Die Sonne stand hoch am Himmel, und er konzentrierte sich auf die Schritte seines Pferdes, falls es auf einer gefrorenen Pfütze ausrutschte. Daher war er ein wenig überrascht, als das Tier plötzlich unter ihm zusammenbrach.
Mit der Behändigkeit des Wolfs in seinem Blut sprang er aus dem Sattel, um nicht unter seinem Reittier begraben zu werden, rollte sich ab und kam blitzschnell auf die Füße, das Schwert in der Hand. Sein Pferd war mit einem einzigen Schuss getötet worden. Suchend blickte er um sich, wo der Schuss hergekommen war, aber stattdessen entdeckte er einen Riesen mit einer gigantischen Streitaxt, die sich mit tödlicher Schnelligkeit auf ihn herabsenkte. Das Adrenalin schoss durch seine künstlichen Adern, als er Grunthor nach der Beschreibung des Mädchens erkannte und begriff, dass er seinen Feinden in die Falle gegangen war. Er hob die Hand in Richtung des Riesen und ließ eine schwarze Feuerwand aufsteigen. Doch die Flammen verschwanden sofort wieder, gegen seinen Willen zum Erlöschen gebracht. Der Schock war so groß, dass er sich umwandte und floh.
»Hallo, Schatz. Es ist lange her, ich habe dich vermisst.«
Rhapsody stand nicht weiter als fünf Fuß von ihm entfernt, die brennende Klinge der Tagessternfanfare in der Hand. Der Rakshas hob den Arm, um den Todesstoß zu parieren, den sie davon war er überzeugt auf sein Herz richten würde. Daher war er nicht im Geringsten darauf vorbereitet, als sie ihm stattdessen einen Schlag gegen die Knie verpasste. Hinter sich hörte er Grunthors schwere Schritte und versuchte, zur Seite auszuweichen, aber seine Flucht wurde durch einen weiteren Schlag mit der Feuersternwaffe vereitelt.
»Wohin willst du denn? Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht an mir vorbeikommst.«
Sie verstellte ihm den Weg; wenn er sich auf einen Zweikampf mit ihr einließe, würde er eine leichte Beute für den Riesen werden. Verzweifelt suchte der Rakshas eine bessere Ausgangsposition, aber wie ein Falke, der nach seinem Gesicht krallte, so wich die zierliche Frau seinen Schlägen aus und trieb ihn immer wieder zurück. Dann aber weiteten sich seine Augen vor Schreck und Schmerz: Grunthor hatte ihm seine Streitaxt in den Rücken gestoßen und ihn glatt durchbohrt, sodass die speerartige Spitze nun aus seiner Brust ragte.
»Rhapsody!«, brüllte er, als Grunthors Speerspitze ihn durchbohrte. »Ihr Götter, nein! Ich bin es, Ashe. Ich bin nicht der, den ihr sucht! Hilf mir, bitte!«
Als Rhapsody näher an ihn herantrat, stöhnte er wie in Todesqualen und streckte die Hände nach ihr aus, wodurch er die Waffe aber nur noch weiter in seine Brust trieb. Seine Augen, leuchtend blau wie der Himmel, begegneten den ihren und flehten um Gnade. Doch als ihm nichts dergleichen zuteil wurde, wurde sein Blick hart, unerbittliche Schmerzen überfluteten ihn. Ein paarmal holte er mühsam Luft, dann erschauderte er heftig.
»Ihr Götter«, wimmerte er. »Wie könnt ihr nur so töricht sein? Ich bin es, Rhapsody, dein Geliebter!« Doch Grunthor drehte die Streitaxt brutal in der Wunde um, und wieder rang der Rakshas krampfhaft und geräuschvoll nach Atem.
Trotz allem, was Rhapsody über die bösartige Kreatur wusste, tat ihr das Herz bitter weh, als sich die Gesichtszüge des Rakshas, die denen Ashes so ähnlich waren, in Todesqualen verzerrten und seine Gliedmaßen auf Grunthors Spieß wild zuckten. Sie hörte das Zischen von Säure auf gefrorenem Boden; der überwältigende Gestank, den sie schon kannte, stieg vom Feld auf, so durchdringend, dass ihr übel wurde. Sie blickte zu Grunthor empor.
