Выбрать главу

»Das tut mir sehr Leid, Jo«, sagte Rhapsody und starrte Grunthor finster an. »Kein Wunder, dass du verwirrt bist.«

Sie sah zu Ashe hinüber, und ihr Blick sprach Bände. Endlos hatten sie an diesem Brief gefeilt, hatten versucht, ihre neue Beziehung auf eine Art zu erklären, die für Jo akzeptabel war, in einer Sprache, die einfach zu lesen war und ihre Gefühle nicht verletzte. Die dazwischen liegenden Wochen waren sorgsam bedacht gewesen, um dem Mädchen Zeit zu geben, sich an die veränderte Situation zu gewöhnen. Nun waren offenbar all ihre guten Absichten umsonst gewesen.

Jo nahm den Brief und begann ihn zu lesen. Einen Moment später runzelte sie die Stirn, und Rhapsody hatte das Gefühl, sich einmischen zu müssen.

»Komm, Jo, gib mir den Brief. Jetzt, da ich selbst hier bin, ist er ja unnötig, wir können uns einfach unterhalten. Meine Herren, wir sind ...«

Doch Jo hielt abwehrend die Hand in die Höhe, und Rhapsody schwieg. Jos sonst so bleiches Gesicht wurde rot, und sie blickte sich nervös im Zimmer um. Für die Umstehenden waren die widerstreitenden Gefühle nur allzu deutlich zu erkennen: Langsam verdaute sie den ersten Schlag, dann dämmerte ihr die volle Bedeutung der Worte, und schließlich kam mit der Erkenntnis, dass ihre Freunde die ganze Zeit Bescheid gewusst und sich über ihre Reaktion Sorgen gemacht hatten, die zweite Demütigung, die schlimmer zu sein schien als die erste. Rhapsody sah, wie sehr ihre Schwester litt, und versuchte noch einmal, den Arm um sie zu legen, doch Jo stieß sie heftig zurück und rannte schluchzend aus dem Beratungszimmer. Die vier Zurückgebliebenen starrten einander in hilflosem Schweigen an. Dann sagte Rhapsody betroffen: »Ich muss nach ihr sehen.«

»Nein, lass mich das machen«, widersprach Ashe sanft. »Es ist meine Schuld, dass ich nicht früher mit ihr darüber gesprochen habe; außerdem werdet ihr drei euer Treffen ohne mich wahrscheinlich sowieso mehr genießen.«

»Du bist ein kluger Mann«, stellte Achmed fest.

Ashe küsste Rhapsodys Hand, und sie berührte kurz seine Schulter. »Aber bedräng sie nicht zu sehr«, meinte sie und blickte hinauf in seine Kapuze. »Vielleicht möchte sie lieber allein sein. Und setze bitte nicht deine Drachensinne oder sonst etwas ein, das Achmed stört. Er reagiert sehr empfindlich auf derartige Dinge.«

»Wie du wünschst«, antwortete er und verschwand.

Grunthor warf einen einzigen Blick auf Rhapsodys finsteres Gesicht, als sie sich von der Tür abwandte. »Es ist wahrscheinlich am besten, wenn du für uns beide sprichst, Herr«, meinte er nervös zu Achmed. »Ich bin so ungefähr mit allem einverstanden, was sie möchte, nur damit sie endlich ein anderes Gesicht aufsetzt.«

42

Gras und Heidekraut beugten sich unterwürfig vor dem Wind, der über die Steppe fegte und in den Schluchten der Zahnfelsen ächzte. Er drückte das Gebüsch zu Boden, das an der kargen Klippe wuchs und verzweifelt versuchte, das zerklüftete Land mit Leben zu erfüllen. Die Sonne des Spätnachmittags färbte die Felsspitzen von Ylorc blutrot und warf die Schatten der Berge über Täler und Moränen.

Doch Jo hatte keine Augen für den verängstigten Tanz der Natur, sie war immun gegen das Rütteln des Windes, während sie sich stolpernd und kriechend einen Weg zur Ebene auf der Spitze der Welt bahnte. Als sie den höchsten Punkt der Klamm erreichte, hielt sie inne, um Luft zu holen, und ließ ihr schweißnasses Gesicht einen Augenblick auf ihren abgeschürften Händen ruhen, mit denen sie sich an die rauen Felsen klammerte. Dann hievte sie sich über den Rand und stolperte vorwärts, bis sie an die erste Stelle gelangte, an der sich der morastige Boden einigermaßen fest anfühlte. Keuchend stemmte sie die Hände in die Hüften und drehte sich im Kreis, schaute über das öde Land hinter ihr und den Rand des Moors, das ins tiefere, versteckte Reich der Firbolg führte.

