»Wenn es Euch gut tut, dann kann ich Euch versichern, dass sie schon tot waren, ehe sie den Boden berührten, und ganz bestimmt, ehe sie überrollt wurden. Sie haben nichts davon gespürt.«
Wieder fühlte Prudence die Panik in sich aufsteigen; sie wollte fliehen, aber der Mann hielt sie nur noch fester. Langsam drehte er sie um, sodass sie vor ihm stand, und sie merkte, dass sie in die Dunkelheit einer Kapuze starrte, grau und schwarz, fast unsichtbar vor dem nächtlichen Hintergrund.
Der Mann sagte nichts. In der Kapuze meinte Prudence das Funkeln blauer Augen zu erkennen, die mit einem beinahe besorgten Ausdruck auf sie herabblickten, doch dann wurde ihr klar, dass es nur die Reflexion ihrer eigenen Angsttränen war.
»Bitte«, flüsterte sie. »Bitte.«
Nun ließ der Mann ihre rechte Schulter los und fuhr mit den Fingern sanft durch ihr Haar.
»Nun weine doch nicht, Rotschöpfchen«, sagte er, in fast wehmütigem Ton. »Es wäre doch schade, so ein hübsches Gesicht mit Tränen zu verschandeln.«
Auf einmal wurde ihr schwarz vor Augen. Rotschöpfchen. Hohl hallte das Wort in ihrem Gedächtnis wider, ein Name aus uralter Vergangenheit.
»Bitte«, flüsterte sie wieder. »Ich gebe Euch alles, was Ihr wollt.«
»Ja, ja, das wirst du«, erwiderte er tröstend. Ein letztes Mal strich seine Hand über ihr Haar, glitt dann zu ihrer Wange und liebkoste sie mit den Fingern. »Mehr als du denkst, Rotschöpfchen. Du wirst der Anfang sein, der Anfang von allem. Du wirst mir Tristan geben. Und Tristan wird mir alles geben, was ich will, so oder so.«
Ihr Magen bäumte sich auf. »Wer seid Ihr?«, stammelte sie. »Ich ... ich bin nur eine Dienerin. Ein Nichts in seinen Augen. Lasst mich gehen. Bitte. Bitte.«
Wieder war seine Hand in ihrem Haar und spielte sanft mit ihren Locken. Doch sein Griff war fest, und Prudence wusste, dass sie ihm nicht gewachsen war. Einen Augenblick schwieg der Mann in der Kapuze. Als er schließlich sprach, war seine Stimme voller Trauer.
»Die Zeit ist so knapp; du solltest sie nicht damit besudeln, dass du etwas abstreitest, was so offensichtlich ist wie seine Liebe zu dir, Prudence. Schon seit der Kindheit ist das sonnenklar. Auch wenn er ein selbstsüchtiger Geck ist, der seine Chance auf den Thron niemals dadurch aufs Spiel setzen würde, dass er dich heiratet.«
Nun verschwand der sanfte Ton, und etwas anderes trat an seine Stelle. »Ich bin niedergeschmettert, dass du das nicht mehr weißt, Rotschöpfchen. Ich erinnere mich noch sehr gut an dich. Zwar habe ich mich ziemlich stark verändert, aber das trifft auf dich durchaus auch zu.«
Als die Erinnerung an ihren Spitznamen zurückkehrte, wurde ihre Wahrnehmung für einen Atemzug kristallklar, ehe sie von neuem verschwamm. »Das kann nicht sein«, brachte sie mühsam hervor. »Du bist tot. Seit Jahren schon. So lange hat Tristan um dich getrauert. Unmöglich.«
»Nun, da hast du nicht ganz Unrecht«, meinte er scherzhaft. »Jedenfalls bin ich nicht richtig lebendig.«
Das kupferrote Haar schimmerte in der Dunkelheit. Er sah immer noch so aus wie vor all den Jahren, als er mit Tristan und seinem Cousin Stephen von Navarne lachend und wild umhergezogen war. Stephens bester Freund. Der Sohn des Fürbitters wie hieß er doch gleich?
Rotschöpfchen, so hatte er sie damals genannt. Hatte sie an den Locken gezupft und sich gefreut, dass sie beide rothaarig waren. Ihm war der Klassenunterschied zwischen ihnen auf eine Weise gleichgültig gewesen, wie es bei Tristan nie der Fall gewesen war. Netter Kerl, hatte sie damals zu Tristan gesagt, aber wenn er sich unbeobachtet glaubt, sieht er traurig aus, melancholisch. Endlich, scheinbar nach einer Ewigkeit, kam ihr der Name wieder in den Sinn.
»Gwydion. Gwydion, bitte komm mit mir nach Bethania zurück. Tristan wird dir ...«
»Tu das nicht«, unterbrach er sie sanft. »Das ist vergebliche Liebesmüh, Prudence, Ich habe ganz andere Pläne für dich.« In dem ansonsten passiven Gesicht glitzerten die Augen in nackter Erregung. Von fern war sich Prudence der Tränen bewusst, die ihr über die Wangen liefen, aber sie strengte sich an, mit ruhiger Stimme zu sprechen.
