Vor den großen Eisentüren der Kammer blieb die Großmutter stehen und wandte sich an Rhapsody.
»Du bist eine Himmelssängerin.« Es war eine Feststellung, keine Frage.
»Ja.«
Die Großmutter nickte. »Zuerst wirst du dem Erdenkind begegnen«, sagte sie mit einer Kopfbewegung zu den mit schweren Eisenbändern beschlagenen Türen. »Dann werde ich dich zum Kreis der Lieder bringen. Dort wirst du die Prophezeiung vorfinden, in voller Länge. Aber zuerst musst du dich um das Mädchen kümmern.«
»Wie soll ich mich um sie kümmern?«
Mit ihrer mageren Hand umfasste die Großmutter eine der riesigen Türklinken. ›»Der Wind der Sterne wird singen das Mutterlied, das ihrer Seele am vertrautesten klingt‹«, zitierte sie.
»Das ist der Teil der Prophezeiung, der sich, glaube ich, auf dich bezieht. Jetzt musst du ihr amelstyk sein. Ich werde bald zu alt dafür sein.«
Rhapsody rieb sich die Augen mit Daumen und Zeigefinger. »Ich verstehe nicht, Ihr seid zu schnell für mich.«
Die blaue Lederhaut in den Augen der Dhrakier-Frau dehnte sich ruckartig. »Nein, du bist zu langsam«, fauchte sie mit rauer Stimme. »Ihr kommt spät, ihr alle. Ihr hättet schon längst hier sein sollen, damals, als ich noch stark war, ehe die Zeit mich gebrochen hat. Aber das ist nicht geschehen.
Dennoch habe ich gewartet, habe all die vielen Jahre allein gewartet, all die Jahrhunderte, habe beobachtet, wie die Pendeluhr jede Stunde, jeden Tag, jedes Vorüberziehende Jahr gezählt hat. Ich habe darauf gewartet, dass ihr kommt und mich ablöst; jetzt seid ihr hier. Aber selbst jetzt ist es nicht einfach eine Wachablösung. Das Mädchen hat zu träumen angefangen, es wird von Albträumen gequält. Ich kann ihre Gedanken nicht hören, ich weiß nicht, was sie peinigt. Nur du kannst sie verstehen, Himmelskind. Nur du kannst sie wieder in friedlichen Schlaf singen. Das stand im Wind geschrieben. So ist es.«
Die letzten Worte sprach sie mit zitternder Stimme. Rhapsody wurde es eng ums Herz; sie kannte die Angst in diesen Worten, sie begriff, welche Verletzlichkeit sich hinter ihnen verbarg. Die Großmutter war mehr als die beständige, einsame Wächterin eines wertvollen Werkzeugs, das der F’dor sich ersehnte; sie liebte das Erdenkind wie ihre eigene Tochter. In Oelendras Stimme hatte Rhapsody den gleichen Ton gehört, damals, als sie die Laute zerstört hatte. Und die gleiche Angst war in den Augen der Lirin-Kämpferin gewesen, als sie ihr Lebewohl gesagt hatte.
»Ich verstehe«, sagte sie. »Bring mich zu ihr.«
481
Die Eisentüren öffneten sich mit einem metallischen Seufzen, und die drei Gefährten folgten der alten Frau in die dunkle Kammer. Die Großmutter rieb einen ihrer Leuchtpilze an der Wand, ein Funke glühte auf, und sie machte sich daran, die Lampe über dem Katafalk zu entzünden. Als der Raum nicht mehr völlig im Dunkeln lag, traten Rhapsody und die beiden Männer näher. Das Kind ruhte wie auch bei ihrem ersten Besuch unter einer Decke aus gewobener Spinnenseide, so weich wie Eiderdaunen. Seine glatte graue Haut sah immer noch so kalt aus wie Stein, aber etwas war anders geworden. Das Haar und seine Wurzeln waren grün wie Sommergras, nur die Spitzen trocken und struppig, wie einst das ganze Haar gewesen war. Der Sommer hatte Einzug gehalten, und das Kind der Erde fühlte es; es zeigte es auf die einzige Art, die ihm hier in der dunklen Höhle, weit weg von der Sonnenjahreszeit, zur Verfügung stand.
Rhapsody rieb sich die Arme und versuchte, ein plötzliches Frösteln abzuwehren. Langsam ging sie um den Katafalk des Erdenkinds herum und nahm den Anblick in dem gedämpften Licht der über ihm hängenden Laterne in sich auf; sonst herrschte allenthalben Dunkelheit. Das Staunen auf ihrem Gesicht rührte Grunthors Herz zutiefst.
Unwillkürlich dachte Rhapsody an Elynsynos’ Worte.
