»Die Zeit der Toleranz ist endgültig vorbei«, begann er ernst. »Wie Ihr sicher alle aus meinem Schreiben wisst, haben die Bolg die Friedensvereinbarung gebrochen und drei meiner Bürger ermordet; zwei davon waren Soldaten. Damit ist unser Pakt null und nichtig. Es ist Zeit, diesem Irrsinn ein für allemal ein Ende zu bereiten. In drei Tagen ist die Musterung meiner Truppen vollendet, und dann werde ich dazu aufrufen, alle Streitkräfte Rolands zu sammeln. Der Zweck unseres heutigen Treffens besteht darin, Zeitpunkt und Ort dieses Aufmarsches zu bestimmen.«
Unter den Fürsten und Seligpreisern brach gedämpftes Stimmengewirr aus, doch Tristan hob die Hand, und es kehrte sogleich wieder Ruhe ein.
»Ich habe Anborn gebeten, bei dieser Kampagne für die orlandischen Truppen als Hauptmarschall zu dienen«, sagte er. Dann wandte er sich an Llauron. »Ich hoffe, diese Einladung an Euren Bruder missfällt Euch nicht, Euer Gnaden.«
Llauron machte ein belustigtes Gesicht. »Ob ja oder nein ganz offensichtlich hat es jedenfalls Anborn nicht gefallen.«
Nun sahen sich Tristan und die anderen am Tisch um. Anborn war nicht da.
»Wo ist er?«, fragte Tristan.
»Woher soll man das bei Anborn wissen?«, entgegnete Griswold. »Seid Ihr denn sicher, dass er vorhatte zu kommen, mein Sohn?«
»Ich bin sicher, dass er mein Schreiben erhalten hat. Wäre er verhindert, hätte er gewiss die Höflichkeit besessen, mir dahingehend zu antworten.«
Mit einem leisen Lachen erwiderte Llauron: »Eigentlich war es für Anborn ungewöhnlich höflich, nicht zu antworten. Mich schaudert bei dem Gedanken, wie er seine Botschaft womöglich formuliert hätte.«
»Wahrscheinlich ähnlich unfreundlich wie das, was ich heute zu sagen habe«, meinte Quentin Baldassarre, der Herzog von Bethe Corbair. »Tristan, bist du von Sinnen? Gegen die Bolg in den Krieg zu ziehen?«
Eine Welle der Zustimmung ging durch die Anwesenden, mehrere unterstützende Stimmen erhoben sich gleichzeitig. Martin Ivenstrand, der Herzog der Küstenprovinz Avonderre, übertönte die anderen, und seine Wut war unüberhörbar.
»Seit zwei Jahrzehnten sterben meine Bürger bei diesen unerklärlichen Grenzüberfällen«, rief er ärgerlich. »Das Gleiche gilt für viele unschuldige Opfer aus den anderen Provinzen und aus Tyrian. In der ganzen Zeit haben wir nichts von dir gehört, nicht einmal, als du selbst Verluste zu beklagen hattest, Tristan. Warum willst du nun, nachdem drei bethanische Bürger zu Tode gekommen sind, unbedingt einen Krieg vom Zaun brechen?«
»Ja, ich kann auch nicht glauben, dass du in Erwägung ziehst, dich wegen eines solchen Vorfalls auf einen Kampf mit den Bolg einzulassen«, stimmte ihm Ihrman Karsrick zu, der Herzog von Yarim. »Wenn Anwyn in dem Land, das sie drei Jahrhunderte regierte, Gwylliam nicht besiegen konnte, wie in Gottes Namen kommst du dann auf den Gedanken, dass du den Bolg den Berg abringen kannst? Du wirst im Handumdrehen den Kürzeren ziehen, genau wie es deinen Streitkräften damals beim Frühjahrsputz geschah. Und wie es unseren Leuten auch geschehen würde, wenn wir dumm genug wären, uns hinter dich zu stellen. Das ist doch glatter Wahnsinn!«
Das Entsetzen auf dem Gesicht des Herrschers von Roland brachte die Versammlung zum Schweigen. Nach einem Moment der Stille räusperte sich Lanacan Orlando, der sanfte Segner von Bethe Corbair.
