Ashe lächelte. »Dann wirst du also darüber nachdenken?«
Rhapsody gab ihm das Bild zurück und wandte sich wieder zur Feuerstelle um. Lange schwieg sie, ganz in Gedanken versunken, doch Ashe war diese Momente der Stille gewohnt und wartete geduldig. Er wusste, dass Rhapsodys Gedanken in jeder Sekunde endlose Entfernungen zurücklegten und dass sie dann wirklich so weit weg war. Daher beschloss er, ihr die Frage später noch einmal zu stellen. Schließlich jedoch sagte sie: »Glaubst du, dass es so etwas gibt wie Seelenpartner? Du weißt schon dass zwei Menschen zwei Hälften derselben Seele sind?«
»Ja.«
»Und bist du deiner Hälfte jemals begegnet?«
Einen Augenblick schwieg Ashe.
»Ja«, antwortete er endlich.
Rhapsody blickte auf, und zum ersten Mal seit einer ganzen Weile konzentrierten sich ihre Augen ganz klar auf ihn. »Wirklich? Darf ich fragen, was mit ihr geschehen ist?«
»Sie ist tot«, antwortete er mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Rhapsody errötete betroffen. »Ashe, das tut mir sehr Leid.«
»Es war nicht nur das«, fügte er hinzu, unfähig, die Worte länger für sich zu behalten. »Sie ist gestorben in dem Glauben, ich hätte sie betrogen, weil ich mich nicht von ihr verabschiedet habe.«
Rhapsody wandte den Blick ab. Mindestens zum zweiten Mal an diesem Nachmittag wollte sie ihn in die Arme schließen und trösten. Ihr fiel wieder der Waldweg in Tyrian ein, und obwohl er jetzt von seinen Schmerzen geheilt war, hatte sie Angst, einen Fehler zu machen und ihm irgendwie wehzutun. Doch dann gestand sie sich die Wahrheit ein: Noch viel mehr Angst hatte sie davor, was mit ihrem eigenen Herzen geschehen würde. Ashe blickte auf und sah, dass die sich abgewandt hatte. »Was ist mit dir?«, fragte er.
»Glaubst du selbst denn an Seelenpartner?«
»Nein«, antwortete sie leise. Sie wünschte, sie könnte das Thema einfach fallen lassen, aber sie wusste, dass das unmöglich war. »Nun, ich habe es einmal gedacht, habe mich aber vollkommen geirrt.«
»Was ist passiert?«
»Oh, nichts Ungewöhnliches. Ich habe mich in jemanden verliebt, der mich nicht geliebt hat. Das Übliche eben.«
Ashe lachte laut und schüttelte den Kopf.
»Was?«, fragte Rhapsody ärgerlich. »Ist das so schwer zu glauben?«
»Wenn ich ehrlich sein soll ja.«
Sie war bass erstaunt. »Warum?«
Ashe stellte das Bild der FirBolg-Kinder auf seinen Platz zurück und ging zum Sofa. Mit verschränkten Armen lehnte er sich dagegen und musterte Rhapsody, wie der Feuerschein auf ihren Zügen spielte, immer passend zu ihrer Stimmung. Jetzt brannten die Flammen ruhig, nur gelegentlich war ein Knistern oder ein Zischen zu hören.
»Rhapsody, falls du es noch nicht weißt es gibt Männer, die dir nach dem ersten Blick ewige Liebe schwören. Sogar wenn du dich in einen Umhang hüllst und die Kapuze bis in die Stirn ziehst, gaffen die Männer so, dass sie gegen die Wand laufen, mit Ochsenkarren zusammenstoßen oder einfach mit offenem Mund stehen bleiben. Schon allein der Klang deiner Stimme bringt glücklich verheiratete Männer zum Weinen, vor lauter Kummer, weil sie dich nicht früher kennen gelernt haben. Und dein Lächeln dein Lächeln erwärmt selbst das kälteste Herz, selbst das Herz jener, die seit Jahrzehnten allein und tief verletzt durch die Welt gegangen sind.
Trotzdem könnte ich wahrscheinlich einen Mann verstehen, der dich wegen dieser Dinge nicht liebt, denn sie betreffen nur dein Äußeres. Aber so schön dein Körper auch ist, er ist nur ein Abbild der Seele, die er beherbergt. Wie jemand dich wirklich kennen kann und nicht sein Herz an dich verliert, das übersteigt offen gestanden meine Vorstellungskraft. Ob du es nun begreifst oder nicht, Rhapsody, ich liebe dich wirklich, und nicht nur wegen deiner äußeren Erscheinung, sondern wegen der unendlich vielen widersprüchlichen Dinge, die dich ausmachen.«
»Was bedeutet das? Weshalb bin ich widersprüchlich?«
»Fast alles an dir ist ein Widerspruch, und ich liebe jeden davon. Ich liebe es, dass du Sängerin bist, aber dass die meisten deiner Lieder in einer Sprache geschrieben sind, die niemand versteht. Ich liebe es, dass du die Iliachenva’ar bist, aber ich hasse es, wenn du dein Schwert schwingen musst. Ich liebe es, dass du eine Jungfrau bist und doch die Reize und Betörungen einer Prostituierten zu kennen scheinst.« Rhapsody wurde rot, und Ashe musste rasch wegsehen, um ein Lachen zu unterdrücken.
