Rhapsody schloss die Augen, um die Vision zu beenden, aber das Bild ließ sich nicht verscheuchen. Stattdessen lag Prudences zerstörter Körper nun im Dunkeln auf einem grünen Hügel. Nur an den Überresten ihres zerzausten Haars war sie überhaupt zu erkennen, rotgoldene Strähnen, mit schwarzem Blut verklebt, leise im Wind wehend. Rhapsody holte tief Atem, wappnete sich innerlich, versuchte ihr rasendes Herz zu besänftigen und stellte sich der Vision. In ihrem Geist erweiterte sich das Bild, entfernte sich ein Stück von ihr, bis sie den Ort erkannte, an dem der verstümmelte Körper lag. Es war Gwylliams Großer Gerichtshof.
Eine riesige, starke Hand umschloss sanft ihre Schulter, und die Vision verschwand. Rhapsody öffnete die Augen. Prudence starrte sie an, mit dem gleichen angstvollen Ausdruck wie vorhin, nur war er jetzt noch intensiver geworden.
»Prudence.« Rhapsody konnte nur flüstern. »Prudence, Ihr müsst heute Nacht hier bleiben. Bitte. Ich fürchte um Eure Sicherheit, wenn Ihr gleich wieder geht.«
Doch Prudence fürchtete sich ohnehin. »Ich danke Euch, wirklich«, sagte sie dennoch, »aber es besteht kein Grund, dass Ihr Euch Sorgen macht. Ich werde gut bewacht, und nach weniger als der Hälfte des Weges stoßen wir auf der Rückfahrt ja auf die Karawane.«
Rhapsody drängte die Tränen zurück, die ihr plötzlich in die Augen traten. »Dann seid Ihr trotzdem mindestens drei Tage allein unterwegs. In der Zwischenzeit kommt aber die nächste Karawane schon hier vorbei, die der dritten Woche. Kehrt doch mit ihr nach Bethania zurück es ist gleich der erste Halt nach Bethe Corbair. Bis dahin könnt Ihr hier bleiben, in Sicherheit, als unser Gast. Bitte, Prudence; eine kleine Kutsche ohne bewaffneten Schutz ist verletzlich, und wir leben in gefährlichen Zeiten.«
Die Verzweiflung in Rhapsodys Stimme machte Prudence nur noch mehr Angst, und sie erhob sich vom Tisch, noch immer sichtbar zitternd. »Nein. Es tut mir Leid, aber ich muss umgehend nach Bethania zurück. Ich habe die Botschaft überbracht, mit der ich hergeschickt wurde. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen würdet, meine Wachen warten auf mich.« Sie blinzelte und bemühte sich, nicht auf die Tränen dieser Frau zu reagieren. Tristan hatte vollkommen Recht; es war, als hätte sie sich in einer Welt aus endlosem Schnee verlaufen und Rhapsody wäre die einzige Wärmequelle. Tief in ihrem Herzen fragte sich Prudence, ob sie nicht auch etwas Dämonisches an sich hatte.
Schnell schob sie ihren Stuhl zurück, rannte zur Tür, riss sie auf und verschwand. Grunthor blickte erst auf die noch in den Angeln zitternde Tür, dann sah er zu Rhapsody hinüber, die still am Tisch saß und die Wand anstarrte.
»Geht’s dir jetzt wieder gut, Fräuleinchen?«
Einen Moment schwieg sie nachdenklich. Als sie aufblickte, glänzten ihre Augen entschlossen.
»Grunthor, würdest du etwas sehr Wichtiges für mich erledigen?«
»Alles, Schätzchen. Das weißte doch.«
»Folge ihr, bitte. Sofort. Nimm so viele Truppen mit, als müsstest du sie gegen einen sehr mächtigen Gegner verteidigen, und folge dieser Kutsche, bis sie den Großen Gerichtshof passiert und die Grenze nach Roland hinter sich gebracht hat. Ehe du zurückkommst, vergewissere dich, dass sie Ylorc wohlbehalten verlassen hat und sich auf den Krevensfeldern befindet, um die Karawane der zweiten Woche zu erreichen, weit weg von unserem Land. Tust du das für mich?«
Grunthor betrachtete sie ernst. »Na klar, Gräfin. Wir nehmen die Feldtunnel, dann kriegt sie nich mal mit, dass wir da sind.«
Rhapsody nickte. Die cymrischen Brustwehren bildeten ein Labyrinth versteckter Gräben, Rinnen und Tunnel, die am Fuß der Zahnfelsen vor vielen Jahrhunderten von treu zu Gwylliam stehenden Nain-Handwerkern ausgehoben worden waren. Verfallen und unbenutzt durchzogen sie die Steppe, aber Grunthor hatte sie wieder entdeckt. Sofort hatte Achmed es zur Priorität erklärt, dass sie auf Vordermann gebracht wurden, und nun durchquerten die Bolg die weiten Felder vor den Bergen still und unsichtbar. Prudence war schon verängstigt genug. Es würde sie wohl kaum beruhigen, wenn sie entdeckte, dass der Riesen-Sergeant und ein guter Teil der Bolg-Truppen ihr folgten.
