Rhapsody klammerte sich an die Felswand des Bergpasses und bemühte sich, sich im röhrenden Wind aufrecht zu halten. Die bittere Kälte, die unter den hastig übergeworfenen Umhang und das Nachthemd kroch, ließ ihre Beine zittern; sie fühlte sich, als klammerte sie sich an den Mast eines Schiffs, das mit vollen Segeln übers Wasser dahinflog. Zum Glück kannte sie sich aus, denn sonst wäre sie sicher in eine der Schluchten gestürzt, die sich jäh hinter einer jeden Wegbiegung auftaten. So undurchdringlich war die Dunkelheit, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte.
Von jeder Anhöhe rief sie Ashes Namen, aber der Wind verschluckte ihre Stimme und warf sie, vermischt mit seinem eigenen Heulen, zu ihr zurück. Sein Nebelumhang würde Ashe verbergen, das wusste sie, und wenn er sie nicht hörte, hatte sie keine Möglichkeit, ihn zu finden. Mit jedem Schritt wurde ihr Herz schwerer; sie vermochte die Furcht nicht abzuschütteln, die an ihrer Seele nagte, seit sie früher in dieser Nacht den Ausdruck auf Jos Gesicht gesehen hatte. Bald wird er die Steppe erreicht haben, dann werde ich ihn niemals einholen, dachte sie und schützte die Augen mit der Hand vor den winzigen Steinpartikeln, die der Sturm ihr ins Gesicht fegte, als sie auf die dem Wind zugewandte Seite der Felswand kam.
So wild wütete hier der Sturm, dass eine der Laschen von Rhapsodys Umhang abriss und sie ihn um ein Haar verloren hätte. Vor Schmerz und Kälte schrie sie laut auf und suchte eilends Unterschlupf bei dem letzten Felsvorsprung vor dem jähen Abstieg auf die viertausend Fuß unter ihr liegende Steppe. Im Lauf der Jahrhunderte hatte der Wind mitten auf dem Pass eine Nische ausgehöhlt und so einen schmalen Unterstand geschaffen, zu beiden Seiten offen, aber massiv. Rhapsody beschloss, hier einen Augenblick Kraft zu schöpfen, ehe sie sich auf den Rückweg machte. Lebend käme sie hier nicht weiter voran.
Rhapsodys aufgeschürfte Finger brannten wie Feuer. Als sie die Nische erreichte und Halt suchte, spürte sie, wie sie abglitt. Verschwommen nahm sie wahr, dass ihre Hände bluteten, doch es gelang ihr gerade noch, sich in den Unterstand zu ziehen. Erschöpft lehnte sie den Kopf an die Felsmauer, während sie Atem holte. Als sie wieder sprechen konnte, rief sich Ashes Namen ein letztes Mal in den Wind. Dann ließ sie sich an die Felswand sinken und hörte den Wind zu beiden Seiten durch den Steinbogen heulen. Auf der Südseite ihrer Zufluchtstätte verstellte teilweise ein Schatten den Ausblick.
»Was ist los? Bei allen Göttern, was machst du hier draußen? Der Rakshas könnte überall sein, vielleicht sucht er die Gebirgspässe ab, nach ... nach einem von uns.«
Noch immer keuchend blickte Rhapsody auf und sah, dass die Dunkelheit, die den Eingang versperrte, die Umrisse eines Mannes hatte. Panik lag in seiner Stimme. Mit großer Mühe antwortete sie.
»Ich habe was vergessen.«
Nun kam er zu ihr an die geschützte Stelle, ließ seinen Tornister fallen und umfasste ihre Schultern. »Was?«
In der Dunkelheit konnte Rhapsody ihn kaum sehen, obwohl er direkt vor ihr stand. Sie spähte in seine Kapuze und versuchte, Augenkontakt aufzunehmen. Dann schluckte sie schwer und stieß mühsam hervor: »Dein Versprechen.«
Sie spürte, wie sich seine Armmuskeln anspannten und er sie schüttelte; ihr war bewusst, dass er sich bemühte, ihr mit der Heftigkeit seiner Gefühle nicht wehzutun. »Bist du von Sinnen?«, fragte er ungläubig. »Man würde deine Leiche niemals finden, wenn du hier auch nur einen falschen Schritt machtest. Bei den Göttern, Rhapsody, welches Versprechen könnte denn so wichtig sein?«
Sie musste husten, als er ihre Hände in seine nahm und die blutenden Finger an seine Lippen führte, sie mit einer rauen Trostgeste liebkoste. »Du musst mir schwören, ihn nicht zu verfolgen«, antwortete sie, und ihre Kehle war wie zugeschnürt, während der Wind durch die Felsnische heulte und seine Kapuze peitschte.
