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»Jetzt hat ihr Herz erfahren, was Angst ist«, sagte die Großmutter. »Nur vermag ich dieser Angst keinen Namen zu geben.«

»Kannst du ihr nich irgendwie helfen, Gräfin?«, fragte Grunthor besorgt. Rhapsody schloss die Augen und ließ sich die Frage durch den Kopf gehen. Das Mutterlied, das ihrer Seele am vertrautesten klingt, hieß es in der Prophezeiung. Sie versuchte, im Geiste das Bild ihrer Mutter herbeizurufen, ein Bild, das einst so klar gewesen war wie der Sommerhimmel, sich jedoch kaum mehr heraufbeschwören ließ, seit sie das letzte Mal im Traum ihre Stimme gehört hatte.

Feuer hat eine große Kraft, hatte ihre Mutter in diesem letzten Traum gesagt. Aber noch größer ist die Kraft des erstgeborenen Sternenfeuers. Nutze das Feuer der Sterne, um dich und die Welt von dem Hass zu läutern, der von uns allen Besitz ergriffen hat. Dann werde ich in Frieden ruhen können, bis du mich wieder siehst.

An die Worte konnte sie sich noch erinnern, nicht aber an die Stimme ihrer Mutter. Ein Verlust, der sie schmerzte.

Rhapsody trat näher an den Katafalk und beugte sich zum Ohr des Mädchens. Vorsichtig legte sie die Hand auf das grasige Haar und strich die Strähnen zurück, die ihr in die Augen gefallen waren. Die Großmutter ließ sie gewähren und zog die Hand in die Falten ihres Gewands zurück.

»Meine Mutter kannte ein Lied für jede Gelegenheit«, sagte sie leise. »Sie war eine Liringlas, und jedem Ereignis war ein besonderes Lied zugeordnet. Ich hörte sie oft, sie waren für mich fast wie die Luft zum Atmen. Aber ich weiß nicht, welches das Mutterlied ist, von dem die Prophezeiung spricht.« Kaum waren die Worte aus ihrem Mund, als ihr etwas einfiel.

»Wartet«, sagte sie. »Vielleicht weiß ich es doch.

Unter den Lirin gibt es die Tradition, dass eine Frau, wenn sie entdeckt, dass sie schwanger ist, ein Lied aussucht, das sie dem wachsenden Leben in ihr vorsingt. Es ist das erste Geschenk, das sie dem Kind macht, sein eigenes Lied sozusagen; vielleicht ist das mit ›Mutterlied‹ gemeint. Sie singt es jeden Tag, bei ihren alltäglichen Verrichtungen, in stillen Momenten, wenn sie allein ist, vor jeder Morgenaubade, nach jeder Abendvesper. Es ist das Lied, mit dem das Kind sie kennen lernt, sein erstes Schlaflied, einmalig für jedes Kind. Die Lirin leben draußen, unter den Sternen, und es ist wichtig, dass Kleinkinder sich in gefährlichen Situationen still verhalten. Dieses Lied ist ihnen so vertraut, dass es sie sozusagen von Natur aus beruhigt. Vielleicht ist es das, was die Prophezeiung meint.«

»Könnte sein«, meinte Achmed. »Erinnerst du dich an deines?«

Rhapsody schluckte die verächtliche Bemerkung hinunter, die ihr auf den Lippen lag in letzter Sekunde rief sie sich in Erinnerung, dass Achmed nie eine Familie gehabt hatte und deshalb nicht verstand, worum es hier ging. »Ja«, antwortete sie. »Und es ist ein Windlied, also wäre es durchaus möglich, dass sich die Prophezeiung tatsächlich darauf bezieht.« Sie setzte sich auf den Steinsockel neben dem Katafalk, welcher der Großmutter als Lager diente, und zog ein Knie unter sich, alles ohne die Hand von der Stirn des Kindes zu nehmen. Dann schloss sie die Augen und sang ein Lied aus einem anderen, längst vergangenen Leben.