Grunthor gab Rhapsody einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Allein wartete sie noch ein paar Minuten, dann ging auch sie hinaus, um auf den hohen Turm des Grivven-Postens zu steigen, wo sie in das trübe Licht der untergehenden Sonne hinausstarrte und zusah, wie ihr riesenhafter Freund und sein Regiment sich über die Felder auf den Weg machten und vor ihren Augen im Erdboden verschwanden, um der fernen Kutsche zu folgen.
32
Achmed untersuchte die Gurte von Waffen und Gepäck und spähte noch einmal aus dem Tunnel.
»Grunthor kommt«, berichtete er.
Rhapsody nickte. Nachdem sie die Tagessternfanfare ein letztes Mal sauber gewischt hatte, steckte sie das Schwert in die neue, mit schwarzem Elfenbein eingefasste Scheide, welche die Bolg-Handwerker in ihrer Abwesenheit für sie gefertigt hatten. Über dem Felsvorsprung ertönte ein Lied, und die volle Bassstimme hallte von den Tunnelwänden wider.
In der Liebe und im Krieg (Zwei Dinge, die mir lieb) So sagt man, ist alles genehm. Also wundert euch nicht, Wenn’s euch jetzt gleich sticht In das Fett, das sonst so bequem.
Eure Frauen und Kinder
Die quälen wir nicht minder,
Auch wenn uns der Hunger nicht drückt.
Und wenn ihr längst tot seid,
Haben die doch ’ne gute Zeit
Denn wir sind doch recht ordentlich bestückt.
Rhapsody lachte. »Wirklich bezaubernd«, sagte sie zu Achmed. »Ist das eine neue Errungenschaft?«
Der Firbolg-König zuckte die Achseln. »In all den Jahren, die ich ihn nun kenne, war er nie um ein Soldatenlied verlegen «, meinte er. »Bestimmt gibt es noch tausend, die ich nicht kenne.« Einen Augenblick später kam der Sergeant aus dem Geheimgang und betrat den Tunnel.
»Ist sie weg, Grunthor? Hat sie das Bolg-Land unversehrt verlassen?«
»Ja«, antwortete der Riese, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Wir sind ihr in der Brustwehr gefolgt, so weit es ging, in die Provinz Bethe Corbair rein und bis auf die Krevensfelder. Erst da sind wir umgekehrt. Sie ist nun ein ganzes Stück weit in Roland und hat den Gerichtshof viele Meilen hinter sich.«
Rhapsody seufzte erleichtert. »Danke«, sagte sie ernst. »Ich kann dir nicht sagen, wie grausig die Vision war. Jetzt ist sie wenigstens sicher auf dem Rückweg zu Tristan Steward, diesem Dummkopf. Ich kann nicht glauben, dass er sie ohne eine ordentliche Schutztruppe losgeschickt hat.«
»Offensichtlich ist sie entbehrlich. Oder das, was er wollte, ist zu wichtig, um auf die Postkarawane zu warten«, meinte Achmed und setzte seine Kapuze auf. Rhapsody lächelte. »Es ist Letzteres, obwohl ich nicht ganz verstehe, warum. Sie liebt ihn, daran besteht kein Zweifel. Es ist eine Schande.«
»Kann mich gar nich erinnern, davon was gehört zu haben«, wandte Grunthor ein.
»Sie hat es auch nicht gesagt, aber es ist offensichtlich.«
Achmed stand auf und schüttelte seinen Umhang aus; er wirkte irritiert. »Nun, vielleicht zeigt er sich ja angemessen erkenntlich, wenn sie zurückkehrt«, brummte er. »Können wir jetzt gehen? Mich könnte kaum etwas weniger interessieren, als ob Tristan Steward seine Dienstmagd vögelt.«
Auch Rhapsody erhob sich. »Ja. Zeigt mir das Loritorium. Ich denke schon daran, seit ich Elynsynos’ Höhle verlassen habe.«
Der Firbolg-König stellte sich an den Eingang des unterirdischen Gewölbes, um Rhapsodys Gesicht sehen zu können, Wenn sie das Loritorium zum ersten Mal betrat. Obgleich er mit ihrer Reaktion gerechnet hatte, durchströmte ihn ein Schauer, als sich das Staunen über ihre Züge breitete und ihr Gesicht zu strahlen anfing, als wollte es mit der Sonne in der Welt über ihnen wetteifern.
»Ihr Götter«, murmelte sie, während sie sich langsam drehte und zu der hohen Marmordecke hinauf starrte. »Welch ein wunderschöner Ort. Und wie schade, dass niemand ihn je in fertigem Zustand gesehen hat. Es wäre ein unvergleichliches Kunstwerk gewesen.«