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»Bitte. Bitte, ich liebe dich. Ich liebe dich. Tu es für mich. Bitte.«

Sie fühlte, wie auch er zu zittern begann, fast im Gleichklang mit ihr. Dann nickte er.

»In Ordnung«, antwortete er mit brüchiger Stimme. »In Ordnung, Rhapsody, ich bin dazu bereit. Aber wenn er dich besiegt, dann werde ich ...«

Sie küsste ihn wieder und versuchte, ihn mit ihren Lippen zum Schweigen zu bringen. »Er wird mich nicht besiegen«, sagte sie; ihre Hände ließen von seinem Rücken ab und bewegten sich über seine Brust. »Hab Vertrauen zu mir.«

Er drückte sie fester an sich. »Ich habe unendliches Vertrauen zu dir, Rhapsody, aber du vergisst, dass ich selbst mit diesem Dämonengeist gekämpft habe. Er hat in meine Brust gegriffen, als wäre sie ein offener Sack Getreide, und hat, ohne sich dafür anstrengen zu müssen, ein Stück meiner Seele herausgerissen. Das hat unseren Blutvertrag besiegelt. Hätte ich mich damals nicht befreien können, hätte er mich in Besitz genommen. Er war wie eine Schlingpflanze, die sich um mein Innerstes rankte und sanft wie ein Windhauch Teil von mir wurde, sich ohne Zögern ausbreitete, bis er meinen Brustkorb zur Gänze ausfüllte. Was glaubst du denn, was mich so zugerichtet hat? Ich selbst habe mir genauso schlimme Verletzungen zugefügt wie der Dämon, ich habe ihn gewaltsam aus mir entfernt, ehe er mich ganz verzehren konnte. Das Stück von mir, das er geraubt hat, musste ich ihm opfern, wie ein Tier, das sich in der Falle den eigenen Fuß abbeißt. Es dauerte nur einen Augenblick, Rhapsody; doch ich weiß nicht, ob ich ein zweites Mal so glimpflich davonkommen würde. Ich weiß auch nicht, ob du es kannst.«

»Hör auf damit«, entgegnete sie scharf. »Ich trete noch nicht gegen den F’dor an, vorerst töte ich nur sein Spielzeug. Und ich habe viel eher einen Grund dazu. Außer dem, was er dir angetan hat, hat er sich jetzt auch noch an Jo vergangen und sie erniedrigt. Sie hat in ihrem Leben genug gelitten, das hat sie nicht verdient. So viel Hass habe ich in meinem ganzen Leben noch nie empfunden wenn ich ihm nicht Luft verschaffe, werde ich bei lebendigem Leibe verbrennen.« Ihre Stimme versagte. »Hörst du mich, Ashe? Ich werde bei lebendigem Leibe verbrennen.« Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, und wieder verformten sich ihre Hände zu Klauen.

Er zog sie weg und küsste sie immer wieder, hart und drängend. »Jetzt hör du mir zu«, stieß er zwischen zwei Küssen hervor, »du klingst schon wie ich. Das ist ein Verbrechen. Du hast mich davon überzeugt, dass die Liebe in dieser schlechten Welt mehr ist als eine verdrehte Phantasie. Wage es nicht, dich jetzt selbst davon abzuwenden. Werde nicht so wie wir anderen, sonst überlässt du uns für immer unserem Hass.« Sein letzter Kuss währte lange; in ihm fühlte sie seinen ganzen Schmerz, und das Gefühl war ihr fremd, so ganz anders als die Sanftheit, die sie sonst immer in ihm wahrnahm. »Ich liebe dich. Ich glaube an dich. Und ich werde wegbleiben, mögen die Götter mir verzeihen.« Die letzten Worte spie er fast aus. Ein heftiger Seitenwind fegte durch die Nische, schob sie beide von der Felswand und ließ Rhapsody in ihrer dünnen Kleidung heftig frösteln. Er packte sie, als sie aus dem Fels versteck stolperte, zog sie wieder unter den Bogen und drückte sie eng an die Felswand.

»Alles in Ordnung?«, keuchte er. Als er merkte, dass sich ihre Haut ganz kalt anfühlte, versuchte er sie warm zu reiben, voller Verzweiflung und Angst; er wollte sie, wollte sie vor allen Gefahren verstecken, sie in seiner Seele bewahren, sie mit seinem Körper schützen, mit seinem Leben.

