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Ashe nahm ihn auf seine Handfläche und legte bedächtig die Finger darüber. Allein ihn zu halten linderte schon seine Schmerzen; er spürte die intensive Kraft, die von ihm ausging. Er sah die Frau an, die da neben ihm auf dem Sofa saß und deren Augen vor Erwartung schimmerten. Seine verwundete Seele schrie warnend auf, dass alles nur eine Illusion sei, viel zu schön, um wahr zu sein. Eine Falle, flüsterte der Drache. Der Dämon hat sie geschickt, sie wird uns verraten. Beherrsch dich. Gleichzeitig war dieser Teil seiner Natur aber auch von der Macht des Rings fasziniert, und mehr als alles andere wollte seine Seele ihr glauben. Er schluckte schwer und steckte den Ring an den Finger. Zunächst nahm er keine Veränderung wahr. Dann aber hatte er ein Gefühl, als fielen Gänsedaunen weich auf seinen Kopf herab, sanft wie Schneeflocken. Er blickte auf, konnte aber nichts sehen. Als Nächstes spürte er etwas Schwereres, wie ein warmer Umhang, der sich auf seine Schultern senkte, und vom Boden schien eine Kraft in ihn aufzusteigen, die seine Adern weit machte und sein Herz stärkte. Sein Brustkorb dehnte sich, das Atmen wurde leicht, und seine Drachensinne fühlten, wie tausende Gefäße und Muskeln wieder zusammenwuchsen und heilten, wie sich neue Knochen aufbauten und neue Haut entstand, bis alle verwundeten Stellen wieder heil waren. Da brauste die Kraft durch seinen Körper, strömte durch sein Blut und in seine Gedanken, die sich, gemeinsam mit seiner Fähigkeit zu verstehen, weiter ausdehnten und wuchsen, denn die Weisheit des Rings hatte ihn durchdrungen.

Er sah Rhapsody an, die seine Verwandlung ehrfürchtig beobachtete, und auf einmal wusste er, dass sie keine Sklavin des Dämons, sondern im Gegenteil vollkommen ohne Falsch war; sie war genau das, was sie zu sein schien. Tränen traten ihm in die Augen, und ein tiefer Seufzer, der ihn erzittern ließ, entrang sich seiner Brust.

Auf ihrem Gesicht wandelte sich das Staunen blitzschnell in Besorgnis. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

Mit einem leisen Lächeln nickte er und ließ ihre Hand los. Er konnte spüren, wie das Blut wieder ungehindert in die Finger floss, und schämte sich, weil er sie so eng umklammert hatte. Seine Hände zitterten, als er sein Baumwollhemd aufnestelte. Die hässliche Wunde, die seine Brust auseinander gerissen hatte, war verschwunden, und an ihre Stelle war eine dünne rosarote Narbe aus neuer, gut verheilender Haut getreten. Wieder blickte er Rhapsody an. Auch in ihren wunderschönen Augen standen Tränen, und auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, bei dem sein Herz vor Freude einen Satz vollführte.

»Wie fühlst du dich?«

Seine Schmerzen waren verschwunden, ihm war schwindlig, und er fühlte sich leer, aber wundervoll.

»Besser«, antwortete er und versetzte sich in Gedanken einen Fußtritt, weil seine Antwort so halbherzig und unangemessen klang.

»Gut. Ich freue mich, dass der Ring dir geholfen hat.«

Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag war Ashe unfähig, seine Gefühle auszudrücken:

Erleichterung, Freude, Erwartung, Hoffnung. Wie konnte er in Worte kleiden, was ihm all dies bedeutete? Nach Jahrzehnten endlich befreit zu sein von Qual und Leid, zum ersten Mal seit undenklichen Zeiten Hoffnung zu schöpfen ... Er öffnete den Mund, doch es kamen keine Worte heraus, und in Gedanken verfluchte ihn der Drache wegen seiner Unzulänglichkeit. Doch Rhapsody schien sehr zufrieden. »Nun, da wir das hinter uns haben, tust du mir einen Gefallen?«

Er holte tief Luft. »Alles. Ich tue alles, was du willst.«

Sie tätschelte seine Hand. »Würdest du mir die Ehre gewähren, die Erste zu sein, die du ohne Schmerzen in die Arme schließt? Ich habe mich schrecklich gefühlt, weil ich dir damals im Wald so wehgetan habe.«

Um sich nicht zum Narren zu machen, erwiderte Ashe lieber nichts, sondern breitete nur wortlos die Arme aus, zog sie an sich und wagte kaum, sie zu spüren, aus lauter Angst, der Drache könne ihm seinen letzten Rest Selbstbeherrschung rauben. Wie ein Kind, das vorsichtig in ein Schwimmbecken steigt, erst einen Zeh hineinhält, dann einen Fuß, so erlaubte er seinen Sinnen nur ganz langsam, Rhapsody in sich aufzunehmen. Ihr Haar roch immer noch wie der Morgen, wie eine frische Wiese nach einem Sommerregen. Der Stoff ihrer Bluse umschloss die Wärme ihres Oberkörpers, eine Hitze, die seine Hände zum Zittern brachte.

