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»Freut mich, dass es dir gefällt«, meinte Achmed ungeduldig, verärgert darüber, dass er so gerührt war. Rhapsodys außergewöhnliche Schönheit war eine Kraftquelle, die er mit Vorliebe angezapfte, wenn es seinen Zwecken diente. Aber er wurde ungern daran erinnert, dass sie auch bei ihm gelegentlich eine Gefühlsregung auslöste. »Kannst du uns jetzt bitte helfen herauszufinden, was dieser ganze silberne Hrekin hier sein soll?« Damit wies er auf eine Lache der schimmernden Flüssigkeit; sie leuchtete zwischen den Ritzen in den Marmorblöcken, aber die Pfütze war kleiner als das letzte Mal. Rhapsody beugte sich über die schillernde Substanz und streckte die Hand aus. Sofort spürte sie eine starke Schwingung, die über ihre ausgestreckten Fingerspitzen tanzte und sie erst zum Prickeln und dann zum Brennen brachte. Rasch schloss sie die Augen, summte ihren Benennungston und versuchte, den Ursprung der Schwingung zu ergründen. Plötzlich füllte sich ihr Kopf mit einer Vielzahl chaotischer Bilder, einige davon spannend, andere schauderhaft. Die Bilderflut traf sie ganz unerwartet, und sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Was ist los?«, fragte Achmed, während er ihren Arm ergriff und ihr half, das Gleichgewicht wieder zu finden.

»Es sind Erinnerungen«, antwortete Rhapsody und rieb sich die Augen. »Reine, flüssige Erinnerungen.« Sie sah sich auf dem Platz um, blickte hinüber zu den Altären, die an den Richtungspunkten standen, und ging, zitternd vor Erregung, auf sie zu. Sie deutete auf die Truhe, die aufgestellt worden war, um eine der erlauchten Reliquien aufzunehmen, und einem Vogelbad nicht unähnlich war.

»Hört doch«, sagte sie und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Könnt ihr das Lied hören?«

»Bleib weg davon, Fräuleinchen«, warnte Grunthor. »Es ist von einer Falle geschützt.«

»Ich weiß«, erwiderte Rhapsody. »Das erzählt es mir auch.«

»Was erzählt?«, wollte Achmed wissen.

Rhapsodys Gesicht strahlte noch heller. »In diesem Becken ist ein einziger Wassertropfen könnt ihr ihn sehen?« Der Bolg kniff die Augen zusammen und nickte dann. »Das ist eine von den Ozeantränen, ein seltenes und unschätzbar wertvolles Stück lebendes Wasser, das Element in seiner reinsten Form.« Sie wirbelte herum und deutete auf ein anderes Behältnis, einen langen, flachen Altar aus Marmor in gedämpften Zinnober und Grüntönen, Braun und Purpur.

»Und das hier ist ein Block aus Lebendigem Gestein«, fuhr sie fort, »lebendig seit der Zeit, als die Erde geboren wurde.«

»Das Erdenkind wurde aus der gleichen Substanz geformt«, erinnerte Achmed sie. »Sieht aus, als wäre der Schrein für den Wind leer«, stellte Rhapsody fest. Dann deutete sie auf das Loch in der gewölbten Decke über ihnen. »Ich denke, Gwylliam wollte an dieser Stelle den Splitter des Sterns anbringen, den Seren Äther, den er von der Insel mitgebracht hatte. Das Schriftstück, das du mir zeigtest, schien darauf hinzuweisen.

Das erklärt auch, wie die Erinnerungspfützen sich gebildet haben. Taten verursachen Schwingungen, die Schwingung bleibt zurück und verschwindet erst, wenn sie sich mit anderen Schwingungen vermischt oder von Wind oder Meer verschluckt wird, welche die meisten Schwingungen aufnehmen können. Dieser Ort hier war luftdicht versiegelt und mit reinen und mächtigen Formen des uralten Wissens gefüllt, zum Beispiel dem Altar aus Lebendigem Gestein und der Ozeanträne. All diese Magie vermischte sich mit den Schwingungen dessen, was hier geschah, und dadurch haben die Erinnerungen eine feste Form angenommen.« Sie bückte sich neben einer kleinen Silberpfütze. »Ich vermute, sie fing an zu verdunsten, nachdem ihr den Tunnel geöffnet und etwas von der Luft aus der Welt dort oben hereingelassen hattet. Doch Jahrhunderte eingefangener Schwingungen haben an diesem Ort deutliche Zeichen hinterlassen.«

Achmed nickte. »Und kannst du an dieser flüssigen Erinnerung erkennen, ob der Feuerbrunnen aus Versehen oder absichtlich verstopft wurde?«

Rhapsody ging zu dem Brunnen im Herzen des Loritoriums hinüber und schritt langsam um ihn herum. Auf einmal nahm die Hitze, die aus der Öffnung kam, merklich zu, als reagierte das Feuer darunter auf Rhapsodys Gegenwart. Sie schloss die Augen, streckte die Hand aus und legte sie dann vorsichtig auf das verstopfte Rohr. Als ihr Kopf wieder klar wurde, summte sie einen Erkennungston.