Schlafe, mein Kind, mein Kleines, schlaf gut, Dort in der Lichtung, wo der Fluss niemals ruht, Wo der Wind leise wispert und trägt fort im Nu All deine Sorgen und den Kummer dazu.

Ruh dich aus, mein Süßes, und schlafe recht fest, Dort, wo der Regenpfeifer baut nun sein Nest, Dein Kissen ist Süßklee, das Gras deckt dich zu, Der Mond scheint herab, und der Wind weht dazu.

Träum, meine Liebe, träum wunderschöne Träume Wenn der Wind streicht sanft über Bäche und Bäume. Nimm seine Flügel, er trägt dich ein Stück, Doch meine Liebe hält dich sicher auf Erden zurück.

Als sie geendet hatte, öffnete Rhapsody die Augen und schaute das Erdenkind an. Während des Liedes war es ruhig geworden, aber sobald Rhapsody schwieg, begann es wieder zu zucken und um sich zu schlagen, ja, es schien sogar, als wäre es noch aufgeregter als zuvor. Rhapsody war bestürzt, aber Grunthor legte ihr sanft seine riesige Pranke auf die Schulter.

»Mach dir nichts draus, Gräfin«, sagte er. »Es klang doch gar nich so schlecht.«

Auch die Großmutter war nervös, das merkte Achmed an der Elektrizität ihrer Schwingungen.

»Geht das Lied vielleicht noch weiter?«, fragte er Rhapsody, die jetzt versuchte, die Panik des Kindes mit beruhigendem Zureden zu lindern.

»Meine Mutter hat mir hunderte von Liedern vorgesungen«, antwortete sie und strich mit der Hand über den Arm des Kindes. »Ich habe keine Ahnung, auf welches sich die Prophezeiung bezieht.«

»Dann legst du sie vielleicht falsch aus«, gab Achmed zu bedenken. »Vielleicht ist in der Prophezeiung nicht deine Mutter gemeint, sondern ihre.«

Plötzlich wurde Rhapsodys Kopf ein wenig klarer. »Ja, ja, da hast du wahrscheinlich Recht«, sagte sie nervös. »Aber wie kann ich ihr eigenes Mutterlied singen? Ich weiß ja nicht einmal, wer ihre Mutter ist.«

»Sie hatte keine Mutter«, warf die dhrakische Matriarchin ein. »Sie wurde so, wie du sie jetzt vor dir siehst, aus Lebendigem Stein geformt.«

»Vielleicht hat der Drache sie gemacht?«, schlug Rhapsody vor.

»Nein«, entgegnete Grunthor ruhig. »Die Erde. Die Erde ist ihre Mutter.«

Die drei anderen starrten ihn schweigend an. »Natürlich«, murmelte Rhapsody nach einer Weile. »Natürlich.«

»Und du kennst das Lied auch, Gräfin. Hast es immer und immer wieder gehört, hast mitgesungen die ganze Zeit, als wir durch die Erde gereist sind. Kannst du es nich jetzt singen?«

