Später am Tag sprach er mit ihr über das Lied. Es ist schön meinte er und küsste sie. Viel zu schön, um von Grunthor zu handeln. Dafür müsste es deftiger und behäbiger sein, vielleicht auch ein paar Läuse haben. Rhapsody lächelte, aber ihre Augen verdunkelten sich auf eine Art, an der er erkannte, dass sie ihm irgendetwas vorenthielt. Es gibt Dinge, von denen wir beide wissen, dass wir sie nicht miteinander teilen können, weil sie die Geheimnisse anderer sind, hatte er in jener ersten Nacht gesagt, als sie ein Liebespaar geworden waren. Da wechselte er das Thema.
Am Rand einer unterirdischen Wiese hatte Rhapsody einen kleinen Obstgarten gepflanzt, an der einzigen Stelle, wo die Bäume genug Licht bekamen. Manchmal fand Ashe sie hier, wie sie sanft zu den Bäumchen sprach und sich um sie kümmerte wie um kleine Kinder. Wenn er sie in einer solchen Situation überraschte, setzte sie jedes Mal ein verlegenes Grinsen auf und rannte zu ihm, nahm seinen Arm und spazierte mit ihm zur Laube oder zu den Steinbänken in der Mitte des Kräutergartens, wo sie meistens frühstückten.
Dieser Morgen nun bildete keine Ausnahme. Ashe war ein wenig missgelaunt aufgewacht, mit der Erkenntnis, dass sie nicht mehr neben ihm lag, aber nach dem Frühstück kam er einigermaßen wieder zur Besinnung. Dann krempelte er die Ärmel auf, grub mit ihr die Erde um und half ihr, die Wurzeln zu trennen, die sie ans Seeufer vor dem Türmchen verpflanzen wollte.
Stundenlang arbeiteten sie in der Halbsonne der Grotte. Rhapsody sang fröhlich; sie fühlte sich nicht mehr gehemmt von Ashes Gegenwart, seit er vor einiger Zeit einmal in ein Lied eingestimmt hatte und die Melodien des Wachsens von ihr lernen wollte. Er hatte ihr auch ein paar neue beigebracht, die er selbst noch kannte, und sie war sogleich eifrig bei der Sache gewesen. Heute machte sie einen besonders glücklichen Eindruck; als er sie nach dem Grund für ihre gute Laune fragte, lächelte sie nur und küsste ihn.
»Schau dir den See an«, sagte sie dann.
Er wanderte ans Ufer hinunter und blickte ins Wasser, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. So zuckte er mit den Achseln, und sie lächelte erneut.
»Er muss wohl ziemlich morastig sein heute Morgen«, sagte sie, kniete sich wieder hin und wandte sich erneut dem Haufen mit Blättern und Lehm zu, den sie in den Boden einarbeitete. »Für gewöhnlich reflektiert er besser.«
Ashe fühlte, wie Wärme ihn überflutete. Er trat hinter sie, beugte sich herab und umarmte sie von hinten.
»Ich liebe dich.«
Sie buddelte weiter.
»Wirklich?«
Er rieb die Nase an ihrem Nacken. »Ja. Merkst du das nicht?«
»Im Augenblick nicht, nein.«
Ashe blinzelte erstaunt. »Warum nicht?« Schon wurde ihm eng ums Herz. Sie würdigte ihn keines Blickes. »Weil kein Mann, der mich wirklich liebt, auf mein frisch gepflanztes Elfenkraut treten würde.« Sie schob spielerisch seinen Fuß vom Blumenbeet.
»Oh. Tut mir Leid, altes Mädchen.« Er zupfte an dem schimmernden Haarknoten unter dem hässlichen Tuch und tätschelte liebevoll ihr Hinterteil.
»Hände weg von meinem Brötchen, Herr.« Sie sah ihn an und tat so, als wäre sie ärgerlich.
»Von deinem was?«
»Nun, der Ausdruck stammt von dir«, lachte sie, stopfte die Haarsträhnen, die sich gelöst hatten, wieder unter das Tuch und machte sich erneut ans Umgraben. Er kauerte sich neben sie. »Wovon sprichst du überhaupt?«, fragte er und spielte mit den verirrten Strähnen.
Sie versuchte, ihr Lächeln zu verbergen, und arbeitete weiter. »Wer immer dir Alt-Lirinsch beigebracht hat, wusste wenig von feststehenden Redewendungen. Kwelster evet re marya du hast das allerschönste Brötchen.«
Ashe errötete verlegen und amüsiert zugleich. »Du machst Witze. Das habe ich gesagt?«
Sie nickte. »Was denkst du, warum ich fast jeden Morgen zum Frühstück welche backe? Ich habe noch nie erlebt, dass ein Mann mein Gebäck hübsch findet.«
Ashe prustete los und zog sie an sich, wobei er reichlich Moos und Blätter in die Gegend verteilte. Dann küsste er sie unterbrach damit ihr Gelächter und wischte die Erde von ihrer Stirn über sein ganzes Gesicht.
»Vermutlich muss ich an meinen Redewendungen noch ein bisschen arbeiten, was?«
»Nein, nicht unbedingt; mir hat es sehr gut gefallen.«
»Oh, bestens. Und was sagst du, wenn ich jetzt gern dein Brötchen sehen möchte?«
Sie schlang die Arme um seinen Hals. »Ich schlage ein schlichtes ›bitte‹ vor, obwohl mir auch einiges andere dazu einfällt.«
»In diesem Falclass="underline" bitte.«
Sie versetzte ihm mit ihrem Pflanzenheber einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. »Bei allen Göttern, du bist wirklich unersättlich.«
»Daran bist nur du schuld, weißt du.« Die Drachenaugen zwinkerten, und ihre Smaragdaugen taten das Gleiche. Sie wussten beide, dass sie, wenn es um romantische Erfüllung ging, auch nicht schneller ermüdete als er. Aber jetzt versuchte sie, zu ihrer Gartenarbeit zurückzukehren.
»Warum sagst du das?«
Kurz entschlossen nahm Ashe ihr das Werkzeug aus der Hand und zog sie liebvoll auf seinen Schoß. »Du bist mein Schatz geworden, Rhapsody. Du musst wissen, dass das, von dem ein Drache am allermeisten besessen ist, von dem er niemals genug haben kann, sein Schatz ist.«
Er lächelte auf sie herab, aber gleichzeitig war er ein wenig unsicher, ob sein leichter Ton nicht womöglich dafür sorgte, dass sie an der Ehrlichkeit seiner Worte zweifelte. Er spürte, dass seine zweite Natur ihr ein wenig unbehaglich war, und hoffte, dass diese seine Bemerkung sie nicht abstieß. Neben der Angst, dass der Dämon ihn finden könnte, machte ihm der Gedanke an die Zukunft am meisten zu schaffen, eine Zukunft, in der sie sich womöglich von ihm abwenden würde wie sie es ja nicht anders erwartete. Ihm war klar, dass er in einem solchen Fall völlig außer sich geraten würde.
Rhapsody nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn. »Dann stamme ich vielleicht auch zum Teil von den Drachen ab.«
»Warum?«
»Nun, ich muss genau so von dir besessen sein, wenn ich mich durch dich ständig von meiner Gartenarbeit abhalten lasse, die für mich bisher das Zweitliebste auf der Welt war.«
»Das Liebste ist die Musik?«
»Natürlich.«
»Aber du hast schon den ganzen Morgen im Garten gearbeitet. Inzwischen wirst du doch bestimmt müde sein.«