Grunthor nickte auch hierzu mit unbewegter Miene. An ihrem leichten Ton und daran, dass sie Achmed als Letzten erwähnte, wurde deutlich, dass sie keine Ahnung hatte, wie schwer ihre Bitte zu erfüllen sein würde. Zum ersten Mal, seit Grunthor den Firbolg-König kannte, würde er um Worte verlegen sein. »Wann kommst du denn mal wieder vorbei?«, fragte er schließlich.
»Ich dachte, ich warte noch ein wenig, damit Jo sich nicht überrumpelt fühlt«, meinte sie.
»Ich werde versuchen, meinen Besuch auf deine Rückkehr abzustimmen. Dann möchte ich mich mit dir und Achmed zusammensetzen und mit euch beratschlagen, wie wir Jagd auf den Rakshas machen.«
Grunthor fuhr mit dem Finger in seinen Kragen. »In Ordnung, Fräuleinchen. Aber jetzt muss ich wirklich los.« Ungeschickt tätschelte er ihren Kopf mit seiner Riesenpranke und zog sie dann noch einmal an sich.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Grunthor? Du siehst müde und verhärmt aus.«
»Ich schlafe nicht besonders gut«, antwortete der Riese. »Albträume, irgendwas kommt aus der Dunkelheit. Aber ich kann noch kein Gesicht erkennen. Jetzt kapiere ich allmählich, was du die ganze Zeit durchgemacht hast, Gnädigste.« Er seufzte tief und drückte sie noch einmal.
»Pass auf dich auf, ja? Und lass deinen nebligen Freund wissen: Wenn er sich nicht anständig benimmt, kriegt er’s mit mir zu tun.«
Rhapsody lächelte, an Grunthors Rüstung gepresst. »Ich werde es ihm ausrichten«, versprach sie, machte sich dann los und küsste den Riesen auf die Wange. »Sag auch den anderen liebe Grüße, vor allem meinen Enkelkindern.«
Grunthor drückte noch einmal ihre Schultern, dann wandte er sich um und verließ die windige Wiese, die jetzt in den hellen Farben wilder Stiefmütterchen leuchtete, die Rhapsody dort zum Ende des Winters gepflanzt hatte. Obgleich sie als Blumen des Mitleids galten, die oft Trauernden geschenkt oder auf Gräbern und Schlachtfeldern gepflanzt wurden, konnten sie die Herzen der beiden, die eben noch inmitten ihrer blühenden Pracht gestanden hatten, leider nur wenig erleichtern.
In der Mittsommernacht zeigte sich die Macht des Rings, den der Patriarch Rhapsody überantwortet hatte. Sowohl in Rhapsodys als auch in Ashes Tradition war diese Nacht von großer Bedeutung, und deshalb freuten sie sich, sie gemeinsam zu begehen. Sie hatten auf der Heide ein Lager aufgeschlagen, wo Ashe darauf wartete, die Riten seiner väterlichen Religion abzuhalten, während Rhapsody den Zeremonien huldigte, die den Lirin heilig waren. Danach lagen sie auf einem Fleckchen, das von Waldmeister überwuchert war, und beobachteten den Nachthimmel, wortlos, ihr Kopf auf seiner Schulter.
Ein Sternschnuppenregen zog über sie hinweg, und einen Augenblick später spürte Rhapsody, wie die Muskeln von Ashes Brustkorb unter ihr erstarrten. Rasch setzte sie sich auf und sah ihn an.
»Was ist los?«
Er starrte auf seine Hand, einen sonderbaren Ausdruck im Gesicht. »Faszinierend«, murmelte er nur.
»Was?«
»Nun, ich habe gerade an einen Gwadd-Chemiker gedacht, einen Apotheker namens Quigley aus der Ersten Generation, der in dem Ruf stand, das Geheimnis jedes medizinischen Tonikums und Tranks zu kennen, die je gemischt wurden. Hauptsächlich war es wohl deshalb so, weil er die meisten von ihnen selbst erfunden hatte. Ich kenne seine Vergangenheit und auch die Geschichte seiner Reise mit der Ersten Flotte Gwadd sind im Allgemeinen keine Seeleute, und die Fahrt war schrecklich unangenehm für ihn. Trotzdem entwickelte er unterwegs aus getrocknetem Seetang eine Kräutermedizin gegen Seekrankheit. Ich dachte, es wäre doch sicher faszinierend für dich, die Bekanntschaft dieses Mannes zu machen.«
Rhapsody nickte. »Dann ist mir eingefallen, dass ich keine Ahnung habe, woher ich das alles weiß.«
»Wie merkwürdig.«
»Ja, aber nicht so merkwürdig wie meine Gedanken über die Bergmesser. Sie sind eine Gruppe stämmiger, kräftiger Männer, Nain vermutlich, die mit ihren Messern so kunstfertig umgehen, dass sie ein ganzes Heer von Soldaten praktisch ausweiden können, ehe diese es richtig bemerken. Eine Legion ihrer Opfer ist noch eine Meile weitermarschiert, ehe sie buchstäblich auseinander fiel. Sie sind ein dickköpfiges, fröhliches Volk, und wenn sie einen Sieg errungen haben, dann feiern sie mit einem Kriegstanz und ohrenbetäubendem Geschrei, selbst wenn die Gefahr noch lange nicht vorüber ist. Sie stammen ebenfalls aus der Ersten Generation, und auch dies wusste ich bis eben noch nicht.«
»Und du glaubst, es hat etwas mit dem Ring zu tun?« Ihre Frage beantwortete sich einen Augenblick später von selbst, als der weiße Stein in der Mitte des Rings zu glühen anfing. Ein Lächeln breitete sich auf Ashes Gesicht aus.
