Danke, dass ihr gekommen seid. Ich werde am Wochenende nachsehen, wie die Medizin anschlägt. Bitte entschuldigt mich jetzt.«

Prudence wartete im Schatten der kastanienbraunen Wallache, denn sie fühlte sich bei den riesigen Tieren sicherer als im Wachquartier. Sie schluckte schwer. Während der vergangenen Stunde hatte sie versucht, sich innerlich auf die bevorstehende Begegnung einzustellen, und dennoch war sie nicht auf den Anblick gefasst, der sich ihr nun bieten sollte.

Ein riesiger Firbolg in Kampfrüstung kam auf sie zu, neben sich eine sehr viel kleinere Gestalt, die trotz der sengenden Sommerhitze vom Kopf bis zur Wadenmitte in einen grauen Kapuzenumhang gehüllt war. Hinter dem Rücken des Riesen lugte eine Unzahl von Schwertgriffen hervor, sodass er aussah, als hätte er eine Mähne aus lauter Stacheln. Die kleinere Gestalt behielt die Kapuze auf, bis sie direkt vor Prudence stand. Als sie sie schließlich abnahm, kam ein Gesicht von solch unfassbarer Schönheit zum Vorschein, wie Prudence kaum je eines gesehen hatte umrahmt von goldenem Haar, das mit einem schlichten Band lose zurückgebunden war. Die Frau trug ein einfaches Hemd aus weißem Leinen und weiche braune Hosen. Aus irgendeinem Grund konnte Prudence bei ihrem Anblick nur mit Mühe die Tränen zurückhalten.

Auf einmal ergaben Tristans Worte einen Sinn für sie. In das Gesicht dieser Frau zu blicken war, als schaute man in ein knisterndes Feuer; es war in einem Maße hypnotisch und anziehend, dass man es bis in die Seele hinein fühlen konnte.

»Hallo«, sagte die goldhaarige Frau, lächelte und streckte Prudence eine kleine Hand entgegen. »Mein Name ist Rhapsody. Ihr wolltet mich sprechen?«

»Jja«, stotterte Prudence. Verdattert blickte sie auf die offen dargebotene Hand der Frau, riss sich dann aber zusammen und schüttelte sie zaghaft. Die Hand war wunderbar warm, und Prudence musste sich zwingen, sie wieder loszulassen. Um ihre Ungeschicktheit zu vertuschen, kramte sie in dem Beutel, den Tristan ihr mitgegeben hatte, und zog zwei sorgsam gefaltete, mit Gold versiegelte Bogen Pergament hervor. »Seine Hoheit Tristan Steward, Prinz von Bethania, hat mich gebeten, Euch persönlich diese Einladungen zu überbringen.«

Rhapsody runzelte die Stirn, und Prudence sank plötzlich der Mut.

»Einladungen?«

»Ja«, sprudelte Prudence hervor. »Zu seiner Hochzeit, am Abend des ersten Frühlingstages dieses Jahres.«

»Warum sind es zwei Einladungen?«

»Nun, eine ist für Seine ... äh ... für Seine Majestät, den König von Ylorc, und eine ist für Euch.«

Die smaragdgrünen Augen der Frau wurden noch größer vor Staunen. »Für mich?«

Prudence schoss das Blut in die Wangen. »Ja.« Nervös beobachtete sie, wie Rhapsody das gefaltete Papier in der Hand drehte und darauf starrte. »Ich habe den Eindruck, Ihr seid überrascht.«

Der Riese neben der Frau brach in dröhnendes Gelächter aus, und Prudence erbleichte vor Schreck. »Nun, nun, Gräfin, hör dir das bloß an. Der Prinz möchte, dass du an seiner Hochzeit teilnimmst. Ist das nicht goldig?«

Rhapsody reichte Prudence die Einladungen zurück. »Das muss ein Fehler sein. Warum sollte der Herrscher von Roland mir eine Einladung schicken?«

Prudence fuhr sich mit der Hand über die Kehle und spürte, wie sie zitterte. »Gräfin? Bitte entschuldigt, das wusste ich nicht. Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich Euch mit einer falschen Anrede beleidigt habe, Herrin.«

»Nein, nein«, beteuerte Rhapsody hastig. »Er macht nur Witze.«

Die bernsteinfarbenen Augen des Riesen funkelten fröhlich. »Wie meint Ihr denn das? Sie ist die Gräfin von Elysian, genau das ist sie. Die höchstgeborene Dame in ganz Ylorc.« Prudence nickte, und der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich.