Sie fühlte dieselbe Sehnsucht, klammerte sich an ihn und schmiegte sich an ihn zu einem Kuss ein Liebespaar, das nicht wusste, ob dieser Kuss der letzte sein mochte. Ihre Hände glitten über seinen Oberkörper und machten sich dann daran, die Bänder seiner Hose aufzubinden, die ihn von ihr trennte. Heftig zitternd spürte sie, wie seine Hände unter ihrem Nachthemd nach oben wanderten, und sie überließ sich der Dunkelheit der Angst. Dort auf dem Gebirgspass, an die Felswand gepresst, nur von einem offenen Felsbogen geschützt, liebten sie sich, voller Furcht, verzweifelt, im Nachtwind, unter der Decke der nebligen Finsternis, die pechschwarz die Gipfel der Zahnfelsen verhüllte. Doch sie fanden wenig Trost und keine Freude, nur ein rasendes Bedürfnis danach, vereint zu sein, womöglich zum letzten Mal. Kein Kleidungsstück wurde abgelegt, kein Wort gesprochen, nur einem wilden Verlangen nachgegangen, doch ohne dass es sie besänftigte. Als der Aufruhr ihrer Gefühle sich legte, hielten sie einander fest, noch immer gegen die Bergwand gepresst, und flüsterten einander ihre Schwüre ins Ohr, er, dass er den Rakshas nicht verfolgen werde, sie, dass sie vorsichtig sein werde. Dann küsste er sie, half ihr, den Umhang festzuziehen, und fuhr mit der Hand zärtlich über ihr Haar, ehe er sie zu dem Pfad Zurückbegleitete, der in den Kessel hinunter führte. Sie sah ihm nach, bis die Dunkelheit ihn verschlungen hatte, dann wanderte sie zurück zu den Lichtern des firbolgschen Regierungssitzes, gepeitscht vom heulenden Wind.

46

Der Morgen graute früh. Lange vor dem Wachwechsel oder auch nur den regelmäßigen Wachgängen hatte sich Rhapsody mit ihren Bolg-Partnern auf der Heide getroffen, Proviant für einen Monat eingepackt und Reisekleidung im Verein mit einer grimmigen Miene angelegt.

Der würzige Duft des Herbsts lag in der Luft und verlangte nach einem kurzen Augenblick der Aufmerksamkeit. Während die Männer noch die Ausrüstung überprüften, schloss Rhapsody die Augen und dachte daran, wann sie zum letzten Mal den Duft verbrannter Blätter im kühler werdenden Wind gerochen hatte.

Seit langer Zeit dachte sie wieder zurück an die Insel, doch ihre Erinnerungen waren nicht so schmerzlich wie die Gegenwart. Die Erntezeit war immer sehr aufregend gewesen, voller Hoffnung und Gefahr, viel berauschender und romantischer als der Sommer eine Zeit, in der kleine Dinge von größter Bedeutung zu sein schienen und einem alles sehr nahe ging. Was immer deine Hoffnungen sein mögen, verwirkliche sie jetzt, schien die Erde zu sagen, während sie ihre prächtigen Trauerkleider anlegte. Die Zeit wird knapp. Der Winter kommt.

»Fertig, Schätzchen?« Grunthors dröhnende Stimme durchbrach die Stille und Rhapsodys Grübelei.

Sie blickte über die Felder, die in der grauen Morgendämmerung langsam heller wurden. In der Nacht hatte es Frost gegeben, und der Boden glitzerte im Licht der Tagessternfanfare. Sie steckte das Schwert in die Scheide und berührte ihre Rüstung aus Drachenschuppen.

»Ja«, antwortete sie. »Gehen wir.«

Gerade kletterte die Sonne über die höchste Bergspitze, als die drei den Gipfel erreichten. Sie hatten die Zahnfelsen schweigend und ohne große Anstrengung überwunden, und ihre Schatten verschmolzen mit denen der Berge, lang und zahnförmig, im zunehmenden Licht des unter ihnen liegenden Tales.

Von hoch oben sah die große Schlucht aus wie ein dünnes gewundenes Band zu Füßen des Gebirgsmassivs. Achmed stand zwischen den dahineilenden Wolken und ließ den Blick über die Bergkette schweifen, starrte, ohne auf den heulenden Wind zu achten, über die Steppe und zu den dahinter liegenden Feldern von Bethe Corbair. Langsam drehte er sich im Kreis, die Welt zu seinen Füßen, und suchte mit den Augen den Horizont ab. Dann ließ er sich auf der höchsten Stelle nieder und klärte seine Gedanken.

Rhapsody hielt sich an ihre Anweisung, zu schweigen und sich auch ansonsten so still wie möglich zu verhalten. Neben Grunthor war sie die Einzige, die jemals zuschauen durfte, wie Achmed eine Spur aufnahm, und sie wusste, dass dies ein ungeheurer Vertrauensbeweis war. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie, wie er die Augen schloss, leicht den Mund öffnete und die dünne Luft und die Feuchtigkeit der Wolken einatmete. In der einen Hand hielt er das mit dem Blut des Rakshas verkrustete Hemd. Die andere Hand streckte er mit der Handfläche nach oben aus, als wollte er die Windrichtung testen.

Achmeds Atem wurde immer ruhiger und tiefer. Als er den richtigen Rhythmus gefunden hatte, wandte er die ganze Aufmerksamkeit seinem Herzen zu. Er konzentrierte sich auf den Herzschlag, den Druck, der auf Gefäße und Venen ausgeübt wurde, und verlangsamte den Puls so, dass er ihn gerade noch am Leben erhielt. Dann jagte er sämtliche verirrten Gedanken aus seinem Kopf, bis nichts mehr blieb außer der Farbe Rot. Alles andere verblasste, nur noch die Vision von Blut stand vor seinem inneren Auge.