Wieder schloss Rhapsody die Augen; um sie herum brodelte das Wasser und massierte ihren Rücken. Sie spürte eine prickelnde Wärme, die in ihren Fingern und Zehen begann, um von dort nach innen zu ziehen und ständig zuzunehmen; wenn diese Wärme ihre Mitte erreichte, würde es eine Explosion geben. So klammerte sie sich an Ashe, der selbst darum kämpfte, den Augenblick zu beherrschen ein Kampf, den er längst verloren hatte. Sie schlug die Augen wieder auf und betrachtete sein Gesicht. Es war hingerissen, aber immer noch darauf bedacht, die Kontrolle zu wahren.
»Du nimmst dich zurück«, schalt sie ihn sanft zwischen zwei Atemzügen. »Lass dich gehen.«
Seine Augen schlössen sich, und er schüttelte leicht den Kopf. Inzwischen war Rhapsody an der Grenze eines Reichs angekommen, das sie nicht allein betreten wollte. Sie verlangsamte die köstlich erregenden Bewegungen ein wenig, und Ashes Hände umfassten ihre Taille fester. »Bitte«, flüsterte sie. »Ich möchte nicht ohne dich kommen. Lass los.«
Er tat es. Die Wellen brodelten mit der Heftigkeit eines brausenden Flusses, Stromschnellen stürzten übereinander, während der Rhythmus ihrer Bewegungen sich immer mehr beschleunigte. Das Wasser schäumte unter der Kraft ihrer Leidenschaft, schwappte über den Rand der Wanne und überflutete den Boden. Die Strömungen in der Wanne reagierten auf seine Verzückung, und das Wasser schlug über Rhapsody zusammen wie Wellen an einer Felsküste. Sogar die Luft in Elysian nahm ein elektrisches Summen an, und ganz von fern bemerkte Rhapsody, dass die Musik des Wasserfalls einem donnernden Rauschen gewichen war. Im Nebenzimmer loderte das Feuer im Kamin hoch auf.
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie einander so genossen, aber es schien fast lange genug zu sein, um den Kummer eines ganzen Lebens auszulöschen. Endlich verschmolzen Feuer und Wasser in Ekstase, und sie schrien beide auf, als die Wellen über ihnen zusammenschlugen und sie schäumend bedeckten.
Einen Moment später kam Rhapsody wieder an die Oberfläche und legte den Kopf an Ashes Brust, die nun ebenfalls aus dem Wasser auftauchte. Sie rang nach Atem und streichelte seine Schultern, während er sie fest in den Armen hielt. Das noch immer warme, aber jetzt still gewordene Wasser hatte den ganzen Fußboden überschwemmt, und in ihrer glückseligen Benommenheit war Rhapsody froh über die Marmorfliesen.
Lange lagen sie stumm in der Wanne, bis irgendwann das Wasser abkühlte. Ashe küsste Rhapsody auf die Stirn und blickte auf sie hinab, das Herz in seinen Augen.
»Ist alles in Ordnung? Du hast kein Wasser eingeatmet, oder?«
Mit einem langen Seufzer wandte sie sich ihm zu und sah ihn lächelnd an. Wie auf dem Wasser schimmerndes Sternenlicht glänzten ihre Augen. Ashes Kehle war wie zugeschnürt.
»Amariel«, sagte er leise zu ihr, in der Sprache ihrer Kindheit. »Merei Aria. Evet hira, Rhapsody.« Stern des Meeres; ich habe meinen Leitstern gefunden. Du bist es, Rhapsody. Ihre Augen blitzten, seine Wortwahl war makellos.
»Wie romantisch.«
Er lächelte. »Ich denke, du hast mich so romantisch gemacht. Welch eine Heldentat.«
Jetzt lachte Rhapsody und richtete sich auf, um ihn zu küssen. »Ein romantischer Drache. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?«
»Doch.« Sein Gesicht begann zu strahlen. »Liebst du mich trotzdem?«
Sie sah ihn ernsthaft an und griff auf ihre Fähigkeit als Benennerin zurück, um die reine Wahrheit auszusprechen. »Immer.«
Er zog sie an sich und küsste sie auf den Kopf. »Aria«, flüsterte er abermals. Und von diesem Augenblick an wurde Aria sein spezieller Name für sie, der Name, den er in ihren intimsten Augenblicken aussprach, als Ausdruck einer Liebe, die keine andere Sprache, kein anderes Symbol angemessen ausdrücken konnte.
Ungeduldig wartete Grunthor in der Nachmittagssonne am Rand von Kraldurges Wächterfelsen und lauschte auf das Heulen des Windes in den spitzen Steinformationen. Er war gekommen, weil Rhapsody ihn gerufen hatte; jetzt wurde er jeden Moment hektischer und fragte sich, wo sie blieb. Die Nachricht, die sie ihm auf dem Wind hatte zukommen lassen, hatte keine Spur von Furcht oder Panik enthalten, es war nur eine schlichte Bitte, sich mit ihr auf der Wiese oberhalb von Elysian zu treffen.
