»Die Nachfolge scheint Euch vielleicht unklar, weil in der Zeit nach dem Krieg niemand bereit war, den Thron zu besteigen. Wenn die Nicht-Cymrer es versucht hätte, wären die Cymrer wahrscheinlich sogar gestürzt worden, so groß war der Hass auf alle Nachkommen der Seren, nicht nur auf Gwylliams Linie. Wie Ihr jetzt, da wieder Krieg droht, selbst seht, hat dieses bruchstückhafte System keine wirkliche Führungskraft hervorgebracht. Obgleich ganz eindeutig ein aggressiver Akt stattgefunden hat, sind die anderen dennoch nicht bereit, sich zusammenzuschließen und Euch zu unterstützen, nicht einmal die Herzöge von Bethe Corbair und Yarim, deren Land an das Firbolg-Reich grenzt.
Was wird geschehen, wenn die Gewalt noch weiter um sich greift? Wenn die Firbolg von den Zahnfelsen herabschwärmen und die Länder Rolands zu verschlingen trachten? Werdet Ihr und Eure Mitregenten tatenlos zusehen, wie Eure Untertanen von diesen Halbmenschen, von diesen Ungeheuern buchstäblich verschlungen werden?«
»Nanatürlich nicht«, stammelte Fürst Roland.
»Wirklich?« Einen Moment klang die warme Stimme eisig kalt. »Wie wollt Ihr es verhindern? Ihr konntet die anderen nicht überzeugen, sich zu vereinigen, ehe das Schlachten beginnt. Wie wollt Ihr ein Heer ins Feld führen und die Woge des Todes abwehren, die unweigerlich mit diesen kannibalischen Dämonen anrollen wird, wenn die Katastrophe erst einmal ihren Lauf nimmt? Wenn die Firbolg die Grenzen Eures Landes erreichen, Tristan, wird es längst zu spät sein, sie aufzuhalten. Sie werden Bethe Corbair und Yarim in Besitz nehmen und vielleicht auch Sorbold. Sie werden Euch bei lebendigem Leibe auffressen oder ins Meer treiben.«
So heftig war Fürst Rolands Reaktion, dass er ein Tintenfass und mehrere gebundene Bücher vom Tisch fegte. »Nein!«
Die Wärme kehrte in die Augen des heiligen Mannes zurück, während zwischen den Scherben des Tintenfasses schwarze Tinte wie dunkles Blut hervorquoll und den Boden befleckte.
»Ah, ein Hauch von echten Bauchgefühlen. Seht Ihr, ich hatte Recht. Ihr könntet doch der Eine sein.«
Trotz der Wärme in den Augen, die unverwandt in die seinen blickten, trotz der Hitze, die noch von den vorhergegangenen Meinungsverschiedenheiten im Raum herrschte, wurde Tristan auf einmal kalt.
»Der Eine wofür?«
Das Quietschen der Stuhlbeine, als der alte Mann den Stuhl zurückzog und ihm gegenüber Platz nahm, tat Tristan in den Ohren weh.
»Der Eine, der Roland wieder Frieden und Sicherheit bringt. Der Eine, der den Mut hat, das Chaos aufzuhalten, welches in der Adelsstruktur dieses Landes grassiert, und den Thron zu besteigen. Wenn Ihr die Herrschaft über ganz Roland hättet, nicht nur über Bethania, dann würdet Ihr sämtliche Heere kontrollieren, die Ihr heute vergeblich zusammenzubringen versucht habt. Eure Kameraden, die Herzöge, können nein zum Prinzregenten sagen, doch dem König könnten sie sich nicht widersetzen. Eure Linie ist so würdig wie jede andere, Tristan, und würdiger als die meisten.«
»Ich bin nicht derjenige, den Ihr überzeugen müsst, Euer Gnaden«, entgegnete Tristan bitter.
»Falls das Fiasko heute Morgen nicht Beweis genug war, dann lasst mich Euch versichern, dass meine Mitregenten die zukünftigen Ereignisse nicht so klar erkennen können wie Ihr.«
Der heilige Mann lächelte und erhob sich langsam vom Tisch. »Überlasst das ruhig mir, Hoheit«, sagte er› und seine Worte klangen sanft und angenehm in Tristans Ohr. »Eure Zeit wird kommen. Sorgt nur dafür, dass Ihr bereit seid, wenn es so weit ist.« Gemessenen Schrittes ging er zur Tür, öffnete sie und blickte dann noch einmal über die Schulter zurück.
