Rhapsodys Gesicht wurde weiß; Ashe streichelte sie sanft.
»Nein, ich glaube nicht«, antwortete sie nach kurzem Nachdenken. »Sie hat gesagt, dass er sehr heftig war, aber nichts davon, dass er sie verletzt hat.«
»War sie noch Jungfrau?«
Rhapsody erstarrte. »Ja.«
Ashe ließ ihr Gesicht los und schnallte sich Kirsdarke um. »Ich glaube, du solltest dich auf das Schlimmste gefasst machen, Aria. Wenn sie an ihn gebunden ist...«
»Falls sie an ihn gebunden ist, dann werde ich mich ebenso um ihre Befreiung kümmern wie um deine, wenn ich den Rakshas töte«, entgegnete sie schroff. »Wir brechen morgen noch vor Tagesbeginn auf, sie wird nichts davon mitbekommen. Ich werde den Wachen sagen, sie sollen sie im Auge behalten, bis wir wieder zurück sind. Was immer getan werden muss, um sie zu retten, werde ich tun. Sie ist meine Schwester, Ashe. Sie war an mich gebunden, lange bevor sie den Rakshas getroffen hat. Ich habe den ersten Anspruch auf ihre Seele, bei den Göttern, nicht der F’dor.«
Ashe ergriff ihren Arm. »Opfere dich nicht für sie. Das ist es nicht wert.«
Ärgerlich machte Rhapsody sich los. »Wie kannst du es Wagen? Wer bist du, mir zu sagen, was mein Opfer wert ist? Darf ich es etwa nur für dich bringen?« Erschrocken über die Schärfe ihrer Worte starrte Ashe sie an, und obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste sie, wie tief sie ihn getroffen hatte.
»Entschuldige«, flüsterte sie. »Bitte entschuldige.«
»Die Antwort auf deine Frage lautet nein«, entgegnete Ashe und bückte sich, um seine Stiefel zu schnüren. »Nichts ist es wert, dass du dieses Opfer bringst. Ich meinte damit nur, dass dein Tod sie nicht retten kann.«
»Ich werde nicht sterben«, erwiderte Rhapsody und starrte auf ihre Hände hinab. »Nicht, um dich zu retten, und auch nicht, um sie zu retten.«
Einen Augenblick herrschte Stille. Schließlich sagte Ashe: »Ich sollte sofort aufbrechen, ehe der F’dor merkt, dass ich hier bin.«
Benommen nickte Rhapsody. »Es wäre wohl das Beste.«
Auch Ashe nickte und wandte sich dann ab. Rhapsody beobachtete, wie er sich mit der Hand durch die ungekämmten Haare fuhr, und versuchte, sich gegen die Verzweiflung zu wehren, die sie überkam, wenn sie ihm so beim Packen zusah. Die ganze Zeit hatte sie gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde, dass er sie verlassen würde, aber irgendwie hatte sie gedacht, es werde zu einem späteren Zeitpunkt geschehen und nicht gar so abrupt. Sie hielt die Tränen zurück, während er seinen Tornister über die Schulter warf, zu ihr ans Bett kam und sich neben ihr niederkauerte.
»Wie lange wird die Jagd wohl dauern?«
»Ich weiß es nicht. Alles hängt davon ab, wie weit entfernt er ist. Sobald du hier verschwunden bist, werde ich zu Achmed gehen und ihm sagen, dass wir sofort zur Tat schreiten müssen. Wir brechen morgen auf.«
»Sorge dafür, dass Jo nichts davon erfährt.«
»Natürlich. Aber sie kennt unseren gegenwärtigen Plan; wenn sie also etwas an ihn verraten hat, dann werden wir es bald merken.«
Unter der Kapuze hörte sie das leise Schnauben, das Ashes sarkastischstes Lächeln zu begleiten pflegte. »Na, dafür müssen wir dann wohl dankbar sein.«
Rhapsody schlang die Arme um seinen Hals. »Bitte, bitte sei vorsichtig.«
Er zog sie an sich und hielt sie ganz fest, damit er sich in dunkleren Zeiten immer daran erinnern konnte. »Sei du vorsichtig, Aria. Du wirst dem Rakshas gegenübertreten. Bis zu diesem Augenblick war mir war nie richtig bewusst, wie sehr mir davor graut.«
Beschwichtigend klopfte sie ihm auf die Schulter. »Ich werde schon zurechtkommen. Wir alle. Das letzte Mal bin ich schon fast allein mit ihm fertig geworden. Wenn Grunthor und Achmed bei mir sind und wir auch noch die Überraschung auf unserer Seite haben, dann müssten wir die Sache schnell und gut zu Ende bringen können, ein für allemal.«
»Als du mit ihm kämpftest, standest du auf heiligem Grund, in der heiligsten Nacht des Jahres. Unterschätze den Rakshas nicht, Aria, nur die Götter wissen, auf welche dämonischen Kräfte er zurückgreifen kann.«
