Dieser sprang auf die Füße, riss das Pergament an sich, brach das Siegel und überflog den Brief. Die anderen Regenten und heiligen Männer sahen zu, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich und er sich ganz langsam wieder auf seinen Stuhl sinken ließ. Eine Weile starrte er die Nachricht stumm an, und auch die anderen Männer schwiegen. Endlich blickte er auf.
»Wer steht in dieser Angelegenheit auf meiner Seite?«, fragte er mit brüchiger Stimme.
»Ich nicht«, antwortete Martin Ivenstrand mit fester Stimme.
»Ich auch nicht«, schloss sich Cedric Canderre an. »Tut mir Leid, Tristan.«
»Feiglinge«, schnaubte Tristan. »Für euch ist es einfach, sich herauszuhalten, stimmt’s? Eure Länder sind weit von den Zahnfelsen entfernt, eure Untertanen brauchen sich nicht vor den Kannibalen zu fürchten, jedenfalls bisher noch nicht. Aber was sagst du, Quentin? Ihrman? Eure Provinzen grenzen an Ylorc. Werdet ihr nicht kämpfen, um Bethe Corbair und Yarim zu retten?«
»Nicht wegen dieser Lappalie«, entgegnete Quentin Baldassarre steif. »Nach unseren Informationen können deine Soldaten genauso gut von Wölfen überfallen worden sein. Du hast uns keinen Beweis für das Gegenteil geliefert.«
»Meiner Meinung nach würden wir eine selbst verschuldete Katastrophe heraufbeschwören, vor allem angesichts der Tatsache, dass Achmed die Sache abstreitet«, sagte Ihrman Karsrick.
»Wenn das, was der Bolg-König behauptet, der Wahrheit entspricht, und du den Berg angreifst, Tristan, dann wärst du selbst der Angreifer, der den Vertrag bricht. Dann hast du deine zehn Prozent von Roland verwirkt, vorausgesetzt, die Bolg werden dich jemals wieder um Frieden bitten lassen. Ich möchte nichts mit dieser Angelegenheit zu tun haben. Es ist heller Wahnsinn.«
Verzweiflung und schwarze Wut verzerrten das Gesicht des Herrschers von Roland, und er wandte sich an seinen Cousin Stephen Navarne.
»Stephen, steh wenigstens du zu mir. Hilf mir, es den anderen verständlich zu machen.«
Stephen seufzte und sah weg, wobei seine Augen dem mitfühlenden Blick des Fürbitters begegneten. Schließlich wandte er sich direkt an Tristan.
»Wie kann ich es den anderen erklären, wenn ich selbst deinen Standpunkt nicht verstehe? Meine Loyalität und mein Leben gehören dir, Tristan, aber nicht das Leben unserer unschuldigen Untertanen. Ich kann dich in dieser Sache nicht unterstützen.«
Wiederum senkte sich bedrücktes Schweigen über den Saal. Langsam erhob sich Tristan vom Tisch und wanderte mit hängenden Schultern zu den großen Fenstern der Bibliothek, die seine schöne Stadt überblickten. Gedankenverloren lehnte er sich an das Glas. Wenig später begannen die Herzöge und Seligpreiser leise miteinander zu sprechen. Philabet Griswold wandte sich an Ian Steward.
»Das war sehr beeindruckend heute Morgen, Euer Gnaden. Ich wollte, ich könnte das Meer ebenso leicht kommandieren, wie Ihr das Feuer aus der Erde hervorgeholt habt.« Ian Steward antwortete nicht; er beobachtete aufmerksam seinen Bruder, und auf seinem jugendlichen Gesicht lag tiefe Besorgnis.
Stephen Navarne blickte hinüber zu Llauron, der jedoch keinerlei Gemütsbewegung zeigte. Obgleich die Basiliken der Patriarchalischen Religion den fünf Elementen gewidmet waren, hatte dieses Wissen in dem Glauben, wie er jetzt praktiziert wurde, fast keine Bedeutung mehr. Die Lehre von den Elementen ähnelte mehr den Praktiken der Filiden, denn sie verehrten die Natur. Zwar erschien es Llauron eher wahrscheinlich, dass die plötzliche Feuersbrunst das Werk des Fürbitters war als das des Segners von Canderre-Yarim, aber er ließ sich nichts von seinen Zweifeln anmerken.
Während sich die anderen in Diskussionen über verschiedene Themen verstrickten, stand Stephen auf und ging hinüber zu dem Fenster, an dem Tristan nach wie vor stand und mit leerem Blick auf die Stadt starrte. Geduldig wartete er, dass der Herrscher von Roland zu sprechen begänne. Schließlich seufzte Tristan.
»Ich wollte, ich hätte mich mehr um dich gekümmert, vor Jahren, als Lydia gestorben ist«, sagte er. »Es tut mir sehr Leid.« Noch immer konnte er den Blick nicht von den Pfaden losreißen, auf denen seine Erinnerung wandelte.
