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Bittere Galle drang ihm bis in den Mund. Er verscheuchte den Gedanken, denn er wollte ihn nicht bis ans Ende denken, das Ende, das ihn in seinen Träumen verfolgte. Schließlich beruhigte sich das Kind ein wenig. Die Matriarchin der toten Kolonie strich mit einer letzten zarten Liebkosung über die steingraue Stirn und löschte dann das Licht, indem sie den Pilz unter dem Absatz zerdrückte. Mit einem Kopfnicken deutete sie zur Tür der Kammer, und Achmed folgte ihr hinaus auf den Korridor.

»Ihre Furcht wächst«, sagte die Großmutter.

»Hat sie eine Ahnung, warum?«

»Falls sie es ahnt, vermag sie kein Bild davon formen, das ich verstehen könnte. Ihre Gedanken flüstern immer nur eins: ›Grüner Tod, schmutziger Tod‹.«

Achmed atmete hörbar aus. Er hatte keine Geduld für Rätsel, auch das war Rhapsodys Spezialgebiet. Sie sollte hier sein, wiederholten seine Gedanken voller Wut.

»Was kann ich tun?«, fragte er und warf einen Seitenblick auf das rußverschmierte Relief auf der Wand gegenüber. Es war ein geometrisches Muster, das vor der Zerstörung der Kolonie einmal eine Art Landkarte dargestellt hatte, wie viele der Bilder, welche die Wände schmückten.

Die schwarzen ovalen Augen der Großmutter betrachteten ihn ernst.

»Bete«, antwortete sie.

In einem üppigen Tal in den Krevensfeldern wand sich Nolo in der Nachmittagshitze. In den ganzen zehn Sommern seines Lebens konnte er sich an keinen enttäuschenderen Tag erinnern. Die Elritzen waren zu flink gewesen, die Sonne zu grell, ihm war viel zu heiß, und er war so hungrig, dass er nicht länger hier ausharren konnte. Also zog er seine Angelschnur aus dem Wasser und kniff die Augen zusammen, weil ihn das vom Teich reflektierte Sonnenlicht blendete.

»He, Fenn«, rief er, während er die Schnur um seine Hand aufwickelte, aber der kleine Hund war anderweitig beschäftigt. Bestimmt jagte er mal wieder Grashüpfer. Nolo stand auf, schüttelte den Dreck von seiner Angelschnur und steckte sie dann in die Tasche. Der Beutel, der sein Frühstück beherbergt hatte, war schon seit Sonnenaufgang leer; er untersuchte ihn trotzdem, für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass sich doch eine Brotrinde oder eine Ecke Käse irgendwo versteckt hätte. Aber so gründlich er ihn auch inspizierte, er war genauso leer wie sein Magen.

»Fenn!«, rief er noch einmal und spähte angestrengt über die Wiese jenseits der Bäume des kleinen Tals. Da bewegte sich etwas im Hochgras, und er hörte ein Rascheln. Dummer Köter, dachte er und stopfte den Beutel zu der Angelschnur in die Tasche. Das Gras piekte an seinen bloßen Füßen, als er aus dem Schatten des Tals trat; ihm kam es vor, als zitterte der Boden ein bisschen. Nolo sah sich um. Niemand war zu sehen, aber auf einmal spürte er den kalten Griff der Angst, obwohl er keine Ahnung hatte, warum.

»Fenn, wo bist du?«, brüllte er mit sich überschlagender Stimme. Als Antwort hörte er ein angestrengtes Keuchen ungefähr einen Steinwurf entfernt, und einen Augenblick später durchbrach Fenns hohes Gebell die feuchte Luft. Mit einem Seufzer der Erleichterung trottete Nolo durch das Gestrüpp zu seinem Hund. Als er die kleine Anhöhe erreichte, sah er, was den Hund so fasziniert hatte.

Auf einem Zweig, einer dicken, schwarzen Ranke mit langen spitzen Dornen, die schärfer aussahen als die eines Brombeerbuschs, steckte der Kadaver eines Kaninchens. Neugierig riss Nolo die Augen auf. Da musste der Hund dem Kaninchen aber einen Mordsschrecken eingejagt haben; danach zu schließen, wie ihm der große Dorn aus der Brust ragte, war es mit einem Riesensatz rückwärts gehüpft. Sonst hätte man fast annehmen müssen, es wäre in mörderischer Absicht von hinten erdolcht worden aber so etwas war ja nicht möglich, das wusste Nolo genau. Eine kleine Pfütze frischen Bluts hatte sich um das arme Tierchen gebildet, und ein Tropfen davon zierte Fenns Nase. Auch die Augen des Hundes blitzten aufgeregt.

