»Was ist mit deinem Bart geschehen?«
Ashe sah ins Feuer und lächelte. »Eine Person, an deren Meinung mir sehr viel liegt, scheint der Überzeugung zu sein, dass ich ohne ihn besser aussehe.«
»Oh.« Sie schwieg verlegen und wusste nicht, was sie als Nächstes sagen sollte. Ashe sah sie an. »Nun? Du hast mich gerufen?«
»Oh«, wiederholte sie. »Ja. Hoffentlich habe ich dich nicht bei etwas Wichtigem gestört.«
»Was wolltest du denn?«
Rhapsody lehnte sich ans Geländer. »Genau genommen zwei Dinge. Das erste ist oben in meinem Schlafzimmer. Würde es dir etwas ausmachen, mit hinaufzukommen?«
Ashe schluckte schwer und versuchte, die Erregung zu unterdrücken, die bereits in ihm aufgeflammt war, als sie die Tür geöffnet hatte. »Aber nein«, antwortete er, und seine Stimme klang ein wenig angestrengt.
Rhapsody lächelte ihn an, und er spürte die Aufwallung der Gefühle, wie immer, wenn ihr strahlender Blick auf ihm ruhte. Er folgte ihr die Treppe hinauf und hängte unterwegs seinen Waffengürtel zu ihrem auf das Gestell neben der Tür.
Auch ihr Schlafzimmer war wunderschön, geschmackvoll dekoriert und voll von Dingen, die sie liebte. Durch die offene Tür des Kleiderschranks aus Zedernholz sah man eine sorgfältig geordnete Garderobe von Kleidern in hübschen Farben, von denen er allerdings keines jemals an ihr gesehen hatte. In einer Zimmerecke stand ein großer Wandschirm in den gleichen Sonnenuntergangsfarben wie der Krug und die Schüssel auf dem Waschtisch; vor dem Kamin funkelten Feuerböcke aus Messing. Rhapsody ging zu dem reich geschnitzten Kaminsims und nahm zwei kleine Gemälde herunter, die dort standen. Als Ashe zu ihr ans Feuer trat, gab sie sie ihm.
Auf einem der Bilder, einem Ölgemälde, waren zwei menschliche Kinder zu sehen, ein Junge an der Schwelle zur Adoleszenz, das Mädchen ein paar Jahre jünger. Beide waren hübsch, das Mädchen blond und hell, der Knabe etwas dunkler. Das andere Bild dagegen wimmelte von grinsenden, mit Holzkohle skizzierten Gesichtern, grob und haarig. Sofort erkannte Ashe die Kinder als Firbolg. Fragend blickte er Rhapsody an.
»Das sind meine Enkel«, erklärte sie, und ihre Smaragdaugen erforschten sein Gesicht. Noch immer verstand Ashe nicht. »Oh. Ja, du hast sie erwähnt. Jetzt erinnere ich mich wieder.«
»Ich dachte, diese hier würdest du besonders gern sehen«, meinte sie und deutete auf das Ölgemälde. Ihre Stimme klang sehr sanft. »Das sind Herzog Stephens Kinder.«
Wie sie es erwartet hatte, stiegen Tränen in Ashes Augen, und er setzte sich benommen auf das Sofa vor dem Kamin. Anscheinend hatte Llauron sich nicht die Mühe gemacht, seinen Sohn über die wichtigen Dinge im Leben seines besten Freundes auf dem Laufenden zu halten, und er wusste nichts von der Existenz dieser Kinder. Rhapsody tat das Herz weh. Sie beugte sich über die Sofalehne, wobei sich ihre eine Hand ganz selbstverständlich auf seine Schulter legte, während sie mit der anderen auf die beiden Kinder zeigte.
»Das hier ist Melisande, geboren am ersten Frühlingstag; sie ist ein echter Sonnenschein. Ihr Bruder ist ernster, mehr in sich gekehrt, aber wenn er lächelt, wird es hell im Raum. Sein Geburtstag ist der letzte Tag im Herbst.« Sie hielt inne, denn sie wollte ihn nicht gleich überfordern. »Sein Name ist Gwydion.«
Ashe blickte zu ihr auf, und Rhapsody sah in seinen Augen ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Lange starrte er sie an, dann wandte er sich wieder dem Bild zu.
»Möchtest du gern einen kleinen Eindruck von ihnen bekommen?«, fragte sie. Ashe nickte;
Rhapsody legte auch noch die andere Hand auf seine Schulter und sang das Lied, das sie für die Kinder geschrieben hatte, als sie sich kennen gelernt hatten, ein Lied, das die beiden haargenau beschrieb. Melisandes Melodie war munter, luftig und unberechenbar, Gwydions eindringlich, tief und weich, jeder Refrain etwas komplizierter als der vorherige. Als Rhapsody geendet hatte, blickte sie über die Sofalehne und sah, dass Ashe weinte. Voller Besorgnis lief sie um das Sofa herum und kniete vor ihm nieder.
