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Während er sprach, war das Feuer zu leise glimmender Glut heruntergebrannt; nun loderten ein paar Flammen empor, fanden neues Leben in noch unverbranntem Holz. Rhapsody wandte ihm ihr Gesicht wieder zu.

Dank seiner Drachensinne wusste Ashe, dass sie weinte, aber der Anblick ihrer Tränen traf ihn unvorbereitet. Nie war ihr Gesicht schöner gewesen, und sein Herz, das jetzt ganz war und frei von altem Schmerz, zog sich zusammen.

Doch sie lächelte unter Tränen, stand auf, stellte sich vor ihn und sah, vielleicht zum ersten Mal, auf ihn herunter. Vorsichtig berührten ihre Finger das kupferrote Haar, strichen ihm sanft die Strähnen aus der Stirn, voller Staunen. Wie an jenem Tag im Wald, als sie ihn zum ersten Mal ohne seine Tarnung gesehen hatte, funkelten ihre Augen, als sie seine Gesichtszüge in sich aufnahmen. Dann beugte sie sich vor und legte ihre Stirn an seine.

»Also«, sagte sie und schloss die Augen, »dann bist du auch gekommen, um mich zu heilen?«

»Eigentlich nicht«, antwortete Ashe. »Ich bin gekommen, weil du mich gerufen hast. Ich bin gekommen mit der Absicht, dir zu sagen, was ich wirklich fühle.« Im Licht des Feuers sah sie, wie er errötete. »Und wenn ich ganz ehrlich bin, wenn du meine tiefsten Wünsche erfahren möchtest, dann bin ich gekommen, um dich zu lieben.«

Wieder lächelte Rhapsody. »Das hast du gerade getan«, meinte sie leise. Sie küsste ihn behutsam, trat dann zurück und schlug die Augen auf. In seinem Gesicht standen so viel Hoffnung, so viel Zuneigung und Furcht, dass es ihr schier das Herz brach. Er streckte die Hände nach ihr aus, und sie kam zurück in seine Arme und küsste ihn noch einmal.

Ashe merkte, wie seine Selbstkontrolle schwand. Die Wärme, die Süße ihres Munds berauschten ihn, ihm war schwindlig vor Freude. Er zog sie noch enger an sich und drückte ihren geschmeidigen Körper an seinen. Das Brennen in seinen Fingern, das eingesetzt hatte, als er seiner Drachennatur erlaubt hatte, sie zu spüren, kühlte bei der Berührung ab und verschwand. Doch am wunderbarsten war das Gefühl, endlich wieder ganz zu sein, ihr nichts mehr vormachen zu müssen, zu wissen, dass sie seine Gefühle kannte und ihnen ohne Angst begegnete. Und als er sich der Ekstase ihrer Umarmung hingab, erhob sich der Drache und wollte mehr von der Frau in seinen Armen spüren.

Ich möchte sie berühren.

Aber Rhapsody wich ein Stück zurück, schob ihn von sich und wandte sich ab, die Hände vors Gesicht geschlagen. Ashe konnte fühlen, wie jeder Muskel in ihrem Körper zu zittern anfing. Heiße Tränen tropften auf seine Hände, ihre Schultern waren hart vor lauter Anspannung, ihr Herz raste. Vor seinen Augen geriet sie völlig aus der Fassung.

»Ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Oh, es tut mir Leid, es tut mir Leid, aber ich kann nicht. Ich kann das nicht tun. Ich kann nicht. Es ist nicht richtig, es ist nicht gerecht. Ich kann nicht.«

»Gerecht wem gegenüber?«, fragte Ashe.

In sich fühlte er das Universum beben. Die Macht, die der Drache über die Naturgewalten besaß, begann sich zu erheben. Zwar verriet kein äußeres Anzeichen die innere Auseinandersetzung, aber in seiner Seele stand Ashe vor einem Abgrund und kämpfte verzweifelt gegen seine eigene Natur und gegen die Sehnsucht, die beide Teile gemeinsam hegten. Körperlich blieb er so ruhig wie möglich, doch er betete inbrünstig, dass Rhapsody ihn nicht anblickte, solange der Drache die Oberhand hatte, denn in seinen Augen hätte sie gesehen, dass er zu allem bereit gewesen wäre, um sie für sich zu gewinnen. All seine Sinne waren auf das ausgerichtet, was der Drache wollte, doch am Ende siegte der Mann in ihm. Die menschliche Seele sehnte sich noch viel tiefer nach ihr, als der Drache es jemals vermocht hätte, und der Mensch wusste, dass sie ihm ihre Liebe freiwillig geben musste, dass er sie sich nicht nehmen durfte. So wurde der Wyrm schließlich in die Unterwerfung gezwungen, und zurück blieb der Mann, menschlich und allein.