»Bist du bereit?«, fragte sie den Mann, der ihr erster Schwertkampflehrer gewesen war. Grunthor nickte. »Alles klar, Hoheit. Mach saubere Arbeit.«
Rhapsody sammelte sich, sprang vor, trieb die Tagessternfanfare tief ins Herz des Rakshas und zerteilte es in der Mitte. Er stimmte ein wildes, klagendes Heulen an, das in den Ohren schmerzte, und wand sich heftig auf Grunthors Spieß.
Rhapsody wischte ihre Klinge auf dem Boden ab, wo das Eis schmolz und eine tiefe Brandspur in der gefrorenen Erde zurückblieb.
»Welch eine unheilige Sauerei«, stellte sie fest.
Dann berührte sie den Körper des Rakshas mit der Flamme des Schwerts und beobachtete, wie er erschlaffte und zu schmelzen begann, als das Eis und der Lehm, aus denen er gemacht war, mit der elementaren Kraft von Feuer und Sternenlicht in Berührung kam. Die Flamme brannte golden und hell, Rhapsodys eigenes Feuer, nicht das schwarze Feuer des Dämons, und sie spürte, wie das Böse verbrannte, während die Flammen den Körper des Rakshas verzehrten. Schlammbäche rannen von der brennenden Gestalt herab, die langsam dahinschmolz.
Achmed stand bereit und wartete auf den Moment des Todes. Grunthor schwang die flammende Streitaxt und hielt den riesigen Speer gerade.
»Ein Würstchen, Herr?«, fragte der Sergeant ernst und wackelte ein wenig mit dem Speer. Achmed unterdrückte ein Lachen. Dann klärte er, tief atmend, seine Gedanken und begann das Bannritual. Sofort übernahm sein Instinkt das Kommando, und die Bewegungen kamen von ganz allein. Achmed schloss die Augen.
Sein Mund öffnete sich leicht, und aus der Tiefe seiner Kehlen drangen vier verschiedene Töne, in einem Einzelton gehalten; ein fünfter wurde durch seine Stirnhöhlen und seine Nase kanalisiert. Es klang, als sänge er mit fünf Stimmen zugleich. Dann begann seine Zunge rhythmisch zu klicken, und der Körper des Rakshas wurde starr, als hätte jemand ihn gerufen. Achmed hob die rechte Hand, die Handfläche steif, geöffnet, vor den brennenden Körper des Rakshas, ein Zeichen zum Halten. Dann bewegte sich die linke Hand langsam seitlich und nach oben und suchte mit weich pulsierenden Fingerspitzen die Vibrationsfäden, die vom Blut des Rakshas aufstiegen. Wie im Wind treibende Spinnweben konnte er sie fühlen, Fäden einer im Anbeginn der Zeit geborenen Natur, Fingerabdrücke des uralten Bösen, das mit der Insel hätte sterben müssen, nun aber von seiner rechten Hand und seinem dhrakischen Blut in Schach gehalten. Auch spürte er noch die Gegenwart eines anderen Urgeists, der so ganz anders war als der Dämon. Behutsam ließ er die Finger in die metaphysischen Fäden gleiten, holte sie heran zu seiner Handfläche und krümmte dann die Hand, um die Fäden aufzuwickeln. Als er den Körper des Rakshas zucken sah, zog er noch einmal kräftig an der unsichtbaren Fessel. Seine Augen wurden schmal, und der Rakshas rührte sich plötzlich nicht mehr. Ein glühendes Licht strahlte aus seinem erstarrten Körper, stieg aus den goldenen Flammen empor, und Rhapsody stockte der Atem. Es war das Stück von Ashes Seele, vom Tod aus der schmelzenden Gestalt befreit, bereit, sich in den Äther zu erheben und aufzulösen. Achmed hielt das Blut des Dämons in seinem Bann, aber die Seele gehörte Gwydion, und sie schwebte, aus ihrem Gefängnis erlöst, eine Weile in der Luft, als wartete sie auf einen warmen Wind, der sie dem Licht entgegentrug.
