Выбрать главу

Im Geiste konnte er die Adern der Erde sehen, die Schluchten und Ritzen in Stein und Lehmschichten, die Felsformationen über ihnen und um sie herum. Er ließ seine Gedanken dem Abzug der Feuerquelle folgen, wobei er zufrieden zur Kenntnis nahm, dass keiner der alten Aus und Eingänge verstopft war. Es war ein Gefühl, als folgte er einem guten Freund durch die Korridore eines Familienanwesens, wobei jeder Winkel und jede Nische einer liebevollen Betrachtung unterzogen wurde. Nur mir großer Mühe riss er sich los, ehe er sich gänzlich in seinen Betrachtungen verlor.

»Nein, Fräuleinchen, es ist alles frei hier«, sagte er. »Die wenigen Gänge, die noch zum Abzugssystem gehören, sind schon lange geleert worden. Außerdem hat die Großmutter seither selbst ein paar Lüftungsschächte ausgehoben.«

Rhapsody nickte zufrieden. Vorsichtig ließ sie ihre kleinen Hände in das Rohr zu beiden Seiten des Steins gleiten, der hier eingequetscht worden war. Basalt war es, wie Grunthor gesagt hatte. Und er kannte den wahren Namen des Felsens; die Erde hatte ihn ihm gesagt. Sie sammelte ihre Fähigkeiten als Benennerin und sprach das Wort aus, sang das Lied des Basalts.

Der seit Jahrhunderten eingekeilte Fels begann zu summen, als sein Name erklang. Rhapsody atmete tief ein und veränderte das Lied. Magma, sang sie, gerade erst abgekühlt, noch immer geschmolzen. Dann zog sie heftig an dem Stein, entfernte ihn aus dem Quellrohr und hob ihn herunter, ehe er sich in ihren Händen wieder verfestigte.

Mit einem lauten Zischen sprang ein kleiner Feuerblitz aus dem Zentrum der Erde durch die Brunnenfassung und spritzte flüssige Hitze und Licht bis an die Decke des Loritoriums. Die Flamme war blendend hell, das Licht so intensiv, dass die drei wie aus einem Munde aufschrieen. Rhapsody wich zurück, die Hand schützend über die Augen gelegt. In dem neuen Licht sah das Loritorium vollkommen verändert aus. Die halb fertigen Fresken an der Wand zeigten sich in all ihren wundervollen Einzelheiten, und zum ersten Mal wurden auch die kunstvollen Schnitzereien an den Steinbänken sichtbar. Die Kristallkuppeln der Straßenlaternen glitzerten im Feuerschein wie Sterne. In einem einzigen Augenblick hatte das neue, reine Licht die Dunkelheit der ganzen schimpflichen Vergangenheit dieses Ortes vertrieben. Der Blitzstrahl beruhigte sich zu einer blubbernden Flamme, die ruhig innerhalb der Wände ihres Gefäßes brannte.

Als ihre Augen sich den neuen Lichtverhältnissen angepasst hatten, betrachtete Rhapsody zufrieden den Feuerbrunnen und sah sich das System der Lampen und Kanäle an, das alles mit dem großen Lampenöl-Reservoir verband. »Dieser Ort wird prächtig sein, wenn du ihn fertig stellst«, sagte sie aufgeregt zu Achmed. »Bestens geeignet für Forschung und Studium, genau wie Gwylliam es beabsichtigte.«

»Vorausgesetzt, wir leben so lange«, entgegnete Achmed ungeduldig. »Nun, da wir durch den Silberschlamm wissen, dass der F’dor den Ort gekannt hat, müssen wir uns auf einen Angriff gefasst machen. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit.«

»Aber warum ist er nicht schon längst erfolgt, bevor die Bolg sich organisiert haben?«, fragte Rhapsody.

»Um das herauszufinden, bringen wir dich hinunter zu der Kolonie«, antwortete Achmed und gestikulierte zu der Öffnung hinüber. »Die Großmutter wird uns die Prophezeiung nicht sagen, wenn wir nicht alle drei zu ihr kommen. Ich hoffe, dass wir in dem, was der dhrakische Weise vorhergesagt hat, Antworten finden werden.«

Rhapsody nahm ihren Tornister und warf ihn sich über die Schulter. »Aha«, meinte sie scherzend. »Was immer das sein mag, wir werden es tun, denn schließlich hat ein dhrakischer Seher es gesagt.« Sie unterdrückte ein Lachen, als sie die wütende Grimasse auf dem Gesicht des Firbolg-König s sah, und folgte den beiden in den Tunnel, den Grunthor ausgehoben hatte, hin zur untergegangenen Kolonie.

An den Furchen in Rhapsodys Stirn konnte Grunthor sogar im Licht der Fackeln erkennen, wie ihr Ärger wuchs. Sie und Achmed hatten pausenlos gestritten, seit sie das Loritorium verlassen und den Abstieg in den Tunnel begonnen hatten, der zur Kolonie führte.

