Rhapsody sang das Erdlied, so gut sie konnte, im Takt mit Grunthors stetigem Herzschlag, änderte den Ton nur wenig und so bedächtig, wie es der Erde angemessen war. In der Nähe hörte sie Achmed leise ausatmen, und ihr wurde klar, dass es ein Signal war; das Lied zeigte wohl irgendeine Wirkung.
Unter ihren Fingern wurde der Herzschlag des Kindes fest und hörte auf zu beben, und an seine Stelle traten die stetigen Gezeiten des regelmäßigen Atems. Rhapsody erkannte diesen Zustand; endlich schlief das Erdenkind traumlos, tief und fest. Sie spürte, wie dieselbe Ruhe sie überkam, als wäre sie ebenfalls eingeschlafen, so tief und so fest, dass ihr nicht auffiel, wie Grunthor und die Großmutter keuchten und nach Atem rangen. Es war der dumpfe Aufprall, mit dem ihre Körper auf den sandigen Boden schlugen, der sie schließlich wachrüttelte.
34
Achmed kniete bereits auf dem Boden und untersuchte die Großmutter, als Rhapsody die Augen öffnete.
Das Mädchen schlief noch immer; kristallklare Schweißperlen bedeckten ihre Stirn wie Regentropfen, als hätte sie gerade ein heftiges Unwetter überstanden. Doch sie atmete frei und bewegte sich nicht.
Als Rhapsody sich vergewissert hatte, dass sie sich für den Augenblick um das Mädchen keine Sorgen zu machen brauchte, rannte sie hinüber zu Grunthor, der flach am Boden lag. Sie half ihm, sich aufzusetzen, und untersuchte ihn. Er presste die Hände an den Kopf.
»Da kommt etwas«, brummte er. Seine Augen waren glasig, er atmete flach.
»Was, Grunthor? Was kommt?«
Der Riese brummte weiter und verlor zusehends die Orientierung. »Es kommt; es hatte innegehalten, aber jetzt ist es wieder unterwegs. Etwas ... etwas kommt.« Rhapsody fühlte, wie sein riesiges Herz raste, so heftig, dass es ihr Angst machte.
»Grunthor, komm zurück«, flüsterte sie. Sie sprach seinen wahren Namen, eine seltsame Kombination aus pfeifenden Knurr und Knacklauten, gefolgt von den Benennungen, die sie ihm vor langer Zeit gegeben hatte, als sie durch das Feuer im Zentrum der Erde gegangen waren. Spross des Sandes unter freiem Himmel, Sohn der Höhlen and der finsteren Lande, sang sie leise. Bengard. Firbolg. Sergeant Major. Mein Spieß, mein Beschützer. Herr der tödlichen Waffen. Dero untertänigst zu gehorchender Autorität. Grunthors Augen klärten sich und richteten sich auf sie. »Schon gut, Schätzchen«, sagte er benommen und schob unbeholfen ihre Hand weg. »Mir geht’s schon wieder gut. Kümmre dich um die Großmutter.«
»Mit ihr ist alles in Ordnung«, sagte Achmed von der anderen Seite des Katafalks aus. Einen Augenblick später erhob er sich und half dann der alten Frau beim Aufstehen. »Was ist geschehen?«
Die Großmutter schien wieder fest auf den Beinen zu stehen, behielt die Hand aber am Hals.
»Grüner Tod«, murmelte sie in all ihren drei Stimmen. »Unreiner Tod.«
»Was bedeutet das, Großmutter?«, fragte Rhapsody leise.
»Ich weiß es nicht. In ihren Träumen werden diese Worte ständig wiederholt. Auf einmal konnte ich sie hören, und nun kann ich die Stimme nicht mehr zum Schweigen bringen.« Die Hand der alten Frau zitterte, und Achmed nahm sie behutsam zwischen seine. »Es war, als hätte dein Lied sie aus ihren Gedanken geholt und diese auf mich übertragen.« Die seltsamen Augen der Großmutter funkelten nervös im Halbdunkel. »Dafür danke ich dir, Himmelskind. Wenigstens weiß ich jetzt, was das Mädchen quält, auch wenn ich es nicht verstehe. Grüner Tod, unreiner Tod.«
»Sie träumt auch von etwas, das kommt«, fügte Grunthor hinzu. Er nahm das Tuch, das Rhapsody ihm hinhielt, und wischte sich die verschwitzte Stirn trocken.