Rhapsody richtete die Tagessternfanfare auf die pulsierende Essenz und sang Ashes Namen. Das Seelenstück hielt in der Bewegung inne. Rasch lief Rhapsody zu dem brennenden Körper, griff in die Flammen und packte das Seelenstück, riss es aus den Klauen des Todes und drückte es an ihr Herz.
Voll Staunen beobachtete Grunthor, wie das Licht in sie überging, ihren Oberkörper erleuchtete, sodass er einen Augenblick durchsichtig wurde, sich zu einem Glühen abschwächte und dann verlosch. Für einen Augenblick schimmerte Rhapsodys Haar rotgolden, als hätte ein Strahl der untergehenden Sonne es berührt, dann nahm es wieder seine normale Farbe an. Achmed war noch immer ganz in den seltsamen dhrakischen Todestanz versunken, während die Eisgestalt schmolz und als rote Flüssigkeit in die Erde versickerte. Doch als Grunthor wieder zu Rhapsody hinübersah, deren Gesicht bei ihrer Vereinigung mit dem Seelenstück einen geradezu ekstatischen Ausdruck angenommen hatte, schlug ihm bares Entsetzen entgegen. Sie starrte auf etwas, was sich hinter Achmed befand. Aus dem Augenwinkel nahm Grunthor die Bewegung wahr, als die Gestalt einen Sprung nach vorn machte, aber er stand zu weit weg, um das Vorhaben zu vereiteln. Rhapsody hatte Jo sofort erkannt, trotz des unmenschlichen Ausdrucks auf ihrem eingefallenen, zu einer dämonischen Fratze verzerrten Gesicht. Augenblicklich war ihr auch Jos Absicht klar; das Mädchen schwang den Bronzedolch, den Grunthor ihr im Haus der Erinnerungen geschenkt hatte, und wollte ihn dem Firbolg-König, der noch immer ganz in sein Bannritual versunken war, in den Rücken stoßen. Es war zu spät, sie aufzuhalten, und Rhapsodys Herz gefror, als ihr klar wurde, was sie tun musste. Sie versetzte Achmed einen Stoß, dass er auf den gefrorenen Boden stürzte, unterbrach damit das Bannritual und warf sich zwischen Jo und den Dhrakier. Jo änderte sofort ihren Kurs, und sie war schnell, viel schneller, als Rhapsody geahnt hatte. Der lange Dolch zischte durch die Luft und zielte auf Achmeds Herz. Rhapsodys einzige Chance, ihn zu retten, bestand darin, den Hieb mit dem Schwert zu parieren, und so schwang sie die feurige Klinge und durchbohrte mit grausiger Leichtigkeit Jos Bauch. Noch bevor sie sich erheben konnte, sah sie, dass sie ihrer Schwester eine tödliche Wunde beigebracht hatte. Jo ließ den Dolch fallen. Ihr Mund öffnete sich, sie torkelte und starrte auf das Loch in ihrem Bauch. Zuerst schien es nur ein Riss in ihrem Hemd zu sein, der sich erst schwarz, dann dunkelrot färbte, doch dann klaffte die Wunde auseinander, und die Eingeweide quollen heraus. Sie sah Rhapsody an, und Furcht breitete sich über ihr Gesicht, ein Gesicht, das ohne die dämonische Maske zutiefst vertraut war. Rhapsody war leichenblass geworden. Sie ließ das Schwert sinken und streckte ihrer Schwester die Hand entgegen. Blut floss aus der tödlichen Wunde, und Jos Knie gaben unter ihr nach. Doch zwischen den heraushängenden Eingeweiden sah Rhapsody noch etwas anderes: eine winzige grünschwarze Schlingpflanze, wie eine Weinrebe oder eine Kletterbohne, aus der ein Dorn zu wachsen schien.