Verschwunden, hatte der sterbende Shing geantwortet, verglüht in der Hitze des Schlafenden Kindes und in alle Winde verstreut. Ich allein bin zurückgeblieben, habe den weiten Ozean überquert, um ihn zu suchen. Das ist mir geglückt.
In der Hitze des Schlafenden Kindes. Der Wind, der von der Zerstörung ihrer Inselheimat gesprochen hatte.
Der Wind, der ihr Kommen vorhergesagt hatte.
»Wie lautete die Prophezeiung?«, fragte Grunthor.
»Kannst du sie lesen?«, wandte sich die Großmutter an Achmed. »Irgendetwas davon?«
Achmed schüttelte verneinend den Kopf. »Dann müssen wir dich nicht nur im Bannritual unterweisen, sondern auch in der Sprache.« Nun bückte auch sie sich und berührte die Buchstaben.
Im Innern des Kreises der Vier wird stehen ein Kreis der
Drei
Kinder des Windes sie alle, und doch sind sie’s nicht, Der Jäger, der Nährer, der Heiler.
Furcht führt sie zueinander, Liebe hält sie zusammen, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind.
Höre, o Wächter, und besehe dein Schicksaclass="underline" Der, welcher jagt, wird auch beschützen, Der, welcher nährt, wird auch verlassen, Der, welcher heilt, wird auch töten, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind.
Höre, o Letzter, auf den Wind:
Der Wind der Vergangenheit wird sie geleiten nach Haus
Der Wind der Erde wird sie tragen in die Sicherheit
Der Wind der Sterne wird ihr singen das Mutterlied,
das ihrer Seele am vertrautesten klingt,
Um das Kind vor dem Wind zu verbergen.
Von den Lippen des Schlafenden Kindes werden kommen
Worte von höchster Weisheit: Hüte dich vor dem Schlafwandler, Denn Blut wird das Mittel sein, Um zu finden, was sich verbirgt vor dem Wind.
»Blut wird das Mittel sein«, murmelte Rhapsody. »Mir gefällt das nicht. Wird hier am Ende ein Krieg vorhergesagt?«
»Nicht unbedingt«, entgegnete Achmed. »Obgleich ich denke, er wird unvermeidlich sein.«
»Wunderbar.«
»Was erwartest du, Rhapsody? Du kennst die Geschichte. Das Einzige, wonach der F’dor strebt, ist Zwietracht, Zerstörung, Chaos. Wo ist das besser zu finden als in einem Krieg?«
»Wenn wir ein wenig vom Blut des F’dor hätten, könntest du ihn dann aufspüren, Achmed? Wie du es auch in der Alten Welt gemacht hast? Das Blut des F’dor ist alt, möglicherweise bist du noch imstande, ihm deinen Herzschlag anzupassen.«
Die Augen des Bolg-Königs wurden stählern. »Wenn ich Blut von ihm hätte, würde ich ihn nicht aufspüren müssen«, knurrte er. »Dann wüssten wir nämlich, wer sein Wirt ist, da wir das Blut ja von ihm bekommen hätten.«
»Können wir es nicht dem Rakshas abnehmen?«, fragte Rhapsody. »Er wurde doch aus dem Blut des Dämons erschaffen.«
»Vermischt mit mehreren anderen, Blut von einem Wolf und auch von den Kindern, wenn ich mich nich irre«, mischte sich Grunthor ein und unterband damit eine weitere ungeduldige Bemerkung von Achmed. »Es müsste aber rein sein, Gnädigste, damit wir den Richtigen finden können.«
Wieder blickte Achmed nach oben, hinauf in die leere Höhle, die einst das Herz der Kolonie gewesen war, das Zentrum einer großen Zivilisation.
»Hör auf meine Worte, Rhapsody: Wenn wir herausfinden, wer der Wirt des Dämons ist, wird mehr Blut vergossen und in der Erde versickert sein, als du dir vorstellen kannst. Und wenn wir es nicht bald herausfinden, dann wird seine Flut die Ozeane füllen.«
Unruhig träumte Prudence in der Dunkelheit. Nachdem sie viele Stunden über das raue Land der Krevensfelder gereist waren, hatten sich die Straßenverhältnisse nun endlich ein wenig gebessert, und sie war in einen leichten Schlummer gefallen, den Kopf an die gepolsterte Rückenlehne ihres Sitzes gelehnt. Wahrscheinlich rettete sie nur diese Stütze vor einer Verletzung, als die Kutsche gegen ein Hindernis auf der Straße prallte und heftig von einer Seite auf die andere schwankte. Gerade als die Kutsche sich wieder einigermaßen aufgerichtet hatte, passierte es ein zweites Mal ein heftiger Stoß, ein Aufprall, die Kutsche wackelte und rollte langsam aus.