»In Ordnung«, sagte sie und setzte alles daran, sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen.
»Nun gut. Aber nicht so, Gwydion. Lass mir einen Augenblick Zeit, um mich zu sammeln, und ich verspreche dir, das Warten wird sich für dich lohnen. Ich habe viel Erfahrung darin, wie man einen Mann zufrieden stellt. Aber bitte nicht hier. Ich schwöre dir ...«
»Mach dich nicht lächerlich«, entgegnete er mit amüsierter Stimme. »Bei aller Hochachtung für deine Reize etwas Derartiges habe ich nicht im Sinn. Momentan bin ich nicht ich selbst, Prudence. Auf diese Art nehme ich eine Frau nur, wenn sie einem anderen Zweck dient, als ich für dich beabsichtige. Und es ist ohnehin nicht meine Aufgabe; ich habe keinen freien Willen, ich befolge nur Befehle.«
Inzwischen hatte Prudence völlig die Kontrolle über ihren Körper verloren. Benommenheit breitete sich in ihr aus.
»Was willst du denn mit mir machen?«
Wieder lachte der Mann im Kapuzenumhang, dann zog sie an sich und legte wieder seine Lippen an ihr Ohr.
»Nun, Prudence, ich werde dich natürlich essen, ich werd mir dich auf der Zunge zergehen lassen. Dann trage ich deinen Kadaver nach Ylorc zurück und werfe ihn in den Großen Gerichtshof. Und wenn du mir keinen Ärger machst, dann werde ich unserer alten Freundschaft zuliebe dafür sorgen, dass du tot bist, ehe ich anfange.«
35
Herzog Stephen Navarne nickte dem Hauptmann seiner Wache zu und stieg dann aus der Kutsche. Der Kutscher schloss die Tür hinter ihm und verbeugte sich dabei ehrerbietig vor Philabet Griswold, dem Segner von Avonderre-Navarne. Automatisch verzog sich dessen Gesicht zu dem wohlwollenden Lächeln, das er allen Gläubigen gewährte, nahm aber, als der Soldat sich abwandte, sofort wieder den grimmigen Ausdruck an, den er davor gehabt hatte. Die beiden hohen Herren tauschten einen kurzen Blick und stiegen dann die Palasttreppe empor, die zu den Amtsräumen von Tristan Steward führte.
Der Brief seines Cousins war kurz und knapp gewesen, und während Stephen die Stufen emporstieg, dachte er noch einmal über die Worte nach. Der Nichtangriffspakt mit den Bolg wurde gebrochen, und dieser bedauerliche Zwischenfall führte dazu, dass drei bethanische Bürger zwei davon Soldaten der königlichen Wache grausam und ohne jede Rechtfertigung exekutiert wurden, lautete der Text. Daher erkläre ich den Friedensvertrag für null und nichtig. Einfache Worte, die den Tod des Kontinents voraussagten. Als Stephen den weitläufigen Hof erreichte, zu dem die Treppe führte, wandte er sich um. Von diesem Platz aus, der abgesehen von den Türmen und Baikonen des Palasts zu den höchsten Bethanias gehörte, konnte man einen großen Teil der Stadt überblicken. Innerhalb der weißen Steinringe der kreisförmigen Feuerbasilika, gleich neben dem Palast, entdeckte er einige Kleriker, die sich scheinbar aus Angst vor dem Lärm der großen Musterung zusammenkauerten, welche heute in den Mauern Bethanias stattfand. Schon als er gemeinsam mit dem Seligpreiser aus Navarne eingetroffen war, hatte er Anzeichen einer Musterung gesehen, und es hatte ihn tief beunruhigt, dass Tristan in so kurzer Zeit eine so große Streitmacht zusammenrufen konnte. Die Luft im unteren Hof hatte vor Spannung regelrecht geknistert, während Befehle geschrieen wurden und in der Schmiede die Hämmer auf die Ambosse krachten. Soldaten strömten durch die Straßen, aber es waren keine Stadtbewohner zu sehen.
»Ach du lieber Allgott«, murmelte er, während er beobachtete, mit welcher Hingabe der Fürst von Roland sich auf den Krieg vorbereitete.
»Rine mirtinex«, intonierte der Seligpreiser zustimmend, denn das war die heilige Antwort auf Altcymrisch. »Lasst uns reingehen, ehe er halb über den Kontinent marschiert ist.«
»Verweilt einen Augenblick, Euer Gnaden«, sagte Herzog Stephen und beschirmte die Augen mit der Hand, damit ihn die Morgensonne nicht so blendete. Auf einer der Straßen, die an die Feuerbasilika grenzten, umringte jetzt ein Schwärm Soldaten eine Kutsche, anscheinend der Wagen eines hohen Kirchenmanns. Die Wachen, welche die Kutsche begleiteten, protestierten gegen die Kontrollen, und das lauter werdende Stimmengewirr wurde zusehends hässlicher.