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»Kommt.«

Das gigantische Pendel schwang durch die Höhle und kreuzte bei jedem Schwung den Kreis auf der Steinplatte. In der Dunkelheit sah Rhapsody das Gewicht am Ende der Spinnenseide glitzern.

»Was ist das für ein Gewicht, das an dem Pendel hängt?«, fragte sie, und ihre Stimme klang schwer im sandigen, toten Wind.

»Das ist ein Diamant aus Lorthlagh, dem Land jenseits des Riffs, dem Geburtsort unserer Rasse«, antwortete die Großmutter. Ihr schwerer Umhang bewegte sich in der abgestandenen Luft. »Er ist ein Gefängnis; in ihm wird ein Dämonengeist gefangen gehalten, aus dem Kampf, in dem das Schlafende Kind verwundet wurde. Wenn man es richtig anstellt, kann ein sehr reiner und großer Diamant einen Dämon festhalten, wenn auch nicht so gut wie Lebendiger Stein. Allerdings müssen es spezielle Diamanten sein, die man nur an Orten findet, wo Sternstücke auf die Erde gefallen sind und ätherische Kristalle hinterlassen haben. Diese Kristalle stammen aus einer Zeit vor der Entstehung der Erde, ehe das Feuer geboren wurde sie sind älter als alle anderen Elemente mit Ausnahme des Äthers. Ihre Macht ist größer als die des F’dor.«

Wie als düstere Antwort blitzte das Gewicht des Pendels auf. Ein roter Blitz huschte über die Höhlenwände und verschwand wieder.

»Der Reinheitsdiamant, von dem Oelendra dir erzählt hat, muss ein ebensolcher Kristall gewesen sein«, meinte Achmed. »Klingt so, als wäre er groß genug, um sogar den stärksten Dämonengeist gefangen zu halten.«

»Kein Wunder, dass der F’dor ihn zerstört haben wollte«, bemerkte Grunthor.

»Warum hängt man so einen wertvollen und potenziell gefährlichen Gegenstand über einen endlosen Abgrund?«, fragte Rhapsody und starrte in die kreisförmige Kluft, welche die flache Formation in der Mitte umgab. »Wird das Risiko nicht größer, dass der Diamant verloren ist, wenn das Seil reißt?«

Die Schwingung der Großmutter wurde intensiver, und die drei Freunde spürten ein Jucken auf der Haut.

»Was ihr vor euch seht, ist die Macht der Winde«, erwiderte sie. »Um dieses Felspodest sind sie geknotet, alle vier, die oben wehen deshalb wurde hier auch das Bannen gelehrt. An diesem Ort sind sie verankert und sorgen dafür, dass das Pendel im Rhythmus der Erdumdrehung schwingt, sodass der Diamant sicherer ist als irgendwo sonst in den Bergen.«

Wieder wandte sie sich an Achmed. »Wenn du das Ritual lernst, werden diese Winde deine Lehrer sein.« Damit deutete sie auf die baufällige Brücke, die den Abgrund überspannte.

»Folgt mir zum Kreis der Lieder, dann zeige ich euch, was über euch geschrieben steht. Euer Schicksal. Wenn ihr es leugnen wollt, dann solltet ihr euch besser gleich in die Tiefe stürzen.«

Die Matriarchin ignorierte den Blick, den die drei austauschten, als sie auf die Brücke trat, dem böigen Wind trotzend.

»Warum nennt man diese Stelle den Kreis der Lieder?«

Vorsichtig ging Rhapsody um das im Boden eingelassene Muster herum und achtete dabei darauf, dass sie nicht in die Bahn des Pendels geriet. Zwar erkannte sie die Symbole der vier Winde, aber keine der sonstigen Inschriften, obwohl ihr klar war, dass sie teilweise eine alte Uhr darstellen sollten.

Schweigend starrte die Großmutter hinauf in die Stille der endlosen Höhle, als schaute sie in die Vergangenheit. Eine ganze Weile ließ sie die Frage der Sängerin schwer in der staubigen Luft hängen, während ihre schwarzen Augen die uralten Gänge absuchten, die jetzt nichts weiter waren als leere Löcher in dem, was einst das Herz einer großen Zivilisation gewesen war. Endlich hob sie an zu sprechen.

»Die Lirin sind die Nachfahren der Kith und der Seren, Kinder des Winds und der Sterne. Die Dhrakier sind nur vom Wind gezeugt; wir Zhereditck stammen direkt von den Kith ab, doch wegen unserer Gewissenhaftigkeit und unseres Durchhaltevermögens wurden wir dazu erkoren, die Oberwelt zu verlassen und in der Erde zu leben, um die F’dor für alle Zeiten zu bewachen. Erst als dieser Kerker aufgebrochen wurde, kamen wir wieder in die Oberwelt und schlössen uns der großen Jagd an, um jene Dämonen, die entflohen waren, zu finden und zu zerstören. Doch unsere Wurzeln waren im Wind, nicht in der Erde.«

Endlich riss die alte Frau ihren Blick von dem weit über ihr aufragenden Bauwerk los und konzentrierte ihn stattdessen auf die alte Steinbrücke, die ihren Standort mit dem Rest der Kolonie verband.