Kurz überlegte Nolo, ob er das tote Tier von dem Dornbusch befreien und seiner Mama zum Abendessen mitbringen sollte, entschied sich aber dagegen. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Tag, etwas verfälschte die Muße dieser Erholungspause von Hausarbeit und Lernen welch eine Verschwendung der Freiheit eines halben Mittsommertages.

»Komm, Fenn«, rief er. Dicht gefolgt von seinem Hund, rannte er den ganzen Weg zurück in die Ortschaft, zu dem kleinen strohgedeckten Haus, in dessen einzigem Fenster bald die Kerzen angezündet werden würden.

Sobald der Junge außer Sicht war, ging eine leichte Bewegung durch den Dornbusch. Die Blutpfütze wurde kleiner, mit gierigem Eifer aufgesogen von der Haut des Dorns, bis nichts mehr zurückblieb als trockene Erde.

40

Selbst nach Ashes filidischen Maßstäben waren die Gärten von Elysian für ihn wie ein Wunder. In den Jahren vor seinem nunmehr zwanzig Jahre zurückliegenden traumatischen Erlebnis hatte er sich sowohl um die Gewächshäuser seines Vaters als auch um seine eigenen weitläufigen Ländereien mit architektonischen Gärten und großen Treibhäusern gekümmert, die allerdings ausschließlich für heilige und zeremonielle Pflanzen angelegt waren. Sein Wissen über Gartenbau war profund, wenn auch nicht sehr vielseitig, und er hatte hunderte von Naturpriestern beaufsichtigt, die auf den Feldern und Klosterfarmen hart gearbeitet hatten. Er hatte zahlreiche Pflanztechniken kennen gelernt, aber Rhapsodys Umgang mit den Gartengewächsen war einzigartig.

Jeden Morgen war sie schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen, backte Brot und süße Brötchen, deren Duft die Luft mit himmlischem Duft erfüllte. Bei der Arbeit sang sie leise vor sich hin, um ihn nicht zu wecken, aber der Drache wusste, dass sie nicht da war, sobald sie das Bett verließ, und begann einen langwierigen, unbewussten Prozess des vorsichtigen Fühlens, um sich zu vergewissern, dass sie noch immer in seiner Reichweite war. Die lieblichen Melodien lullten ihn wieder in den Halbschlaf, bis er schließlich, wenn sie ihre Arbeit im Haus erledigt hatte und hinausgegangen war, aufwachte, sich mürrisch erhob und nur ganz allmählich wieder menschlich wurde.

An den meisten Tagen ließ sie ihr Backwerk im Ofen und ging hinaus, um den Garten zu pflegen, denn sie wusste, dass er spürte, wann das Brot fertig war, und sich rechtzeitig auf rappelte, um es aus dem heißen Ofen zu holen. Dies diente als überaus wirksamer und sanfter Weckruf für Ashe, und er genoss das einfache häusliche Leben, das sie beide teilten. Noch benommen vom tiefen Drachenschlaf, trottete er die Treppe hinunter, zog das, was sie zubereitet hatte, aus dem Ofen und machte sich daran, das Frühstück vorzubereiten und auf einem Tablett herzurichten.

Schließlich trug er das Tablett hinaus in den Garten, um mit Rhapsody zu frühstücken. Unweigerlich fand er sie auf der Erde kniend, das Haar zu einem glänzenden Knoten gebunden und oft unter einem alten Tuch verborgen. Sie streichelte die Blätter winziger Pflänzchen, sang oder summte vor sich hin, während sie mit der Schaufel arbeitete. Für jede Blume hatte sie ein Lied, und sie begoss und pflegte ein jedes Samenkorn nach einer bestimmten Methode, die praktisch über Nacht einen üppig gedeihenden Garten herbeizauberte. Als sie Ashe nach Elysian gerufen hatte, hatte der Garten in den Farben des Sommers gestrahlt, und die Luft war erfüllt gewesen vom Duft der Gewürze und Kräuter. Jetzt war der Garten ein wahres Paradies, das mit seiner ausgewogenen Harmonie von Grüntönen und helleren Farben Auge und Nase gleichermaßen erfreute. Rhapsody hatte das Gespür und das Talent eines Bauern, und beides hatte Elysian eine gesunde, fröhliche Atmosphäre verliehen, die es zuvor ganz sicher nicht gehabt hatte. Eines Morgens war Ashe von einem besonders schönen Lied geweckt worden, einer Weise, die ihn an den Lauf der Jahreszeiten denken ließ, ohne dass er ein Wort davon vernahm. Später, als er den Text verstand, den der Gartenwind zu ihm herübertrug, musste er lächeln.