»Ich unterschätze ihn nicht, Ashe, aber du solltest es auch nicht tun. Wir wissen, was wir tun. Aber du musst mir versprechen, dass du in sicherer Entfernung bleibst. Wir werden das Ding töten, dann bekommst du das verlorene Stück deiner Seele zurück, und der F’dor hat keine Macht mehr über dich. Wahrscheinlich ist es keine gute Idee, dich zu rufen, wie ich es zuvor getan habe, deinen Namen wieder über den Wind zu schicken. Wie soll ich dich finden und dir Bescheid geben, wenn alles vorüber ist?«
Er trat einen Schritt zurück und nahm ihr Gesicht zärtlich zwischen seine Hände. In der Kapuze konnte sie seine blauen Augen leuchten sehen. »Das kannst du nicht. Wenn ich gefunden werden könnte, wäre ich längst tot. Ich werde in einem Monat hierher zurückkommen, bis dahin wirst du aller Wahrscheinlichkeit auch wieder da sein, nicht wahr?«
»Ja, das hoffe ich, bei den Göttern. Wohin wirst du gehen?«
»Ich weiß es nicht, vielleicht an die Küste. Aber mach dir um mich keine Sorgen, Rhapsody. Bring die Sache hinter dich und pass auf, dass dir nichts passiert. Kümmere dich im Notfall lieber nicht um das Seelenfragment wenn dir etwas zustößt, ist es ohnehin wertlos für mich.«
»Mir wird nichts zustoßen. Ich schaffe es.«
»Ich werde jeden Augenblick, bis ich dich wieder sehe darum beten, dass du Recht behältst.«
Seine Finger glitten durch ihr Haar, als er sich zu ihr herabbeugte und sie küsste. Noch immer spürte sie die Wut in ihm, und auch ihre Lippen zitterten, denn sie hatte Angst, dass sein Zorn ihn tollkühn machen könnte. Ihre Lippen pressten sich auf seine und füllten sie mit Wärme, als sie ihn wortlos zu besänftigen versuchte, aber es nützte nicht viel. So wutentbrannt hatte sie ihn noch nie erlebt.
Mit großer Anstrengung machte Ashe sich los, eilte zur Tür und ging ohne ein weiteres Wort hinaus. Einen Augenblick blieb Rhapsody wie betäubt sitzen, dann sprang sie auf die Füße, rannte zur Tür und spähte in die Halle, aber er war schon verschwunden. Er hatte nicht auf Wiedersehen gesagt. Sie hatte ihm nicht gesagt, wie sehr sie ihn liebte. Zum zweiten Mal in dieser Nacht schlich Rhapsody den Gang hinunter, immer noch auf der Hut vor den Bolg-Wachen. Da sie niemanden sah, stellte sie den Korb mit den Heiltrünken vor Jos Zimmer ab, öffnete leise die Tür und spähte hinein.
Das Mädchen, das sie wie eine Schwester liebte, schlief und schnarchte leise, zusammengerollt wie ein werdendes Kind im Mutterschoß oder ein Mädchen mit Bauchschmerzen. Traurig sah Rhapsody sie an; sie wusste, wie sehr sie gelitten hatte und wie sehr sie noch immer leiden musste.
Hass flammte in ihrem Herzen auf, und sie spürte, wie sich ihre Hände zu Klauen bogen, als sie sich unbewusst das selbstgefällige Grinsen des Rakshas vorstellte. Es würde all ihre Willenskraft erfordern, ihm nicht die Augen auszukratzen, wenn sie ihm gegenübertraten. Allerdings war sie noch nicht sicher, ob sie es sich auch verbieten würde, ihn zu kastrieren. Während sie sich seinen Tod ausmalte, erschien Ashes Gesicht vor ihrem inneren Auge, und sie erschrak; manchmal vergaß sie, dass ihre Gesichter identisch waren. Bei dem Gedanken, dass er so überstürzt aufgebrochen war, ohne ihr das Versprechen zu geben, sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben, wurde ihr eiskalt im Magen, und ihr Herz krampfte sich angstvoll zusammen. Vielleicht war er dem Rakshas jetzt schon auf den Fersen, um sie zu schützen. Einen Augenblick später war sie plötzlich sicher, dass genau das der Fall war. So schnell sie konnte, eilte sie in ihr Zimmer zurück, schlüpfte in ihre Stiefel, warf den Umhang über und rannte zu den Toren des Kessels.
In den Zahnfelsen herrschte pechschwarze Finsternis. Die Berge hielten die Nacht fest, als versuchten sie, sich vor den neugierigen Augen der Welt abzuschirmen, indem sie ihre Gipfel in fremde Nebel hüllten. Ein gemeiner, kalter Wind fegte über die kärgliche Vegetation, die in der herbstlichen Luft bereits starr wurde, sich beugte und bog, weit weniger lebendig als in der Feuchte des Sommers. Das alljährliche Todesritual des Landes hatte seinen Anfang genommen. In der Dunkelheit war nichts zu spüren von dem Versprechen, das bei Tageslicht von den bunten Blättern des Waldes ausging dass der Sommer nur vorübergehend sterben würde. Jetzt schien es vielmehr so, als wäre die Welt für alle Zeit zu Kälte und Finsternis verdammt.