»Mein Sohn, was macht Euch so sicher, dass die Bolg für Euren Verlust verantwortlich sind?«
»Ja«, fiel Baldassarre ein, »meines Wissens sind sie nämlich in ihrem eigenen Land geblieben, in den Bergen. Nicht einmal in Bethe Corbair haben wir sie gesehen, und das grenzt direkt an Ylorc. Wie sind sie dann den ganzen weiten Weg nach Bethania gekommen?«
Tristan schlug mit der Faust so heftig auf den schweren Tisch, dass die Kristallkelche bedrohlich schepperten. »Die Opfer waren nicht in Bethania«, knurrte er. »Sie wurden innerhalb der Grenzen von Ylorc gefunden. Die Postkarawane der dritten Woche hat sie entdeckt, verstümmelt, teilweise aufgefressen, ihre Überreste über Gwylliams ehemaligen Großen Gerichtshof verstreut.« Sein Gesicht war schlohweiß. Stephen Navarne machte Anstalten aufzustehen, aber Tristan starrte ihn so wütend an, dass er sich wieder hinsetzte.
»Die Bolg haben die Postkarawane angegriffen?«, erkundigte sich Cedric Canderre, der Herzog der Provinz, welche seinen Familiennamen trug, und Tristans zukünftiger Schwiegervater. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Schließlich geht die Einrichtung der wöchentlichen Karawanen ursprünglich auf König Achmeds Vorschlag zurück.«
»Ich habe nicht gesagt, dass die Bolg die Karawane überfallen haben. Sie ... die Opfer gehörten nicht zur Karawane.«
»Was haben deine Bürger, deine Soldaten ohne die Postkarawane in den Bolg-Ländern zu suchen?«, fragte Ivenstrand. »Das erscheint mir äußerst tollkühn. Mit fällt es schwer, Tränen über den Verlust von ein paar leichtsinnigen Narren zu vergießen, Tristan. Wer immer sie dorthin beordert hat, sollte vor ein Militärgericht gestellt werden. Vielleicht solltest du die Sache so regeln, dass du den dafür verantwortlichen Kommandanten disziplinarisch zur Rechenschaft ziehst und den Rest von uns nach Hause gehen lässt, damit wir uns um unsere eigenen Probleme kümmern können.«
»Hat überhaupt einer von euch gehört, was ich soeben gesagt habe?«, fragte Tristan. Seine Stimme klang rau und zitterte. »Die Opfer waren teilweise aufgefressen. In Stücke gerissen. Praktisch zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Verdient nicht schon allein die Grausamkeit dieser schändlichen Tat, dass man sie ahndet?«
»Natürlich tut es mir sehr Leid«, meinte Ivenstrand, »aber das ist nichts im Vergleich mit den Kindern, die aus meiner und Stephens Provinz entführt wurden, die wie Schweine abgeschlachtet und ausgeblutet wurden, und das auch noch im Haus der Erinnerung, die Götter mögen uns beistehen. Überall in diesem Land gibt es seit einiger Zeit hässliche Gewalttaten, Tristan. Als zentrale Autorität wäre es deine Aufgabe, den Ursprung der Gewalt ausfindig zu machen, aber bisher sind wir noch keiner Lösung näher gekommen, nicht einmal eine Erklärung haben wir gehört. Doch jetzt, wo es dich betrifft, erwartest du aus irgendeinem Grund plötzlich von uns, dass wir unsere Streitkräfte in Massen auf eine Selbstmordmission schicken. Das ist Irrsinn.«
Auf dem Turm schlugen die Glocken Mittag, und es wurde still im Raum. Als der zwölfte Schlag verklungen war, ergriff Nielash Mousa das Wort.
»Ich habe noch etwas hinzuzufügen«, sagte er mit seiner leisen, trockenen Stimme. Tristan Steward riss den Blick von seinen Mitregenten los und fixierte nun den Seligpreiser der benachbarten Nation Sorbold.
»Ja, Euer Gnaden?«
Der Seligpreiser nickte dem Abgesandten zu, der ihn nach Roland begleitet hatte. Der Mann zog ein zusammengefaltetes Stück Pergament hervor und reichte es ihm. Langsam schlug der Seligpreiser es auseinander und überflog das Geschriebene rasch, dann blickte er wieder in die Runde der Versammelten.
»Seine Hoheit, der Kronprinz von Sorbold, hat von König Achmed von Ylorc über einen Boten eine Nachricht erhalten. Der König streitet jeden Angriff oder Überfall auf orlandische Bürger strikt ab.« Wieder erhob sich aufgeregtes Gemurmel, während Mousa ein weiteres, kleineres Pergament präsentierte, versehen mit dem Wappensiegel von Ylorc, die Hände faltete und wartete, bis einen Augenblick später wieder Stille einkehrte. »Außerdem bittet der Prinz darum, dass ich Euch, Hoher Herrscher, eine Botschaft übermittle, die König Achmeds Sendschreiben beigelegt und an Euch adressiert war.« Mousa hielt Tristan das Schriftstück entgegen.