»Damit wird es sogar noch wahrscheinlicher, dass Llauron der F’dor ist«, sagte Achmed gerade, ohne auf die Gewitterwolken zu achten, die sich hinter Rhapsodys Augen zusammenbrauten. »Vor dem Krieg hat er hier in Canrif gelebt. Es kann gut sein, dass er damals Zugang zum Loritorium hatte. Ohne Zweifel plant er, den cymrischen Staat zu reformieren du hast ja sogar zugegeben, dass er dich um deine Hilfe gebeten hat, die Cymrer zu vereinen und Ashe zum Herrscher zu machen.«

»Das ist vollkommen unlogisch«, knurrte Rhapsody. »Wenn Llauron der F’dor wäre und Ashe zum König machen wollte, warum würde er ihm dann die Brust aufreißen und ihn um ein Haar töten?«

»Das reicht jetzt!«, fauchte Grunthor. »Sie spürt, dass ihr euch streitet, und das regt sie auf.«

Die beiden anderen starrten ihn verwundert an. Rhapsody fand die Sprache als Erste wieder.

»Wer denn, Grunthor?«

»Das Schlafende Kind natürlich. Sei jetzt still, Gnädigste. Sie weiß, dass du kommst.«

Die Sängerin blickte in das ernste Gesicht ihres riesigen Freundes empor. »In Ordnung, Grunthor. Und vielleicht kannst du mir auf dem Weg in die Kolonie erklären, woher du das weißt.«

33

Die Großmutter erwartete sie in der Dunkelheit am Ende des Tunnels. Sie musterte Rhapsody von Kopf bis Fuß, und die silbernen Pupillen waren wie schmale ovale Spiegel.

»Willkommen, Himmelskind«, sagte sie.

Achmed und Grunthor sahen einander an. Zusätzlich zu den beiden Stimmen, welche die Dhrakierin eingesetzt hatte, um sich mit ihnen beiden zu verständigen, erklang jetzt noch eine dritte, trocken und heiser wie die von Achmed. Doch diese Stimme gebrauchte Worte.

»Du kommst spät«, fügte die Großmutter vorwurfsvoll hinzu.

»Es tut mir Leid«, stammelte Rhapsody, bestürzt von dem barschen Ton; sie hatte keine gesprochenen Worte erwartet. »Ich war unterwegs.« Sie starrte die Frau an, und vor lauter Staunen machte sie sich nicht einmal Gedanken darüber, ob diese sie womöglich unhöflich fand.

In den seltsamen Gesichtszügen der Großmutter entdeckte sie einige Ähnlichkeiten mit Achmed; jetzt endlich konnte sie erkennen, was sein dhrakisches Erbe war, denn bisher war es von den typischen Bolg-Eigenheiten überdeckt gewesen. Die drei Gefährten hatten Achmeds dhrakische Herkunft immer streng geheim gehalten, und außer zu Oelendra hatte Rhapsody mit niemandem darüber gesprochen, nicht einmal mit Jo. Was sie jetzt erblickte, erklärte besser als alle Worte, warum es so wichtig gewesen war, das Geheimnis zu bewahren. Die Frau war sehr dünn, und ihre Haut war fast so durchscheinend, als lägen die Venen frei. Während diese Eigenschaft bei Achmed auf die meisten Leute eher abstoßend wirkte, erschien es Rhapsody bei der Großmutter nur wie ein weiteres Zeichen ihrer Schönheit, wie eine Radierung oder eine kunstvolle Tätowierung. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie die Frau nie bei Tageslicht gesehen hatte, aber hier in der Dunkelheit war sie wunderschön.

Der Großmutter in die Augen zu sehen war etwa so, als blickte man in einem dunklen Zimmer in einen Spiegel. Schwarz wie Tinte, aber reflektierend, so erwiderten sie jetzt Rhapsodys Blick, und die silbernen Pupillen saugten das spärliche Licht in sich auf. Dann sah die Frau die beiden Bolg an, und Rhapsody verschlug es fast den Atem. Der Blick der Großmutter war fast so hypnotisch wie der von Elynsynos.

Die scharf geschnittenen Gesichtszüge der Großmutter erinnerten Rhapsody plötzlich an die Tierrassen, welche ebenso vom Wind abstammten wie die Dhrakier die Grillen mit ihrem energischen, kratzigen Zirpen, die Raubvögel mit ihren anmutig schnellen Bewegungen, die Eulen mit ihrem unerschrockenen Blick, der mitten in der Nacht am schärfsten war. Die Großmutter nickte knapp, dann drehte sie sich um und ging langsam vor.

»Kommt.«

Die drei folgten der einzigen Überlebenden der Kolonie den dunklen Tunnel hinunter und in die Kammer des Schlafenden Kindes.