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Wieder blinzelte Rhapsody. Prudences Gesicht sah wieder aus wie zuvor.

»Es tut mir ... es tut mir sehr Leid«, sagte sie. Vorsichtig zog Grunthor sie auf die Füße und klopfte ihr den Schmutz von den Kleidern. Mit einem schwachen Lächeln sagte sie zu der erschrockenen Botin: »Anscheinend macht mir die Sonne auch zu schaffen. Im Griwen-Posten können wir uns hinsetzen und uns abkühlen. Würdet Ihr mit uns kommen?«

Prudence warf einen Blick hinüber zu dem Posten, wo sechs Firbolg-Wachen standen und sie neugierig begafften. Einer von ihnen lächelte ihr zu, eine gruselige Grimasse, bestenfalls ein anzügliches Grinsen. Prudence schauderte.

»Ich, ich muss zurück«, stammelte sie. »Die Postkarawane ist drei Tage vor uns, und wir sollten uns beeilen, um sie nicht zu verpassen.«

Rhapsodys Gesicht wurde ernst. »Ihr seid nicht mit der geschützten Karawane gekommen?«

Prudence schluckte. Tristan hatte keinen Zweifel an der Notwendigkeit gelassen, ihre Mission diskret und geheim durchzuführen.

»Nein«, antwortete sie.

»Wollt Ihr mir sagen, dass der Herrscher von Roland eine Zivilistin ohne den Schutz der bewaffneten wöchentlichen Karawane nach Ylorc geschickt hat?«

»Ich habe eine Leibwache dabei, und auch der Kutscher ist ein orlandischer Soldat«, entgegnete Prudence. Welch eine Ironie, dachte sie. Mit Tristan hatte sie die gleiche Diskussion geführt. Es war schon ein wenig makaber, dass sie jetzt die Position verteidigte, gegen die sie damals protestiert hatte.

Einen Augenblick lang machte Rhapsody ein nachdenkliches Gesicht, dann fasste sie einen Entschluss. Sie streckte Prudence die Hand entgegen. »Bitte kommt mit mir«, sagte sie. »Ich verspreche Euch, Ihr seid hier in Sicherheit.«

Die Worte klangen so wahr, dass Prudence fast unwillkürlich nach Rhapsodys Hand griff und sich von ihr zum Posten führen ließ.

Der Wachturm des Griwen-Postens war aus einer Felswand gehauen worden, die zu einem von Ylorcs höchsten Gipfeln führte. Im Innern des Postens waren die Wände glatt und gerade geschliffen, die Böden aus poliertem Stein. Darüber erhob sich in zahlreichen Stockwerken der eigentliche Turm, größer als Avonderres Leuchtturm. In Richtung Westen, Norden und Süden gab es drei Plattformen, verbunden mit in die Mauer zementierten Leitern, die so lang waren, dass Prudence ihr Ende nicht sehen konnte. Staunend blickte sie um sich, während sie mit dem riesigen Firbolg und der kleinen zierlichen Frau an den Barrikaden vorbeiging, die mit langen Reihen verborgener Fenster versehen und mit hunderten schussbereiter Bogen gesäumt waren.

Sie kamen an Arbeitsräumen, Baracken und mehreren großen Versammlungshallen vorbei, und Prudences Staunen wuchs von Minute zu Minute. Sie hatte ihr ganzes Leben in Tristans Festung zugebracht, deren Wälle sich mit diesen hier nicht annähernd messen konnten. Dabei war Griwen nur ein Außenposten und nicht etwa ein Teil der eigentlichen Bergfestung. Sie nahm sich vor, Tristan klar zu machen, dass man ihm hier eindeutig überlegen war. Schließlich hielt Rhapsody vor einer schweren, lackierten und mit Eisenbändern beschlagenen Tür an. Sie öffnete sie und wies mit einer Handbewegung ins Innere des Raumes.

»Bitte kommt herein«, sagte sie.

Prudence gehorchte; ihr Blick streifte sogleich die Waffengestelle neben der Tür. In der Mitte des Raumes stand ein langer, schwerer Tisch aus roh behauenem Kiefernholz, umgeben von ebenso groben Stühlen. Rhapsody blieb lange genug in der Vorhalle stehen, um ein paar Worte mit dem Riesen wechseln zu können, dann kam sie ebenfalls ins Zimmer. Sie winkte in Richtung Tisch.

»Bitte, Prudence, macht es Euch bequem.«

Prudence gehorchte, während Rhapsody ihren langen grauen Umhang abnahm und ihn an einen Haken neben der Tür hängte. Dann ließ sie sich auf einem Stuhl gegenüber von Prudence nieder.