»Hast du irgendeine Ahnung, was das sein könnte?«, fragte Achmed. Der Riese schüttelte den Kopf.
»Es tut mir so Leid«, wandte sich Rhapsody an beide. »Ich fürchte, ich bin für eure Visionen verantwortlich. Ich habe daran gedacht, wie du gesagt hast, du würdest gern meine schlimmsten Albträume auf dich nehmen, Grunthor. Vielleicht habe ich euch beide unabsichtlich dazu verurteilt, dies auch für sie zu tun.«
»Wenn du es getan hast, dann nur, weil wir beide dazu bereit waren«, sagte die Großmutter. Sie beugte sich vor, küsste das Schlafende Kind und wischte dem Mädchen die Feuchtigkeit von der Stirn. »Jetzt schläft sie wieder friedlich, wenigstens im Augenblick.« Mit einer letzten Liebkosung richtete sich die Großmutter wieder zu ihrer vollen Größe auf.
»Kommt.«
Auch Rhapsody beugte sich hinab und küsste die Stirn des Schlafenden Kindes. »Deine Mutter Erde hat so viele schöne Kleider«, flüsterte sie in das steingraue Ohr. »Ich werde versuchen, ein Lied für dich zu schreiben, dass auch du sie sehen kannst.«
Die Inschrift auf dem Bogen über der Kammer des Schlafenden Kindes leuchtete, als das Fackellicht über sie hinweghuschte. Ruß und bröckliger Schutt hatten die Kerben im Lauf der Jahrhunderte allmählich aufgefüllt.
»Wie lautet diese Inschrift?«, fragte Rhapsody.
Die Großmutter steckte die Hände in die Ärmel ihres Gewandes. ›»Lass das, was in der Erde schläft, ruhen; sein Erwachen kündet von ewiger Nacht‹«, antwortete sie. Rhapsody wandte sich an Achmed. »Was denkst du, worauf sich dieser Satz bezieht?«
Seine ungleichen Augen verdunkelten sich im Dämmerlicht des Felsengangs. »Ich denke, das hast du selbst schon gesehen.«
Sie nickte. »Ja. Ich glaube, du hast Recht, aber nur teilweise.«
»Erklär uns das.«
»Offenbar taucht in mehr als einem Mythos eine Gestalt auf, die man als Schlafendes Kind bezeichnet«, sagte sie. »Im serenischen Sagenschatz gab es den Stern, der unter den Wellen vor der Küste von Serendair schlief. Ich glaube, wir wissen, wie treffend die Prophezeiung die Folgen seines Erwachens vorausgesagt hat. Dann gab es noch« sie zuckte unter Achmeds durchdringendem Blick zusammen »dann gab es noch das, was wir auf unserer Reise hierher gesehen haben, das, was die Drachen das Schlafende Kind nennen. Wenn dieses erwacht, hätte das noch weiter reichende Folgen.
Und nun haben wir das Erdenkind, das hier in dieser Kammer schläft. Mir scheint, dass die Prophezeiung der Dhrakier, wenn es sich bei dieser Inschrift denn darum handelt, vor folgenschweren Katastrophen warnt, falls das Kind erwachen sollte.« Rhapsody starrte in die nun wieder ganz dunkle Kammer.
»Wenn wir sie von ihren Albträumen befreien, können wir vielleicht dafür sorgen, dass sie weiterschläft«, meinte Achmed.
Doch die Großmutter wandte sich unvermittelt um und trat in den Schatten des Ganges, der zu der riesigen zylinderförmigen Höhle führte, und ihre Worte hallten in dem hohlen Korridor wider.