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Als sie am Spiegel vorbeikam, überprüfte sie schnell ihr Aussehen und zuckte erschrocken zusammen. In ihrer gefältelten weißen Bluse mit dem himmelblauem Besatz, dem Wollrock im gleichen Blau und dem dazu passenden Haarband sah sie aus wie ein Schulmädchen. Aber das ließ sich nicht ändern, sie hatte keine Zeit mehr, sich umzuziehen. Vor dem Feuer im Salon wanderte sie ruhelos auf und ab und versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. In Gedanken ging sie alles noch einmal durch, worüber sie sich mit Achmed und Grunthor neulich gestritten hatte.

Sie sind Lügner, allesamt. In der alten Welt wusste man wenigstens, wer die bösen Götter verehrte, weil sich die Betreffenden dazu bekannten. Hier in diesem neuen, verdrehten Land sind sogar die angeblich Guten nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die Bösen von früher haben nicht so viel Verheerung angerichtet, wie ein angeblich guter cymrischer Herrscher und seine Herrscherin es ganz nebenbei geschafft haben. Und du möchtest dich dem womöglich schlimmsten Lügner von allen auf einem Silbertablett servieren.

Nun, wenn ich das tue, dann ist es meine Entscheidung. Ich werde das Risiko auf mich nehmen und nach meinem eigenen freien Willen leben oder sterben.

Ganz falsch. Wir alle werden vielleicht dieses Schicksal erleiden müssen, weil du nicht nur dich selbst in Gefahr bringst du wirfst unsere Neutralität mit in den Topf, und wenn du zu viel riskierst, haben wir alle verloren.

Verzweifelt kämpfte sie gegen die in ihr aufsteigende Panik an. Bitte, lass mich das Richtige tun, flüsterte sie. Bitte mach, dass ich mich nicht irre. Sie schuldete Ashe nichts, kein Bündnis, keine Freundschaft, ganz anders als bei Jo und den beiden Bolg.

Ich ward sagen, wir töten ihn. Und wenn wir uns geirrt haben und ein anderer taucht auf, dann töten wir den auch.

Du kannst nicht einfach rumlaufen und irgendwelche Leute töten, ohne sicher zu sein, ob das richtig ist.

Und warum nicht? Das hat bei uns doch immer funktioniert. Mal im Ernst, Euer Liebden, das Risiko is einfach zu groß, wenn du es nich sicher weißt.

Es klopfte an der Eingangstür des Hauses in Elysian.

37

Von dem Augenblick an, als er ins Bolg-Land gekommen war, hatte Ashe ein Gefühl der Ehrfurcht empfunden. Sein Staunen wuchs, als er der Stimme folgte, durch die dunklen Berge, über die Heide, in die Tiefen des versteckten Reichs. Er hatte nur lange genug angehalten, um sich vor den Wachposten zu verstecken, und war dem Leitstrahl dann weiter gefolgt.

Als er bei Kraldurge auf die Wiese kam, wurde die Stimme klarer und stärker. Er betrachtete die Felsmauern, die um il herum aufragten, und wusste, dass er niemals allein hierher gefunden hätte, nicht einmal mit seinen Drachensinnen. Deshalb nistete sich ganz allmählich das Gefühl in ihm ein, dass er hier in Sicherheit war.

In meinem Haus wärst du auch in Sicherheit.

Im Kessel? Nein, danke.

Mein Haus liegt nicht im Kessel. Und ich denke, es ist noch schwerer zu finden als dieser Ort hier.

Als er in die Höhle hinabstieg, wuchs sein Staunen zu Ehrfurcht. Ein magischer Ort, mit seinem kristallklaren See, der rauschenden Wasserfall, den glänzenden Stalaktiten und Stalagmiten, die in der Grotte wuchsen.