Allmählich wurde es dunkel; am östlichen Horizont sah sie einen Stern aufgehen und hinter einem Wolkenschleier wieder verschwinden, den der Wind über den schwärzer werdenden Himmel trieb. Mit der hereinbrechenden Nacht wurde der Wind eisig, seltsam für einen Spätsommertag, aber in den Zahnfelsen nicht ungewöhnlich. Die Berge ragten über und unter ihr auf und umschlossen ihre Welt mit einer trostlosen Umarmung. Jo wandte sich der untergehenden Sonne zu und wünschte sich, sie würde sich beeilen. In der Dunkelheit würde nur der Himmel und das flache Land sichtbar sein;

Felsspitzen und Risse würden verschwinden wie ein vergessener Albtraum. Wenn sie hier lange genug verharrte, konnte sie vielleicht mit ihnen verschwinden. »Warum bist du denn hier draußen?« Jo wirbelte herum und sah im Zwielicht eine verhüllte Gestalt auf sich zukommen. Der Wind spielte mit Mantel und Kapuze und gab für kurze Zeit den Blick auf das vertraute kupferrote Haar und die meerblauen Augen frei, in denen unverkennbar Mitleid und Sorge zu lesen waren.

Ein kehliger Laut enttäuschter Wut drang aus Jos Kehle. »Bei allen Göttern, nicht ausgerechnet du! Verdammt! Verschwinde, Ashe! Lass mich in Ruhe!«

Er musste rennen, um sie einzuholen, aber er packte sie am Arm, als sie blindlings in Richtung Klippe fliehen wollte. »Warte! Bitte warte. Wenn ich dich durcheinander gebracht habe, tut mir das sehr Leid. Bitte lauf nicht weg. Sprich mit mir. Bitte.«

Jo riss sich los und starrte ihn wütend an. »Kannst du mich denn nicht einfach in Ruhe lassen? Ich möchte nicht mit dir sprechen. Geh weg!«

Selbst unter der Kapuze konnte sie den verletzten Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen. Er trat einen Schritt zurück und ließ die Arme sinken, eine Haltung, die sie unmöglich als Bedrohung auslegen konnte. »In Ordnung. Tut mir Leid. Ich gehe, wenn du es willst. Aber um Himmels willen, renn nicht wieder zum Abgrund. Ich wollte dir helfen und nicht auch noch daran schuld sein, dass du dich in den Tod stürzt.«

In finsterem Schweigen wartete Jo, dass er endlich ging, aber er blieb stehen und beobachtete sie.

»Nun, was ist? Verzieh dich.«

Der Sturm heulte über die Heide. Jo musste sich anstrengen, um aufrecht stehen zu bleiben. Ashes Antwort ging fast im Wind unter.

»Es tut mir Leid. Ich kann dich nicht allein hier draußen lassen. Das ist zu gefährlich.«

Wieder starrte sie ihn wütend an. »Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern.«

»Das weiß ich. Aber du brauchst es nicht. Freunde passen aufeinander auf, oder nicht? Wir sind doch immer noch Freunde, oder nicht?«

Jo wandte sich wieder der untergehenden Sonne zu. Sie kletterte gerade über den äußersten Rand der Zahnfelsen und warf ihre letzten Strahlen mit einem kurzen Aufleuchten über das Land, ehe sie unterging. Jo kam es vor wie das Ende der Welt.

»Wenn du mein Freund wärst, Ashe, dann würdest du mich jetzt in Ruhe lassen und nicht versuchen, mich an einen Ort zurückzuholen, an dem ich nicht sein will.«

Er ging um sie herum, bis er ihr direkt gegenüberstand. »Ich würde dich niemals zu etwas zwingen, und ich habe auch nicht gesagt, dass du irgendwo hingehen sollst.« Er sah, wie ihr Ärger ein paar Grade abkühlte, während sie ihn fragend anblickte. »Ich möchte nur nicht, dass du allein bist. Ich bleibe hier bei dir. Solange du mich brauchst. Wenn nötig, die ganze Nacht.«

Jo fühlte ihren Zorn abflauen, und die alte Sehnsucht kehrte zurück. Sie bemühte sich, sie zu verdrängen, aber sie konnte nicht verhindern, dass sich ihre Gefühle auf ihrem Gesicht widerspiegelten. »Was ist mit Rhapsody?«

»Was soll mit ihr sein?«

»Nun, wird sie sich nicht wundern, wo du bleibst?«

»Warum sollte sie?«

»Oh, ich weiß nicht, das ist bei Liebespaaren doch sonst immer so. Sie wollen ständig zusammen sein.«

Unter der Kapuze konnte sie ihn lächeln sehen. »Mach dir keine Sorgen wegen Rhapsody. Sie kommt schon zurecht. Außerdem würde sie wollen, dass ich hier bei dir bin.«

Rhapsody ging zu dem großen Tisch zurück, an dem ihre Kameraden saßen, und nahm sich einen Stuhl.

»Ich dachte, wir hätten vereinbart, dass du deine Haustiere daheim lässt, wenn du uns besuchst«, sagte Achmed, der noch immer nicht von seiner Lektüre aufgeblickt hatte. Rhapsody ignorierte den Seitenhieb. »Weißt du denn schon, warum ich hier bin? Können wir die Förmlichkeiten lassen und direkt zur Antwort übergehen?«