Aber ehe er zu tief in sie versinken konnte, ließ sie ihn los und stand auf. »Wie wäre es mit einer Tasse Tee?«, fragte sie zubereite, nicht magst, aber du kannst ihn ja so lange ziehen lassen, wie du möchtest. Ich hole nur rasch den Kessel. Ruh dich doch hier ein wenig aus, ich bin gleich wieder da.«

Damit verließ sie das Zimmer, und Ashes Herz folgte ihr zur Tür hinaus.

38

Nachdem sie mit dem Tee zurückgekehrt war, setzte sie sich neben ihn auf den Boden und reichte ihm ei: Tasse. Er nahm einen Schluck und fasste den Entschluss, seinen Plan endlich in die Tat umzusetzen.

»Darf ich dich etwas fragen?«

»Aber natürlich.«

»Warum hast du das getan?«

»Was getan?«

Er hielt die Hand mit dem Ring hoch. »Das. Und alles, was du getan hast, um ihn zu bekommen.«

Rhapsody sah verwirrt aus. »Das habe ich dir doch gerade erzählt; für einen Freund würde ich alles tun. Ich habe dir gesagt, wozu ich bereit bin, was es für mich bedeutet, dein Freund zu sein, nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun, da hast du deine Antwort.«

»Gibt es noch andere Gründe?«

»Andere Gründe wofür?«

»Andere Gründe dafür, mir dieses unglaubliche Geschenk zu machen, mir auf diese Art und Weise zu helfen.«

Rhapsody war überrascht. »Andere Gründe? Andere Gründe als die, die ich dir genannt habe?«

»Ja, falls es welche gibt.«

Sie überlegte, die Augen auf ihren Schoß gesenkt, die Hände auf den Knien. »Nun«, meinte sie kurz darauf, »vermutlich gibt es noch zwei andere Gründe, aber die sind nicht so wichtig wie der erste.«

»Sag sie mir trotzdem«, bat Ashe. Er musste auf sie herabflicken, und es behagte ihm ganz und gar nicht, dass Rhapsody zu seinen Füßen kauerte, in der traditionellen Haltung einer Dienerin an einem menschlichen Königshof.

»Nun ja, ich weiß nicht, ob ich das richtig erklären kann ... Aber seit ich Herzog Stephen kennen gelernt und den Schrein gesehen habe, den er dir in seinem Museum gewidmet hat, habe ich nicht geglaubt, dass du tot bist, und das unerklärliche Bedürfnis verspürt, dir zu helfen.«

»Den Schrein?«

»Vielleicht ist das nicht ganz das richtige Wort dafür, aber Herzog Stephen hat in dem Museum seiner Festung einen kleinen Bereich eingerichtet, mit einer Inschrift, die er dir gewidmet hat, und ein paar Gegenständen, die dir gehörten. Ich habe ihn gefragt, wer dieser Gwydion gewesen sei, und er hat mir ein wenig von euch beiden erzählt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Gwydion, ich meine, dass du noch am Leben sein könntest. Besser kann ich es nicht erklären.

Wie du weißt, habe ich seit langer Zeit Träume und Visionen von der Zukunft; diese sind oft erschreckend genau, und deshalb vertraue ich meist meinem Instinkt. Dieser Instinkt sagte mir, dass du lebst, und so war ich wohl ein wenig besessen von der Idee, dich zu finden und dir zu helfen. Natürlich wusste ich bei unserer ersten Begegnung nicht, dass du Gwydion bist, aber im Lauf der Zeit wurde es mir immer deutlicher, und ich habe dir geholfen, so gut ich eben konnte.«

»Und ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin«, erwiderte er und sah sie mit einem ganz neuen Blick in den Augen an. Rhapsody spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, ohne dass sie recht wusste, warum. Seine Augen waren so fremdartig; aus der Entfernung bemerkte man seine vertikalen Pupillen gar nicht, aber es war nicht zu übersehen, dass sie irgendwie anders waren. Vielleicht war das an dem seltsamen Blick schuld.

»Was noch? Du hast gesagt, es waren zwei Gründe.«

Rhapsody sah verlegen aus. »Womöglich ist dir das jetzt ein wenig unangenehm«, meinte sie und errötete noch mehr, während sie mit ihren strahlenden Augen, so grün wie die Baumwipfel des Waldes, zu ihm aufblickte.