»Und noch etwas, Hoheit.«
»Ja?«
»Ihr werdet über das nachdenken, was ich Euch gesagt habe, ja?«
Der Herrscher von Roland nickte zustimmend. Getreu seinem Wort grübelte er, als die Herzöge und religiösen Führer Bethania endlich verließen, endlos über die Andeutungen des heiligen Mannes. Genau genommen dachte er kaum noch an etwas anderes beinahe so, als hätte er keine andere Wahl, so geisterten die weisen Worte ständig in seinem Kopf herum, wie eine eingängige Melodie. Alle anderen Gedanken, alle anderen Argumente ertranken in ihrem Lärm.
Die Andeutungen hatten seine Seele umschlungen wie eine Zinnoberranke, eine seilartige Pflanze, die er einmal studiert hatte und die eine großartige Falle abgab lose und harmlos hing sie da, bis ihr Opfer sich aus ihr zu befreien suchte. Dann wurde es plötzlich mit einem unerbittlichen Würgegriff umklammert, bis es aufhörte zu strampeln. Das Gefühl, wenn er über den Vorschlag des Alten grübelte, war auf unheimliche Weise ähnlich. Nur nachts fand er Ruhe vor den Worten, in einer älteren, tieferen Besessenheit seinem unersättlichen Verlangen nach der Frau, für die er alles geopfert hatte, einschließlich der einzigen Liebe, die er in seinem Leben je erfahren hatte. Selbst jetzt, nachdem all das vorgefallen war, träumte er noch immer von Rhapsody.
Im Schlaf rief sie ihn, umhüllt von feuriger Wärme. Er träumte, sie zu lieben, wild, leidenschaftlich, während er in ihr Gesicht blickte und der Donner in ihm grollte, bis er unter sich ein älteres, vertrauteres Gesicht sah, faltig vom Alter, die goldene Mähne von rotblonden Locken ersetzt.
Locken, die mit schwarzem Blut verklebt waren.
Aus diesen Träumen erwachte er in kalten Schweiß gebadet, heftig zitternd, und versuchte, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, wünschte sich, er könnte die wunderschöne Dämonin irgendwie vertreiben, die noch immer seine Träume heimsuchte.
Der Herrscher von Roland ahnte indes nicht, dass ausgerechnet seine Besessenheit, so tief und zugehörig sie seiner Seele geworden war, ihn davor bewahrte, gänzlich unter den Befehl eines anderen, viel dunkleren Dämons zu geraten.
36
Die kalten Steinstufen, die zu Elysians Gartenlaube hinaufführten, schimmerten im diffusen Sonnenlicht. Zwar hatte es viel Mühe erfordert, Jahrhunderte von Schmutz, Moos und schwarzem Ruß von den Marmorsäulen zu schrubben, aber Rhapsody fand, dass es sich gelohnt hatte. Die kleine Laube schimmerte wie ein heiliger Schrein im stillen Grün der unterirdischen Höhle.
Den Morgen hatte sie damit verbracht, im Garten herumzuwerkeln und der anstehenden Entscheidung auszuweichen. Jo und Grunthor hatten sie besucht Jo, weil Rhapsody sie vermisste und sich nach ihr gesehnt hatte, Grunthor, weil Jo das unterirdische Reich von Elysian nicht allein zu finden vermochte. Sie schaffte es nicht einmal nach Kraldurge, jener Stelle über der Grotte, wo es nach Meinung der Firbolg spukte, und auch nicht zu den Wächterfelsen, welche die Grotte verbargen, ganz gleich, wie oft sie schon hier gewesen war. Unter den vier Freunden war dies längst zu einer steten Quelle der Belustigung geworden. Sie aßen ihr Mittagsmahl im Garten, wo die üppigen Blüten die Luft mit einem schweren, süßen Duft erfüllten und mit ihren vielfältigen Farben das Auge erfreuten. Jo sprach wenig, sondern starrte die meiste Zeit auf den schattigen Garten und die Höhle über ihren Köpfen, staunte mehr über die fremde Natur des Ortes als über ihre Schönheit. Die Stalaktitenformationen, der glitzernde Wasserfall und die schillernden Farben der Höhle faszinierten ihren Blick und ihre Phantasie gleichermaßen. Grunthor brachte Rhapsody auf den neuesten Stand der Gerüchteküche, und sie erzählten sich obszöne Witze, über die Jo mitlachte.
Es war ein wohlschmeckendes und angenehmes Mahl, und es tat Rhapsody richtig Leid, als sie fertig gegessen hatten. Aber schließlich stand Grunthor auf, wischte sich seinen Hauerbewehrten Mund manierlich mit der Serviette ab und tätschelte Jo den Kopf.
»Komm schon, kleines Fräulein, Zeit, dass wir zurückgehen. Das Essen war großartig, Gräfin.« Rhapsody umarmte erst ihn, dann Jo. Plaudernd spazierten sie zusammen am Seeufer entlang.