Rhapsody blinzelte, um die Tränen zu vertreiben, die ihr unwillkürlich in die Augen stiegen. Dann legte sie behutsam die Hand auf Jos Bauch, um festzustellen, ob sie die Gegenwart einer anderen Seele fühlte. Tatsächlich bemerkte sie eine sonderbare Schwingung, aber es war etwas falsch daran, falsch und fremd. Als sie versuchte, weiter nachzuforschen, schob Jo ihre Hand weg.
»Nein, Rhapsody, ich bin nicht schwanger. Lass mich in Ruhe.«
So sanft sie konnte, fragte Rhapsody nach: »Bist du sicher, Jo?«
»Ja. Und jetzt hör auf damit.« Jo erhob sich und ging durchs Zimmer, den Becher Met in der Hand.
»Es tut mir Leid, Jo«, sagte Rhapsody. »Du weißt, ich würde alles tun, was ich kann, damit es dir besser geht. Ich habe eine Menge Kräuter und Wurzeln, die deinen Magen beruhigen und die Schmerzen in deinem Körper lindern können. Komm mit mir nach Elysian, dann kannst du ein schönes linderndes Bad nehmen.«
»Schon gut«, entgegnete Jo und nahm einen großen Schluck von der goldgelben Flüssigkeit.
»Wahrscheinlich liegt es nur daran, dass mein erstes Mal ein bisschen, na ja, ein bisschen grob war, ein bisschen heftig. In ein, zwei Wochen ist bestimmt alles wieder gut.«
Doch ihre Worte ließen Rhapsodys Seele frösteln, sie spürte, wie Ärger in ihr aufstieg und ihr die Kehle zuschnürte. Sie versuchte, ruhig und besonnen zu sprechen. »Jo, es tut mir Leid«, wiederholte sie. »Bin ich so lange weg gewesen? Ich wollte, ich hätte für dich da sein können, du weißt schon, um mit dir zu reden. Ich meine, mir war nicht klar, dass du einen Freund hast.«
Jetzt wandte Jo sich um und sah sie zum ersten Mal aus sich heraus an. Ihr Blick war fest und entschlossen.
»Ich habe keinen Freund. Genau genommen ist es dein Freund.«
Verständnislos starrte Rhapsody sie an. Jos Worte überschlugen sich fast, als sie hastig weitersprach. »Es war Ashe, Rhapsody. Es tut mir ehrlich Leid, aber es war auch nur ein einziges Mal.«
»Jo, was redest du da?«
»Es war Ashe«, wiederholte Jo, und ihr Gesicht wurde hart. »Ich habe mit Ashe gevögelt. In der Nacht, als ihr euch im Beratungszimmer getroffen habt, als ich weggelaufen bin, ist er mir nachgegangen und hat mich draußen auf der Heide gefunden. Er hat dir nichts davon gesagt, oder?«
Rhapsody schwieg, aber alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.
»Dacht ich mir’s doch«, fuhr Jo fort, als sie sah, wie Rhapsody erbleichte und die Augen abwandte. »Wahrscheinlich hat er dir gesagt, er hat mich nicht gefunden, ja? Alles Unsinn. Ich hab versucht, ihn wegzuschicken, aber er wollte einfach nicht. Und dann, na ja, dann haben wir’s getan. Irgendwie hab ich es teilweise schon genossen, aber insgesamt war es grausig. Ich werd seinen Gesichtsausdruck nie vergessen. Er hat mich regelrecht um den Verstand gevögelt. Ehrlich, Rhapsody, ich weiß nicht, was du an ihm findest. Hast du denn nichts Besseres zu tun, als dich von ihm bespringen zu lassen?«
Ihre Worte hatten die beabsichtigte Wirkung; als Rhapsody aufblickte, war ihr Gesicht von Tränen überströmt. Sie stand auf und zog wie in Trance die Bettdecke wieder glatt.
»Warum schläfst du nicht ein bisschen«, meinte sie, ohne Jo anzuschauen. »Ich mische ein paar Heiltrünke für dich zusammen und bringe sie dir morgen früh vorbei.« Jo sah zu, wie sie ihr Haarband und die Lerchenflöte einsammelte, das Zimmer verließ und leise die Tür hinter sich zuzog.
Ashe setzte sich im Bett auf, als sich die Tür zu Rhapsodys Zimmer lautlos öffnete. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass sie bei Jo übernachten würde, und seine Freude über ihre Rückkehr war ihm sogleich anzusehen. Er schlug die Kapuze ein wenig zurück und streckte ihr die Arme entgegen, aber sie wandte sich schweigend von ihm ab und ging zur Garderobe, wo sie bedächtig ihren Mantel aufhängte.