»Ashe, das tut mir sehr Leid. Ich wollte dich nicht durcheinander bringen.«
Ashe sah sie an und lächelte unbeholfen. »Entschuldige dich nicht, du hast mich nicht durcheinander gebracht. Danke.«
»Ich denke, das leitet zu dem über, was ich dir sagen wollte«, fuhr Rhapsody fort, während er sich mit dem Handrücken über die Augen wischte. »Offensichtlich weiß ich, wer du bist.«
Ashe nickte müde. »Ich meine, ich weiß genau, wer du bist.«
»Und wer bin ich?«
»Bitte, treib keine Spielchen mit mir, Ashe«, entgegnete sie ein wenig ärgerlich.
»Offensichtlich kenne ich die Verbindung zwischen dir und Herzog Stephen. Ich kenne auch deinen Namen gut genug, um dich zu rufen. Vermutlich weißt du, was das bedeutet. Dass ich nämlich auch alles andere weiß, was dazugehört.«
Ashe seufzte. »Ja, ich denke schon.«
»Stört es dich?«
»Eigentlich nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Irgendwie ist es sogar eine Erleichterung.«
»Nun, bevor die Nacht verstrichen ist, hoffe ich, dass du noch erleichterter bist.«
»Wie das?«
»Das wirst du gleich sehen. Zuerst muss ich dir noch etwas Wichtiges sagen.«
Ashe nickte, und ihre Blicke trafen sich. »Ich höre.«
Auch Rhapsody nickte. »Gut. Ich habe einen Entschluss gefasst, und da er auch dich betrifft, dachte ich, du solltest ihn erfahren.«
»Ja?«
Sie holte tief Luft. »Ich habe genug von der cymrischen Geheimniskrämerei. Deshalb habe ich beschlossen, dir zu trauen, und offen gestanden ist es mir egal, ob ich damit Recht habe oder nicht. Ich war mir unsicher über meine Gefühle, aber ich will das nicht mehr sein. Deshalb habe ich beschlossen, dein Freund zu sein, gleichgültig, ob du meiner bist oder nicht. Als mein Freund wirst du mir immer am Herzen liegen, und ich werde dich mit meinem Leben beschützen. Ich werde dich gegen die Sklaven der Unterwelt verteidigen, genau wie ich es auch für Achmed, Grunthor oder Jo tun würde. Und wenn du mich betrügst, wenn du etwas Schändliches gegen mich im Schilde führst, dann erzähle mir bitte nichts davon. Mir ist es lieber, wenn du mich jetzt tötest, als wenn du mich später betrügst. Wie auch immer, ich gehe das Risiko ein. Du brauchst dich auch nicht zu revanchieren, du musst nur mithelfen. Bitte strecke deinen Ringfinger aus.«
»Wie bitte?«
Rhapsody hüstelte verlegen. »Wahrscheinlich war ich jetzt doch ein bisschen zu forsch. Ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn du diesen Ring anstecken würdest.« Sie hielt den Siegelring in die Höhe, den der Patriarch ihr gegeben hatte, den Ring, der sein heiliges Amt bewahrte, die Weisheit und die Heilkunst, die damit einherging. Ashes Augen wurden groß vor Erstaunen. »Wo ins aller Welt hast du diesen Ring her?«
»Aus Sepulvarta. Ich habe dem Patriarchen beigestanden und gegen den Rakshas gekämpft ja, ich fürchte, das war ich.« Die Nachricht von dem Kampf hatte sich wie ein Lauffeuer in ganz Roland verbreitet, und Rhapsody war sicher, dass auch Ashe davon gehört hatte.
»Niemand weiß es, aber in jener Nacht hat Seine Gnaden mir sein Amt übergeben und mich gebeten, es zu bewahren und mit meinem Leben zu beschützen. Da ich dir die gleiche Pflicht auferlegt habe und da ich weiß, dass der Ring dich heilen wird, gebe ich ihn jetzt dir. Streif ihn über.« Doch Ashe starrte sie nur an.
»Ach, übrigens«, fuhr Rhapsody fort, »übrigens weiß ich I auch Bescheid über den Rakshas. Ich werde ihn für dich töten und dir das Stück deiner Seele zurückholen, das er dir gestohlen hat. Dann kannst du dich ganz der Aufgabe widmen, König der Cymrer zu werden. Ich werde dir helfen, so gut ich kann, das Reich wiederzuvereinigen.«
Unvermittelt stand Ashe auf und ging zur Feuer stelle. Er legte die Hände auf den Kaminsims und holte mehrmals tief Luft. Schweigend beobachtete Rhapsody ihn, während er das, was sie ihm gesagt hatte, Stück für Stück in sich aufnahm. Schließlich drehte er sich zu ihr um.