»Ich weiß es, Rhapsody, es ist wie ein Wunder. Plötzlich kenne ich alle, die aus der Ersten Generation noch leben, ihren Aufenthaltsort, ihren Charakter, sogar das Maß an Loyalität, das sie der cymrischen Sache entgegenbringen. Ein paar wundervolle Menschen sind noch am Leben Sänger, Heiler, Adlige und Bauern, Priester und Piraten, und ich kenne sie alle. Ich frage mich, ob der Patriarch ebenfalls über dieses Wissen verfügte.«
»Das bezweifle ich«, meinte Rhapsody. »Er sagte zu mir, es sei ein Ring der Weisheit und gebe ihm das Wissen, aufgrund dessen er auch die Pflichten seines Amtes ausüben könne. Ich stelle mir vor, dass der Ring dir diese Dinge mitteilt, weil das Amt, das du innehaben wirst, das des cymrischen Königs sein wird, und nun liefert der Ring dir Informationen, die du in dieser Funktion brauchen wirst. Offensichtlich hält er dich für den besten Kandidaten.«
»Welch eine Enttäuschung.«
»Hör auf damit, du beleidigst meinen Lehnsherrn.« Sie beugte sich zu Ashe hinunter und küsste ihn. Dann fiel ihr etwas ein. »Was ist mit der Regentschaft? Gibt dir der Ring irgendwelche Hinweise darauf, wer ein guter Berater ist oder wer einen guten Vizekönig abgeben würde?«
Er nickte.
»Es ist, als könnte ich mir allein schon auf dieser Grundlage in Urteil bilden über ihren Wert, nicht als Menschen, sondern als Führungspersönlichkeiten.« Rhapsody zog die Knie an die Brust und wurde auf einmal ganz still. Ashe merkte es fragte: »Was hast du, Aria? Was ist los?«
»Nichts«, antwortete sie, den Blick zu Boden gesenkt. »Was ist mit den Kandidatinnen für das Amt der cymrischen Königin? Gibt es irgendeine Frau aus der Ersten Generation, die dafür in Frage kommt?«
Ashe blickte sie ernst an. »Nun, es gibt sogar mehrere.«
Mit einem kleinen Lächeln blickte Rhapsody zu ihm auf. »Das ist gut. Dann hast du eine Auswahl und findest bestimmt eine, mit der du glücklich wirst.«
»Nein, eine Auswahl gibt es eigentlich nicht«, entgegnete Ashe. »Eigentlich kommt nur eine Einzige in Betracht, eine Frau von einem Adelsstand, der unter den Cymrern unanfechtbar ist. Sie verfügt auch über Weisheit und hat Großes geleistet; sowohl die Cymrer als auch ich selbst wären glücklich, sie zur Herrscherin zu haben.«
»Nun, das klingt ja viel versprechend«, meinte Rhapsody, noch immer lächelnd. »Ich freue mich, dass du mit der Wahl deiner Frau glücklich werden wirst.«
»Zuerst einmal muss die cymrische Herrscherin nicht unbedingt meine Frau sein. Und obgleich es bestimmt sinnvoll wäre, wenn ich ihr einen Antrag machte, bedeutet das noch lange nicht, dass sie mich haben will. Vielleicht zögert sie genau genommen bin ich mir sogar sicher, dass sie zögern wird. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie den Titel längst für sich allein beanspruchen können, denn sie verfügt bereits seit einiger Zeit über die dazu notwendige Macht.«
Rhapsody küsste ihn abermals. »Ich zweifle nicht daran, dass sie dich nehmen wird, Ashe. Du hast gesagt, sie ist weise. Eine Frau, die dich ablehnen würde, wäre töricht.«
»Hoffentlich hast du Recht.« Er spürte, wie sie neben ihm kühler wurde, als würde ihr inneres Feuer ein wenig herunterbrennen, und zog sie wieder in seine Arme. »Alles in Ordnung mit dir?«
»Mir geht es gut«, antwortete sie kurz angebunden. »Aber mir ist kalt, wer hätte das gedacht, heute in der Mittsommernacht. Wollen wir vielleicht reingehen?«