»Gerecht dir gegenüber«, antwortete sie mit Tränenerstickter Stimme. »Du hast wirklich eine bessere Frau verdient, eine Frau, die deine Liebe erwidern kann. Eine, die ein Herz hat. Es tut mir Leid. Es tut mir so Leid.«

Ashe stand auf, ging zu ihr und stellte sich neben sie.

»Bitte dreh dich um«, sagte er.

Ihr Körper wurde starr, aber sie wich ihm nicht aus. Langsam gehorchte sie, sah zu ihm empor durch glänzende Haarsträhnen, die ihr übers Gesicht gefallen waren, mit dunklen Augen und zitterndem Kinn. Er hob die Hand.

»Darf ich dich berühren?«, fragte er leise.

Rhapsodys Augen wurden klar. Er dachte an sein Versprechen. Sie nickte. Er streckte die Hand aus und streichelte vorsichtig ihre Wange, einer Tränenspur folgend. Ihre Augen schlössen sich bei seiner Berührung, und ihr Kopf neigte sich leicht seiner Hand entgegen. Seine Finger glitten weiter, die Linie ihres Halses hinunter, zu ihrem Kragen, dem Ausschnitt ihrer Bluse, dem er bis zu der Stelle zwischen ihren Brüsten folgte. Dort hielt er inne, ließ die Hand leicht auf ihrem Brustkorb ruhen, direkt über dem Herzen, und spürte es schlagen.

Scharf sog Rhapsody die Luft ein und stand zitternd unter seiner Berührung da. Sie wollte es, ein Teil von ihr wollte es. Und weil dieser Teil mit dem Feuer verbunden war, erhob er sich tief in ihrem Innern und floss in die blinden Flecken von Ashes Seele, denen das Feuer geraubt worden war. Langsam öffnete sie die Augen und schaute ihn an. So standen sie einen Augenblick regungslos, ohne zu atmen. Ashe fühlte ihr Herz unter seiner Handfläche pochen und sah den verwirrten Ausdruck auf ihrem Gesicht, während widersprüchliche Gefühle in ihr kämpften.

»Für mich fühlt es sich an, als hättest du sehr wohl ein Herz«, sagte Ashe schließlich. Mit angehaltenem Atem sah er sie an, zitternd, verletzlich, aber nicht wehrlos, und er wollte sie. Als Ashe, als Gwydion, als Mann und als Drache wollte er sie. Nicht um sie zu bezwingen oder zu besitzen, sondern um sie zärtlich zu lieben und für sie zu sorgen. Er wollte sie und wartete voller Angst auf ihre Antwort. »Du hast ein Herz, Rhapsody. Warum vertraust du nicht auf das, was es dir sagt?«

Ihre Antwort war nur ein Flüstern: »Weil es lügt.«

»Du lügst niemals. Daher kann ein Teil von dir es auch nicht tun.«

»Dann hat es eine schrecklich schlechte Urteilskraft. Früher einmal habe ich ihm geglaubt, doch es hätte sich nicht schlimmer irren können.«

»Gib ihm noch eine Chance. Ich dachte, du glaubst an das Risiko.«

Er musste sich noch näher zu ihr beugen, um ihre leise Entgegnung zu verstehen. »Es ist zerbrechlich. Es würde nicht überleben, wenn es sich noch einmal irrte.«

Ashe nahm seine Hand von ihrer Brust und liebkoste wieder ihr Gesicht. »Du hast dich selbst zur Wächterin meines Herzens ernannt, Rhapsody. Warum machst du mich nicht zum Wächter des deinen? Ich verspreche dir, ich werde es beschützen.«

Rhapsody war schwindlig von dem Kampf, der um sie und in ihr tobte. Mühsam klammerte sie sich an das, was sie für die Wirklichkeit hielt, und ihre Augen suchten Halt in den seinen. Sie schienen so fremd und doch menschlicher als je zuvor, und die Tiefe, die sie in ihnen gewahrte, setzte sie in Erstaunen. Wie konnte ich mich so in ihm irren?, fragte sie sich und dachte unwillkürlich daran, wie sie sich auf ihrer Reise gekabbelt hatten, wie er sofort auf Distanz gegangen war, wenn sie etwas über ihn zu erfahren versucht hatte, was ihre platonische Form des Trostes gewesen war. Ich habe ihn überhaupt nicht gekannt. Er war genauso widersprüchlich wie sie schön und fremdartig, Jäger und Gejagter, Drache und Sterblicher, Lirin und Mensch; er hatte sie von sich weggestoßen und sich doch die ganze Zeit über gewünscht, sie würde näher zu ihm kommen. Und auch sie hatte Dinge über ihn gewusst, bevor sie sich kennen gelernt hatten; sie hatte gewusst, dass er noch lebte, während die ganze übrige Welt ihn für tot hielt. Warum?