Voll Schrecken setzte Prudence sich auf; ihr Herz pochte wild. In der Nacht zuvor war Neumond gewesen, und so drang kein Licht durch den schweren Vorhang am Kutschenfenster. Prudence spitzte die Ohren, ob die kleine Jalousie zurückgezogen würde, aber nichts dergleichen geschah. Nur Stille, weiter nichts.
Eine Ewigkeit schien ihr vergangen zu sein, als die Wagentür sich öffnete.
»Alles in Ordnung bei Euch da drin, Fräulein?«
»Ja«, antwortete sie, viel lauter als beabsichtigt. »Was ist passiert?«
»Da lag etwas auf der Straße, und wir sind dagegen gefahren. Wartet, ich helfe Euch beim Aussteigen.«
Unsicher erhob sich Prudence und ergriff die Hand der Wache. Aus der Kutsche trat sie hinaus in die Dunkelheit, Pechschwarz und undurchdringlich in der schwülen Sommerluft. Sie drückte die Hand des Mannes, damit ihre eigene nicht mehr so zitterte.
»Was ist hier los?«
»Ich sehe mal nach«, versprach der Mann leise und wollte ihre Hand loslassen. Doch sie drückte seine umso fester. »Nein«, stieß sie hervor. Obwohl der Mann direkt neben ihr stand, konnte sie ihn nicht richtig sehen, und sie hatte Angst, ohne seine Nähe in der sternlosen schwarzen Leere endgültig verloren zu sein. »Nein, bitte nicht.«
»Wie Ihr wünscht, Fräulein, aber ich muss wirklich nachsehen.«
Prudence versuchte tief durchzuatmen, doch es gelang ihr nicht. »Nun gut«, entgegnete sie schließlich. »Dann gehe ich eben mit Euch.«
Der Mann drückte beruhigend ihre Hand und führte sie langsam über die steinige Straße zur Rückseite der Kutsche. Mit der freien Hand stützte Prudence sich zur Sicherheit an der Karosserie ab; am Rad hielt sie kurz inne. Unter den hölzernen Speichen, dort, wo die Räder den Boden berührten, hatte sich dunkles Regenwasser gesammelt, sodass der Boden hier ganz schlammig war. Vorsichtig überquerte sie die Pfütze und ging weiter, während ihr verschlafener Kopf sich daran zu erinnern versuchte, ob der Regen eingesetzt hatte, bevor oder nachdem sie eingedöst war. Doch als ihre Augen endlich klarer sahen, stockte ihr der Atem.
Auf der Straße hinter der Kutsche lag ein Haufen zerfetzter Kleider, der einmal der Körper eines Mannes gewesen war. Nicht weit dahinter erkannte sie ein ähnliches Bündel. Einen Aufschrei unterdrückend, packte Prudence die Hand des Wachmanns. Sie blickte auf ihre Schuhe herab, die dick mit Schlamm verschmiert waren und nun schrie sie doch, denn ihr wurde schlagartig klar, dass der Morast, durch den sie gegangen war, keine Pfütze war, sondern das mit Erde vermengte Blut der Leichen. Sie stolperte nach vorn, stieß mit der Wache zusammen, konnte aber die Augen nicht von dem entsetzlichen Anblick abwenden.
»Du lieber Allgott«, wisperte sie. »Wer ist das? Woher kommt er?«
Der Mann hinter ihr ließ ihre Hand los und umfasste beschwichtigend ihre Oberarme.
»Ich glaube, das ist Euer Kutscher, er ist vom Kutschbock gefallen.«
Die Worte hallten in Prudences Ohren nach und ergaben keinen Sinn. Von fern nahm sie eine Kälte in ihren Gliedern wahr, als das Blut aus ihnen wich und zu ihrem wie rasend klopfenden Herzen floss. Sie betrachtete die zweite Leiche, an deren zerknittertem Umhang notdürftig das silberne Symbol von Tristans Elitetruppe zu erkennen war.
Es war ihre Wache!
Die Zeit blieb stehen, und Prudence hielt krampfhaft die Luft an. Entschlossene Ruhe kämpfte mit ihrer Angst und gewann schließlich die Oberhand; so stand sie stocksteif in den Armen des Mannes, den sie für einen von Tristans Soldaten gehalten hatte. Einen Augenblick später lachte der Mann leise, dann legte er seine warmen Lippen dicht an ihr Ohr.