»Ich glaube, Ihr versteht nicht, wie wenig das bedeutet«, meinte Rhapsody und warf Grunthor einen ärgerlichen Blick zu. »Für Euren Herrn bin ich immer noch ein Bauer. Meine Rolle an seinem Hof war die einer Botschafterin für den König von Ylorc. Und obgleich unsere letzte Begegnung einigermaßen zivilisiert verlief, war unsere Beziehung doch ansonsten stets recht angespannt. Aus all diesen Gründen bin ich überaus erstaunt, dass er mir eine Einladung für ein solch glückliches Ereignis zukommen lässt. Ich bin mir sicher, dass es sich um einen Irrtum handelt.«

»Du hattest also eine Beziehung mit ihm?«, erkundigte sich Grunthor in gespieltem Entsetzen.

»Dabei sagst du doch immer, er ist dumm!« So verstohlen sie konnte, stieß Rhapsody ihm den Ellbogen in die Rippen, dann schaute sie wieder zu Prudence, die inzwischen sichtbar zitterte. Der irritierte Ausdruck auf Rhapsodys Gesicht verwandelte sich in Besorgnis. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und berührte Prudences Arm.

»Geht es Euch nicht gut?«

Prudences Blick begegnete dem der goldhaarigen Frau, und als sie erkannte, wie besorgt sie war, wurde ihr warm ums Herz. »Nein, es ist alles in Ordnung«, sagte sie und tätschelte unbeholfen Rhapsodys Hand.

»Kommt, gehen wir aus der Sonne«, schlug Rhapsody vor und hakte sich bei Prudence unter.

»Ich bin eine grässliche Gastgeberin ich habe mich nicht einmal nach Eurem Namen erkundigt!«

»Prudence.«

»Nun, vergebt mir bitte meine Unhöflichkeit, Prudence. Erlaubt mir, Euch in Ylorc willkommen zu heißen. Wollt Ihr und Eure Eskorte etwas ...«

Auf einmal geriet die Welt ins Wanken. Rhapsodys Ohren füllten sich mit dem Pochen ihres eigenen Blutes, ihre Augen verschleierten sich. Blitzschnell streckte Grunthor den Arm aus und erwischte sie gerade noch, ehe sie auf dem Boden aufschlug. Als er sie in seinen Armen zu sich drehte, sah er, dass ihr Gesicht ganz verzerrt war, vor Angst, aber auch noch etwas anderem.

»Was ist los, Gräfin?«, fragte er besorgt, während er ihr mit seiner riesenhaften Pranke auf die Wange klopfte.

Rhapsody blinzelte, versuchte das Gefühl zu verjagen, dass der Himmel über ihr zusammenbrach, und blickte an Grunthor vorbei zu der orlandischen Botschafterin. Prudence war eine hübsche Frau mit blasser Haut und rotblonden Locken, stellte sie zerstreut fest. Aber in ihren dunkelbraunen Augen schimmerte etwas, was man beinahe schon als Panik bezeichnen konnte. Doch dann, während Rhapsody Prudence so ansah, verschwand dieses Gesicht plötzlich, wurde wie von den Klauen eines brutalen Windes fortgerissen, bis Knochen und Muskeln offen lagen. Ihre Augen verschwanden aus den Höhlen und ließen dunkle, mit getrocknetem Blut gefüllte Höhlen zurück. Rhapsody verschlug es vor Schreck den Atem.

»Herrin?« Auch Prudences Stimme zitterte.