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Es hatte eine Zeit gegeben, in der ihm der Klang und das Gefühl von Millionen schlagender Herzen fast das Gehör geraubt hätte. Jetzt aber existierten auf der ganzen Welt nur noch ein paar tausend Herzen, die er hören konnte. Die von Rhapsody und Grunthor erkannte er sofort, aber die anderen waren weit weg und flackerten an den fernen Grenzen seiner Blutsinne. Doch dann hörte er es. In mittlerer Entfernung, nicht sehr weit weg, konnte er das Herz des Rakshas schlagen hören, konnte das Pulsieren des Bluts in den Fingerspitzen seiner hoch gehaltenen Hand fühlen. Dämonenblut, vermischt mit dem Blut eines Tieres. Das Blut auf dem Hemd, das Blut in diesen Venen es stimmte überein. Vollkommen still stand er da. Er lockerte den Puls seines eigenen Herzens und verlieh ihm den Rhythmus der Dämonenkreatur. Als wollte man ein Schwungrad in der Bewegung einfangen, so konnte auch er zunächst nur einen Schlag von fünfen synchronisieren, dann jeden zweiten, bis schließlich alle Schläge im Gleichklang waren. Ihre Herzen rasteten ein, und Achmed lächelte.

Langsam öffnete er die Augen.

Geduldig hatte Rhapsody ihm zugesehen, denn sie wusste, dass es Stunden oder Tage dauern konnte, ehe er den richtigen Puls gefunden hatte, wenn es ihm denn überhaupt gelang. So war sie überrascht, als Grunthor plötzlich seine Streitaxt packte und auf die Füße sprang. Sie hatte keine Veränderung in Achmed wahrgenommen, aber der Bolg-Riese anscheinend schon. So hatte sie gerade noch Zeit, sich aufzurappeln, da war Achmed auch schon auf und davon. Er rannte den Berghang hinunter wie ein Jagdhund, der eine frische Fährte aufgenommen hat. Um seine Kameraden nicht zu verlieren, blieb er im Licht und kreuzte den Weg des Windes, statt sich instinktiv zu tarnen. Er folgte seinem Herzschlag, der ihn unbeirrbar zum Rakshas führen würde. Grunthor hatte ihn bereits ein oder zweimal auf einer solchen Jagd begleitet, und daher fiel es Achmed etwas leichter, jemanden anzuführen, ohne dabei die Spur zu verlieren. Inzwischen konnte er recht gut mit anderen zusammenarbeiten und brauchte nicht mehr ausschließlich allein zu jagen.

Rhapsody und Grunthor setzten sich in Trab. Erstaunt stellte Rhapsody fest, wie schnell Achmed war, vor allem, weil er nicht rannte. Er eilte den holprigen Weg hinunter zum steilsten Abschnitt der Felswand und kroch an ihr hinunter wie eine Spinne. Als seine Gefährten den Abhang erreichten, drosselte er sein Tempo ein wenig, dass sie ihm folgen konnten, ohne abzustürzen, aber als er schließlich auf der Heide ankam, gab es für ihn kein Halten mehr, und er spurtete weiter, schnell wie der Wind.

Am Fuß der benachbarten Bergkette wartete Jo. Obgleich sich die anderen so große Mühe gegeben hatten, ihren Aufbruch vor ihr geheim zu halten, war sie mitten in der Nacht aufgewacht und ihnen leise gefolgt. Allerdings war sie nicht auf den Gipfel geklettert, denn dort hätte man sie bestimmt entdeckt, und irgendwann mussten ihre drei Freunde ja sowieso wieder herunterkommen. Sie hatte die Bergkette an einer anderen Stelle überquert und dann die drei beobachtet, wie sie den Gipfel bestiegen hatten, winzige schwarze Gestalten, verloren im gleißenden Sonnenlicht.

Was haben sie nur vor?, fragte sie sich. Und was mache ich hier? Sie schien nicht mehr selbst bestimmen zu können, was sie tat, sondern wurde beherrscht von einem sonderbaren, Zielgerichteten Gefühl, das ihr den Magen verkrampfte und sie schwindeln machte, sodass sie sich bewegte wie in einem Traum. Es erinnerte sie an die Zeit, als Cutter, einer ihrer Beschützer auf der Straße, ihr die schlechten Fliegenpilze aufgeschwatzt hatte. Er hatte ihr schöne Visionen und ein herrliches Farberlebnis versprochen, aber stattdessen war sie in eine albtraumartige Trance und Paranoia verfallen und stundenlang nicht wieder herausgekommen. Doch das jetzt war weit schlimmer. Die Wirkung der Pilze hatte irgendwann nachgelassen, ihr jetziger Zustand aber wollte nicht aufhören, und sie hatte Angst, dass es immer so bleiben würde.