»Wer war es, Tristan? Es war doch nicht es war doch nicht Prudence, oder?«
Tristan nickte stumm und verließ schnell das Zimmer. Die ins Gespräch vertieften heiligen Männer und Regenten merkten kaum, dass er nicht mehr da war.
Während Stephen noch versuchte, den Schock von Tristans Antwort zu verdauen, fiel sein Blick auf die zerknitterte Notiz, die der Herrscher von Roland vergessen hatte, als er die Bibliothek verlassen hatte. Vorsichtig nahm Stephen das Pergament in die Hand und las die wenigen Worte, die mit krakeliger Schrift darauf geschrieben waren.
Ich dachte, Ihr hättet Eure Lektion gelernt. Offenbar habe ich mich geirrt. Ich habe Euch gesagt, dass der Preis später höher sein würde. Und Ihr habt den Preis beide Male für nichts bezahlt sie weiß es noch immer nicht.
»Ich weiß, dass Ihr große Schmerzen leidet, mein Sohn.«
Tristan schaute auf. Er hatte nicht gehört, dass die Tür aufgegangen war. Als er sich umwandte, sah er kurz sein Gesicht im Spiegel noch nie waren die Spuren der Zeit so deutlich zu sehen gewesen. Er war verhärmt, von den tiefen Falten um seinen Mund bis zu der Furche, die sich irgendwie zwischen den Augenbrauen in seine Stirn eingegraben hatte. Auch die Röte in seinen Augen war unübersehbar, verursacht von Schlafmangel und bitterem Kummer.
Auch die Augen, die so mitfühlend in die seinen blickten, schimmerten eine Sekunde rot, wie aus Empathie.
»Ja, Euer Gnaden«, murmelte der Herrscher von Roland.
Sanft ließ sich die Hand des heiligen Mannes auf seinem Kopf nieder.
»Die anderen verstehen das nicht«, fuhr die sonore Stimme ohne eine Spur Herablassung fort.
»Sie sehen nur das, was unmittelbar vor ihnen liegt. Es ist sehr schwer, wenn man als Einziger den Ernst der Lage erkennt, wenn man die Gefahr wittert, obgleich sie noch ein gutes Stück in der Zukunft liegt. Wie sagt man die Augen des Visionärs vergießen im Lauf der Zeit viele Tränen.« Nun bewegte sich die Hand zu Tristans Schulter und drückte sie tröstend. Stoßweise atmete der Fürst von Roland aus und senkte dabei den Kopf auf seine geballten Fäuste, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Die Hand glitt von seiner Schulter über seinen Rücken, entfernte sich dann und verschwand im Ärmel des bescheidenen Gewands.
»Dieses Land ist in sich gespalten, mein Sohn. Nach dem Großen Krieg entschlossen sich deine Vorfahren, Roland unter den verschiedenen Adelsgeschlechtern so zerrissen zu lassen, denn sie fürchteten das Chaos und den Tod, die durch den Bruch zwischen Anwyn und Gwylliam hervorgerufen worden waren. Es war Torheit zu glauben, dass es so bleiben könnte, ohne dass noch größeres Chaos folgen würde. Seht mich an.«
In den letzten Worten lag ein beinahe drohender Unterton, doch als Tristan den Kopf hob, sah er, dass die freundlichen blauen Augen ihn aufmerksam musterten. Einen Moment lang dachte er, er habe vielleicht noch etwas anderes in ihnen gesehen, etwas Rotes, aber dann lächelte der heilige Mann, und zum ersten Mal an diesem Tag, der so viel versprechend begonnen und so niederschmetternd geendet hatte, wurde Tristan warm. Es spürte, dass er akzeptiert und geschätzt wurde; respektiert.
»Ihr seid der Älteste, Tristan, der Erbe der cymrischen Linie.«
Tristan blinzelte schmerzlich. »Euer Gnaden ...«
»Hört mich an, Hoheit.« Der heilige Mann sagte das letzte Wort leicht nach vorn gebeugt, und tief in seiner Seele fühlte Tristan, dass das gemeine Nagen der morgendlichen Demütigung wie durch ein Wunder nachließ. Etwas in dem Ton, in dem es ausgesprochen wurde, hatte tief in die versteckte Schatzkammer des Königtums gegriffen, an eine Stelle in seinem Innern, die er lange geleugnet hatte in dem Versuch, mit seinem Cousin und den anderen orlandischen Staatsoberhäuptern in freundlichem Einvernehmen zu verbleiben. Es war die erste angenehme Empfindung, seit Prudence sich von seinem Bett erhoben hatte und weggeritten war, ihrem grausigen Tod entgegen. Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, das warm und herzlich erwidert wurde. Tristan nickte und bedeutete dem anderen, er möge weitersprechen.