»Es tut mir Leid, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, Grunthor richtig vorzustellen«, sagte sie. »Er holt Erfrischungen für uns.« Prudence nickte. »Nun, während wir allein sind, könntet Ihr mir doch erzählen, warum Ihr wirklich gekommen seid.«

Prudence wandte den Blick ab. »Ich weiß nicht, was Ihr damit meint.«

»Vergebt mir, aber ich glaube, das tut Ihr doch. Obgleich der Herrscher von Roland und ich ein paar unangenehme Gespräche hatten, und der Tatsache zum Trotz, dass er sich in seinem Urteilsvermögen mehrmals ernsthaft geirrt hat, kann ich kaum glauben, dass er so töricht ist, in einer Routinesache einen Sonderbotschafter loszuschicken, der so offensichtlich kein Soldat ist, um eine Hochzeitseinladung zu überbringen. Vor allem wenn es eine wöchentliche Karawane gibt, die solche Sendungen mit einer Eskorte von fünfzig bewaffneten Männern bewerkstelligt. Warum seid Ihr wirklich hier, Prudence?«

Rhapsodys Ton war sanft und verständnisvoll. Als Prudence ihr in die Augen schaute, fand sie dort rückhaltlose Sympathie. Allmählich verstand sie nur zu gut, was Tristan meinte, wenn er davon sprach, wie schwer es war, nicht an sie zu denken. Diese Frau besaß eine ungeheure Anziehungskraft, ob in der Musik ihrer Worte oder einfach in der Wärme, die von ihr ausging. Wie dem auch sein mochte Prudence musste jedenfalls gegen den Sog ankämpfen, der davon ausging.

»Der Herrscher von Roland bedauert das, was er Euch früher angetan hat«, erwiderte sie stockend. »Es ist ihm offen gesagt peinlich, wie er Euch behandelt hat.«

»Dafür besteht kein Anlass.«

»Dennoch möchte er die Sache wieder gutmachen. Deshalb hat er mich gebeten, Euch zu einem Besuch nach Bethania einzuladen, damit er sich persönlich entschuldigen und weiterhin seine guten Absichten gegenüber dem Königreich von Ylorc beweisen kann. Außerdem würde er Euch gern die Stadt zeigen und verspricht Euch einen Rundgang mit allem, was dazugehört, und einer entsprechenden Eskorte.«

Rhapsody unterdrückte ein Lächeln. Als sie das erste Mal in Bethania gewesen war, hatte sie aus Versehen für einen Aufstand auf der Straße gesorgt und wäre um ein Haar sowohl von Tristans Soldaten als auch von der Stadtwache ergriffen worden.

»Das ist sehr freundlich, aber ich bin noch immer nicht sicher, ob ich das recht verstehe. Warum hat er mir nicht eine schriftliche Einladung geschickt oder Euch zumindest mit der Karawane reisen lassen? Die Zeiten sind gefährlich, nicht nur in Ylorc, sondern überall.«

»Ich weiß.« Prudence seufzte tief. »Ich erfülle nur den Auftrag meines Gebieters, Herrin.«

Die goldhaarige Frau überlegte einen Moment und nickte dann. »Bitte nennt mich Rhapsody. Ich fürchte, ich bin gerade erst von einer ziemlich langen Reise zurückgekehrt und muss mich jetzt eine Zeit lang um meine Pflichten hier in Ylorc kümmern. So Leid es mir tut, kann ich daher die Einladung Eures Herrn nicht annehmen.«

Prudence bekam einen trockenen Mund, als sie sich Tristans Enttäuschung vorstellte. »Wie bedauerlich. Ich hoffe, Ihr schlagt nicht auch noch die Einladung zur Hochzeit aus.«

Rhapsody lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Ich bin nicht sicher, was ich dazu sagen soll. Noch immer erscheint es mir äußerst seltsam, dass der Hohe Herrscher von Roland eine Angehörige des niederen Volkes bei seiner Hochzeitsfeier dabei haben möchte.«

»Ich versichere Euch, er hat es absolut ehrlich gemeint.«

»Hmmm. Nun, braucht Ihr sofort eine Antwort?«

»Aber nein, keineswegs«, antwortete Prudence erleichtert. »Ihr könnt Eure Entscheidung zusammen mit dem König von Ylorc bekannt geben.«

Die Tür ging auf, und Grunthor trat ins Zimmer, gefolgt von einem Bolg-Soldaten, der ein Tablett mit einem Krug, Gläsern, Honigbrötchen und Obst brachte. Der Mann stellte alles rasch auf den Tisch und verließ den Raum sogleich wieder, die Tür fest hinter sich zuziehend. Rhapsody lächelte Grunthor zu, dann wandte sie sich wieder an Prudence, und abermals stockte ihr der Atem. Tristans Botin lag schlaff in einer grotesken Verrenkung auf dem Stuhl, die leeren Augenhöhlen zur Decke gerichtet. Ihr Gesicht war völlig entstellt, die Nase verschwunden; in dem Moment, als Rhapsody weggesehen hatte, schien sie von wilden Hunden oder anderen Raubtieren zerfleischt worden zu sein.