Das die Kutsche begleitende Gefolge trug keine orlandische Rüstung, sondern die purpurrote und braune Uniform Sorbolds. Auf den vielen kleinen, zu einem kunstvollen Netzwerk verarbeiteten Metallschuppen der Rüstung, die sie vor der Hitze in ihrer trockenen Bergheimat schützen sollte, schimmerte das Sonnenlicht. Die Sorbolder waren ein härteres Klima und eine härtere Mentalität gewohnt; bei diesem Disput waren sie zahlenmäßig jämmerlich unterlegen, aber das schien sie nicht im Mindesten einzuschüchtern.
»Das muss Mousa sein«, meinte Griswold verächtlich. Nielash Mousa war der Segner von Sorbold und Griswolds größter Rivale. Lange hatte man angenommen, dass einer der beiden Männer vom Schöpfer zum Nachfolger des Patriarchen berufen werden würde, wenn dieser starb. Stephen schwieg, trat aber näher an den Rand der Treppe. Auch seine eigene Wache steckte in den verstopften Straßen da draußen fest, ganz in der Nähe des Konfliktherds.
Rasch wanderte sein Blick zu den Straßen nahe des Stadttors, durch das seine Kutsche gefahren war. Llauron war ihnen mit seinem Kontingent gefolgt und würde in Kürze ebenfall ins Chaos geraten. Stephen spürte, wie sich sein Magen noch enger zusammenschnürte. Als hätte er seine Gedanken gelesen, berührte der Seligpreiser Tristans Arm. »Der Fürbitter und sein Gefolge waren direkt hinter uns«, meinte Griswold. »Es wird einen weit schlimmeren Zwischenfall geben, wenn ihnen etwas zustößt, bevor sie Tristans Festung erreichen. Zwischen Mousa und Llauron wird der Krieg bald an allen Grenzen Rolands ausbrechen.« Bestürzt nickte Stephen.
Plötzlich fiel ihm ein purpurner Blitz ins Auge, und er blickte zur Treppe der Feuerbasilika hinunter. Ganz oben stand stumm und regungslos ein Mann in den leuchtend roten Gewändern des Amts der Seligpreiser von Bethania, einen prunkvollen gehörnten Helm auf dem Kopf; auf dem Amulett, das er um den Hals trug, spiegelte sich die Sonne, nach deren Vorbild es geformt war. Ian Steward, der Segner des Bischofssitzes von Canderre-Yarim, Tristans jüngerer Bruder.
Vor Stephens und Griswolds Augen hob der jüngste der Seligpreiser des Patriarchen die Hände, um die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zu ziehen, die sich zu seinen Füßen drängte, aber die Soldaten schenkten ihm keinerlei Beachtung. Mit einem gewaltsamen Handgemenge wurde die Tür der sorboldischen Kutsche aufgerissen. Die sorboldischen Wachen zogen ihre Waffen und hieben auf die Angreifer ein, während die orlandischen Soldaten auf die Kutsche zustürzten. Ian Stewards Rufe gingen im ausbrechenden Chaos unter.
Auf einmal schoss das Feuer aus dem Kohlenbecken inmitten der Basilika mit einem infernalischen Röhren in die Höhe und schickte Flammen reiner Hitze und reinen Lichts hoch in den Himmel über der Basilika empor. Mit den intensiven Farben des Erdinnern, aus dem die Feuerquelle entsprang, reichten die lodernden Flammen bis hinauf zu den Wolken und ließen Asche auf den Bereich rund um die Basilika regnen.
Jäh erstarb der Lärm. Die Soldaten auf den Straßen, ganz gleich ob orlandischer oder sorboldischer Herkunft, erstarrten und gafften gebannt in den brennenden Himmel hinauf. Die Flammen wogten über den Wolken, doch dann waren sie in einem einzigen Herzschlag wieder verschwunden. Totenstille kehrte ein.
Stephen merkte, dass Griswolds Hand, die noch immer auf seinem Arm lag, heftig zitterte.
»Herr des Himmels, was war denn das?«, fragte der Seligpreiser mit bebender Stimme. »Ich hatte keine Ahnung, dass Ian Steward das Element Feuer befehligt.« Das Symbol des Wassertropfens, das er um seinen Hals trug, klirrte leise an seiner Kette. Herzog Stephen warf einen kurzen Blick auf den Seligpreiser auf den Tempelstufen, der ebenso steif und starr dastand wie Griswold. Einen Augenblick schien er ebenso erschrocken über die plötzliche Eruption wie die Soldaten. Doc dann raffte er seine Gewänder und eilte mit zielbewussten Schritten die Treppe vor der Basilika hinunter, hinein in das Meer von Menschen.