Endlich sah er sie aus dem Schatten treten, trotz der brütenden Sommerhitze in ihren üblichen Umhang gehüllt.
»Wurde auch langsam Zeit, Gräfin«, brummte er, als sie näher kam. »Noch ein Tag länger, und ich war mit meinem Eliteregiment angerückt.« Damit schloss er sie stürmisch in die Arme und drückte sie an sich, während Angst und Ärger versickerten wie Wasser in Kies. »Geht’s dir gut?«
»O ja«, antwortete Rhapsody und lachte, als der Riese sie wieder absetzte. »Eigentlich geht’s mir sogar besser als gut.«
Argwöhnisch beäugte Grunthor sie. »Und woher kommt das?«, wollte er wissen. Ihr strahlendes Gesicht und das glänzende Haar, das nicht länger von ihrem allgegenwärtigen schwarzen Band zusammengehalten wurde, sprachen Bände. Doch ehe sie antworten konnte, hielt er seine großen Pranken abwehrend in die Höhe. »Ach, ist ja egal. Sag es mir lieber nicht, Gnädigste.«
Das Strahlen in ihrem Gesicht verblasste ein wenig. »Warum?«
»Tu’s einfach nicht, bitte«, erwiderte der Sergeant schlicht. Dann seufzte er tief. Ihre Antwort war ihm auch so klar genug. Was er am meisten gefürchtet hatte, war eingetreten: Ein Drache hatte sie als seinen Schatz auserkoren, wenn auch nicht derjenige, von dem er es vermutete hatte.
Er dachte daran, wie Achmed reagieren würde, und erschauderte bei der Vorstellung. Schnell wandte er den Blick von ihrem Gesicht ab, das jetzt einen fragenden Ausdruck angenommen hatte, und sah hinüber zu den sonnenbeschienenen Klippen der Zahnfelsen. »Du steckst also nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten und brauchst Hilfe, oder?«, fragte er schließlich.
»Nein, natürlich nicht«, antwortete Rhapsody leicht verunsichert. »Wäre das der Fall gewesen, hätte ich euch sofort gerufen.« Sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken, der sich bei Grunthors abwehrender Begrüßung gebildet hatte, streckte die Hände aus und drehte sein breites Gesicht sanft in ihre Richtung. Als die bernsteinfarbenen Augen den ihren begegneten, sah sie eine große Traurigkeit in ihnen, ansonsten aber hatte sich Grunthor hinter seiner üblichen unbekümmerten Maske versteckt.
»Ich dachte, du möchtest, dass ich glücklich bin, Grunthor«, sagte sie leise.
Nachdenklich blickte Grunthor auf sie herab. »Tu ich auch, Fräuleinchen. Mehr als alles andere.«
»Kannst du dich dann nicht einfach für mich freuen?«
Wieder wandte der Riese sich ab und starrte auf die Bergspitzen. Früher einmal hatten sie als unüberwindbar gegolten, doch jetzt bestiegen die Bolg regelmäßig die Pässe, hielten die alten Belüftungssysteme in Ordnung und bauten die cymrische Sternwarte wieder auf. Alles, was ihnen einst so weit entfernt vorgekommen war, befand sich jetzt in Reichweite. Die Ironie hinterließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund.
»Ich werd mein Bestes tun, Euer Liebden«, meinte er endlich. »Wenn das alles ist, dann muss ich mich jetzt wieder auf den Weg machen. Ich bin auf Erkundungsgang in die Reiche der Tiefe. Falls du mich brauchst in vierzehn Tagen oder so bin ich wieder da.«
»Warte«, sagte Rhapsody und holte ein zusammengefaltetes Stück Pergament aus ihrem Umhang hervor und reichte es Grunthor. »Du könntest etwas für mich tun, wenn du dazu bereit wärst. Das ist für Jo. Ich wollte ihr erklären nun, ich wollte ihr sagen, was passiert ist und wie es dazu kam, damit sie Zeit hat, sich ein bisschen an die Situation zu gewöhnen.« Sie wischte sich einen Schweißtropfen von der Stirn. »Jo hat Jo empfindet eine gewisse Zuneigung für Ashe, und ich möchte sie nicht verletzen«, fügte sie unbeholfen hinzu. »Kannst du bitte dafür sorgen, dass sie den Brief bekommt, Grunthor? Bevor du aufbrichst? Ich möchte ihr gern so viel Zeit wie möglich lassen.« Der riesenhafte Sergeant nickte und stopfte den Brief in sein Wams. »Und könntest du auch Achmed Bescheid sagen?«