Staunend beobachteten Grunthor und Achmed, wie von dem Becken ein silberner Nebel in die Luft stieg und undeutlich eine menschliche Gestalt formte. So verschwommen sie auch war, konnte man erkennen, dass sie über die Schulter blickte. Dann drehte sie sich um, bewegte sich in Richtung Brunnen und löste sich auf.

Rhapsody öffnete die Augen, und im Fackelschein sahen die beiden Männer das smaragdgrüne Leuchten.

»Die Antwort auf deine Frage lautet: Ja, es ist absichtlich geschehen«, sagte sie leise. »Die Quelle wurde verstopft, und mit ihr noch andere Schächte, durch die der Qualm von Gwylliams Schmieden abzog. So wurde der ganze beißende Rauch in die Kolonie geleitet.«

Sie verfiel in nachdenkliches Schweigen. Achmed wartete gespannt, bis sie wieder zu sich kam, denn er brannte darauf, mehr Einzelheiten zu erfahren und ihr weitere Fragen zu stellen. Nach ein paar Minuten sah er, dass ihre Augen wieder klar wurden.

»Jetzt erinnere ich mich«, sagte sie leise, fast zu sich selbst. Sie wandte sich an die beiden Bolg. »Der Mann, der die Quelle verstopfte, tat es absichtlich, vor langer Zeit. Ich habe ihn schon einmal gesehen, aber zuerst habe ich ihn nicht erkannt.«

»Und dann hast du dich doch an ihn erinnert?«, fragte Achmed.

»Nun, in gewisser Weise. Als wir hierher kamen, als wir die königlichen Schlafzimmer von Canrif erforscht haben, hatte ich eine Vision von Gwylliam, der verdrießlich auf seiner Bettkante saß, neben sich eine Leiche mit gebrochenem Hals.« Achmed nickte. »Es war die Leiche des Mannes, der den Abzug blockiert hat.«

»Kannst du ihn beschreiben?«

Rhapsody zuckte die Achseln. »Unauffällige Erscheinung, blondes Haar mit grauen Strähnen, blaugrüne Augen. Ich glaube nicht, dass er in den Schriften oder auf den Fresken zu sehen war, die wir gefunden haben. Aber das macht nichts. Wenn er der Wirt des F’dor war und irgendwie vermute ich das, hat der Dämon sich inzwischen längst einen anderen Wirt gesucht, denn dieser Mann ist ja tot.«

Achmed atmete langsam aus. »Dann wusste der F’dor also von der Existenz der Kolonie.«

»Anscheinend.«

»Dann muss er auch wissen, dass das Erdenkind hier ist. Das bedeutet, er wird zurückkommen.«

»Sind die Rückstände in den Kanälen weg?«

Achmed wickelte die öligen Lappen zu einem Knoten zusammen und warf sie auf einen Haufen in einer Ecke des Loritorium-Platzes. Dann fuhr er mit dem Finger durch die Rinne unter der nächsten Straßenlaterne.

»Ja, wenigstens so, dass nichts brennen wird, wenn du die Quelle aufmachst.« Rhapsody schaute ihn misstrauisch an, und er wandte sich ärgerlich an Grunthor. »Was glaubst du, Sergeant?«

Doch der riesige Bolg war anderweitig beschäftigt. Er stand vor dem Altar aus Lebendigem Gestein und blickte auf ihn hinab, als lauschte er einer fernen Musik. Schließlich schüttelte er den Kopf, als wollte er den Schlaf vertreiben, drehte sich um und sah den fragenden Ausdruck auf den Gesichtern seiner beiden Freunde.

»Hmmm? Oh, tut mir Leid, Herr. Is doch ziemlich klar, nich?«

»Was ist mit den Abzügen, Grunthor?«, fragte Rhapsody. »Kannst du uns sagen, ob es irgendeinen unliebsamen Effekt auf die Kolonie hat, wenn dieser hier geöffnet wird?«

Grunthor schloss die Augen, streckte seine massige Hand aus und legte sie sanft auf den Altar, zitternd, als berührte er zum ersten Mal das Gesicht einer Geliebten. Die Schwingung raubte ihm fast das Gleichgewicht. Sie schoss durch seine Fingerspitzen und seinen Arm hinauf, bis seine Schulter vor Hitze und Leben brannte.