Vor ihm teilte sich die Menge und bildete eine Straße durch den wogenden Ozean. Der purpurrot gekleidete Kirchenmann marschierte hinüber zu der Kutsche im Zentrum der Auseinandersetzung und bedeutete einem der sorboldischen Soldaten, die Tür zu öffnen. Der Mann beugte sich in eins der Fenster und tat dann, was von ihm verlangt wurde. Der Seligpreiser streckte die Hand aus, trat zurück und half einem Mann, der ebenfalls kirchliche Gewänder in leuchtendem Zinnoberrot und Grün, Braun und Purpur trug, beim Aussteigen. Philabet Griswolds Gesicht verzog sich zu einer zornigen Grimasse.
»Mousa, ich wusste es doch.«
»Zweifellos hat Tristan ihn auch gerufen«, meinte Stephen, während er zusah, wie auch der zweite Mann aus der Kutsche stieg. Aus der Entfernung war es unmöglich, sein Gesicht zu erkennen, doch an seiner Kleidung war eindeutig zu erkennen, dass er nicht der Prinz von Sorbold war; offenbar hatte dieser einen Abgesandten geschickt. »Ich denke, es ist klug, wenn Sorbold bei den Gesprächen vertreten ist. Vielleicht hat das einen mäßigenden Einfluss auf Tristan.«
Griswold nickte kurz, drehte sich dann um und ging über den Hof zu einer der schwer bewachten Türen, die zu Herzog Stephens Räumlichkeiten führten. Stephen blieb noch einen Augenblick stehen, um sich zu vergewissern, dass die beiden sorboldischen Würdenträger und Ian Steward sicher den unteren Hof durchquerten. Schließlich jedoch wandte auch er sich zum Gehen und folgte Griswold.
Sobald sich die Palasttore hinter dem Segner von Canderre-Yarim geschlossen hatten, gingen auf der Straße die frenetischen Kriegsvorbereitungen weiter.
»Meine hoch verehrten Herren, Euer Gnaden: Soeben ist Seine Gnaden Llauron, Fürbitter der Filiden, eingetroffen.«
Der Haushofmeister trat von der Tür zurück und verbeugte sich höflich. Herzog Stephen, der neben der Kommode am Fenster stand, blickte auf und lächelte seinem alten Freund matt entgegen. Llauron stand in der Tür; er trug sein übliches graues Gewand, das mit einem Gürtelstrick zusammengehalten wurde, und seine blaugrauen Augen funkelten in seinem ansonsten ernsten Gesicht. Trotz seiner bescheidenen Kleidung, die sich auffallend von den prunkvollen Staatsgewändern der Seligpreiser abhob, machte er unter all den Adligen und hohen Kirchenmännern, die sich im Raum um ihn scharten, eine wahrhaft königliche Figur. Für einen Augenblick erstarb das Gespräch. Dann winkte Tristan den Fürbitter mit einer ungeduldigen Handbewegung herein. Lächelnd nickte Llauron dem Haushofmeister zu und gab ihm damit zu verstehen, dass er die Tür hinter ihm schließen konnte. Stephen füllte sich Branntwein nach, obwohl er sein Glas gerade erst geleert hatte, goss ein zweites voll und durchquerte das dick mit Teppichen ausgelegte Zimmer, um es Llauron zu reichen.
»Willkommen, Euer Gnaden«, sagte er.
»Danke, mein Sohn«, antwortete Llauron noch immer lächelnd. Dann nahm er das angebotene Glas entgegen, prostete dem Herzog von Navarne zu und trank einen Schluck. Mit einem leisen Lachen beugte er sich zu Stephen. »Canderischer Branntwein. Wie ich sehe, beschränkt sich Tristan nicht aus selbstloser Loyalität seinen Kaufleuten und Winzern gegenüber auf die Früchte seiner eigenen Provinz. Bethania darf sich eines eigenen anständigen Branntweins brüsten, obgleich er sich natürlich nicht mit dem aus Canderre messen kann.«
»In seinem ganzen Leben hat Tristan nie etwas wirklich Uneigennütziges getan«, entgegnete Stephen mit einem Blick auf die Fürsten und Seligpreiser, die, in eine hitzige Debatte verstrickt, um den Regenten herumstanden. »Und er würde selbst wieder einmal die Wahrheit meiner Worte lauthals bestätigen.«
Tristan deutete mit großer Geste auf den riesigen Tisch in der Mitte der Bibliothek. »Wenn Ihr euch nun bitte alle setzen würdet, können wir beginnen«, sagte er. Seine Stimme klang gepresst und angestrengt, was die Erschöpfung in seinen Zügen und den offensichtlichen Schmerz in seinen Augen unterstrich. Noch hatte Stephen kein privates Wort mit ihm gesprochen, aber er konnte sehen, dass Tristan über die Ereignisse, die sie heute zusammengebracht hatten, mehr als beunruhigt war. Kein gutes Zeichen. Als Adel und Klerus um den Tisch herum Platz genommen hatten, schickte Tristan die Bediensteten weg und bat um Ruhe.