Die dunkle Gestalt schwieg und bedeckte ihre Finger jetzt mit zärtlicheren Küssen. Rhapsodys Hand zitterte, und sie wusste, dass sie Recht gehabt hatte; er war losgezogen und hatte sich auf die Suche gemacht nach dem entstellten Wesen, in dem sich ein Teil seiner Seele befand. Wie verzweifelt musste er sein, wenn er so ein furchtbares Wagnis einging! Plötzlich wurde ihr klar, dass es nur einen einzigen Grund geben konnte, aus dem er die eigene Verdammnis riskieren würde: Er wollte verhindern, dass ihr dieses Schicksal widerfuhr.
»Du musst dich von ihm fern halten«, sagte sie, und ihre Worte waren kaum mehr als ein angstvolles Keuchen. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich ihn töten kann und dass ich nicht allein sein werde. Versprich es mir, Ashe. Schwöre mir, dass du ihn nicht verfolgst. Lass mich das machen. Vertrau mir, bitte.«
Die Kapuze senkte sich, und sie wusste, dass er den Kopf unter der Last ihrer Forderung beugte. »Ich kann dich das nicht tun lassen«, sagte er schließlich mit schmerzverzerrter Stimme. »Ich könnte es nicht ertragen wenn ...«
So heftig sie konnte, schlug sie ihm beide Handflächen auf die Schultern und stieß ihn gegen die Felswand. Sein Kopf fuhr hoch, und sie starrte wieder in die Kapuze, wobei sie diesmal ein Schimmern der vor Schreck weit aufgerissenen Augen wahrnahm. Sie packte den Kragen seines Umhangs am Hals.
»Hör mir zu«, fauchte sie, mit leiser, tödlicher Stimme, aber trotz des Winds deutlich hörbar.
»Das wirst du mir nicht antun! Du wirst mir gefälligst glauben, dass ich weiß, wozu ich fähig bin, und du wirst unerschütterlich darauf vertrauen. Und wenn du dazu nicht in der Lage bist, dann wirst du meiner Bitte trotzdem Folge leisten und mir aus dem Weg gehen! Ich habe bereits zugelassen, dass dieser Unhold meiner einzigen Schwester etwas angetan hat. Er hat sie zerstört, und es ist meine Schuld. Ich werde dich nicht auch noch an ihn verlieren, Ashe.«
Plötzlich begann sie unkontrolliert zu zittern, und er nahm sie fest in den Arm, während sie von heftigen Schluchzern geschüttelt wurde.
Seine Lippen berührten ihr eiskaltes Ohr. »Was mit Jo passiert ist, war nicht deine Schuld«, flüsterte er. »Wenn jemand dafür verantwortlich ist, dann ich. Ich hätte gründlicher nach ihr suchen müssen auf der Heide habe ich nicht mal nachgeschaut.«
»Weil ich es dir gesagt habe«, stieß Rhapsody hervor. »Ich habe dir gesagt, du sollst sie nicht bedrängen, weil ich dachte, sie sitzt in ihrem Zimmer und weint. Ich hatte keine Ahnung, wie weh wir ihr getan haben, ich hätte nie gedacht, dass sie allein nach draußen laufen würde. Oh, ihr Götter, was habe ich getan?« Das Schluchzen wurde stärker, und ihre Tränen benetzten seine Wange. Er lehnte sich an den Felsen, legte die eine Hand auf ihren Hinterkopf, die andere auf ihren Rücken und hielt sie mit all seiner Kraft, während sie weinte und einer Trauer freien Lauf ließ, die man ihr nie zugestanden hatte.
Der Wind heulte, als wollte er ihr Schluchzen begleiten, und als sie endlich innehielt, um Atem zu holen, nahm Ashe ihr Gesicht in die Hände und küsste sie leidenschaftlich. Auch ihre Reaktion war heftig, ihre Hände glitten unter seinen Umhang, krallten sich in seinen Rücken, und ihr Mund suchte den rauen Trost, die ihr der seine gewährte. Er fuhr mit den Händen durch ihr wehendes Haar, hielt aber lange genug inne, um die Handschuhe abzustreifen und sie neben den Tornister auf den Boden zu werfen. Dann umfasste er unter ihrem Umhang ihre Taille, zog sie dichter an sich und löste seine Lippen von ihren.
»Du bist in Nachthemd und Umhang auf die Zahnfelsen geklettert. Wo sind deine Waffen? Bei allen Göttern, was ist nur in dich gefahren?«
»Versprich mir, dass du ihn nicht verfolgen wirst«, flüsterte sie mit angsterfüllter Stimme.