»Möchtest du auch den Rest noch hören? Na gut, dann spitz die Ohren. Ich liebe es, dass du den wahrscheinlich scheußlichsten Tee kochst, den ich mir je einverleiben musste. Ich liebe es, dass dir bei traurigen Liedern immer noch Tränen in die Augen kommen, auch wenn du sie schon tausendmal gesungen hast. Ich liebe es, dass deine besten Freunde ein Halb-Bolg-Riese und die unangenehmste Kreatur sind, die ich je gesehen habe, dass sie unfassbar grob mit dir umgehen und du sie dennoch liebst wie Brüder. Ich liebe es, dass Essen für dich etwas ist, was du mit Musikinstrumenten vergleichst...«
»Du hast aber gesagt, damit würde ich andere manipulieren«, warf Rhapsody ein.
»Unterbrich mich nicht. Ich liebe es, dass du einen besseren rechten Haken hast als ich und keine Angst, ihn einzusetzen, obwohl du gerade mal halb so groß bist wie ich. Ich liebe es, dass du die Ballade von Jakar’sid singst und beim Refrain immer den falschen Text erwischst. Ich liebe es, wie du dich um Jo kümmerst, als wäre sie ein kleines Mädchen, wo doch jedem klar ist, dass sie schon vor Jahren ihre Unschuld verloren hat. Und ich liebe es besonders, wenn du mir die Meinung sagst, selbst wenn ich sie nicht hören will. Ich liebe es, dass du dir nicht vorstellen kannst, dass jemand eifersüchtig sein kann, weil du selbst keine Eifersucht in dir hast, ich liebe es, dass du glaubst, alle Frauen hätten die gleiche Wirkung auf Männer dass du nicht einmal merkst, wie schön du bist. Ich liebe es, dass deine Schönheit die fast alle anderen so bewundern und auch besitzen wollen der Fluch deines Lebens ist.
Ich liebe es, dass du den Untergang deiner gesamten Welt überstanden hast, dass du unter Ungeheuern gelebt hast und anderen Leuten immer noch ehrenwerte Absichten unterstellst. Ich liebe es, dass du den Verstand einer Gelehrten besitzt, den Willen einer Kriegerin und das Herz eines kleinen Mädchens, das nur geliebt werden möchte, trotz allem anderen. All das liebe ich ich liebe dich, und ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand dich kennen lernen und dich nicht ebenfalls lieben würde nicht für das, was du zu sein scheinst, sondern für das, was du bist. Wer dieser Mann auch gewesen sein mag, der dich so behandelt hat auf alle Fälle war er der größte Esel aller Zeiten.
Aber vielleicht liegt darin ja schon die Antwort. Vielleicht versteht dich niemand außer mir so gut. Ich kenne dich, Rhapsody, ich kenne dich wirklich. Ich weiß, wie es ist, wenn man all die Menschen verliert, die man liebt, wenn man sie zurücklassen muss und weiß, dass sie bis ans Ende ihrer Tage nie erfahren werden, was aus einem geworden ist. Ich kenne diesen Kummer, wenn auch sicher nicht in der Tiefe, in der du ihn erfahren hast.«
Mit jedem Wort war Rhapsodys Gesicht rosiger geworden, doch jetzt erblasste sie und drehte sich zum Feuer um, sodass sie Ashe den Rücken zuwandte, die Schultern ganz gerade. Der Drache in ihm spürte Tränen aufsteigen, aber der Damm in ihm war bereits gebrochen, und er konnte seine Worte nicht mehr zurückhalten.
»Ich weiß auch, was schlimmer ist dass man das Gefühl hat, die Lücken, die im Leben zurückbleiben, nicht einmal mit neuen Freunden und neuer Liebe füllen zu können, aus Angst, das Gesicht zu zeigen. Das ist, glaube ich, der schlimmste Schmerz überhaupt. Du bist eine Frau, die sich Nähe zu anderen wünscht, aber deine Schönheit zwingt dich dazu, dich unter einem Umhang zu verstecken, aus Angst vor den Folgen. Und dann ist da noch die Angst, ob die so wortreich versicherte Liebe echt ist oder von etwas anderem angetrieben etwas so Unschuldigem wie blinder Verzückung über deine körperlichen Reize, oder etwas Finsterem, beispielsweise, dass jemand dich besitzen und deine Seele zerstören will. Ich kenne diese Angst. Ich weiß vielleicht besser als alle anderen, wie es ist, hinter einer Maske zu leben, unerkannt, obwohl das Herz nach Anerkennung schreit. Es ist abscheulich einsam, auf eine Art, die man vorher nicht erwarten würde. Am liebsten möchte man allem den Rücken kehren und sich in irgendeiner Ziegenhütte verkriechen, aber das geht nicht. Das Schicksal lässt es nicht zu, und ich kenne das Gefühl. Ich weiß, wie es ist, unter Schmerzen zu leben, Rhapsody. Ich weiß, wie es ist, dieser Art von Heilung zu bedürfen. Und ich würde mein Leben dafür geben, um dir einen weiteren Augenblick davon zu ersparen.« Seine Stimme brach, und er schwieg.