Выбрать главу

Die ersten Stalagmiten, an denen sie vorübergeschwebt waren, waren höchstens schulterhoch. In der Tiefe aber waren sie gewaltiger; manche ragten höher auf als Rhapsodys Hütte. Wenn das Licht der Tagessternfanfare diese Formationen berührte, wurden sie von einem magischen Zauber umwoben und zeigten eine sanfte, glitzernde Schönheit, die von der Dunkelheit rund um den Lichtstrahl noch gesteigert wurde. Als das Schwert über ihnen schwebte, leuchteten sie auf, dann glitten sie zurück in die Tintenschwärze der Tiefe. Ashe hatte Recht behalten; mit Kirsdarke in der Hand konnte Rhapsody im Wasser mühelos atmen. Sie folgte ihm noch tiefer hinab. In diesem Teil des Sees wirkten die Formationen wie Spitzen und nicht so robust wie am Rand des Feldes. Die vielfarbigen Felsen wurden dünn und zierlich, mit zerbrechlich wirkenden Auswüchsen, die wie gespenstische Arme in die Dunkelheit ragten. An manchen Stellen bogen sich die zarten Strukturen unter der Last des Wassers und ähnelten Kuppeln und Bögen, und so erinnerte das Stalagmiten-Feld an eine Stadt aus Zuckerguss und Zuckerwatte, ein prachtvolles Reich für die dunklen Fische, die zwischen den Felsen umherschwammen und blitzschnell davonsausten, wenn das Licht sie streifte.

Als sie eine große Fläche mit grünen und azurblauen Felsadern durchschwammen, fiel Rhapsody ein silbernes Glitzern ins Auge. Sie gab Ashe ein Zeichen, der nickte und sogleich hinabtauchte, um es vom Grund des Sees zu bergen. Sie folgte ihm hinein in eine riesige Unterwasserbasilika, erschaffen aus Wassertropfen und Zeit, und blickte sich voller Staunen um Die oberen Bereiche ragten weit in den See hinauf und entsprachen in ihren Ausmaßen einer echten Basilika. Rhapsody stockte der Atem; ergriffen betrachtete sie das verborgene Reich, ein Unterwasserland so tief unter der Oberfläche des Sees. Dass eine solch überwältigende Schönheit unbemerkt und unerkannt existierte, erschien ihr wahrhaft beklagenswert. Ihre Grübelei wurde unterbrochen, als ein starker Arm sich um sie legte. Sie wandte sich um und sah Ashe über sich schweben, das wallende Haar im Lichtkreis schimmernd. Er blickte hinauf in die Formationen über ihnen und nickte, als sie lächelte. Dann beugte er sich zu ihr und küsste sie, wobei er das Schwert so weit wie möglich von sich weg hielt. Schließlich deutete er zur Oberfläche hinauf. Zögernd nickte Rhapsody und schwamm hinter ihm her, langsam zur Luft hinauf, der Strömung des Wassers folgend, das nun flacher wurde. Sie waren nicht einmal in die Nähe der tiefsten Stelle des Sees gekommen, und Rhapsody konnte sich nur ausmalen, welche Schätze sich dort in der ewigen Nacht verstecken mochten.

Als sie ihre Kleider am Ufer aufsammelten, sah Rhapsody Ashe an und lächelte. »Was hast du dort unten gefunden?«, fragte sie und deutete auf den metallischen Gegenstand in seiner Hand. Er hielt ihn ihr entgegen, damit sie ihn betrachten konnte. Rhapsody schnappte nach Luft und fing dann an zu lachen. Es war der Pflanzenheber, mit dem sie in der Wiese gegraben hatte, als sie und Achmed Elysian entdeckt hatten fast unkenntlich geworden unter einer Schicht perlmutten glänzender Felsablagerungen. »Hast du dies schon einmal gesehen?«

»Ja«, antwortete Rhapsody, während sie den Sand aus ihren Sachen schüttelte. »Es ist der Grund dafür, warum wir diesen Ort überhaupt entdeckt haben. Ich habe die wilden Stiefmütterchen in der Wiese über uns gepflanzt, um die Traurigkeit zu vertreiben, die dort in der Luft hing, und da war mein Pflanzenheber auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Ich hätte fast schwören können, ein Glucksen gehört zu haben. Er muss durch eine der Öffnungen gerutscht sein, durch die das Licht hereinfällt.«

»Das ist was fürs Museum«, bemerkte Ashe. Er sah Rhapsody an, die sich gerade in eins der Handtücher hüllte, die sie am Seeufer zurückgelassen hatten. Ihre nassen Haare glänzten im Dämmerlicht, sodass sie aussah wie eine Seenymphe. Sie lächelte, und er nahm sie in die Arme.