Die Sängerin schauderte. Nur mit Mühe konnte sie sich dazu durchringen, an die Zeit zu denken, die sie an der Wurzel verbracht hatten, an den Albtraum, den sie durchlebt hatten, um aus Serendair zu entfliehen. Doch sie schloss die Augen und versuchte sich auf das Summen zu konzentrieren, sich an das erste Mal zu erinnern, als sie ihm gelauscht hatte, die mächtige, langsame Vibration in der endlosen Höhle über ihnen. Es war ein Lied, so tief wie das Meer, das durch ihr Herz trommelte und dennoch weich war wie fallender Schnee, fast unhörbar. Es war mehr ein Gefühl als ein Klang, reich und voller Weisheit, magisch und einmalig auf der Welt. Langsam bewegte die Melodie sich vorwärts, veränderte sich kaum merklich, ohne Eile, ohne das Bedürfnis, mit irgendetwas Schritt zu halten oder sich an etwas anzupassen. Es war die Stimme der Erde, die aus ihrer Seele sang. Und im Hintergrund erklang stark und stetig das allgegenwärtige Klopfen des Herzens der Welt, ein Rhythmus, der Rhapsody in Augenblicken der Verzweiflung Kraft gegeben und sie im Dunkel des Erdinnern immer wieder beruhigt hatte. Jetzt hatte sie ihn wieder im Ohr, wie jedes Mal, wenn sie mit dem Kopf auf dem Boden geschlafen hatte. Dann kam die Erkenntnis. Oft hatte sie nicht mit dem Kopf auf dem Boden, sondern auf Grunthors Brust geschlafen. Die beiden Empfindungen ähnelten einander sehr; der Brustkorb des Riesen war breit und kräftig, fest wie Basalt, und sein Herzschlag entsprach genau dem Rhythmus des Erdlieds. Es durchströmte ihn und tröstete sie in ihren Albträumen. Weißt du, ich würde dir jederzeit deine schlimmsten Träume abnehmen, wenn ich könnte, Hoheit, hatte er immer gesagt. Rhapsody streckte die Hand aus und berührte den Sergeanten.

»Grunthor«, sagte sie. »Hilfst du mir? Wie damals mit den verwundeten Soldaten?«

Ein leichtes Grinsen brach sich Bahn in seinem verblüfften Gesicht. »Na klar, Fräuleinchen«, erwiderte er. »Möchtest du ein paar Strophen von dem alten Bolg-Mutterlied Mamas Krallen hören?«

»Nein«, antwortete sie. »Ich brauche dich nur für den Rhythmus. Bück dich, damit ich an dein Herz komme.«

Mit leise quietschender Rüstung und raschelndem Mantel tat Grunthor, worum sie ihn gebeten hatte. Behutsam ließ Rhapsody ihre Hand über seine Brust gleiten, bis sie seinen Herzschlag spüren konnte, das langsame, stetige Pochen, das sie schon ihr ganzes Leben lang zu kennen schien. Es war immer noch dasselbe, vollkommen im Einklang mit dem Rhythmus der Erde. Rhapsody schloss die Augen und machte ihren Geist leer von allem anderen außer diesem Pochen. Es dröhnte in ihrem Kopf, vibrierte in ihren Nebenhöhlen und durch ihre Haarwurzeln, prickelte in ihrem Schädel. Sie holte Luft und sog es noch tiefer in sich ein, fühlte es ihr Rückgrat hinunter und in ihre Muskeln fließen, bis in die Haut. Als es ihre Fingerspitzen erreicht hatte, streckte sie die freie Hand aus und berührte die Brust des Erdenkindes, ließ sie unter das Gewand des Kindes gleiten, bis sie ebenfalls auf seinem Herzen zu liegen kam. Der Rhythmus passte genau, doch im Puls des Kindes war ein Zittern, das Rhapsody Sorgen machte. Sie beugte sich näher zum Ohr des Kindes, presste die Lippen zusammen und begann zu summen. Sie spürte die richtige Tonlage sofort, denn ihr Geist füllte sich augenblicklich mit musikalischen Bildern dieser mystischen und zugleich schrecklichen Reise: dem tiefen Bass der Bergleute, die sangen, während sie sich einen Weg durch die Tiefen der Erde bahnten; dem bedächtigen, melodischen Brodeln von Magma unter der Oberfläche, unterbrochen von einem gelegentlichen Zischen oder Knallen; mit der süßen, beständigen Melodie der Axis Mundi, welche die Erde in der Mitte durchteilte, und der Wurzel, die sich um sie schlang. Es war eine uralte Symphonie aus Erdklängen, wortlos und fast unhörbar, doch erfüllt von Macht und Ehrfurcht.