»Rhapsody?«, sagte er, schwang die Beine aus dem Bett und setzte die Füße auf den eisig kalten Steinboden. »Alles in Ordnung?«
Sie wandte sich zu ihm um, und er sah mit Schrecken, dass ihr die Tränen übers Gesicht liefen.
»Aria, was ist los mit dir?« Schon wollte er aufstehen, aber Rhapsody hielt die Hände vor sich, als wollte sie ihn von weghalten.
»Bitte bleib, wo du bist.« Nun verschränkte sie die vor der Brust. Sie sah aus, als wäre ihr übel.
»Was ist denn passiert? Hast du dich mit Jo gestritten?«
Rhapsody machte ein paar Schritte auf ihn zu, noch immer die Arme um sich geschlungen.
»Sie sie hat gesagt, du hättest in der Nacht, als wir uns im Beratungszimmer trafen, Sex mit ihr gehabt. Draußen auf der Heide, oberhalb der Schlucht.«
Ashes Gesicht wurde ausdruckslos, dann überwältigten ihn der Schock und die Wut wie eine Springflut. Rhapsody spürte, wie sich die Spannung in der Luft veränderte, als der Drache in ihm sich zu regen begann. Rasch trat sie zu ihm und legte ihm die Fingerspitzen auf den Mund, ehe er aufbegehren konnte.
»Sag jetzt nichts, bitte. Ich weiß, dass es nicht wahr ist.« Ihre Tränen strömten wie Regen, und sie begann zu zittern.
Da ihm nichts zu sagen blieb, legte Ashe die Arme um sie und zog sie auf seinen Schoß. Fest drückte er sie an seine Brust und streichelte ihre glänzenden Haare, hin und her gerissen zwischen unglaublicher Wut über diese Lüge und der Freude darüber, dass sie ihm so vorbehaltlos vertraute. »Warum tut sie so etwas?«, fragte er. »Warum verletzt sie uns auf diese Weise vor allem dich? Meinst du, es ist ihre Rache dafür, dass wir es ihr nicht früher gesagt haben?«
Da hob Rhapsody den Kopf und sah ihm offen ins Gesicht. Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, erblickte er Angst in ihnen.
»Nein«, antwortete sie zitternd. »Ich glaube, sie ist dem Rakshas begegnet.«
45
Langsam stand Ashe auf, wie benommen. Mit einer heftigen Bewegung zog er die Kapuze in die Stirn, ging dann auf die andere Seite des Zimmers und begann, seine Habseligkeiten zusammenzuraffen. Bekümmert sah Rhapsody ihm zu; trotz des Nebelumhangs spürte sie, dass die Muskeln in seinem Körper gespannt waren wie Sprungfedern, und sie wusste, dass er sich verzweifelt davon abhielt, loszurennen, Jo aus dem Bett zu zerren und sie zur Rede zu stellen. Wenigstens hatte er noch genug Verstand, um zu wissen, dass sie, wenn er seine Gegenwart offenbarte, mit einem Angriff des Dämons rechnen mussten, auf den sie nicht vorbereitet waren.
»Wir müssen uns auf die Jagd nach ihm machen, wir dürfen es nicht länger hinauszögern«, sagte Rhapsody. »Eigentlich hatten wir vor, bis zum ersten Tag des Winters zu warten, aber das ist eindeutig zu spät.« Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber als er sprach, war seine Stimme ruhig, und seine Worte klangen pragmatisch.
»Ist dir klar, dass sie jetzt womöglich unter seinem Bann steht, Rhapsody? Dass sie in der Gewalt des F’dor sein könnte?«
Rhapsody erwiderte nichts.
Sanft umfasste Ashe ihr Kinn, aber sie spürte, dass er vor Wut zitterte.
»Das weißt du, Aria, nicht wahr? Du darfst ihr jetzt nicht mehr vertrauen, in keiner Hinsicht. Vielleicht war der Kontakt kurz und hat sie nur für eine gewisse Zeit in seinen Bann geschlagen wie bei den Soldaten, die ihre eigenen Dörfer angreifen und sich später nicht mehr daran erinnern. Aber der Einfluss kann auch tiefer reichen und stärker sein; womöglich wird sie als Spionin benutzt.«
»Ich weiß.«
Vorsichtig hob Ashe ihr Gesicht an, sodass ihre Augen direkt in seine unter der großen Kapuze des Nebelumhangs blickten.
»Möglicherweise ist sie an ihn gebunden, Rhapsody. Er könnte Zugang zu ihrer Seele haben. Vielleicht gehört sie jetzt ihm.« Sie biss die Zähne zusammen, aber sie hatte aufgehört zu weinen. »Zwar ist es nicht sehr wahrscheinlich der F’dor braucht einen Blutvertrag, freiwillig oder unter Zwang, um eine unsterbliche Seele gänzlich zu verstricken. Hat sie erwähnt, ob er etwas von ihrem Blut genommen hat?«