Da die Drachen sich nicht mit Angehörigen der Rassen der Drei vermehren konnten, versuchten sie, eine menschenähnliche Rasse aus den wenigen Bruchstücken des Lebendigen Gesteins zu erschaffen, die nach dem Bau des Kerkers noch übrig waren. Außergewöhnlich und schön waren die Kreaturen, die dabei entstanden. Kinder der Erde nannte man sie, und sie hatten menschliche Gestalt, oder zumindest waren sie den Menschen so ähnlich, wie die Drachen es eben fertig brachten. In mancherlei Hinsicht waren sie brillante Geschöpfe, in anderer abscheulich.
»Sie ist wunderschön«, sagte Rhapsody leise.
Die Großmutter nickte. »Auch sie hat eine hohe Meinung von dir.« Behutsam legte sie die Decke wieder über das Kind.
»Deine Schwingung beruhigt sie, die Musik, welche dich umgibt.« Ihr Augen wurden ein klein wenig schmaler, und sie starrte die Sängerin aufmerksam an. »Sie fragt sich, warum du die Tränen zurückhältst.«
Rhapsody blinzelte verlegen und versuchte, das Wasser aus ihren Augen zu verscheuchen, wobei sie Achmed einen gequälten Blick zuwarf. »Weinen ist in der Gegenwart des Bolg-Königs verboten.«
»Warum trauerst du?«
»Ich trauere um sie«, antwortete die Sängerin. »Wer würde das nicht tun? Darüber, dass dieses Mädchen zum lebendigen Tod verdammt ist, dass sie nie erwachen wird? Dass ein so außergewöhnliches und schönes Kind niemals ein Leben haben wird? Wer würde darum nicht trauern?«
»Ich würde nicht trauern«, erwiderte die Großmutter kurz angebunden. »Du irrst dich, wenn du denkst, sie hat kein Leben. Das hier ist ihr Leben, ihr Schicksal, so ist es, so wird es immer sein. Es muss ertragen, es muss geliebt werden, genau wie das Leben als einsame Wächterin ertragen und geliebt werden muss. Genau wie du dein Leben zweifellos manchmal erträgst und manchmal liebst. Dass du hier kein Leben erkennst, bedeutet nicht, dass sie keines hat. Das Leben, was immer es sein mag, ist, was es ist.«
»Ryle hira«, flüsterte Rhapsody. Die Weisheit in dem Lirin-Sprichwort hüllte sie ein wie sanft fallender Schnee. Endlich begann sie die Bedeutung der Worte ganz zu verstehen, die ihr vor so langer Zeit beigebracht worden waren.
Die Lippen des Erdenkinds bewegten sich lautlos, wie ein Echo der Lirin-Worte. Rasch beugte sich die Großmutter über das Kind, als wollte sie die leisen Worte erhaschen. Sie wartete, aber es kam nichts mehr, und sie seufzte still.
»Spricht sie manchmal?«, fragte Grunthor.
»Bisher nicht«, antwortete die Großmutter sanft und fuhr mit der Hand über das grasige Haar, Sommergrün und bleiches Wintergold. »Die letzte Prophezeiung des größten dhrakischen Weisen sagt, dass sie eines Tages sprechen würde, aber es ist nie geschehen. Seit uralten Zeiten weiß man, dass Weisheit in der Erde und in den Sternen wohnt. Alles andere, die wogende See, das vergängliche Feuer, der flüchtige Wind, ist zu unbeständig, um die von der Zeit gelehrten Lektionen zu bewahren. Nur die Erde birgt die Geheimnisse, die durch die Zeitalter hindurch weitergegeben werden; sie vermittelt das Wissen beständig, im Wechsel der Jahreszeiten, in der Zerstörung und der Wiedergeburt des Feuers. In den Fundgruben der Erde gibt es so viel zu lernen.
Dies war eine der guten Seiten daran, dass wir uns in die Erde zurückgezogen hatten. Obgleich es bedeutete, dass wir nie mehr den Himmel sehen, niemals mehr die Schwingungen im Wind lesen würden, war die Erde nicht nur ein Gefängnis, sondern auch eine Lehrmeisterin. Die Zhereditck studierten die Lektionen der Erde und lernten ihre Geheimnisse kennen. Und der Wind gab uns zum Abschied eine letzte Botschaft: Die höchste Weisheit würde von den Lippen des Erdenkindes kommen.
Mein Leben lang habe ich darauf gewartet, was sie uns mitzuteilen hat, wie diese weisen Worte wohl lauten mögen. All die Jahrhunderte hat sie nichts Verständliches gesagt, hat keine Antwort gegeben, keinen einzigen Hinweis. Aber obwohl sie keine Worte ausspricht, kenne ich dennoch ihr Herz.« Die langen Finger, die zärtlich über die glatte Wange strichen, zitterten ein wenig.
Sorgenfalten zerfurchten die Stirn der alten Frau, als das Kind wieder zu flüstern begann; seine Augenlider zuckten unruhig.