Aber was ihn am meisten faszinierte, war das Lied der Höhle. Es war fröhlich, ganz anders als das Gefühl im Bolg-Land; es hallte durch die Luft und berührte die Ränder seines Bewusstseins mit harmonischen, friedlichen Klängen. Das kann niemand anderes sein als Rhapsody, dachte er. Wenn dieser Ort schon vor den Bolg hier gewesen war, wer Gwylliam und Anwyn einmal hier gelebt hatten, wäre er mit Sicherheit von Hass verunreinigt, von der Wut, welche die alten cymrischen Länder zerstört, sie öde und leblos zurückgelassen hatte. Dass hier eine warme, entspannte Atmosphäre herrschte, war ein sicheres Zeichen für Rhapsodys Anwesenheit. Als er das kleine Haus entdeckte, wusste er, dass es ihr gehörte. Er konnte sie fühlen, wie sie im Innern des Hauses von Raum zu Raum ging und ihre Wärme mit sich trug. Die Lichter der Hütte glitzerten heiter in der nachmittäglichen Dunkelheit, Rauch stieg aus dem Schornstein auf. Mit seinen Drachensinnen nahm er jede Einzelheit wahr, von der schimmernden Gartenlaube mit dem goldenen Vogelkäfig, in dem das Lied seines Namens noch widerhallte, bis zu dem ausgedehnten Garten, der in der Blütenpracht des Frühsommers erstrahlte. Allein diese Schönheit reichte schon fast, um die Qual zu lindern, die er stets mit sich trug. Er nahm all seinen Mut zusammen. Immerhin hatte er den Entschluss gefasst, ihr seine Gefühle zu gestehen und das Spiel des cymrischen Schweigens zu beenden. Wenn es überhaupt einen richtigen Ort gab, um das zu tun, dann war er hier, und jetzt war auch der richtige Zeitpunkt.

Rhapsody öffnete die Tür. Da stand er, den Umhang über dem Arm, und lächelte sie unsicher an, wie er es im Wald getan hatte, als er zum ersten Mal sein Gesicht enthüllt hatte. Sofort wanderte ihr Blick zu seinen Pupillen; sie waren vertikale Schlitze, wie damals. Dann schnappte sie nach Luft. Der struppige Bart war nicht mehr da, das Gesicht glatt rasiert wie in Sepulvarta. Augenblicklich verblasste sein Lächeln.

»Stimmt etwas nicht?«

Rhapsody starrte ihn noch einen Moment lang an, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, nein, tut mir Leid. Nein, es ist nichts. Bitte komm herein. Ich wollte nicht unhöflich sein.«

Ashe trat ins Wohnzimmer und blickte sich um. Seine Augen sogen den gemütlichen Anblick in vollen Zügen ein, und während er sich umschaute, verspürte er eine Sehnsucht, die er nicht hätte benennen können.

Der Raum war liebevoll eingerichtet mit farbenfrohen Teppichen aus gewebter Wolle, zwei zueinander passenden Sesseln vor dem offenen Kamin und einem kleinen Sofa. Überall standen Blumenvasen, einfache, schöne Gegenstände schmückten Wände und Tische. In einem Schrank aus mit Kork eingelegtem Kirschbaumholz waren Musikinstrumente untergebracht. Der Duft würziger Kräuter und frischer Seife lag in der Luft, zusammen mit einer Spur Vanille. Ashe seufzte tief, als er ihn einatmete.

»Hübsches Häuschen.«

»Danke.« Automatisch streckte Rhapsody die Hand nach seinem Umhang aus, bemerkte ihren Fehler aber in dem Moment, als er ihr das Kleidungsstück reichte, und ließ ihn vor lauter Aufregung gleich fallen. Unglaublich, dass Ashe ihn ihr gegeben hatte! Der Umhang fühlte sich kühl in ihren Händen an, und ein feiner Nebeldunst stieg von ihm auf, aber ansonsten schien er sich nicht von anderen Kleidungsstücken zu unterscheiden. Nachdem sie ihn an einen der Haken neben der Treppe gehängt hatte, wandte sie sich um und trat zu ihm.