»Wir hörten die Schwingungen in der Musik des Windes, genau wie dein Volk. Aber wir reagieren noch empfänglicher auf solche Botschaften als du, Himmelskind. Es war das größte Opfer, das wir gebracht haben uns vom Wind zu trennen, um unter die Erde zu gehen. Einige, die wie ich später geboren sind, haben ihn nie gekannt, ihn nie auf ihrer Haut gespürt, frei von den Fesseln der Erde, die uns umgibt. Diese Trennung hat von uns einen hohen Preis gefordert; sie verweigerte uns die Gegenwart, die Fähigkeit festzustellen, was auf der Welt vor sich ging, im Leben um und über uns. Wir lebten in Dunkelheit, ohne Wissen außer einem.

Genau wie ein Mitglied der Kolonie von Geburt an dazu erzogen wurde, Matriarchin zu werden, so wurde auch ein Zephyr auserwählt, unser Prophet. Im Allgemeinen wurden die Kandidaten aufgrund der Empfindsamkeit ihrer Hautnetze ausgewählt und aufgrund ihrer Fähigkeit, den Wind zu schmecken, seine Schwingungen aufzunehmen und seine verborgene Weisheit zu verstehen. Denn der Wind ist zwar ein flüchtiger Bewahrer des Wissens, aber dennoch ein vielfältiger, und man kann viel lernen, wenn man ihm zuhört. Hast du den Wind sprechen gehört, Himmelskind? Hast du seinem Singen gelauscht?«

»Ja«, antwortete Rhapsody. »Und dem von Erde und Meer ebenfalls. Auch das Lied des Feuers habe ich vernommen, Großmutter, und obgleich Ihr vorhin meintet, dass die Sterne ihr Wissen nicht preisgeben, kann ich Euch versichern, dass sie singen; sie teilen ihre Weisheit denjenigen mit, die ihre Bahn am Himmel beobachten. So lautete der Glaube des Volks meiner Mutter es ist der Grund, aus dem die Liringlas beim Aufgang der Sonne und der Sterne ihre Gebete singen.«

»Und all diese Schwingungen, ganz gleich, welchem uralten Wissen sie entstammen, werden vom Wind davongetragen«, sagte die Großmutter. »Der Zephyr konnte sie hören, sogar unter der Erde, hier im Kreis der Lieder. Hoch oben gibt es eine hohle Struktur, die einem der Berggipfel ähnelt, durch die der Wind in die Erde hinuntergreift, hierher. Er tanzt um diesen flachen Felsvorsprung und bildet einen Luftkorridor, der zufällige Schwingungen von der Oberwelt mit sich bringt. Der Wind singt; sein heiliges Lied war der Lobgesang der Brüder. Wenn der Zephyr das Lied hörte, überbrachte er die Neuigkeiten, die er erfuhr, dem Rest der Kolonie. So konnten die Zhereditck den Kontakt zur Oberwelt weiterhin aufrechterhalten, obgleich sie nicht mehr Teil von ihr waren.

Aus diesen Schwingungszeichen erwarb der Zephyr nicht nur Wissen über das, was oben geschah, manchmal konnte er oder sie auch erkennen, was die Zukunft bringen würde. Doch solche Prophezeiungen waren äußerst selten genau genommen kenne ich nur eine einzige. Ihr steht jetzt auf ihr.«

Die drei blickten auf die Worte, die das in den Steinboden eingelegte Muster umgaben. Achmed bückte sich und berührte nachdenklich die Buchstaben.

»Der Wind, der diese Prophezeiung brachte, war heiß und heftig, und er kam von der anderen Seite der Welt«, fuhr die Großmutter fort. »Er trug Tod auf seinen Schwingen, Tod und Hoffnung. Das geschah vor vielen Jahrhunderten, nur eine kurze Zeit bevor die Erbauer kamen.«

Achmed fing Rhapsodys Blick auf und sah in ihren Augen den gleichen Gedanken, der auch ihm in den Sinn gekommen war. Bei der Erinnerung an den letzten Sklaven des Meisters zuckte er zusammen, den einen verbliebenen Shing, der ihm aus Serendair gefolgt war. Der einzige Überlebende von Tsoltans Tausend Augen hatte sehr leise gesprochen, ehe er verschwunden war.

Wo sind die anderen Augen?, hatte Rhapsody gefragt. Wo ist der Rest eurer Tausendschaft?