»Soll ich dir noch etwas aus den Landkarten vorlesen, die wir angeschaut haben?«

Rhapsody seufzte. »Nein, ich denke, wir machen uns lieber ans Abendessen. Ich hatte gehofft, heute noch einmal in den Kessel gehen und den Abend mit Jo verbringen zu können. In letzter Zeit kommt sie mir so traurig vor, und ich habe sie schon seit langem nicht allein gesehen. Wäre das in Ordnung für dich?«

Nein. Bleib. Du gehörst mir, flüsterte der Drache. Mein Schatz. Ich teile dich mit niemandem.

»Ja, das ist in Ordnung«, sagte er und verbannte die dringliche innere Stimme. »Ich begleite dich. Willst du dort auch übernachten?«

»Ich möchte es gern darauf ankommen lassen«, antwortete Rhapsody, während sie sich die Haare trocken rieb. »Wenn alles gut geht, bleibe ich. Vielleicht können Jo und ich wieder dort anfangen, wo wir aufgehört haben, bevor ...«

»Bevor ich auf der Bildfläche erschien und alles verpatzt habe.«

Wütend starrte sie ihn an. »Lass mich gefälligst ausreden, wenn du nicht weißt, was ich sagen will. Das traf es nämlich nicht. Bevor die Dinge sich verändert haben. Jo ist ein großes Mädchen. Ich habe ihr erzählt, was du mir unterwegs über den Altersunterschied zwischen euch und eure unterschiedliche Lebenserwartung gesagt hast, bevor ich dich hierher gerufen habe. Das schien ihr einzuleuchten. Wenn überhaupt jemand etwas verpatzt hat, dann war ich es mit meinem Egoismus, dass ich ihr nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe. Mir ist es so schwer gefallen, Elysian und dich zu verlassen und in den Kessel zurückzukehren.«

Unwillkürlich schauderte sie.

»Ich finde nicht, dass es immer ein Zeichen von Egoismus ist, glücklich zu sein, Rhapsody. Du hast in deinem Leben viele schreckliche Zeiten durchgestanden. Vielleicht ist es endlich an der Zeit, dass die Dinge besser für dich werden.«

Sie grinste und reckte sich, um ihn zu küssen. »Komisch, ich glaube, vor ein paar Tagen habe ich dir denselben Vortrag gehalten.«

»Nun, ich bin mir nicht zu schade, anderer Leute Worte nachzuplappern, wenn ich damit mein Ziel erreiche.« Wieder küsste er sie und versuchte, die Sehnsucht in seinen Augen zu verbergen, während sie sich umdrehte und zum Haus zurückeilte. »Ich komme gleich nach!«, rief er.

Rhapsody wandte sich noch einmal um und lächelte ihm zu. »Ich warte oben auf dich. Es ist Sommer, da kann man das Abendessen ruhig mal ein bisschen hinauszögern.« Verspielt schwenkte sie ihr Handtuch, ging ins Haus und ließ hinter sich die Tür für ihn offen. Ashe seufzte und spürte die Wärme in sich aufsteigen, die er immer fühlte, wenn Rhapsody lächelte. Dann holte er tief Atem, versuchte, sich an die Schmerzen zu erinnern, die er so lange Jahre ertragen hatte, und merkte, dass er es nicht konnte. Sie hatte die Qual vertrieben und seine Seele mit einer süßen Fröhlichkeit erfüllt, die beinahe greifbar war. Wenn es doch nur so bleiben könnte.

Am Rande seiner Wahrnehmung bemerkte der Drache etwas Silbernes, das im dunstigen Nachmittagslicht schimmerte. Ashe ging zum Wasser und blickte hinunter. Dort am Strand zwischen Fels und Sand lag der kleine silberne Gegenstand, den er an jenem Morgen in den See geschleudert hatte, als er sich endgültig von Emily verabschiedet hatte. Er bückte sich, um ihn aufzuheben.

Er glänzte noch immer, unbeschädigt, funkelnd in seiner Hand. Zum ersten Mal traten Ashe bei seinem Anblick nicht die Tränen in die Augen, und er fühlte keinen Schmerz im Herzen. Jetzt war Emily eine glückliche Erinnerung, etwas, was er hinter sich gelassen hatte. Er konnte sie in seinem Herzen bewahren, wohl behütet in seiner Erinnerung. Er war glücklich und wusste, dass sie es so gewollt hätte.

44

Rhapsody schlich durch die kalte graue B und sah sich verstohlen um, ob per Zufall doch irgendein Bolg im Allerheiligsten umherwanderte. Schon seit geraumer Zeit hatte sie keine Nacht mehr im Kessel verbracht, und sie war unsicher, wann der Wachwechsel stattfand, der früher oft von den Bolg-Wachen als Ausrede benutzt worden war, um einen schnellen Blick in Achmeds Privatquartier zu werfen.