Seltsame Gedanken plagten sie, wenn sie wach war, Gedanken an Mord und Gewalt, die sie zugleich quälten und gefangen nahmen. Vor ein paar Tagen hatte sie eine Prügelei zwischen zwei Bolg-Kinder n verfolgt und war vom Anblick des Bluts regelrecht fasziniert gewesen. Als einer der Streithähne vor Schmerzen aufgeschrien und sein Arm plötzlich in einem äußerst ungesunden Winkel vom Körper abgestanden hatte, war sie keineswegs entsetzt gewesen wie damals, als Vling abgestürzt war, sondern geradezu erregt. Was ist nur los mit mir?, überlegte sie, aber wieder spürte sie das Ziehen im Bauch, und auf einmal verschwand die Frage aus ihren Gedanken. Als die drei vom Berg herabstiegen und die Steppe überquerten, folgte sie ihnen, ohne ein zweites Mal nachzudenken. Wie eine Schlafwandlerin.

Eine Woche lang waren die drei dem Rakshas nun schon auf den Fersen. Nachts schliefen sie ohne Feuer, tagsüber rannten sie die meiste Zeit und hielten nur an, wenn die Fährte eine Zeit lang verharrte oder sie verschnaufen mussten. Erbarmungslos verfolgten sie ihre Beute, über das Vorgebirge der Zahnfelsen, über die Grassteppen und die weite Ebene von Bethe Corbair hinweg bis auf die Kreidehügel des orlandischen Plateaus, als Achmed abrupt stehen blieb. Einen Augenblick reckte er die Hand in den Wind, dann ballte er sie langsam zur Faust. Er nickte den beiden anderen kurz zu, dann verschwand er auf der Hochebene gleich hinter dem Hügelkamm. Grunthor und Rhapsody folgten ihm, krochen über den Boden, bis sie ihn schließlich fanden. Er lag am Rand eines flachen Tales und deutete stumm hinunter, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Der Anblick, der sich ihnen bot, war eindeutig: Dort stand eine Gruppe von neun Männern, drei zu Pferd, und nahm von einem ebenfalls berittenen, grau gekleideten Mann mit kupferroten Haaren Befehle entgegen.

Rhapsodys Herz setzte einen Schlag aus, als sie ihn sah; auf diese Entfernung hätte man den Mann ohne weiteres für Ashe halten können. Zwar hatte sein Haar nicht denselben metallenen Glanz, aber ansonsten konnte sie keinen Unterschied erkennen. Er winkte seinen Männern, woraufhin diese rasch in westlicher Richtung davonritten, und wandte sich selbst in langsamem Trott nach Nordosten. Achmed lächelte, während Grunthor auf dem Bauch davonkroch und verschwand. Jetzt könnte ich ihn mit einem glatten Cwellan-Schuss erledigen, dachte er. Nun ja. Er wandte sich an Rhapsody, die sein Lächeln erwiderte. Gleich würde Grunthor mit den Pferden der anderen Männer zurückkehren, und sobald die Tiere festgebunden und versteckt wären, würden sie weiterziehen.

Noch ein paar Stunden folgten sie dem Rakshas. Hinter ihm erklommen seine Verfolger einen kleinen Hügel und gelangten dann auf ein großes Weizenfeld, das bereits abgeerntet war; nur wenige Ähren standen noch, wie erstarrte Erinnerungen an den Frost der vorangegangenen Nacht. Als der Rakshas an einen Bach in einem kleinen Tal gelangte, tippte Grunthor Achmed auf die Schulter und nickte. Achmed hob die Hand und ballte sie wieder zur Faust. Sofort nahmen Grunthor und Rhapsody ihre Plätze ein. Achmed wartete, bis sie richtig standen, und verschwand dann im Hochgras.

Langsam ritt der Rakshas über das Feld. Seine Augen waren auf den Horizont gerichtet, seine Gedanken wandelten auf den ihm so vertrauten Pfaden von Folter und Tod. Bald würde sich die Abenddämmerung herabsenken. Dann würde er sein Pferd schlachten und sein Blut in sich aufsaugen, um sich, erstarkt wie eine Feuerflamme in der Nacht, dem Berg zu nähern. Wie bei Leuten, die vor dem Erwachen sehr intensiv träumen, so erfand der begrenzte Verstand des Rakshas immer neue Todesarten für den Bolg-König. Er hatte einen Soldaten der Bolg-Truppen gefangen und amüsiert den Schauergeschichten des Mannes über das Auge, die Klaue, die Ferse und den Bauch des Berges gelauscht. Dummkopf, hatte der Rakshas gedacht, als er die Kehle des Bolg durchschnitten und sich herabgebeugt hatte, um das aus den Adern spritzende Blut zu trinken. Ich bin das Auge, das Ohr und die Hand dessen, der schon Berge dem Erdboden gleichgemacht hat.